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15.2.1891 Zweites Blatt
 
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♦Ujta« A«rei-«r erscheint täglich, «it Ausnahme kl Rsvtagl.

Die Gießener WemiHeeirittex 9HTbm dem Anzeiger yAcheuttich dreimal beigelegt.

Weßmer Anzeiger

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Amts- und Anzeigsvlstt für den Avers Gieren.

Nmnahmr von Anzeige« zu der Nachmittag! für den Annonccn-Bureaux de! In- und Auslandes nehwv«

falgenden Tag erscheinenden Nummer bi! Bonn. 10 Uhr. Nnzeige« für denGießener Anzeiger" entgeh

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Aintie^ev Lheil.

Bekanntmachung.

Bei der am 12. l. Mts. vorgenommenen Wahl ist Herr Sigmund Heichelheim zum Mitglied des Vorstandes der Israel. Religionsgemeinde dahier wiedergewählt worden.

Es wird dies mit dem Anfügen öffentlich bekannt gemacht, daß während dreier Tage, nämlich am 16., 17. und 18. d. M. das Wahlprotokall mit allen Anlagen auf dem Bureau des L Vorstehers, Herrn Meier Homberger dahier, offen gelegt sein wird, und daß während der unerstrecklichen Frist dieser drei Tage die Stimmberechtigten, sowie der Gewählte von dem Wahlprotokoll und dessen Anlagen Einsicht nehmen und Einwendungen gegen die Wahl oder gegen den Gewählten, dezw. auch eine Ablehnung der Wahl, bei Vermeidung des Ausschlusses bei Großh. Kreisamt Gießen vorbringen können.

Gießen, den 12. Februar 1891.

Der Wahlcommissär: Neuenhagen, Regierungs-Accessist.

Locales rind ^vovsnzielles.

Gießen, 14. Februar.

Nach dem eben erschienenen Gemeinde'voranschlag der Stadt Gießen für das Etatsjahr 1891/92 gleicht sich derselbe in Einnahme und Ausgabe insgesammt aus mit Mk. 1,442,642,13 gegen Mk. 1,335,582,51 im Vorjahre. Als Hauptsummen der Einnahmen sind anfgeführt: Aus Grundstücken Mk. 23 660, Waldungen Mk. 80 092, vom Gaswerk Mk. 33483, vom Wasserwerk Mk. 23 779, vom Schlachthaus Mk. 23118, von Kirchen Mk. 26 727, höhere und erweiterte Mädchenschule Mk. 25 734, Octroi Mk. 109 250, Comrnunalsteuern Mk. 317 584, Capitalaufnahmen Mk. 503064. Die be­deutendstem. A u s g a b e p o st e n sind: Waldungen Mk. 33 329, Kirchen Mk. 28 732, Volksschule und Fortbildungsschule Mk. 72 196, höhere und erweiterte Mädchenschule Mk. 52 775, Realgymnasium und Realschule Mk. 25 213, Straßen­unterhaltung Mk. 11047, Straßenreiniguug und Kehricht- absuhr Mk. 34 102, Straßenbeleuchtung Mk. 23 000, Armen­pflege Mk. 44 350, Zwecke des Kreises und der Provinz Mk. 59 296, Polizei Mk. 41284, Allgemeine Verwaltung Mk. 48117, Grundzinsen und Anerkennungsgebühr Mk. 28 500, Capitalzinsen Mk. 146 736, Octroi Mk. 27 112, An- und Verkauf von Grundstücken Mk. 81 050, Erbauung gemeinheit-

