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15.3.1891 Drittes Blatt
 
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Karlsruhe.

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Nr. 63. Drittes Blatt. Sonntag den 15. März

1891

Der O*e-en-r AuzeSger rrschklilt täglich, Dir Ausnahme des Montag-.

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DieFünf Männer" im Reichstage.

Ueber die Persönlichkeiten derFünf Männer", welche gegenwärtig die Geschicke des Arbeiterschutzgesetzes im Reichs­tage lenken und vor dessen Abmachungen die Regierungs­vorlage wie die Commissionsbeschlüsse zusammenschmelzen wie der Schnee vor der Sonne, schreibt man demNeuen Münch. Tagblatt":

Da ist zunächst der deutsch freisinnige hessische Rechts­anwalt Gutfleisch, der sich in Gießen einer umfangreichen Praxis erfreut und in einer Stichwahl seinen antisemitischen Gegenkandidaten besiegte: eine hohe kräftige Figur im besten Mannesalter. Seine Redeweise zeichnet ihn vor seinen Parteigenossen durch Ruhe und Sachlichkeit aus. Sein ganzes Auftreten schon in der Commission hat ihm schnell das Zu­trauen seiner Collegen von den anderen Fraktionen gewonnen und als geeignet erscheinen lassen, ihn als Interpreten von Forderungen auszustellen, die auch dem rechten Flügel des Hauses gemeinsam sind: eine Erscheinung, die in solchem Umfange einzig in der Geschichte des deutschen Parlaments dastehen dürfte.

Der Compromißredner der Nationalliberalen ist der westfälische Fabrikbesitzer Möller, ein Mann von hoher hagerer Gestalt, der seine Befähigung in Arbeiterfragen schon als Präsident der Handelskammer in Bielefeld häufig dar- gethan hat, im Plenum des Reichstages aber, wo es sich meist auch bei Detailsragen des Gewerbes um eine Beur- theilung vom allgemein politischen Gesichtspunkt aus handelt, mehr in den Hintergrund tritt und meist nur den Stand­punkt seiner Partei den anderweitig gestellten Anträgen gegen­über kennzeichnet.

Vom Centrum werden die Compromißbeschlüsse durch den Berliner Amtsgerichtsrath Letocha unterzeichnet, den man sonst meist nur in den Redekampf treten sieht, wenn es sich um das Wohl seiner oberschlesischen Heimath handelt, und der auch diesmal seine Rednerrolle an seine jüngeren Collegen Dr. Orterer und Dr. Schädler, zwei noch in den 30ern stehende bayerische Gymnasialprosesjoren, abgetreten hat. Diese beiden kampfbereiten Centrumsmänner verfehlen nicht, ihren Einfluß aus die Fassung der einzelnen Paragraphen im religiösen Sinne geltend zu machen, wie dies namentlich bei den Bestimmungen über den Unterricht an den Fortbildungs­schulen zu Tage trat, ein Einfluß, der nicht zum Wenigsten auch durch den ebenfalls dem geistlichen Stande angehörigen Berichterstatter der Commission, Hitze, verstärkt wird.

Daß sich übrigens auch der alte Herr Letocha zu jugendlichen Kampsesgesühlen hinreißen lassen kann, hat er im preußischen Abgeordnetenhause bewiesen, als er dem Herrn von Eynern auf eine gegen den Abgeordneten Windthorst gerichtete Aeußerung das in einem Parlament unerhörte Wort:Frecher Dachs" entgegenschleuderte.

KönigSrum m", der Neunkirchener Eisenhüttenbesitzer, dessen Reich von 100 Essen überragt wird, ist durch seine Arbeitersreundlichkeit nur zu gut bekannt, wenn auch seine Gegner ihm das Verbot der Heirathen seiner Arbeiter ohne seine Erlaubniß übel nehmen und böse Zungen ihn in wirth- schastlich-politischer Beziehung des Eigennutzes beschuldigen, da er sich der Moselcanalisirung widersetze, nur um die Luxemburgischen Minette-Erze nach wie vor billiger zu beziehen wie seine mederrheinischen Concurrenten. Wie dem auch sei, Frhr. v. Stumm, der zwar aus Gesundheitsrücksichten seiner Zeit aus der Commission ausschied, hat sich in Sicilien von seinem Halsleiden soweit erholt, daß er jetzt im Plenum ein täglicher Redner für die Reichspartei, allerdings aber auch bei seiner überstürzten Sprechweise und seiner der Tribüne abgewandten Stellung der Schrecken aller Jour­nalisten ist.

