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Samstag den 14. März

(Siebener Anzeiger*.

Beilage zu Nr. 62. - 1891;

Feuilleton.

Annerod und die Franzosen. 17971798.

(Fortsetzung.)

Natürlich ließen sich die französischen Offiziere, obgleich sie in einem kleinen Dorfe lagen, nichts abgehen, und was da nicht zu haben war, das wurde in Gießen geholt. Die Metzger Wilhelm Weidig, Philipp Möhl und Konrad Vogt daselbst lieferten das Ochsenfleisch, einmal auch wurde im Dorfe ein Hammel geschlachtet und auch nur einmal kommen 9 junge Hahnen in der Rechnung vor. Aber die Fleisch­rechnung beträgt im Ganzen 621 fl. 34 Fr. Bescheiden da­gegen ist der Betrag für Weißbrod mit 46 fl.; doch haben die Franzosen auch Schwarzbrod gegessen. Den Wein lieferte der Weinwirth Joh. Phil. Busch im Garten bei Giesen" unddes Beckermeister Joh. Seippen Wittwe zu Giesen" im Gesammtbetrage von 1017 fl 28 kr. Bier kommt in der Rechnung nicht vor, dagegen ein Posten von 157 fl. 12 kr. für Branntwein, den der Krämer Dom. Rossi in Gießen lieferte.

Der Krämer Gg. Dan. ALmus zu Gießen lieferte den Schweizer und Holländer Käs, die Krämer Rumpf daselbst Zucker und Nudeln, Joh. Balth. Bruck Specereiwaaren, Dom. Rossi Essig, Oel, Eitronen und Muskatnüsse, Konr. Balth. Busch Kaffee, Zucker, Reis, Baumöl, Dichter, Gerüche, Zwirn, Papier u. dergl. (856 fl. 22 kr.). Dagegen wurden Butter, Eier, Zwiebeln, Salat und andere ländliche Erzeug­nisse von Dorfbewohnern selbst geliefert, aber auch bezahlt. Kartoffeln wurden zu Ende des vorigen Jahrhunderts in Annerod noch nicht gegessen, sonst kämen diese doch wohl auch in der Rechnung vor.

Einer der in Annerod einquartierten Osfiziere, der Capi- tän Bopp (der Name läßt vermuthen, daß es ein deutscher Neberläufer war) hatte offenbar an der ländlichdn Ab­geschiedenheit des Dörfchens wenig Gefallen. Er ließ sich von der Gemeinde während der 11 Tage, die er in Annerod einquartiert war, täglich 6 Livres bezahlen und wird dann wahrscheinlich bei Kameraden die Vergnügungen der Großstadt Gießen genossen haben.

Der Gesammtbetrag der Ausgaben für die Verköstigung der französischen Osfiziere belief sich auf 2911 fl. 28 kr.

Die Unteroffiziere und Gemeine waren soweit möglich im Dorfe einquartiert und verpflegt. Doch konnten bei dem raschen Eindringen der Franzosen nicht alle Truppen in Privatquartieren untergebracht werden. Zwei Wirthe in Annerod, Eberhard Muskulus und Johannes Groß, hatten vom 21. April 1797 bis zum Jahresschluß, sowie 1798 eine größere Anzahl von Ordonnanzen und Soldaten zu verpflegen, auch die Piquets mit Fleisch, Brod, Bier und Branntwein zu versehen, wodurch 209 fl. 16 kr. Kosten erwuchsen.

Zwar wurden die Pferde der einquartiertcn Reiterei aus den angelegten allgemeinen Magazinen versorgt, aber trotzdem wurden im Dorfe an Hafer, Gerste, Heu und Stroh beträchtliche Mengen von den Franzosen requirirt, wofür die Gemeinde 678 fl. 55 kr. zu bezahlen hatte.

Interessant sind auch die Ausgabenan Entschädigung denjenigen Unterthanen, welche ihr Vieh und Geschirr ent­weder auf der Kriegssuhre verloren haben, oder dessen durch feindliche Requisitionen oder durch die bekannte Executions- Maßregeln im Mai 1797 beraubt worden sind." Es sind zwar nur drei Posten hier aufgeführt, aber doch betragen sie zusammen 109 fl. 30 kr. Wir finden da:

Joh. Phil. Hamel zur Vergütung des Verlustes, welchen derselbe an einem Ochsen, so die Gemeinde Annerod auf Be­fehl Fürftl. Land-Kriegs-Commission an die Gieier Metzger verkaufen müssen, gehabt hat 18 fl.

