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Dienstag den 15. September

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Gießener Anzeiger

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RAedion, LxpedW« and Druckerei:

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Amts- und Anzeigeblatt für den Nveis Gietzen.

»EHE1U1 I L 'T'Bllf «»nehme »en Anzeigen ga der N»chmittags ftr kn Mffuttii teg erscheinenden Nummer bis Sone. 10 Uhr.

Hratisöeilage: chießener Aamttienötätter.

--Bi ir .............. i nu in iibi in i ig «tte «nnoncen-SureLUk des An- und «uslmrdes nchmm, Anzeigen für den ^Gießener Anzei^er^ entgegen.

Telegramm aus Kaffel.

13. September, 129 Nachm.

Regiment Nr. 116. Oberzwehren.

Ich setze hierdurch das Regiment da­von in Kenntnitz, daß Seine Königliche Hoheit der Grotzhcrzog Mir heute als an Höchftseinem Geburtstag die Stellung eines Chefs des Regiments angetragen und Ich mich gerne bewogen befunden habe, dieselbe anzunehmen. Ich freue mich gerade an diesem Tage in eine nähere Verbindung mit dem tapferen Regiment zu treten, das die ehrenvollen Traditionen bei Gravelotte und Orleans in treuer und erfolgreicher Friedensarbeit zn erhalten gewußt hat.

Kassel, 12. September 1891.

gez.: Wilhelm.

Deutsche» Reich.

Berlin, 12. September. DasBerliner Tageblatt" bringt ein Telegramm aus Zanzibar von gestern, nach welchem ein Gefecht der Expedition Zelewski gegen Äen Stamm der Wahehe bei Henza stattgefunden shat. An­geblich sind neun Deutsche und viele schwarze Mannschaften der Schutztruppe gefallen. Unter den Todten werden die Lieutenants von Zitzewitz und Buschow, sowie Unteroffizier Tiedemann genannt. Vier Deutsche sollen angeblich von den Wahehes gefangen sein.

Kiel, 12. September. Die Manöverslotte ist heute Abend im hiesigen Hafen eingelaufen.

Hamburg, 12. September. Nach kurzer Berathung wurde heute Vormittag die letzte Sitzung des Congresses für -internationales Recht durch den Vorsitzenden Professor v. Bar geschlossen.

Köln, 12. September. In der heutigen Schlußsitzung des Juristen tag es wurde die Einführung der bedingten

Verurteilung dem bezüglichen Beschlüsse der Abtheilung gemäß gebilligt, die Einführung eines Gesetzes zur Bekämpfung der Trunksucht dagegen, ebenfalls dem bezüglichen Abtheilungs- beschlusse entsprechend, abgelehnt. Die Zahl der Theilnehmer am Juristentage war schließlich aus nahezu 600 gestiegen, während dieselbe in den Vorjahren nur 300 bis 400 betrug. Präsident Drechsler (Leipzig) schloß die Sitzung mit dem Ausdruck des Dankes an den Ortsausschuß, den Bürgermeister und die Vertreter der Stadt Köln. Nachmittags sand ein Festessen statt.

München, 12. September. Se. Majestät der Kaiser Wilhelm hat durch den preußischen Gesandten Grasen zu Eulenburg für die Armen der Stadt München 1OOOO Mk. dem Bürgermeister Dr. v. Widenmayr überweisen lassen.

Kaffel, 12. September. Aus der Fahrt von Wilhelms- Höhe hierher zum Residenzschloß, wo das Kaiserpaar dem Paradedtner beiwohnte, wurde ihm eine Huldigung seitens der gesammten Schuljugend dargebracht.

Kaffel, 12. September. Abends waren die Straßen in der Nähe des Palais glänzend illuminirt. Um 9 Uhr sand ein Zapfenstreich aller Musikcorps auf dem electrisch und bengalisch erleuchteten Friedrichsplatz statt. Der Kaiser und die Kaiserin zeigten sich auf dem Balkon. Auch der König von Sachsen und die übrigen fürstlichen Gäste wohnten dem Act an offenen Fenstern des Residenzschlosses bei. Die Zurufe einer ungeheuren Menschenmenge wiederholten sich, als das Kaiserpaar um 10 y2 Uhr die Fahrt nach Wilhelmshöhe antrat?

Arrstairtz.

Lemberg, 12. September. Die Stadt Krosno wurde durch Feuer fast vollständig zerstört.

Budapest, 12. September. Einer Meldung der Blätter zufolge, ist bei den Donau-RegulierungSarbeiten am Eisernen Thor ein amerikanisches Felsenbohrerschiff explodirt. Zwei Arbeiter sind tobt, mehrere verletzt. Ein in der Nähe befindlicher Schlepper mit Dynamit blieb zum Glück unberührt.