licherGebäudeMk. 215750,ErbauungvonStraßenMk.218849, Bauten am Gaswerk Mk. 19 700, am Wasserwerk Mk. 24 308, Capitalausnahme und Rückzahlungen Mk. 23 700. AuS der Statistischen U e b e r s i ch t erhellt, daß die Einwohner­zahl Gießens von 7 209 Seelen im Jahre 1840 auf 20 812 im* Jahre 1890 gestiegen ist. In dem gleichen Zeitraum stieg die Anzahl der Gebäude von 767 aus 1414. Die Umlagen betrugen im Jahre 1840 fl. 9 211, im Etatsjahr 1890/91 Mk. 312 632. Verglichen mit dem Vorjahre haben sich die Schulden der Stadt um Mk. 266 526,96, das Vermögen um Mk. 142 525,96 vermehrt. Die Normal­st e u e r c a p i t a l i e n stiegen von fl. 219 400 im Jahre 1860 aus Mk. 1 226 009 im Etatsjahr 1890/91; für 1891/92 sind die Steuercapitalien wie folgt festgesetzt: Grundsteuercapitalien Mk. 350 512,2, Einkommensteuercapitalien Mk. 555 223,8, Ge­werbesteuercapitalien Mk. 224 891,8, Capitalrentensteuer- capitalien Mk. 114 802,0, in Summa Mk. 1 245 429,0. Unter Rubrik: Erbauung gemeinheitlicher Gebäude erscheint als Hauptposten der Ausbau des n e u e n S t a d t kn a b e n s ch u l- gebäudes einschließlich Mk. 12,000 für Herstellung der Einfriedigung desselben mit Mk. 133000, die innere Aus­stattung dieses Gebäudes mit Mk. 30 000, der Neubau einer Turnhalle bei der Realschule mit Mk. 37 400, Ver­größerung des Maschinenhauses und Aufstellung eines zweiten Dampfkessels im Sch lachthause Mk. 8100. Von Straßenbauten sind hinsichtlich der Kosten von Belang: Ausbau der Dammstraße vom Stadtringgraben einschließlich bis zur Steinstraße Mk. 12 300, Ausbau der Wodestraße Mk. 5 530, Herstellung der Straße gegenüber der Löwen­gasse nach der Südanlage Mk. 16 300, Ausbau der Strecke des Gleibergerwegs bis zur Landesgrenze Mk. 20 400, Umbau der westlichen Strecke der Nordanlage Mk. 30 350, Planirung und Chaussirung des Feldwegs in der Lichtenau Mk. 10 500, Verbindung vom Brandplatz nach der Licherstraße Mk. 26 600, Anlage einer Fußgänger-Verbindung von den Bahnhöfen nach der Frankfurterstraße Mk. 26 000, Ausbau der Steinstraße von der* Nordaulage über die Dammstraße bis zur Schillerstraße Mk. 8 700.

Citeratar unö Anirft.

Es gibt heute wohl kaum eine Familie, in welcber nicht die eine ooer andere tUuftiirle Zeitschrift gehalten wird und mit dem Beginn des neuen Jahres ist der Zeitpunkt gekommen, an dem viel­fach die Frage zur Erörterung gelangt, welchem Journal für das kommende Jahr der Vorzug zu geben sei. Gerade gegenwärtig machen die verschiedenen Familienbtätter durch Neueinführung von Kunstbeilagen und durch Ankündigung ihres erworbenen Lesestoffes

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besondere Anstrengungen, die gesteigerten Ansprüche der Leserwelt zu befriedigen, und dieses Fortschreiten auf der Bahn z«r Vervollkomm­nung ist durchaus erfreulich. Ein Famtlienblatt, welche« fich bk Pflege des Kunstsinnes indeß schon seit Jahren zur Aufgabe gemacht und diese Aufgabe durch zahlreiche, künstlerisch vollendete Kunst- bctlageu in Lichtdruck und Holzschnitt ebenso lange geradezu glänzend gelöst hat, ist das »Unitierftim*. Das Blatt steht durch seine Lichtdrucke einzig da und bietet zugleich in seinen großen Romanen, in den Novellen und kleinen in einem Hefte abgeschlossenen Erzähl­ungen, sowie in dm zeitgemäßen, echt populär gehaltenen Artckeln eine ebenso fesselnde als hochwerthvolle Lrctüre. Wer seine Wahl noch nicht getroffen hat, sollte demUniversum", das sich unver­gleichlich bewährt und zur erreichbarsten Vollkommenheit entwickelt hat, seine besondere Aufmerksamkeit zuwendev. Der letzte, VI. Jahr­gang enthält allein den beispiellosen Schatz von hundert meisterhaften Kunstbeilagen!

Landwirthschaftliche Winke und Kaihschläge.

Einige- für Ha«-, Hof ««- «üche.

A Arr- Oberhesien, 14. Februar.