Eberhard Muskulus vor eine Kuh, welche die Gemeinde aus Befehl Fürftl. Land-Kriegs-Commission ins französische Hauptquartier nach Lich liefern müssen 60 fl.

Dem Fuhrmann Joh. Phil. Otto von Grosenbnseck an Curationskosten wegen seinem aus einer Fahrt für die Ge­meinde Annerod nach Kölln verunglückten Pferd wiederum ver­gütet 31 fl. 30 kr."

Ebenso merkwürdig wie characteristisch für die franzö­sische Käuflichkeit und Bestechlichkeit ist die nun folgende Ab- theilung der Rechnung über Ausgabenzu Bezahlung er­preßter feindlicher particularer Geld - Contributionen, wie auch der Geschenke, welche zuweilen den französischen Befehls­habern re. um größere Bedrückungen abzuwenden, gemacht werden mußten."

Gleich der erste Posten ist bemerkenswerth. Es heißt: Einer Patrouille rother französischer Hußaren, welche am 21. April 1797 nach Annerod gekommen und entweder eine starke Quantität Fuhren mir Pferden oder 12 Carolin

baar Geld verlangt, gegenfalls das Ort angesteckt werden solle, sind von Schultheis und Vorstehern bezahlt worden 110 fl.

Eodem haben einer Patrouille französischer Reuter statt eines ins Lager verlangten Wagen mit Steinkohlen mit 4 Pferden bespannt bezahlt werden müssen 38 fl. 30 kr."

Bei diesem Posten sind die Steinkohlen besonders auffallend. Ebensogut hätten damals bie Franzosen einen vierspännigen Wagen mit Gold fordern können, er wäre ebensowenig aufzutreiben gewesen wie ein Wagen mit Stein­kohlen, die man damals bei uns noch gar nicht kannte. Ohne Zweifel sind darunter aber Braunkohlen verstanden; eine alte Grube, die wohl damals schon im Betriebe war, ist nahe bei Annerod gewesen. An Braunkohlen vom Hessenbrücker Hammer kann deßwegen nicht gedacht werden, weil dieses Bergwerk erst 1815 an einen Herrn Buderus verliehen wurde und erst 12 Jahre später in eigentlichen Betrieb gesetzt wurde.

Den 22. April 1797 hat eine Patrouille sranzösischer Reuter mehrere fette Ochsen und Kühe ausheben wollen, und um dieses zu verhüten, haben Schultheis und Vorsteher an selbige bezahlen müssen 8 Carolin 88 fl.

Eodem haben an eine französische Patrouille Canonier, welche eine ungeheure Fourage-Lieferung nebst vieler Butter ins Lager bei Watzenborn angesetzt und wovon einige ge­liefert worden, vor das nicht gelieferte aber bezahlt werden müssen 132 fl.

Den 2. Mai einem sranzösischen Commissär vor einen ansehnlichen Nachlaß an einer Fourage-Lieferung nach Garben­teich bezahlet 27 fl. 30 kr.

Den 5. Mai 1797 hat ein französischer Commissär mit 6 Reuter eine Fourage-Lieferung von 400 Rationen Heu und 400 do. Hafer nach Wetzlar verlangt, wovon aber nur 150 Rationen Heu und 200 Rationen Hafer geliefert werden können, und das übrige bezahlt werden müssen mit 66 fl.

Den 14. ejuad. Einem französischen Commissär, welcher von Lich auf angeblichen Generals Befehl gekommen, um alle im Orte befindliche Fourage mitselbst Durchsuchung der Gebäude ausfindig zu machen und aufzuschreiben, daß dieses unterblieben und eine wahrscheinlich darauf erfolgte Lieferung abwendet wurde, sind deßhalb baar bezahlt worden 33 fl.

Eodem An die Soldaten, welche die Haussuchung ver­richten sollen, sind bezahlt worden 5 fl. 30 kr."