Als fünfter im Bunde derFünf Männer" ist der sächsische Oberstaatsanwalt Dr. Hartmann, als Vertreter der Deutschconservativen, den seine Heimathsstadt Plauen in den Reichstag entsendet hat, zu nennen, dem als Mentor in schwierigen juristischen Fragen sein greiser Freund Kl emm (Sachsen) zur Seite steht, an dessen Arm man ihn täglich das Parlament verlassen sieht. Dr. Hartmann weiß als immer kampfbereiter und schlagfertiger Redner mit dem blanken Schilde eines warmen Patriotismus gegen die Pfeile der Redner der Linken einzutreten. Sein Einfluß auf die Re­daktion der Commissionsbeschlüsse im Sinne seiner Partei ist unverkennbar.

So heterogene Elemente sich in diesem sonderbaren Pentachat vereinigen, so war nur aus diese Weise ein schnelles Unterdachbringen des Gesetzes möglich, es ist eben das erste Mal, daß sich alle staatserhaltenden Parteien zusammen­schließen gegenüber einer umstürzlerischen Phalanx.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 13. März. Die zweite hessische Kammer wird am 18. d. M. wieder aus mehrere Tage zusammcn- treten, um etwaige Rückäußerungen der ersten Kammer be­züglich des Hauptvoranschlags pro 1891/94 zu erledigen und namentlich auch die Vorlage der Negierung betreffs Neubaues eines Gebäudes für die hiesige Technische Hochschule und mehrere kleinere Angelegenheiten zu berathen.

provinzielles.

Schlitz, 10. März. Der einzige, 19 jährige Sohn des Herrn Lehrers Strack, Moritz, welcher am Donnerstag Abend im Reinhardt'schen Locale durch Entladung eines Revolvers tödtlich verletzt wurde, ist am Freitag Abend im Hospital, wohin er verbracht, von seinen Leiden durch den Tod erlöst worden. Der bemitleidenswerthe, kaum 18 jährige Buchhalter A. Römer, Sohn der Frau Reinhardt Wwe., dem das traurige Loos beschieden, in jugendlichem Leichtsinn den Tod seines Freundes veranlaßt zu haben, befindet sich in Haft. Die gerichtliche Obduction der Leiche fand am Sonntag statt und ergab, daß die Kugel ihren Weg durch die Stirn unter der Schädeldecke hindurch genommen und dann im Hinterkops ein größeres Blutgefäß verletzt hatte, wodurch der Tod eintrat. Die gestrige Beerdigung des so jäh Dahingeschiedenen zeugte von der Theilnahme, die man in allen Schichten der Einwohner­schaft für die vom Schicksal schwer betroffene Familie em­pfindet. Hunderte folgten dem mit Kränzen und Blumen reich geschmückten Sarge, der von Altersgenossen des Ver­storbenen getragen wurde. Am Grabe verlas der Geistliche eine Lection und schloß mit einem warmen, ergreifenden Gebet für den Verewigten und die Hinterbliebenen. Möge nun der irdische Richter über den Angeklagten Barmherzigkeit und Milde walten lassen und möge der Jugend dieser erschütternde Vorfall, der so viel Trauer und Aufregung in unsere Ge­meinde getragen, zur Warnung dienen.

Fischotterfang mittels Netz wird mit bestem Erfolg von Herrn Kammersecretär Jensch cultivirt. Nachdem der­selbe bereits im November v. I. eine Fischotter von 16 Pfd. Gewicht gefangen, wurde am letzten Freitag ein weiteres Exemplar, 20 Pfd. schwer, seiner räuberischen Thätigkeit entzogen.

