Ausgabe 
12.7.1891 Zweites Blatt
 
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Locales und provinzielles.

Gießen, 11. Juli.

Zu dem Gesammtverband der evangelischen Arbeiter- vereine gehören zur Zeit etwa 2 5 0 Vereine mit 70,000 Mitgliedern. Davon kommen auf Rheinland und Westfalen 121 Vereine, Bayern 46, Provinz Sachsen 16, Königreich Sachsen 14, Württemberg 12, Schlesien 7, Hessen- Nassau 7, Brandenburg 6, Baden 5, Pommern 4, Hessen- Darmstadt 3, Preußen 1, Posen 1.

Mainzlar, 7. Juli. Der hiesige Großherzogliche Bürger­meister, Herr Vogel, hat in voriger Woche nach beinahe 25jähriger Dienstsührung das Amt wegen vorgerückten Alters freiwillig niedergelegt.

* Darmstadt, 8. Juli. Gestern Nachmittag 4 Uhr hat sich die 20jährige Tochter des hiesigen Rendanten M. ver- muthlich in einem Anfall von Hysterie im Walthersteich (zwischen Darmstadt und Niederramstadt gelegen) ertränkt.

Aus Rheinhesien, 8. Juli. In den besseren Weinbergs­lagen ist jetzt die Traubenblüthe durch. In den ge­ringeren Lagen werden bis zur vollständigen Beendigung der Blüthe noch eine Reihe von Tagen vergehen, zumal da seit drei Tagen ziemlich kühles Wetter herrscht.

Mainz, 8. Juli. Heute Morgen fiel der in der Heilig­grabgasse aus einem Dache beschäftigte Dachdecker Schröder sammt Leiter von diesem herunter. Seine Verletzungen waren derart, daß der Tod sofort eintrat. Der Verunglückte wollte dieser Tage heirathen. Schröder diente vier Jahre aus dem KriegsschiffLeipzig" und wurde erst voriges Jahr mit einer Anzahl anderer Mainzer entlassen. Der Unglücksfall soll da­durch entstanden sein, daß die Leiter nicht fest in dem Haken eingehängt war, denn die Leiter stürzte mit aus die Straße, während der Haken noch seststeckte.

* Mainz, 9. Juli. Die vielerwähnte Streit­frage zwischen mehreren Offizieren der hiesigen Garnison und dem Archjtecten Heyl von hier wird ihren Austrag vor den Eivilgerichten erst nach den Gerichtsferien erhalten, indem die Genesung des letzteren noch nicht vollständig eingetrercn und daher die Höhe des Schadenersatzes sich erst später sest- stellen läßt. Inzwischen haben die beiderseitigen Anwälte ihre Beweisanträge gestellt. Nach demjenigen des Klägers Hehl ist der Grund zu dem blutigen Rencontre in einer Be­leidigung zu suchen, die einer der bei der Sache betheiligten Osfiziere der Braut des Klägers aus der Straße zugesügt. Der Schwerpunkt der Darstellung der Offiziere gipselt in der Behauptung, daß Heyl ein Duell mit der Erklärung abge­lehnt habe, der hauptsächlich betheiligte Lieutenant Leydecker sei nicht satisfactionsfähig, nach welcher Erklärung Heyl sich durch rasche Flucht der Verantwortung habe zu entziehen ge­sucht, woraus man ihm gefolgt und ihm die Degenhiebe ver­setzt habe. Seit drei Tagen wächst der Rhein fortgesetzt sehr stark und hat bereits eine Höhe erreicht, daß die Gefahr einer Ueberschwemmung der Ufer sehr nahesteht. Heute im Laufe des Tages ist das Wasser gegen */2 Meter gestiegen. Die städtische Pumpstation arbeitet bereits mit voller Kraft und fehlen nur mehr 8090 Centimeter bis zur Userhöhe. In den Niederungen ober- und unterhalb der Stadt sind die Felder bereits überschwemmt.

vermischtes.