Was ist doch Alles so entsetzlich theuer geworden", klagt manche sparsame Hausfrau und sieht bedenklich nach ihren Baarbeständen, welche sich stets mit affenmäßiger Geschwindigkeit verduften, so oft sie auch erneuert werden.Das Fleisch ist fast gar nicht mehr zu erschwingen", klagt die Nachbarin,und dabei ist es meiftentheilS f» schlecht, daß man es hintendrein nicht kauen mag, nur um der Suppe willen nimmt man es und diese letztere ist damit eigentlich viel z» theuer bezahlt".

Aber läßt sich denn dafür und für noch manches Andere nicht etwa ein sehr billiaer, für das Bauern- und Bürgerhaus besonders geeigneter Ersatz finden? fragt Ihr Berichterstatter. Er hat fich diesmal oorgenommen, Einiges über die Verrichtungen der Haus­frauen zu schreiben; hier und da z. B. bei der Besprechung des bäuerlichen Molkereiwesens, bei Einrichiung und Behandlung der Keller, bei Aufbewahrung der Gemüse u. v. A. hat er die Domäne der Frauen berührt und seine Rathschläge haben nicht mißfalle». Wir wollen daher auck diesmal ein wenig noch jener Richtung fahre», ohne daß wir in die Gefahr gerathen, alsDippegucker" verschrieen zu werden.

Also theures, schlechtes Fleisch, ungenügende Suppen, diese Be­merkungen können wir überall hören. Welche Unmasse von vor­züglichen Stoffen gehen aber in jedem Bauern-, Bürger- und Arberter- haule alljährlich verloren, weil sie völlig ungenügend ausgenützt werden. Sieht man in die Küchenschränke, so stehen die Speisereste umher, welche nach kurzer Zett sauer werden und verderben. Ein förmlicher Mißbrauch entsteht dadurch, daß die Knochen VefeM-t werden, ohne daß die darin befindlichen Nährstoffs herausgezogen werden und zur Verwendung kommen.

Wir haben schon oft die Probe gemacht und in bäuerlichen und bürgerlichen Haushaltungen gefragt: Spaltet Ihr denn die Knochen bet Eurem Fletschkochen und zieht Ihr denn das Mark und den Saft heraus, der die ausgezeichnetste Suppe liefert?Ach nein", ist 19mal unter 20 Fällen die Antwort,bei uns geschieht das nicht; es macht allerlei Umstände und da läßt man sich nickt darauf ein." Dieser Mangel an Einsicht vernichtet alljährlich viele Taufende; außerdem bringt er viele Menschen um einen berechtigten

Feuilleton.

Der einzige Sohn.

Novelle von I. Bonnet.

(1. Fortsetzung.)

Es ward eine angeregte Unterhaltung geführt, an Stoff fehlte es nie. Der Hausherr wußte mittendurch eine lustige Jagdgeschichte zum besten zu geben er war ein leiden­schaftlicher Nimrod die auch auf die Lachnerven der Damen wirkten, und endlich zogen sich die Herren ins Rauchzimmer zurück, während die Damen denn doch zu sehr unter dem Banne des kleinstädtischen Lebens standen, um nicht nun mit ihren Zungen auf das Kleinwild persönlicher Verhältnisse Jagd zu machen.

Während dies in dem größeren Kreise mit emsiger Be­flissenheit geschah, saß eine kleine Gruppe von Damen abseits in besonderem Geplauder.

Welch ein liebes Haus es doch ist," sagte eine,wirk­lich, man fühlt sich darin wohl, kaum daß man eingetreten. Es gibt nicht viele seinesgleichen, wo alles so schön über- einftimmt."

O gewiß, o gewiß I Und doch"

Ah, Sie meinen den Sohn. Ja, es ist wahrhaft heroisch, wie sie vor ihren Gästen den tiefen Schatten zu ver­bergen wissen, der sie selbst bedrückt."

Was ists eigentlich mit dem Sohne Arthur heißt er ja wohl er thut nicht gut, ist in Amerika?"

Die Fragende befand sich zum ersten Male in diesem Kreise.

Die anderen antworteten nicht gleich, als wäre auch für fie ein schmerzhafter Punkt berührt.

Er ist der einzige Sohn?" fügte die Fragende hinzu.

Der einzige Sohn!"

Und ungerathen! Wie ist das möglich in einem solchen Hause?"

Zögernd rückte man näher zusammen. Im Flüstertöne ward die Unterhaltung fortgesponnen.

