Ausgabe 
12.7.1891 Drittes Blatt
 
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Ferdinand hat sich in eine zudem ältere Hofdame der Königin, ein Fräulein Vacarescu mit solcher Nachhaltigkeit verliebt, daß er selbst durch die Möglichkeit, von der Thronfolge aus­geschlossen zu werden, nicht abgeschreckt wird, seine Absichten auf eine Verheirathung mit der genannten Dame festzuhalten. Mit Hohn konnten die Minister darauf Hinweisen, daß der Thronfolger bis jetzt überhaupt noch keine andere unverehelichte Dame als Frl. Vacarescu in der Nähe gesehen habe und deßhalb noch nicht beanspruchen könne, mit seiner sogenannten Leidenschaft ernst genommen zu werden. Besteht indessen Ferdinand auf seinem Plane, so soll sein Bruder Carl Anton als Kronprinz proclamirt werden.

Cocains tttiö provinzielles.

Gießen, 11. Juli.

Das Concert erster Solisten des Hamburger Stadt- theaters, welches am Montag den 13. Juli in Steins Garten stattfindet, verspricht sehr interessant zu werden. Das Pro­gramm enthält u. A. die große Max-Arie ausFreischütz", das Banditen-Duett ausStradella", das Frühlingslied aus derWalküre, Weidts BalladeDer verbannte Polenfürst" Und den reizendenLagunenwalzer" von Strauß- letzteren singt Herr Weidmann, dann fünf Quartette und eine Anzahl Lieder.

Leuz'scher Felsenkeller. DieLötsch-Concerte", deren erstes ursprünglich schon am 10. dss. Mts. stattfinden sollte, beginnen nun definitiv heute Sonntag. Wir machen unsere Leser aus das betreffende Inserat um so mehr ganz besonders aufmerksam, als die Firma Lötsch von früher her hier in bester Erinnerung steht und diese Concerte wie bekannt auch von Familien und Damen ohne Weiteres besucht werden können und in jedem Programm das Beste geboten wird.

Der Begriff Semester. DieJenaer Ztg." schreibt: Zur Klärung des BegriffsSemester" hat unlängst das Kammergericht eine Entscheidung dahingehend getroffen, daß man darunter nicht die Periode, während welcher Vorlesungen an Universitäten und den damit gleichgestellten Instituten ge­halten werden, versteht, sondern das Kalendersemester, also für das Sommersemester die Zeit vom 1. April bis 1. Oc­tober und das Wintersemester die Zeit vom 1. October bis 1. April. Diese Entscheidung ist insofern von ganz beson­derer Wichtigkeit, als noch heute sehr viele Mißverständnisse bei der Vermietung von Wohnungen für Studirende vor­kommen. Die Mehrzahl der Vermiether will unter Semester die Zeit der akademischen Vorlesungen verstehen, während dre meisten Studirenden das Kalendersemester annehmen und da­durch nicht selten in arge Differenzen mit ihren Vermietern gerathen. Derartige Mißverständnisse treffen diejenigen Stu­direnden am meisten, welche angewiesen sind, in der Zwischen­zeit von einem Semester zum andern in der Musenstadt zu verbleiben, um Vorbereitungen zu den Examinas zu treffen oder auch angefangene experimentelle Hebungen fortzusetzen.

Ruppertenrod, 9. Juli. Von einem Steg, der in der Nähe des Ortes über die Ohm führt, fiel ein fünfjähriger Knabe in das gegenwärtig hochangefchwollene Wasser. Eine in der Nähe arbeitende Frau sah die Gefahr, in der das Kind schwebte, watete muthig in das tiefe Wasser und zog den Knaben heraus. Es war die höchste Zeit, denn schon war das Kind nach dreimaligem Auftauchen auf den Grund gesunken.

§ Ilbeshausen, 8. Juli. Auf schnelle und traurige Art ist der Müller Peter Kaiser heute ums Leben gekommen. Während seine Angehörigen im Felde weilten, war K. in der Mahlmühle beschäftigt. Als feine Frau den Kaffee zu bereiten nach Hause kam, kam ihr das Leergehen der Mühle verdächtig vor- als sie nun in dieselbe eintrat, sand sie ihren Mann stehend wider eine Holzwand gelehnt vor- derselbe fiel aber beim Berühren tobt zusammen. Wodurch der Tod hier herbei­geführt worden ist, läßt sich nicht feststellen.