+ Alsfeld, 13. März. Nach dem Bericht des Aus- sichtsrathes wurde die landwirthschafrliche Winter- schule Hierselbst im Jahre 189091 von 29 Schülern besucht. Bei einem Vergleiche mit dem Schulbesuche in den letzten Jahren tritt die erfreuliche Thatsache, daß nur ein voller, zweisemesteriger Besuch der Schule von wirklichem Werthe ist, immer schärfer hervor, denn von 20 Schülern, die den vorjährigen unteren Cursus ablolvirten, sind 18 zurück­gekehrt, um den ganzen Lehrgang durchzunehmen. Die Schluß- Prüfung des vorigen Semesters fand am 29. März 1890 statt und erhielten die vier Prämien der Oberen landwirth- schastlichen Behörde die Schüler Otto Weitzel aus Nenzen­dorf, Karl Georg aus Eifa, Peter Georg aus Rainrod und Heinrich Weitzel aus Münch Leusel. Die Prüfungsordnung erstreckt sich aus Deutsch, landw. Versicherungsgesetzgebung, Thierzucht, Rechnen, Chemie. Der Unterricht wird von sieben Lehrern errhellr.

* Die Wormser Brauerschule, 1865 von Herrn P. Leh- mann f als erste specielle Privatfachschule gegründet, wurde im verflossenen Schuljahre von 92 Brauern des In- und Auslandes besucht. Der nächste Cursus beginnt am 1. Mai a. c.

* Vor zwanzig Jahren, am 6. März 1871, trat Kaiser Wilhelm 1. die Rückreise aus Feindesland in die Heimath an. Auf dem Ehrenhofe der Präfektur zu Versailles waren die Offiziere der 22. Division versammelt, an ihrer Spitze der eommandirende General des 11. Armeecorps, General der Infanterie v. Bose. In der Halle des rechten Flügels des Schlosses stand, zur Abfahrt bereit, der Reisewagen, welcher den Kaiser der Heimath entgegenführen sollte. Da erschien der oberste Kriegsherr, elastischen Schrittes eilte er auf den ehrfurchtsvoll schweigenden Halbkreis der Offiziere zu und sprach mit weithin vernehmlicher, aber von innerer Bewegung ergriffener Stimme:

Ich habe Sie versammelt, meine Herren, um Ihnen, als den hier anwesenden Vertretern der Armee, in dem Augenblick, wo Ich die Armee verlasse, meinLebewohl" zu sagen. Ich kehre nach Deutschland zurück. Der Krieg ist, dank Ihrer Hingebung und Ausdauer, zum glücklichsten Ende geführt, und Ich hoffe, daß wir einem langen und

dauerhaften Frieden entgegengehen. Ob meine Hoffnungen sich erfüllen werden, hängt freilich zunächst von diesem Lande ab, welchem wir soeben eine so herbe Lection ge­geben haben. Sollte Ich aber auch irren, und sollte Ich genöthigt werden, von Neuem an die Entscheidung der Waffen zu appelliren, nun, so weiß Ich, aus wen Ich mich verlassen kann."

Alle waren tief bewegt. Schweigend reichte der Kaiser dem General v. Bose die Hand - dann küßte er ihn und rief: Das ist für Sie Alle, meine Herren!" Schnell bestieg er den Wagen - noch einmal winkte er, freundlich grüßend, im Wagen stehend, hinüber den Abschiedsgruß, dann aber ver­schwand das Gefährt und mit ihm der greise Siegesheld in der unabsehbaren Reihe der jubelnden, Spalier bildenden Mannschaften.

Universität» - Nachrichten.

Der ordentliche Professor in der medtcinischen Facultät der Universität zu Halle a. d. S., Dr. Renk, wurde zum außerordent­lichen Mitglied des Gesundheitsamts ernannt.

Als Nachfolger des kürzlich verstorbenen Kirchenhistorikers Professor Zoepffel in Straßburg ist Dr. H. o. Schubert berufen, der seit einiger Zeit als Lehrer an dem Rauhen Hause bei Hamburg thätig ist.

Literatur nnd rinnst.

Katechismus der Urbeiterschutzgesetzgebung (Kranken-, Unfall-, Jnvalidttäts- und Altersversicherung). Von Dr. G. Schür­mann. Verlag von Reinhold Pabst in Delitzsch. Preis 30 Pfg. An einer billigen, Jedermann leicht verständlichen Erklärung der Arbeitcrschutzgesetze hat es bis jetzt noch gefehlt. Mit diesem Büchlein wird dem Publikum ein Rathgeber geboten, der in populärer Form geschrieben ist und sich daher nicht nur für Arbeitgeber, sondern auch für Arbeiter in hohem Grade empfiehlt. In der kurzen Zeit des Erscheinens sind bereits mehrere Beurtheilungen aus Fachkreisen veröffentlicht, die das Buch als ungemein brauchbar bezeichnen.

