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Ur. 133

Freitag den 12. Zum

1891

Gießener Anzeiger

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Lag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. j ^0111111^10lUUer. \ Anzeigen für den .Gießener Anzeiger- entgeg«.

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Bekanntmachung.

Wir bringen hiermit zur allgemeinen Kenntniß, daß die Ankäufe von Heu, sowie Roggen- und Haferstroh für das Maga­zin des Königl. Proviantamtes Bockenheim gleich nach Beginn 'der Heu- bezw. Roggen- und Hafer-Ernte ausgenommen werden.

Zur Ertheilung jeder schriftlichen oder mündlichen Aus­kunft über Preis- und Qualitätsverhältniffe ist das Königliche Proviantamt Bockenheim bereit.

Gießen, 10. Juni 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. __v. Gag er n.

Gießen, 10. Juni 1891.

Betr.: Die Auszahlung der Werths- und Schadensersatz­beträge in Feldstrassachen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großherzoglichen Bürgermeistereien und Gemeinde-Einnehmer deS Kreises.

Seitens Großh. Ministeriums der Finanzen ist, um die Verhältnisse der rubricirten Auszahlung zu verbessern, bestimmt worden, daß die Werths- und Schadensersatzbeträge aus allen 6 Perioden eines Jahres in einer Zahlungsliste zu berechnen sind. Danach wird sich das Guthaben jedes einzelnen Em­pfangsberechtigten in einer Summe darstellen und für das ganze Jahr immer nur eine Quittung auszustellen sein.

Diese Einrichtung wird im Herbst 1892 für die 6 Pe­rioden des Etatsjahres 1891/92 zum ersten Male zum Voll­zug kommen.

Die Großh. Bürgermeistereien wollen den Gemeinde-Ein­nehmern durch Mittheilung des Anzeigers von dieser Verfügung noch besonders Kenntniß geben.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 10. Juni. Vierte evangelische Landessynode. Die heutige Schlußsitzung der Synode wird mit der Verkündigung einer Reihe neuer Einläufe und Berichtsanzeigen eröffnet. Zunächst gelangt das Gesuch der in Gießen wohnhaften Wittwen von evangelischen

Geistlichen um Aufbesserung ihrerWittwenpension zur Berathung. Von Seiten des Ausschusses wird das Ge­such ablehnend beschieden. Von dem Abg. Brand-Mainz wird zunächst darauf hingewiesen, wie die Wittwenkasse zu i reorganisier: sei, um sie vor dem Zurückgehen in ihrem Ver- \ mögensftande zu bewahren. Ersparnisse könnten dadurch ge­macht werden, daß die Verwaltung, resp. die Rechnungs- sührung, welche jetzt provinziell gehandhabt werde, in eine Hand, mir dem Sitze des Rechners in Darmstadt, gelegt werde. Dadurch würden bedeutende Ersparnisse gemacht, ! welche man den Wittwen zuweisen könne. Er stellt einen ! diesbezüglichen Antrag in Aussicht. Präsident Goldmann » erwidert hierauf, die Ursache der getrennten Verwaltung der ; Wittwenkasse bestehe in der Entstehung der Kasse selbst. Früher § seien es provinzielle Eifersüchteleien gewesen, welche eine ge- ! trennte Verwaltung nöthig machten. Seitens des Ober-Con- ! sistoriums sei die Vereinigung der drei Provinzialkassen ernst- j lich ins Auge gefaßt worden und auch ein Theil der Geschäfte ; vereinfacht dadurch, daß sämmtliche Einnahmen und Ausgaben ! in der allgemeinen Wittwenkasse verrechnet würden. Daß ; heute eine Centralisirung noch nicht stattgefunden habe, liege i im Interesse der Wittwenkasse selbst. Viele der Gelder der \ Wittwenkasse in Oberhessen seien in Hypotheken angelegt und \ es sei daher gut, in Gießen eine Verwaltung zu haben, um I rechtzeitig einschreiten zu können. Es sei durch die Thätig- j feit des Rechners in Oberhessen, dessen Verwaltung aus- $ gezeichnet sei, herbeigeführt worden, daß die Hypotheken heute J noch zu 4j/2 und 5 pCt. verzinst würden. Ebenso sei dieses von Rheinhessen der Fall, wo noch sehr viele Hypotheken mit 5 pCt. verzinst werden. Daß es dem Rechner von Darm­stadt nicht möglich sei, diese Hypotheken von da aus zu ver­walten, liege auf der Hand. Durch die Anlegung der Capi- ? talien in Papieren wäre die Centralisirung wohl zu machen, ! sei aber dann auch mit großen Nachtheilen verknüpft. Herr : Prälat Habicht erklärt, daß in der Synode wohl Niemand ; sei, der nicht ein warmes Herz für die Pfarrerswittwen habe ' und daß es wohl richtig sei, daß man mit einer Pension von ; 850 Mk. nicht hinreichte, um eine Familie zu ernähren. Das - Ober Consistorium habe ja schon lange den Wunsch im Auge gehabt, diese Pensionen zu erhöhen. Allein dieser Wunsch müsse auch jetzt noch unerfüllt bleiben, denn es walte ein ge­wisser Unstern über der Wittwenkasse. Anstatt daß sich die Zahl der Wittwen allmählich vermindert hätte, sei dieselbe