Münzenberg, 9. Juli. Die Herzogin von Sachs en- Altenburg traf am vorigen Samstag, von Bad-Nauheim kommend, hier ein, besichtigte die Burgruine 'und unsere alt­ehrwürdige Kirche und kehrte, nachdem sie kurzen Aufenthalt im GasthauseZur Burg Münzenberg" genommen, wieder nach Bad-Nauheim zurück. Heber das Gesehene sprach sich die hohe Frau sehr befriedigend aus.

t Lich, 10. Juli. Heute wurde hier durch die Orts- schelle bekannt gegeben, daß infolge Verfügung Großh. Kreis- schulcommission Gießen wegen der unter unserer Kmderwelt herrschenden ansteckenden Krankheiten Masern und Rach enbräune die Schulen bis aus Weiteres geschloffen bleiben.

-r. Lich, 10. Juli. Zwei gegenwärtig hier weilende Amerikaner, geborene Licher, haben mit dem hiesigen Turn­vereine auf nächsten Sonntag, an welchem Tage in Newyork dasHessen-Darmstädrische Vereinssest" gefeiert wird, ein allgemeines Volksfest veranstaltet, welches bei Concert und Tanz gefeiert werden wird.

Klein-Zimmern, 7. Juli. Ein Knabe der hiesigen Anstalt entfernte sich beute Abend beim gemeinsamen Baden in der nahen Gersprenz etwas von seinen Kameraden und gerieth in eine tiefe Stelle, wo er in Gefahr war, zu ertrinken. Ein erwachsener Zögling, der schwimmen konnte, wollte ihm zu Hilfe eilen. Während nun der erstere sich an einem über­hängenden Strauch ans Hfer rettete, gerieth der andere in eiye starke Strömung und ertrank selbst. Die alsbald dargebotene Hilfe kam zu spät. Wahrscheinlich hatte ihn ein Krampf befallen, denn plötzlich verschwand er, um nicht wieder aufzutauchen. Der edle Jüngling, der sein Leben einbüßte, da er einen anderen retten wollte, hieß Jakob Gesinn und stammt aus Oppenheim.

* Der Sprachremiger im Waffenrock. Unter der vor­stehenden Spitzmarke bringt dasBerl. Tagebl." die folgende

nette Plauderei:Einjähriger, pennen Sie?"Nein, Herr Unteroffizier!"Na, denn bitte, helfen Sie mir mal een bisken bei't Jermanisiren", sagte der Wachthabende zu einem Marsjünger, der es sich gleich den anderen Wacheschiebern Nachts auf der Pritsche bequem zu machen versucht hatte, aber sich unruhig auf dem harten Lager hin und her warf. Hier hat Eeener in die Alljemeine Militär-Zeitung die Idee anjeregt, die Fremdwörter in unsre Heeressprache zu verjer- manisiren. Wat halten Sie, gekehrtes Huhn, von der Je- schichte?" fragte, dem gähnenden Schnurträger eine Nummer derAllgemeinen Militär-Zeitung" unter die Nase haltend, der Höchstcommandirende.Na, wat meinen Sie zu dem jeistreichen Vorschlag?" forschte der Unteroffizier weiter, als ihm der Freiwillige nach einiger Zeit das Blatt wieder zu­rückgab.Hm!" meinte der Einjährige, worauf der Wacht­habende fortfuhr:For die Jeneralität recte Heerwarts, die Stabs- und Subaltern-Offiziere, oder wie der Artikel­macher die Herrn Offiziere nennt: For die Wehrherrn wär' nu bet Richtige jefunden, aber an die Unteroffiziere rc. hat der Zeitungsmensch nich jedacht, und da hab' ich denn soeben bet Fehlende erjänzt. Hören Sie: wenn der Offizier Wehrherr" benamst werden soll, denn müssen die Unter­offiziere lojisch jefoljertUnter-Wehrherrn" sind, der Jesreite, ein deutsches Wort, bleibt Jefreiter, bis er Unter-Wehrherr wird. Det versteht sich eo ipse von selbst, aber nu, Sie Sprachjelehrter, calculiren Sie mal einen deutschen Bejriff for 'n Sergeanten aus."Scherge!" antwortet schmun­zelnd der Einjährige.Na, Sie, det is anstößig! Wissen Sie nischt Besseres?"Unter-Feldwebel!"Det wäre eher wat for'n Vize-Spieß- aber weiter!" Der Ein­jährige zuckte mit den Achseln.Bon. Denn lassen wir das vorläufig, und hören Sie weiter: Die Rekruten würde ich Wehrjungens" tituliren."Und uns Einjährig-Freiwillige?" scherzte dasgelehrte Huhn."Euch Einjährige? Na, warten Sie mal! For Euch wäre det WortWehrbaby" wie gesunden." Das laute Auflachen des Freiwilligen weckte die Pritschenschläfer, die ohnehin bald zur Postenablösung an­treten mußten.