Mechelu, 12. September. Der heutigen Schlußsitzung des Internationalen Katholike Congresses wohnten der hiesige Erzbischof, der päpstna-c Nuntius und mehrere Bischöfe bei. Der Präsident Wöste ließ durch die Schriftführer die in den fünf Sectionen des Congresses ge­faßten Beschlüsse verlesen. Darauf nahmen der Rector der

Universität Freiburg, Berthier, und Professor Klein von der Universität Dublin zu kurzen Reden das Wort. Der Präsident Wöste warf einen historischen Rückblick auf die seit Abhaltung des ersten Internationalen Congresses im Jahre 1863 auf dem Gebiete des Katholicismus stattgehabten Ereignisse und aus die ganze katholische Bewegung und sprach zum Schlüsse der hohen Geistlichkeit, sowie den Ausländern, welche dem Congreß beigewohnt, und endlich allen Theilnehmern an demselben seinen Dank aus. Um 11 Uhr wurde der Congreß durch einen Gottesdienst in der Cathedrale, bei welchem der Vicerector der Universität Lüttich die Predigt hielt, geschlossen.

Paris, 12. September. Da Tenorist Vandyck laut einem ärztlichen Zeugniß ernstlich indisponirt ist, wurde zufolge Beschlusses im heutigen Ministerrath die Aufführung von Lohengrin" unwiderruflich auf Mittwoch verschoben, indem angesichts des öffentlichen Begräbnisses von Grevy eine frühere Aufführung nicht statthaft erschien.

Toulou, 12. September. Gestern Abend sand Hierselbst anläßlich des Namenstages des Zaren eine russenfreund­liche Kundgebung statt. Eine dichtgedrängte Menschen­menge hatte sich auf dem Hauptplatze angesammelt und nahm die dort vorgetragene russische Nationalhymne mit großer Be­geisterung auf. Der Viceadmiral Rieunier wohnte mit seinem Stabe dem Concerte bei. Am Schluffe der Festlichkeit wurde eine Glückwunschadresse an den Kaiser von Rußland ab­gesandt.

Rom, 12. September. In vatikanischen Kreisen ist mair hocherfreut über den B e s u ch C a p r i v i s bei dem Nun tiu s Agliardi in München. Der Besuch wird als ein Beweis der Achtung und Sympathie angesehen und man versichert ferner, Caprivi hätte die Versicherung erhalten, der Vatikan verhalte sich ganz neutral gegenüber der gegenwärtigen Gruppirung der Mächte.

Koustantiuopel, 12. September. Mechaniker Freudiger erhielt vom Kaiser Wilhelm eine goldene Uhr für sein selbstloses Benehmen bei der Befreiung der deutschen Gefangenen aus Räuberhänden.

Konstantinopel, 11. September. Der italienische Dampfer Taormina", welcher am Mittwoch von hier nach Brindisi absegelte, wurde in der letzten Nacht in der Nähe von Piräus durch den griechischen DampferThessalia" angerannt und zum Sinken gebracht. DieThessalia" rettete 30 Personen

Feuilleton.

Die Cowboys von Santana.

Von Friedrich Meister.

(1. Fortsetzung.)

Sie wollen ja wohl nach Fort Lincoln?" brummte er Mich an, als er mit der Packerei fertig war.

Ich antwortete mit möglichster Würde, daß der Com- Mandant des Forts mein Bruder sei,- dann lehnte ich mich zurück, schloß die Augen und that, als ob ich schliefe. Dieser Wink blieb nicht ohne Wirkung, der Mann stierte mich noch einmal von oben bis unten an und ging dann seinem Ge­schäfte nach. Als ich mich allein wußte, öffnete ich wieder die Augen und schaute mich um.

Der Wagen war einer von der schlechtesten Sorte, mit -elenden Bänken, elender Beleuchtung und elender Ventilation,- der elende Tabaksqualm machte mich ganz krank. Mit meiner frohen und zuversichtlichen Stimmung wars zu Ende. wäre Armins Pflicht und Schuldigkeit gewesen, mich schon in Hobart zu erwarten. Er wußte, daß ich ganz allein kam rind er wußte auch, wie solch ein Emigrantenwaggon be­schaffen war. Vielleicht sollte dies einer von seinen Scherzen sein, vielleicht wollte er mich ein wenig in Furcht setzen. Es war dies von jeher so seine brüderliche Art gewesen. Das -aber sollte ihm nicht gelingen. Ich hatte gar keinen Grund zur Furcht. Die Männer, meine Reisegefährten, nahmen von wir kaum Notiz,- der Conducteur war zwar ein Brummbär, seinem Gesicht aber fehlte es nicht an Gutmüthigkeit und außerdem kannte er Armin. Vollständig beruhigt schloß ich jetzt in vollem Ernste die Augen und versuchte zu schlafen. Ich war bereits an das Fahren gewöhnt und so fiel ich bald in einen unruhigen Schlummer.