* Marburg, 9. Juli. Zu dem am Sonntag den 12. und Montag den 13. Juli dahier stattfindenden hessischen Ver­

bands-Feuerwehrtage sind vom Festausschüsse große Vorbereitungen getroffen worden. Keine Ausgaben sind zu hoch, keine Mühe ist zu schwer erschienen, um das Fest zu einem wohlgelungenen zu gestalten. Bereits präsentirt sich der Festplatz in seinem ganzen Umfange- fleißige Hände rühren sich, um die letzte Arbeit, die Ausschmückung der Wirlhschasts- hallen, der Tanzplätze, des Sängerpodiums und der beiden Musiktribünen, zu vollenden. Die Anlage der electrischen Beleuchtung ist sertiggestellt und die Probebeleuchtung glän­zend ausgefallen. Gegen Sonnenschein und Regen sind die Festtheilnehmer durch vorzügliche, eigens zu dem Zwecke neu angesertigte wasserdichte Bedachung geschützt. Die Wirth- schafts-Hallen sind bewährten Händen übertragen, so daß nach jeder Richtung hin ein genußreiches Fest zu erwarten steht. Marburg ist aber auch der geeignete Boden für ein der­artiges Fest. Wie bei allen früheren Gelegenheiten vereinigen sich auch jetzt alle Stände, um das Fest zu >eDlem volksthüm- lichen zu machen. Die Anmeldungen zur Betheiligung sind in einer ungemein großen Anzahl aus allen Kreisen Hessens eingelausen; die mit dem Feste verbundene Ausstellung von Feuerlöschgeräthschasten wird eine der größten in ihrer Art sein, da dieselbe von den bedeutendsten Firmen beschickt ist. Gutes Wetter vorausgesetzt, wird das Fest in seinem Ver­lause sich würdig an die Seite seiner Vorgänger stellen.,

Kassel, 9. Juli. Ein Feuerversicherungs- Agent als Brandstifter. Ein in vielen Stücken in­teressanter Brandstiftungsprozeß gelangte vor dem hiesigen Schwurgerichte zur Verhandlung. Der Färber und Feuer­versicherungs-Agent Witzmann aus Rudolstadt, zuletzt in Sand (Kreis Wolfhagen) wohnhaft, war wegen vorsätzlicher Brandstiftung angeklagt. Witzmann kam nach Sand, ver- heirathete sich, errichtete eine Färberei und fand zuerst auch gutes Auskommen. Dann ging sein Geschäft zurück und plötzlich brannte sein Haus mit Färberei unter verdächtigen Umständen ab. Bei diesem Brande fiel es nun dem dortigen Pfarrer auf, daß die in der Nähe stehende alte, baufällige Scheuer des Gastwirths Wöllenstein Seitens der Feuerwehr sowarm behandelt" wurde, daß es dem Geistlichen selbst den Eindruck machte, als solle das übermäßig hoch versicherte, ganz unpractisch gebaute Haus mit abbrennen, weßhalb er zu dem Brandmeister ging, ihn ersuchte, die Scheune besser be­spritzen zu lassen, da er ihn für ein etwaiges Mitabbrennen der Scheune verantwortlich mache. Das half. Jetzt ging nun aber das Gerede im Dorfe, worin viele Bauhandwerker und Arbeiter wohnen, Wöllenstein habe gesagt:Ich habe keine guten Freunde, denn sonst wäre meine Scheune damals mit abgebrannt." Thatsache ist nun aber und wurde von einer Reihe Zeugen eidlich bekundet, daß Witzmann bei dem Neu- bau seiner Färberei sich so hineinrannte, daß er mit Verlust das Haus wieder verkaufen mußte und ohne Geschäft und Verdienst war. Trotzdem dies Wöllenstein wußte, empfahl er Witzmann einer Versicherungsgesellschaft in Altona als Agent und nachdem dieser das geworden, versicherte er als erstes Geschäft seine Scheune sür 2800 Mk. bei ihm, welche nach Angabe Sachverständiger etwa die Hälfte werth war. Witzmann äußerte nun zu verschiedenen Personen, Wöllenstein habe Dem 30 Mk. und einen guten Trunk versprochen, wer ihm die Scheune ansteckte. Bald darauf, im März d. I., brannte nun die Scheune ab und Witzmann hatte in derselben Nacht zu Bekannten geäußert, seine Cigarre brenne jetzt gut, dabei zeigte er ein Päckchen mit Lumpen, Schwamm rc., und meinte, indem er auf die Scheune deutete, bis das zu brennen anfange, liege er längst zu Bett. Nach dem Brande schrieb

Witzmann an die Kasseler Generalagentur, der Schaden sei noch größer, als Wöllenstein angegeben, es müsse nobel regu- lirt werden, sonst käme es zum Prozesse. Indessen erhielt W. nur die Häfte seines Brandverzeichnisses bezahlt und Witz­mann wurde zu drei Jahren Gefängniß vernriheilt.