* Der Studiosus Müller lag schwer am Nervenfieber darnieder. Seine Freunde wachten Tag und Nacht bei ihm und lösten sich alle drei Stunden ab. Um Mitternacht trat der Student Klein die Wache an. Sem Vorgänger war sehr betreten:Sieh zu, wie du ihm die Medicin beibringst. Der Arzt hat gesagt, daß seine Rettung davon abhängt. Müller hat mir immer den Löffel weggeschlagen. Es ist wohl keine Rettung mehr!" Und nun war Klein bei dem Kranken allein. Jeder Versuch, ihm die Arznei beizubringen, schlug fehl. Kaum war der Löffel am Munde, so schlug ihn der Kranke fort. Klein war in Verzweiflung, alles Zureden war vergeblich. Da kam ihm ein glücklicher Gedanke. Müller", rief er, den gefüllten Löffel in der Hand, mit lauter Stimme,Müller, ich komm' Dir 'nen Halben" Prost! Ich komm gleich mit!" gurgelte der Kranke mit matter Stimme, trank mit kräftigem Zuge die Medicin aus dem Löffel und war gerettet.

* Aus dem Schmierenleben. Man schreibt aus dem Erzgebirge: In dem armen erzgebirgischen Orte Nieder- neuschönberg bei Olbernhau hat derTheaterdirector" Diettsch gegenwärtig seinen Thespiskarren im Gasthofe zum Wilden Mann" aufgeschlagen. Seine beiden Repertoirstücke sind die beiden berühmten TragödienRitter Theobald von Wildenfels oder der Kindesraub" undDie lange Schicht zu Ehrenfriedersdorf." In einem empfehlenden Hinweis auf diese beiden Werke der deutschen Dramendichtung macht der Herr Director nun Folgendes bekannt:Für diese zwei Vor­stellungen erlaube ich mir besonders ein geehrtes Publikum einzuladen, da ich mit der Ausführung derselben jeder Con- currenz die Spitze biete. Bestrenommirtes Geschäft, bitte nicht mit verschiedenen anderen derartigen zu vergleichen. Spiel- waaren jeder Art werden vorher als Zahlung im Theater- local angenommen." Die kunstliebenden Bewohner von Nieder­neuschönberg fabriziren nämlich hausindustriell Spielwaaren aller Art. Es dürfte ihnen besonders in der jetzigen theueren Zeit vielfach am nöthigen Baargeld fehlen, worauf der welt- erfahrene Theaterdirector gebührende Rücksicht nimmt.

* Begreiflicher Ueberdruß. Präsident:Der Gerichtshof hat Sie zu vier Jahren Zuchthaus verurtheilt. Wollen Sie Revision gegen das Hrtheil einlegen?"Nee! Ick bin froh, wenn ick mal 'ne Zeitlang keene Richter mehr sehe!"

* Militärisch. Ein alter Hauptmann ließ einst nach dem Exerzieren seiner Compagnie, das schlecht ausgefallen war, einen der Corporale, der besonders ungeschickt gewesen, vortreten, und als dieser dicht vor ihm Front machte, herrschte er ihn an:Corporal, nenn er mich einen Esel!" Corporal (höchst erschrocken):Herr Hauptmann, wie könnte . . . ?" Hauptmann:Ich befehle ihm, mich sogleich laut und deutlich einen Esel zu nennen." Corporal (ganz verdutzt):Aber ich bitte ich . . . ?" Hauptmann (wüthend):Ich befehle ihm zum letzten Mal, zu thun wie ich gesagt." Corporal (mit bebender Stimme):Herr Hauptmann, Sie sind, weil Sie es so befehlen, ein Esel." Hauptmann (befriedigt):Recht so! Aber weiß er auch warum? Weil ich ihn zum Corporal gemacht habe. Kehrt Marsch!"