Katechismus der Mythologie. Von Dr. Ernst Kroker. Mit 73 in den Text gedruckten Abbildungen. XII und 320 Seiten. Preis in Ociginal-Lernenband 4 Mark. Verlag von I. I. Weber in Leipzig.

Das vorliegende Buch soll ein Vademecum fein, nicht nur für den Laien, sondern auch für die Schüler unserer höheren Lehr­anstalten und für jüngere Studenten; es wird sich aber auch den Beifall der Lehrerkreise erwerben. Durch die Anordnung des Stoffes in der griechtfchen Mythologie Wesen des Gottes, Kulistätten, Darstellungen in der bildenden Kunst wurde große Klarheit und Ueberfichtlichkett erreicht. Die römische Mythologie ist von der griechischen getrennt und in einem besonderen Abichnitt behandelt und es sind in diesem Abschnitt die Eulte noch ausführlicher be­sprochen als in der griechischen Mythologie. In der germanischen Mythologie sind die Ueberreste und Nachklänge alten heidnischen Glaubens und altheidnischer Sitte unserer Vorfahren besonders be­rücksichtigt. Wir können das vorzüglich ausgestattete kleine Werk bestens empfehlen.

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4- Münzenberg, 12. März. Vieh- und Krämermarkt. Auf dem heule dahier stattgehabten Viehmarkte war eine große An­zahl Rindvieh und Schweine aufgetrieben. Die Preise waren, namentlich für Rindvieh, ziemlich hoch; es wurden Kühe bis über 400 JL verkauft; auch fönst herrschte auf dem Rindoiehmarkte ein lebhafter Handel. Auf dem Schweinemarkt war vorzugsweise unter den Fei kein ziemlicher Handel und wurde das Paar mit 20 bis 40 JL bezahlt, je nach Alter und Qualität. Läufer kosteten 40 bis 60 und mehr. Auch der Krämermarkt war überaus stark besucht und machten hier die Verkäufer flotte Geschäfte. Der nächste Markt findet am 17. September d. I. statt.

Butzbach, 11. März. Wochenmarkt. Butter kostete per Pfund 0,900,95, Käse per Pfund 4546 H, Eier pro Stück 6 H.

- Einfluß der Schlachtweise auf daS Fleisch. Die An­nahme, dag Del Schtachlthreren, die ohne vorherige Betäubung ge­lobtet werden, das Blut durch die Schmerzen und Todesangst in einen fieberhaften Zunand kommt, der das Fleisch ungesund macht, wird durch neuere Unterfuchungen, welche dieDeutsche Fleischer­zeitung bespricht, bestätigt. Es ist nämlich durch die wissenschaftliche Untersuchung dargethan worden, daß sich im Fleisch von Thieren, welche vor dem Schlachten aufgeregt, gequält wurden, fchon vor dem Totsten freie Säure bildet, während im Fletsche von Thieren, die bei voller Ruhe und ohne Tobeskampf, also nach vorheriger plötzlicher Betäubung gelobtet wurden, sich diese Säure erst nach und nach bildet. Diese Säure bewirkt aber durch ihren Einfluß auf einen Bestandiheil der Muskeln, das sogenannte Myosin, die Starre, an welche sich durch eine weitere chemische Veränderung die Fäulnitz anreiht. Solches Fleisch zeigt, wie dieFleischerzeitung" heroorhedt, beim Einpökeln nachtheiliges, sozusagen abwehrendes Verhalten gegen die Ausnahme dezw. Fortleitung des Salzes nach dem Innern der Fleischstücke und somit nachtheilige Eigenschaften beim Einsätzen". Selbstverständlich geht solches Fleisch auch rascher in Fäulnitz über. Fleisch von Toteren, welche nach rasch erfolgter Betäubung geschlachtet werden, hält sich länger frisch, als solches von Thieren, welche ohne Betäubung gestochen ober gar geschächlet werden. Viele Schlächter freilich nicht solche, welche bei ihrem Geschäfte Nachdenken und beobachten führen als Haupteinwand gegen die Betäubung der Schlachtihiere an: bas Fleisch betäubter Thtere blute nicht gut aus unb werbe rascher riechend. Nun hat sich gerabe bas Gegentheil als