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immer größer geworden- wenn eine Wittwe mit Tod ab­gegangen sei, seien zwei andere Wittwen wieder dagewesen, welche Anspruch an die Kasse erhoben. Außerdem sei eine große Anzahl von Wittwen vorhanden, welche das 70. unb- 80. Jahr überschritten hätten. Es sei nun selbstverständlich, daß man nicht wünschen könne, daß diesen das Leben gekürzt würde zu Gunsten ihrer Mitschwestern, zumal sie sich einer guten Gesundheit erfreuten, allein dies seien lauter Momente, welche vorerst eine Erhöhung dee Wittwengehalte unmöglich machen. Seitens der Synodalen Dr. Diesfenb ach und Weiffenbach wird lebhaft bedauert, daß es nicht in der Macht der Synode liege, den Bittstellern zu entsprechen. Letzterer stellt einen Antrag, daß das Gesuch nur zur Zeit abgelehnt werde. Die Abgeordneten Müller, Brand und Dieffenbach sprechen gegen diesen Antrag, um den Wittwen gegenüber keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen. Seitens des Abg. Brand ist ein Antrag dahingehend gestellt, das Oberconsistorium zu ersuchen, die Verhältnisse und finanzielle Verwaltung der geistlichen Wittwenkasse mit dem ersten Aus­schuß einer Prüfung zu unterziehen und eventuell eine Ver­einfachung der Verwaltung herbeizuführen. Der Antrag geht an den ersten Ausschuß. Nach erfolgter Abstimmung gelangt der Antrag des Ausschusses gegen eine Stimme zur Annahme, Der Antrag Weiffenbach wird gegen 4 Stimmen abgelehnt.' Nunmehr erfolgt nochmals Besprechung der Interpellation Weiffenbach auf Einführung eines allgemeinen deutschen Buß- und Bettages im Deutschen Reiche. Das Ober-Consistorium steht auch heute noch auf demselben Standpunkte, wie es gestern erklärt hat. Beschluß wird keiner gefaßt. Zum Schluß der heutigen Verhandlung wurden noch folgende Wahlen vorgenommen und zwar zunächst Wahl eines außer­ordentlichen Ausschusses von sechs Mitgliedern zur Mitwirkung bei der Feststellung eines zu entwerfenden Planes der ander- weiten Regelung der kirchlichen Vermögensverwaltung. Hierzu wurden gewählt die Synodalen Heß, Weber, Kalb H enn, Wahl-Schlitz, Brand und Walter. Als Mitglieder der Commission für den Katechismus-Entwurf für die unirten Gemeinden der Landeskirche werden gewählt die Synodalen Walter, Wiener, Hager, Ree und Schäfer. Hiermit ist die Thätigkeit der Synode beendigt. Ein kurzes Gebet des Synodalen Kalb Henn beschließt die Sitzung. Im Herbste tritt die Synode voraussichtlich nochmals zusammen.

F-nMston.

Dkr Kuß.

Erjählur.g von I. Piorkowska.

(Nachdruck verboten.)

I.

Kaum acht Monate waren nach dem Tode von Rosis Mutter vergangen, kaum fühlte ihr dreizehnjähriges ver- tvaisteS Töchterchen sich im Hause ihrer Tante, die das eltern­lose Kind als Hausgenossin zu sich genommen, einigermaßen heimisch, als sich eines Abends eine große geladene Gesell­schaft daselbst zusammenfand. Das that dem noch immer liefbckümmerlen Kindesherzen unendlich weh. Was aber konnte das Kind dagegen rhun? Nichts, als ihre Tante Litten, der frohen Menge sernbleiben zu dürfen.

So weilte sie allein in ihrem Zimmer. Während Musik und frohes Lachen aus den Gesellschaftsräumen nur gedämpft zu ihr heraufklangen, stand sie am offenen Fenster, ließ sich von der kühlen Herbstluft fächeln und schaute ernsten, trau­rigen Blickes in die Ferne, der treuen Mutter gedenkend. Wie einsam, wie verlassen fühlte sie sich, seitdem sie dieselbe verloren hatte!

Ihre Tante war eine kalte, egoistische Natur, ihre Cousinen, beide schon erwachsene junge Damen, hatten kein Berständniß für die Gefühle und Empfindungen der armen, elternlosen Waise.

Da that sich unter Rosis Fenster die Balkonthüre auf und die Unterhaltung der beiden Heraustretenden weckre sie aus ihrem trüben Sinnen.

Wo ist eigentlich Ihre kleine Cousine?" hörte sie eine wohlbekannte Stimme fragen.

Es war Herr von Ensbach, ein seiner, junger und reicher Mann, den Tante Marie vor allen anderen jungen Männern besonders auszeichnete, und für den Cousine Martha stets ihr liebenswürdigstes Lächeln hatte.