* Auch ein Unfall. Commis:Ich muß Sie um Er­höhung meines Gehalts bitten, Herr Prinzipal- ich habe ge- heirathet." Prinzip al:Erlauben Sie: für Hn fälle außerhalb meines Betriebes können Sie mich doch nicht ver­antwortlich machen!"

* Das Schönste. Führer:Schau'n S' mal das schöne Thal da unten an, meine Herrschaften! Schade, daß Sie 's Schönste darin von hier aus nicht sehen können!" Fremde:Hnd das ist?" Führer:'s Bier!"

* Selbstbewußt. Köchin:Sehnse, gnädig'e Fran, da wollten Sie immer een Kuchen allein backen, jetzt ist er verdorben Sie denken wohl, das ist ebenso leicht wie Clavierspielen?"

Landwirtschaftliche Winke und Rathschläge.

A Au- Oberhesse«, in der ersten Julidecade.

Die Ernte rückt näher heran. Im Hinblick auf die ununter­brochen fortdauernden, ausschreitenden Witterungserscheinungen ist es mehr als je geboten, der Einheimsung deS Getreides recht­zeitig feine Aufmerksamkeit zuzuwenden und nichts zu versLrnne«, was dar« beitrügt, de« Erntesege« gut «nter Dach iw bringen. Eine Bauernregel sagt: Gut gesät, ist schon halb ge­erntet. Aber gut geerntet, das ist die Krone des Werkes.

Jeder Landwirth weiß: Der gute Erfolg seiner mühevollen Thätigkeit hängt von den Maßregeln ab, die er trifft, um seinen Zweck zu erreichen. Das bezieht sich in allererster Linie auf die Einbringung der Getreideernte, weil gute oder schlechte Witterung tief einschneidet. Die Witterung ist sozusagen die höchste und letzte Instanz, welche entscheidet: ob die landwtrthschaftlichen Producte von guter, mittlerer ober schlechter Qualität sein werden. Wenn daher die Witterung eine ausschreitende, unberechenbare ist, (wie dies seit einigen Jahren der Fall), dann muß der Bauer doppelt auf der Hut sein, er darf nichts dem Zufall überlassen, er muß stets mobil gemacht haben, um jeden Moment seine Truppen an die meist bedrohten Punkte beordern zu können.

In erster Linie ist der richtige Zeitpunkt für die Korner- i ernte zu bestimmen. Erfolgt die Ernte z« früh, ehe die Körner völlig ausgebildet sind, dann schrumpfen sie zusammen, wenn sie trocknen; die Frucht erhält ein verhutzeltes, schlechtes Aussehen, das Mehl Leidet darunter und der Kaufliebhaber zahlt bedeutend weniger, als für richtig ausgeretfte, regelrecht getrocknete Früchte. Geschieht das Abmähen der Halmfrüchte z« spät, so risktrt man das Aus­fallen der Körner und die Mtnderwerthigkeit des Strohes, was folglich ebenso nachtheilig ist, wie das zu frühe Mähen. Wir wollen uns daher über die drei Stadien: Milchreife, Gelbreife und Bollreife etwas näher aussprechen.

Bet der sogen. Milchreife sind die Körner wohl schon voll­kommen ausgebildet, aber man bemerkt an den oberen Halmtheilen und den Blattscheiden noch eine grünliche Färbung. Nimmt man eine Aehre heraus und enthülst die Körner, so ergibt sich, daß auch Letztere noch an den Längsfurchen und dem Rücken einen grünen Schimmer haben. Zerschneidet man die Körner, so ergibt sich, daß der Inhalt noch eine milchige Beschaffenheit hat. Die Bildung und Ablagerung des Stärkemehls ist also noch nicht weit genug vor­geschritten und man sagt, der Kern ist Milchreis, weil eben der Inhalt noch milchig erscheint. So lange das Getreide nicht weiter in der Reife vorgeschritten ist als bis zur Milchreife, soll man mit dem Abmachen noch nicht beginnen, weil das Nachreifen nicht zur völligen Ausbildung des Kernes genügt, wie wir oben angedeutet haben. Der Landwirth schadet sich empfindlich, wenn er zu frühe erntet.