(Schluß folgt.)

provinzielles.

Ruppertenrod, 12. März. Die älteste Person unserer Gemeinde, die Jungfer Otterbein, feierte heute ihren 95. Geburtstag. Sie ist also eine Altersgenossin des hoch- seligen Kaisers Wilhelm I. Obwohl seit einer längeren Reihe von Jahren bettlägerig, genießt sie noch die schwerstverdau- lichen Speisen und ist auch noch geistig frisch.

Ober Ohmen, 12. März. Der seitherige Pfarr­verwalter Herr Jung dahier hat die hiesige Psarrstelle defini­tiv übertragen bekommen.

+ Villiugen, 12. März. Unseren Ort zierte Jahr­hunderte lang eine Linde.Villingen bei der schönen Linde" wurde unser Dorf in früherer Zeit vielfach genannt, und ein wirklich stattlicher, wohlgepflegter Lindenbaum war es auch, unter dessen Zweigen alljährlich am Kirchweih- und anderen Festen sich die Jugend des Ortes von einer Generation zur andern bei fröhlichen Tänzen erfreute, wozu die auf den Aesten des Baumes plaeirten Musikanten ihre fröhlichen Weisen erschallen ließen. Im Lause der Zeit ist diese Linde nun dürr geworden und wurde sie in diesem Winter durch die Axt beseitigt und mit ihr ein schönes Andenken an die gute alte Zeit.

A Traishorloss, 12. März. In diesen Tagen starb zu Kassel Herr Bergwerksdireetor Ernst, unter dessen Leitung die hiesige Brikettssabrik GrubeFriedrich" erbaut und etwa neun Jahre verwaltet wurde. Im vergangenen Jahre zog Herr Director Ernst mit Familie von hier weg und über­nahm die Leitung einer ähnlichen Fabrik bei Hannover. Als heute die Trauernachricht hier eintraf, herrschte allgemeine Theilnahme über das Hinscheiden des noch im rüstigen Mannes­alter stehenden, hier wie auch in weiter Umgegend bekannten und hochgeehrten Mannes.

Dermtfdrtes»

A * Aus hem Großherzogthum Hessen, 12. März. Der Abgeordnete Racke hat bei der zweiten Kammer den Antrag eingebracht:An Großherzogliche Regierung das Ersuchen zu richten, den Landsländen eine Gesetzesvorlage zugehen zu lassen, behufs Einführung einer hessischen Staatslotterie"

A * Mainz, 12. März. Der Finanzausschuß der Stadt Mainz hat die Aufnahme eines neuen städtischen An­lehens zu oder 4% beschlossen und sieben Bankfirmen zur engeren Submission eingeladen. Mit dem Anlehen soll in erster Linie eine schwebende Schuld bei der Bank für Handel und Industrie im Betrage von etwa 21/2 Millionen Mark gedeckt werden. Gleichzeitig mit der neuen Anleihe soll auf mehrere Jahre ein Kassen-Darlehensvertrag abge­schlossen werden, wie es seither zur Deckung laufender Be­dürfnisse mit der Bank für Handel und Industrie in Darm­stand bestand.

* Berliner Grundstückspreise. Das Grundstück Friedrich­straße 194 37 Quadratruthen groß ist für den schönen Preis von 1365 000 Mk. verkauft worden.

Lingesan-t.

Gießen, 12. Marz.

Eisenbahn Londorf-Lollar betreffend.

Der kurzen Notiz in Nr. 51 des Gießener Anzeigers folgten in Nr. 53 und 57 drei weitere Besprechungen über diesen Gegenstand.

Das anscheinend erst in jüngster Zeit bekundete große Interesse für eine direkte Linie Londorf-Gießen war vor mehreren Jahren bei der ersten Vermessung Londorf-Lollar nicht vorhanden, und konnte in Folge dessen nur die kürzeste Linie mit Einmündung in Lollar gewählt werden.

Nach großen Mühen und unter Aufwand an Geld und Zeit ist endlich die Lumdathalbahn, unter thatkräftiger Unterstützung des gegenwärtigen Vertreters der Großherzogl. Regierung definitiv ge­nehmigt, und darf daran nichts mehr geändert werden!