Auch jetzt war es ihre Stimme, welche Herrn v. Ensbach antwortete.

Sie meinen Rosi?" erwiderte sie in geringschätzendem .Tone,das thörichte Ding erklärt uns für kalt und herzlos, ,

weil wir endlich wieder einmal frohe Gäste in unserem Hause haben wollten- sie weigerte sich ganz entschieden, Theil an der Gesellschaft zu nehmen, und hat sich in ihr Zimmer ein­geschlossen. Tante ist ja seit bald einem Jahre tobt, wir können ihrethalben doch nicht unser ganzes Leben wie die Nonnen vertrauern."

Ohne etwas zu erwidern, hob Ensbach den Kopf und schaute unwillkürlich nach dem Fenster, das, wie er wußte, zu Rosis Zimmer gehörte. Diese trat zwar rasch zurück, doch nicht schnell genug, als daß Jener nicht noch einen Moment ihr thränenseuchtes Gesicht bemerkt hätte.

Als eine Stunde später Rosi aus dem Garten zurück­kehrte, wo sie auf Wunsch ihrer Tante geholfen hatte, den Theetisch für die Gäste zurecht zu machen, trat ihr, wie sie durch die Seitenthür unbemerkt wieder in das Haus schlüpfen wollte, Ensbach entgegen.

Halt, meine Kleine!" rief er, indem er sie an der Hand festhielt und ihr freundlich in die blauen Augen sah, so darfst Du mir nicht entgehen! Vorerst will ich wissen, warum Du geweint hast."

Meine Cousine hat es Ihnen ja schon gesagt," er­widerte die Gefragte lakonisch.Sie sollten mich aber darum nicht verspotten," setzte sie fast vorwurfsvoll hinzu.

Dich verspotten?" wiederholte Ensbach ernsten Tones, im Gegentheil, Kind, ich kann Dir nur Recht darin geben, daß der Kummer um Deine Mutter noch zu neu ist, um Freude an Lustbarkeiten haben zu können. Glaube mir, ich fühle aufrichtig mit Dir."

Bei diesen Worten beugte er sich zu dem Kinde nieder und drückte einen Kuß auf seine Stirn.

Rosi," fuhr er in herzlichem Tone fort,in wenigen Wochen verlasse ich L . . . aus mehrere Jahre, wenn ich dann zurückkomme, bist Du inzwischen eine junge Dame geworden."

Leider!" seufzte sie.

Leider?" wiederholte er lächelnd.

Ja," nickte sie,ich mag die jungen Damen nicht leiden- die denken an nichts anderes, die reden von nichts anderem, als von Putz und Staat, von Männern, Bällen und Theater, und gegen mich sind sie stets kurz und unfreundlich, wie kein anderer Mensch sonst."

IMeinst Du, daß alle jungen Damen so sind, wie Du sie da schilderst?" sprach Ensbach und sah das Mädchen dabei halb ernst, halb mitleidig an.

Das . . . das weiß ich nicht," versetzte sie,meine Cousinen wenigstens sind so, und andere junge Damen kenne ich nicht."

Und Deine Mutter, Rosi? die war auch einst jung: glaubst Du, daß sie ebenso gewesen ist?"

O nein, nein!" stieß das Mädchen jetzt hastig hervor, indem sich dunkle Röthe der Entrüstung über sich selbst über ihre zarten Züge ergoß,meine Mutter muß stets so edel und gut gewesen sein, wie ich sie kannte."

,,^o suche, es ihr gleichzuthun willst Du das?"

Ich will es versuchen," -hauchte Rosi mir zu Boden gesenktem Blick.

Um Deinet- und auch um meinetwillen, Kind, hoffe ich, wird es Dir gelingen," entgegnete Ensbach in fast feierlichem Tone.Und jetzt muß ich Dich verlassen- willst Du mir keinen Abschiedskuß geben?"

Und wie er sich zu ihr niederbog, drückte sie in kindlicher Unschuld ihre Lippen auf die seinen.

//Du bist ein kleines, wunderliches Geschöpf," lachte Ensbach, als seine Augen dann noch einen Moment auf ihrem traurigen Gesichtchen ruhten.Was würdest Du mir I wohl antworten, wenn ich Dich jetzt fragte, ob Du mich I lieb hast?"

Die Wahrheit," versetzte das Kind ohne Bedenken.

Dann will ich Dir lieber die Verlegenheit dieser Ant­wort ersparen," fuhr Jener fort,aber sag, Rosi, wirst Du mir auch einen Kuß geben, wenn ich zurückkehre?"

Dte Gefragte nickte.

Bedenke aber wohl, daß Du dann eine junge Dame bist."

Trotzdem aber werde ich noch dieselbe sein."

Das hoffe und wünsche ich," sprach Ensbach,ich werde Dich an Dein Versprechen erinnern. Vergiß auch Du es nicht. Und nun lebe wohl!"

Damit wandte er sich dem Garten zu, wo die Gesell­schaft jetzt plaudernd einherpromenirte, während die kleine Rosi in ihr einsames Zimmer zurückkehrte.

(Fortsetzung folgt.)