Freitag den 15. Mai.
Giehener Anzeiger.
Beilage zu Rr. m. -1891.
Feuilleton.
Was der alte Hachlschiffer erzählte.
Von Friedrich Meister.
(Schluß.)
Der Mond war ausgegangen und die See lag zu Luv- wart rote ein wogendes Schneeseld. Der Dampfer befand sich eine halbe Meile voraus, ungefähr drei Striche im Luv. Man sah ihn so klar wie am Tage. Herr Reinhold und seine Gefährtin waren noch immer an Deck, die letztere betrachtete den Dampfer ab und zu durch ihr Opernglas.
Plötzlich wurde mir durch eine Bewegung des Fremden die Absicht desselben klar.
„Herr Retnhold!" schrie ich, „der Dampfer will uns in den Grund bohren! — Achteraus hier, Leute? Macht die Boote klar zum Aussetzen!"
Die Dame sprang mit lautem Kreischen auf und packte ihren Freund am Arm, der aber, alles um sich vergessend, schüttelte sie ab und stürzte aus mich zu, um mich zu beschwören, dafür zu sorgen, daß der Dampfer uns nicht zu nahe käme.
Aber der Dampfer kam; wie ein fliegender Drache kam er auf die „Fortuna" los- er that, als wolle er unseren Bug kreuzen- seine unverkennbare Absicht aber war, uns mittschiffs anzurennen. Ich schrie der Mannschaft „Klar zum Wenden!" zu, dann riß ich das Ruder herum und die Jacht drehte sich wie ein Mädchen im Tanze. Aber noch ehe wir wieder Fahrt hatten, war der Dampfer aufs Neue hinter uns her. Die Dame verblieb in einem Schreien und Kreischen. Herr Reinhold stand wie eine Bildsäule- er erkannte so gut wie ich, daß keine Seemannskunst uns retten konnte, wenn es dem Dampfer ernst damit war, uns zum Sinken zu bringen.
Die Matrosen zogen ihre Schuhe und Stiefeln aus, warfen die Kleider ab, um für die Katastrophe bereit zu sein.
Der Dampfer schoß jetzt zu luvwart gegen unseren Bug heran und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß sein Vorder- theil gänzlich in einem brüllenden Schaumberge vergraben war. Noch einmal gelang es mir, den Schoner in den Wind zu werfen und noch einmal fuhr der Dampfer wie eine Rakete an unserem Heck vorbei. Ich schaute zu ihm hinüber. Was ich dort sah, werde ich nicht vergessen, so lange ich lebe.
Auf dem Achterdeck rang ein alter Mann, barhäuptig, mit weißem Haar und weißem Bart, mit drei Seeleuten, die ihn gewaltsam festhielten- er drohte mit wüthenden Geberden zu uns herüber und schleuderte uns grauenhafte Verwünschungen zu. Ein vierter Seemann, der soeben an das Ruder gesprungen zu sein schien, drehte dasselbe hart nieder, um den Dampfer von uns abzubringen- und so schoß er hinaus in die Nacht, eher einem Phantom als einem leibhaftigen Schiffe gleichend - er fuhr unter vollem Dampfe in nördlicher Richtung davon und war nach Ablauf einer Viertelstunde vollständig aus Sicht.
Ich hatte die „Fortuna" und den Dienst des Herrn Reinhold längst verlassen und befand mich im Schootze meiner Familie, da erfuhr ich erst, was es mit jenem Abenteuer eigentlich auf sich gehabt.
Jener Dampfer war wirklich die „Violetta" gewesen, die Dame aber, die Gattin des alten Generalconsuls, hatte sich von Herrn Reinhold entführen lassen. Einer oder der andere von unserer Mannschaft mochte wohl an Land darüber geredet haben, daß die „Fortuna" nach Genua gehen sollte, genug, der Generalconsul, der sich in Brüssel aushielt, hatte Wind davon erhalten, daß sein Ehegemahl mit einem verwegenen Iachtsegler auf und davon gehen wollte, und in weniger als vierundzwanzig Stunden war er mit seiner eigenen Dampfyacht hinter uns her. Durch Anfragen bei
den Schiffen, denen er begegnete, kaum er auf unsere Spur, die Windstille, die uns aufhielt, war ihm günstig und so hatte er uns bald eingeholt.
Als er seiner Sache sicher war, hatte er den steuernden Matrosen nach vorne geschickt und selber das Ruder in die Hand genommen. Die Mannschaft wagte nicht, ihn ihre Verwunderung hierüber hören zu lassen, obgleich jeder wußte, daß der alte Herr nicht viel vom Steuern verstand und obgleich sein aufgeregtes Wesen die Leute besorgt und bedenklich machte - man meinte, daß er die „Fortuna" nur anrufen wolle und so ließ man ihm zunächst seinen Willen. Als ich aber mit dem Schoner über Stag ging und mit Mühe dem Dampfer auswich [und als der Generalconsul sein Fahrzeug wieder herumbrachte, um uns in den Grund zu rennen, wie überdies auch aus seinen wüthenden Reden deutlich genug hervorging, da rissen sie ihn vom Ruder fort, um sowohl ihr eigenes Leben, als auch das unserige zu retten.
Das war der Moment, den ich an Deck des Dampfers im Vorbeisegeln beobachtet hatte. Wenige Minuten später war der arme alte Herr wie vom Blitz getroffen nieder- gestürzt- ein Schlagfluß hatte ihn aus dieser schnöden Welt erlöst. Die „Violetta" konnte nur noch seinen Leichnam nach * * zurückbringen.
Da Haben Sie meine Geschichte. Was sagen Sie dazu? Sollte man es wohl für möglich halten, daß noch so viel wüthige Rachsucht in einem Greise stecken kann, der seinen siebzigsten Geburtstag bereits hinter sich hat? Wie kam der alte Mann dazu, mich und meine Leute ersäufen zu wollen?
Wir sind es doch nicht gewesen, mit denen die seine Dame durchgebrannt ist. Aber ich will Ihnen was sagen: es geht nirgends curioser zu, als auf der Welt, und was die Nachtschifffahrt anlangt, — lieber Herr, dabei gehts erst recht curios zu, das können Sie mir glauben."
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Gießen, den 9. Mai 1891.
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