Für die Stadt Gießen ist es nunmehr angezeigt, dahin zu wirken, einen Anschluß an diese feststehende Linie zu bekommen, und gleichzeitig dem gewerblich zurückbleibenden nördlichen Stadttheil durch Errichtung eines Nebenbahnhoses in der Nähe des Rodberges aufzuhelsen.

Eine Gebirgsbahn, wie der Artikel ad 2 in Nr. 53 befürchtet, wird diese Anlage nicht, denn von einem Punkte bei Mainzlar aus­gehend, durch die Einsattelung zwischen Hangelstein und Lollarer Kopf, unter Benützung der Gießener Landstraße, sodann Wieseck be­rührend, und am Nordende der Stadt mit Einführung in die Main- Wtser-Bahn ausgeführt, sind diese 8 bis 9 Kilometer-Bahn sehr billig iu bauen und zu betreiben. Altenbuseck bleibt selbstredend außer Acht, da cs Niemanden einfallm wird, über den dortigen Gebirgskamm eine Bahn zu legen.

Betreff. Errichtung einer Guter-Verlade- und Personen-Halte- stelle im nördlichen Stadttheil: (ob dieselbe direkt am Rodberg

angelegt wird, oder in den großen Wiesenflächen links und rechts der Marburgerstraße), muß diese Platzfrage den speciellen städti­schen Interessenten zu bestimmen überlassen bleiben! Große Kosten verursacht auch diese Anlage nicht. Daß der Hauplbahnhof Gießen durch einen derartigen Nebenbahnhof ganz erheblich entlastet wird, also das Gegentheil von dem eintritt, was der verehr!. Einsender des zweiten Artikels in Nr. 53 sagt, dürfte einleuchtend sein.

Außerdem wäre es für die Oberhessische Staatsbahn eine Kleinigkeit, ihre Linie Fulda-Gießen hier ebenfalls münden zu lassen, da es von der großen Wiese rechts der Marburger Straße bis zum Wärter Nr. 5 der Oberhessischen Bahn Kreuzpunkt der Bahn mit der Straße nach Rödgen (Zollstocksweg) nur eine kurze Ent­fernung ist.

Die Oberhessische Staats-Eifenbahn ist mit ihrem Bahnhofs- Anschluß in Gießen in einer gedrückten Lage, und muß schon gegen- wärtig die Straßenkreuzung am Seltersberg zum Rangiren ihrer Züge mitbenutzen. Eine Ablenkung ihres Güterverkehrs von Fulda, Alsfeld rc. nach dem neuen Bahnhof am Rodberg führt ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Entlastung des am entgegengesetzten Ende der Stadt belegenen Hauptbahnhofes herbei.

In Erwägung sämmtlicher maßgebender Factoren können wir unsere früher geäußerten Ansichten nur wiederholen, daß es im all­gemeinen stützen, sowohl für die betreff. Land- als auch die Stadt- Bewohner, und im Interesse des gesammten Handels- und Gewerbe­standes liegt:

1. Die befchlossene Erbauung der Bahnlinie Londorf- Lollar baldigst zur Ausführung zu bringen;

2. Die Errichtung eines NebenbahnhofrS, im Nord- ende der Stadt, zu befchlietzen und dessen Aus­führung zu bewerkstelligen fuchen. w.

titcratur Kunft

Vor uns liegen die Nummern 9 und 10 derGarten­laube . Sie bringen neben den Fortsetzungen der beiden Romane Eine unbedeutende Frau" von W. Heimburg undTruggeister" von Anton von Verfall eine Reihe ausgezeichneter Artikel aus den verschiedensten Wissensgebieten. Insbesondere verdienstlich finden wir es, daß dieGartenlaube" mit der Macht ihrer weitgehörten Stimme für die nothleidenden Weber in der Grafschaft Glatz eintritt. Ein offenbar sehr genauer Kenner der Verhältnisse schildert in be­wegten Worten die Leiden der armen Menschen, erörtert die Grunde und macht vernünftige Vorschläge zur Besserung. Möge der Aufruf derGartenlaube", die schon oft bei öffentlichen Nothständen mit kräftiger Hilfe eingegriffen bat, auch diesmal von Erfolg begleitet sein.

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