Der richtige Zeitpunkt zum Getreidemähen ist der Zustand der Gelbreife. Dieses Stadium erkennt man leicht, wenn man beim Untersuchen des Halmes und der Aehre darauf achtet, ob die grün­liche Färbung verschwunden ist. Die Körner sind nun schon ziemlich fest geworden, sie lassen sich aber noch zusammendrücken und zer­schneiden. Der Inhalt ist nicht mehr milchig, sondern mehlartig ausgebildet. Man kann den Kern aber noch über den Nagel brechen. Im Zustande der Gelbreife sollte man die Körnerfrüchte allgemein abmähen. Was noch nicht ganz reif ist, wird durch die Nachreife vollendet.

Die Nachreife geschieht dadurch, daß das in dem Kern befind­liche Wasser nach und nach verdunstet. Diese Verdunstung geschieht, einerlei ob das Korn noch auf dem Halme steht ober ob letz lerer abgeschnttten am Boben liegt. Das Ansehen bes Kernes, sowohl von außen wie von innen ist ein gutes, der Käufer wird also nicht abgeschreckt. Das Stroh ist im Zustande der Gelbreife ebenfalls werthvoller als bei der zu späten tobten ober Vollreife.

Ein anberer Punkt in Betreff ber Gelbreife bebarf noch der Erwähnung. Geschieht die Ernte zu frühe, also im Zustande der Milchreife, dann ist z« befürchte«, daß die Keimkraft des Kernes «och «icht hinreichend ausgebildet ist. Wer solche Früchte als Saematerial verwendet, der rtskirt, daß nur sehr wenig Körner ausgehen, er setzt also eine ganze Ernte aufs Spiel.

Es bleiben nun noch einige Worte über den Zustand der Vollreife, auch tobte Reife genannt, zu sagen.

Wenn heißes, trockenes Wetter eintrttt, so folgt auf bie Gelb­reife nach wenige« Tage« die todte oder Bottreife. Die Fruchtkörner sind durch die starke Hitze völlig ausgetrocknet und ganz hart geworden, sie lassen sich also nicht mehr über den Nagel brechen und krachen, wenn man sie zerbeißt. Die Körner sitzen auch nicht mehr fest in den Aehren, sondern fallen beim Mähen oder Schneiden, besonders aber beim Binden und Auflaben der Garben massenhaft aus. Grabe bie gesünbesten unb werthvollsten Körner fallen aus, weil biefe am meisten in ber Reife fortgeschritten find unb baher am leichtesten in ben Hülsen sitzen. Der Kömerverlust kann ein sehr bebeutenber fein, währenb die Qualität der Früchte durch die tobte Reife nicht im Geringsten gewinnt.

Aber nicht blos bie Körner, auch das Stroh verliert bei der lleberretfe. Bei Gelbreife ist der Halm noch in der oberen Hälfte saftig unb zähe, es ist bemnach zu Setlstroh unb Fütterungs­zwecken viel geeigneter, als überreifes Stroh, welches leicht bricht, schwer verdaulich ist, denn es besteht ja fast aus reinster Holzfaser, unb auch deshalb von dem Vieh ungern angenommen wird. .Es folgt daraus, daß die tobte ober Ue&erveife ihre großen Nachtheilebat.

Was wir hier vorführten, gilt ebenso gut für die kleinste wie für die größte Oeconomie. Nach unseren, mehr als dreißigjährigen Erfahrungen empfiehlt es sich: lieber ein wenig zu früh, als zu spät anzufangen, denn zuletzt drängt sich alles zusammen. Die Arbeiten sind bann gar nicht wehr zu bezwingen unb starke Verluste finb unvermeiblich. Eine Ausnahme giebt es aber doch auch hier und diese soll gebührend hervorgehoben werden. Wenn Klima unb Boben bes Gutes so beschaffen finb, baß z. B. hochfeine Braugerste gebaut werben kann, bann schneibet man biefe erst in der Vollreife, damit man sie nur kurze Zeit auf dem Felde liegen zu lassen braucht, auf baß der Kern in seiner Farbe nicht geschädigt wird. Der Schaden durch den Körnerausfall wird durch den höheren Preis der schönen Waare wieder ersetzt.

Citeratur ttttfr Ktuift.

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