Er zeigte alle Ansätze seines späteren Lebens schon in der Jugend, ja in der Kindheit. Eigenwillig und doch nicht von festem Willen, sondern von einem Gegenstand des In­teresses und Vergnügens zum anderen überspringend, fehlte es ihm an einem strengen Lehrer, der den Eigenwillen un­erbittlich brach und den lebhaften Geist in eine geordnete Bahn wies."

Schreckliche Streiche hat der Junge ausgeführt. Manch­mal freilich waren sie zum Lachen, oft aber auch empörend. Er zeichnete vorzüglich und entwarf mit wenigen Strichen das Zerrbild eines Menschen, der sich nicht seines Wohl­wollens erfreute. Dann klebte urplötzlich eines schönen Morgens solche Earricatur am Hause des Betreffenden- er ward zum Gelächter der Stadt."

Aber konnte man denn das nicht hindern, konnte man es nicht den Eltern hinterbrffigen?"

Ich bitte, wer hätte das gemocht? Auch war der Ur­heber nicht zweifellos nachzuweisen. Wer hätte sich also Un­annehmlichkeiten einbrocken wollen?"

Ach, das war ja auch nicht das Schlimmste, es war noch von einer gewissen Komik. Aber wenn er zum Beispiel ein altes Mütterchen mit einer immer wieder unter die Nase gehaltenen Gerte so gleichsam durch die Stadt kitzelte, zum höchsten Staunen der Einwohnerschaft, bis die Alte sich glück­lich in ihr Haus gerettet hatte, sehen Sie, das war schon schlimmer."

Und solche Streiche hat er genug ausgesührt."

Aber das ist ja rein unbegreiflich. Seine Eltern müssen doch davon gehört haben."

Meine Liebe, kein Mensch sagt Eltern von Ansehen, die obendrein die halbe Stadt verdienen lassen, oder sonst am Bendel haben, die Sünden ihrer Kinder. Man erträgt alles und schweigt."

Aber die Lehrer?"

Nun ja, die Lehrer. Die öffentliche Schule wurde

nicht besucht, er hatte Privatunterricht mit einigen anderen Kindern. Darüber hielt nun wieder der Papa seine mächtige und zugleich freigiebige Hand. Ja, ein paar Mal sind ihm Mittheilungen gemacht worden"

Und er wies sie zurück?"

Nem, nein, im Gegentheil, er nahm sie ernst, wie sich» gebührt, er haute den Jungen, und der schrie, daß die Fenster ausflogen, daß alles zusammenlief, und die Mama weinte und Tante Jettchen schalt auf die nichtswürdigen Angeber und steckte dem heulenden Bengel Zucker ins Mäulchen, und e< war ein Auftritt, als sollte die Stadt untergehen. Der Junge aber, an regelrechte Zucht nicht gewöhnt, ward desto ab­gefeimter, bis er wußte: du kannst alles thun und lassen, was dir beliebt, denn jetzt sagt keiner mehr was. Dabei trug er den Kopf immer höher, ward, einft ein zärtliches, liebreizendes Kind, immer verliebter in seine eigene werthe Person, reifte heran als Geck, als Genußmensch, als blasirt, ehe er in der Welt nur um die Ecke gesehen."

Wissen Sie, das Brüten über Indianer-, Ritter- und Räubergeschichten, die er wahrhaft verschlang, ich möchte, seit ich das gesehen, jede Mutter davor warnen, ihren Kindern solche Bücher in der Hand zu lassen."

Natürlich, seinen abenteuernden Sinn hat er daher und wohl anders noch, wovon man nicht weiter redet."

Indeß das Elternhaus, denk ich, mußte doch seine wohl- thätige Wirkung ausüben."

Daß es nicht so ist, wird begreiflich, wenn man die Sache näher bei Licht betrachtet. Der Vater ist ein viel­beschäftigter Mann. In seinen Mußestunden will er Ruhe haben, raucht, liest, trinkt ein Glas Bier in der Stadt. Für die Jagd ist er passionirt."

Die Mutter aber!"

Sehen Sie, meine liebe, gnädige Frau, die ist ihrer Natur nach weich, nachgiebig, liebt keine Austritte, vergötterte natürlich den einzigen Sohn."

(Fortsetzung folgt.)