* Bei der Felddienstübung. Einjährig-Freiwilliger (zum Unteroffizier):Ich habe jetzt eine Generalidee: gehen wir dort hinein und trinken wir ein Glas Bier." Der Unter­offizier ist natürlich damit einverstanden und nachdem sie beide gehörig getrunken, sagt der Unteroffizier zum Ein­jährig-Freiwilligen :Und jetzt hab ich eine Specialidee: Sie bezahlen!"

Universität». n«d?rid>tcn.

Dr. B. Kübler hat sich als Privatdocent für classische Philologie an der Berliner Universität habtlttirt. In seiner An­trittsrede sprach er über das Thema:Euripedes im Lichte der Kritik des Aristophanes."

Der Eustos an der Universitätsbibliothek zu Halle, Dr. H. v. Hagen, ist in gleicher Eigenschaft nach Breslau und der Eustos in Breslau, Dr. E. Seel mann, in gleicher Eigenschaft nach Halle versetzt.

Für das Fach der Physik hat sich in Leipzig Dr. Con- dres habilitirt.

Aus Bern wird mitgetheilt, daß Fürsprecher Reichel, als Führer der Socialdemokraten bekannt, von der Regierung zum Pro­fessor des Eivtlrechtsprozesses gewählt worden ist.

Das Secretariat an der Kaiser!. Leopoldinisch-Karolinischen deutschen Akademie der Naturforscher in Halle, welches bisher Dr. v. Hagen bekleidete, ist dem Signatar der Universitätsbibliothek Dr. Häberlin übertragen.

Literatur und Unnft.

Die 3. und 4. Lieferung des hochintereffanten, von Fach­leuten wie Liebhabern bereits in gleicher Weise geschätzten Werkes Durch des Gartens Kleine Wirnderwelt" von Heinr. Frhr. Schilling von Can statt ist soeben in der König!. Hofbuchdruckerei Trowttzsch & Sohn, Frankfurt a. O., erschienen. In diesem Thet! läftt der Verfasser den Leser einen Blick in die mikroskopisch kleine Pflanzenwelt im Gartenwaffer thun. Ist es auch nur ein flüchtiger Blick in das verborgene Leben und Weben der kleinen Wasserflora aus dem Reiche der unscheinbaren Sützwasseralgen, so haben wir doch eine Welt voll Wunder vor uns, welche uns hier das Mikroskop zeigt; die merkwürdige Fortpflanzung der Algen, ihre Fortbewegungs- fähtgkeit, ihr thierartiges Leben usw., Alles Gestalten wie aus einer anderen, gehetmntßvollen Welt, Alles lebende Pflanzen! Kurz, dieses Capttel bietet auf jeder Seite eine solche Fülle des Interessanten und dabet Alles in einer so meisterhaften Schilderung, daß der Leser sich hiervon in hohem Maße gefesselt fühlt. Im dritten Abschnitt behandelt der Verfasser das Pflanzenleben des Gartens, sein IFrüh- lingserwachen und Wachsthum, pflanzliche Schmarotzer und Pflege unserer Pflanzen. Der Verfasser kommt im vierten Abschnitt aus den Formenreichthum der Borsten, Wollhaare, Drüsenbaare usw. an den Pflanzen zu sprechen und schildert in einer anziehenden Äbi'and- lung die wunderlichen Organe verschiedener Pflanzen, deren K> be- und Giftwaffen, welche für uns einNoli me tangere bedeuten. Ein wahresPollcinellenthealer" d<s Pflanzenreichs ist es, das uns hier durch das Mikroskop aufgeschlossen wird. Im fünften Abschnitt werden schließlich die winzigen Verborgenblüthler als schädliches Gefolge von Feuchtigkeit und Wärme besprochen, Krankheitsptlze, Rost, Brand, das Allgegenwärttgsein der Sporen, Bacterien, kurz jene Großmacht, welche in dem frtedsamen Reiche der Pflanzenwelt keck und frech den Landfrieden bricht und einen häßlichen Vernich­tungskampf führt. Das nächste Capitel ist sodann der Pflege der Pflanzen gewidmet. Ob Laie, ob Fachmann, ein jeder Leser wird in dieser reizvollen, poetischen und hierbei ungemein lehrreichen Dar­stellung des Pflanzenlebens Stunden des höchsten Genusses finden und nutzreiche Anregung zu eigenem Forschen empfangen. Wir sind überzeugt, daß das Werk mit jeder Lieferung eine größere Anzahl von Freunden zählen wird.

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Gießen, den 9. Juli 1891.

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