Im Traume sah ich ein Antlitz, das mir seit langen Jahren aus den Augen gekommen war, das Antlitz eines Jugendgesährten, eines gewissen Adalbert Fechter, der mit Armin zusammen das Vaterland verlassen hatte und dessen Äer Bruder ab und zu in seinen Briefen gedachte. Ich war

dem großen, blondhaarigen und blauäugigen Knaben als Kind sehr zugethan gewesen- es fügte sich aber seltsam, daß ich gerade jetzt von ihm träumen mußte. Mir träumte, ich sei in Santana angelangt und hätte Adalbert anstatt meines Bruders auf dem Perron gefunden. Er sah viel älter aus als damals, sein Gesicht war hager und von Strapazen mit­genommen. Er redete kein Wort zu mir, faßte mich aber bei der Hand und führte mich fort, bis von dem Bahnhose und den übrigen Menschenwohnungen nichts mehr zu sehen war; dann hob er mich auf ein Pferd und jagte mit mir in Sturmeseile davon. Ich bat ihn, mich loszulassen, er aber schüttelte den Kopf und spornte das Pferd zu noch wilderem Lause. Mir wurde kalt und krank ums Herz, seine Berührung war eisig und der Frost erstarrte mein Blut. Plötzlich hielt er das Pferd mit einem Ruck an und schleuderte mich weit von sich, ich stürzte wie von einer großen Höhe hinab und erwachte.

Der Zug stand. Wir hielten auf einer kleinen Station, wo die Maschine mit Wasser versehen wurde. Es war so empfindlich kalt, daß mir die Zähne klapperten. Im Osten graute der Morgen, ich schlüpfte aus dem Wagen, um mich draußen warm zu lausen,- als die Maschine versorgt war, ging die Sonne auf und nun schöpfte ich auch wieder frischen Muth.

Der Wagen sah bei Tage noch schäbiger aus als zuvor, das aber war mir jetzt ganz gleich, hatten wir doch schon vierzig Meilen zurückgelegt,- in einer Stunde war Santana erreicht und dann wars mit meinen Fährlichkeiten und Be­schwerlichkeiten zu Ende.

Ich schaute zum Fenster hinaus, um mich ein wenig für die Gegend zu interessiren,- die aber war nichts weniger als romantisch. Hüben und drüben dehnte sich eine mit braunem Grase bestandene Ebene aus so weit das Auge reichte, unabsehbar. Man sagte mir, daß dies die Prärie sei und daß man hier zuweilen noch Antilopen und Büffel sehen könne mit einem scharfen Fernrohr natürlich.

Die Maschine ließ einen kurzen, dumpfen Ton hören, der wie das Bellen eines riesigen Hundes klang- ein betäu­bendes Dröhnen erschütterte den Fußboden und in die Passagiere

kam plötzlich Leben und Bewegung. Ich befand mich dicht vor dem Ziel meiner Fahrt. Die Thür des Wagens öffnete sich und der Conducteur, der sich während der ganzen Tour fern von mir gehalten hatte, kam aus dem Packwagen herein, um die Billets abzunehmen. Das meinige war das letzte. Er prüfte es mit ganz unnöthiger Sorgfalt und dann ließ er die folgenden ominösen Worte hören:

Sagen Sie mal, warum haben Sie denn dem Colonel nicht geschrieben, daß Sie kämen?"

Diese Art der Anrede hätte mich unter anderen Umständen mit Entrüstung erfüllt, jetzt aber spürte ich nichts als einen heftigen Schreck.

Ich habe ihm ja geschrieben," antwortete ich mit stockendem Athem.Er erwartet mich hier auf der Station."

So na, er ist aber nicht da."

Diese Entgegnung traf mich wie ein Pfeilschuß.

Ich sprang zum Fenster und schaute hinaus.

Der Zug hielt und die Mehrzahl der Passagiere stieg aus. Der Bahnhof bestand lediglich aus einer hölzernen Plattform auf der rechten Seite des Geleises; am Zaun derselben war in schwarzen, schlecht gemalten Buchstaben das WortSantana" zu lesen. Einige Schritte davon stand ein einsames Blockhaus mit der AufschriftPost-Office" in weißen Lettern an der Thür, 8'."rine Eisenbahnsahrt war hier zu Ende, aber der Conducteur hatte recht, Armin war nicht da.

Aus der Plattform lungerte eine Anzahl Männer unt< her, verwilderte Gestalten mit rothen Gesichtern, breiten Schlapphüten, hohen Reitstiefeln und mächtigen Sporen- die mit mir gekommenen Reisenden verschwanden einer nach dem andern in dem Blockhause, aus der Suche nach etwas Genieß­barem Armin aber war nicht da. Sollte irgend etwas passirt sein? Mit unterdrücktem Schluchzen wendete ich mich vom Fenster ab und begegnete dem Blick des Conducteurs, der mit dem grimmigsten Ausdruck, den ich je in dne& Menschen Auge wahrgenommen, auf mich herabsah.

(Fortsetzung folgt.)