Sonntag den 12. April
Gietzener Anzeigen.
Beilage zu Nr- 84. - 1891.
Feuilleton. 1
Ein Scheuerfest und seine Folgen.
Bon Alexander von Degen.
(Nachdruck verboten.)
Major v. Bach, der Commandeur des in L. stehenden Füsilier-Bataillons, war ein stattlicher Herr. Manches holde Mädchenantlitz blickte verstohlen hinter den Gardinen hervor, wenn er die Straßen des Städtchens herunterschritt, manches Frauenauge leuchtete in heimlichem Triumphe, wenn der Major die Besitzerin desselben um einen Tanz bat.
Aber die mit dem Eisernen Kreuze I und unzähligen anderen Orden geschmückte Brust des jugendlichen Com- mandeurs — Herr von Bach war erst achtunddreißig Jahre — schien unempfindlich gegen jeden derartigen Blitzblick, der andere Söhne des Mars in helle Gluth versetzt hätte.
Im Dienst war Herr v. Bach unnachsichtlich, außer Dienst der liebenswürdigste Kamerad, der es auch nicht verschmähte, im Kreise der jüngsten Offiziere zu verkehren. Er war daher eine sehr beliebte Persönlichkeit in L.
Er bewohnte die elegante erste Etage in dem großen Kaufmann Erler'schen Hause am Markt, war „stylvoll eingerichtet", wie die Herren sagten, die bei ihm zum Oestereu zu ausgezeichneten kleinen Herren - Soupers geladen waren, welche sich wegen des ungezwungenen Tones, der exquisiten Weine und Speisen einer gewissen Berühmtheit erfreuten.
Seit einem Vierteljahre hatte der Major in seinem Haushalt, der bis jetzt nur aus ihm, seinem Burschen und Reitknecht bestanden hatte, in der Person von Frau Susanne Schill, Feldwebelswittwe, einen Zuwachs erhalten.
Einestheils hatte Herrn v. Bach die kümmerliche Lage der alten Soldatenfrau dazu veranlaßt, ihr bei ihm eine Unterkunft zu verschaffen, anderntheils aber auch die Aussicht, daß er nun nicht immer, wenn er ein Fest gab, von Köchen oder Kochsrauen abhängig war, denn „Mutter Schill", wie die Burschen die alte Frau nannten, verstand sich auf das Kochen ausgezeichnet. Im Uebrigen sah er seine Haushälterin höchst selten, alle Aufträge gingen durch Friedrich, den wohlgeschulten Burschen, das Factotum des Majors. Letzterer hatte keine Ursache, mit der Vermehrung des Haushalts unzufrieden zu sein.
Der Kaffee Morgens war jetzt entschieden schmackhafter als das Gebräu, welches Friedrich früher destillirte, zum zweiten Frühstück, das der Major stets nach dem Dienst zu Hause zu nehmen pflegte, gab es fortan oft angenehme Überraschungen, an die er früher nie gedacht, als höchst schmackhafte kleine Hammelcotelettes, deliciöses Rührei, Ragout fin en Coquilles, ein Brathühnchen u. s. w.
Als nun gar der Herr Major einer starken Erkältung wegen gezwungen war, vierzehn Tage das Zimmer zu hüten, lernte er erst die Vorzüge Frau Susannes schätzen.
Wie theilnehmend ließ sie durch Friedrich fragen, ob der Herr Major zu diesem oder jenem Gericht Appetit hätten, und wie wundervoll war alles gekocht.
Was früher nie geschehen, nach seiner Genesung aß Bach statt wie sonst im Casino die Woche mindestens zweimal bei sich zu Hause, lud auch öfter einen oder mehrere Herren ein, die nicht genug von den saftigen Fasanen, vorzüglichen Krammetsvögeln und anderen Salondelicatessen zu erzählen wußten.
So wirthschastete der Herr Major mit Frau Susanne in bestem Einvernehmen bereits ein Vierteljahr hindurch, nicht der leiseste Mißton war in der ersten Etage des Hauses am Marktplatz gefallen. Das Osterfest stand vor der Thür und, was für Bach noch wichtiger war, am Mittwoch vor dem Feste war Bataillonsvorstellung, zu welcher der Herr Oberst, sowie der General aus der Residenz ihr Erscheinen angekündigt hatten.
Die Vorstellung des Bataillons ließ den Herrn Major völlig unbesorgt, er wußte, daß er gut abschneiden würde; dagegen machte ihm das kleine Diner, das er zu Ehren der Vorgesetzten in seiner Wohnung geben wollte, nicht geringe Sorge. Es sollte eben etwas extra Exquisites geben.
Frau Susanne wurde deßhalb in das Schreibzimmer Bachs befohlen, sie war das erste Frauenzimmer, das diesen geheiligten Junggesellenraum betrat. Wäre der Herr Major nicht so eifrig mit der Zusammensetzung des Menus beschäftigt gewesen, ihm wäre wohl kaum das mißbilligende Kopfschütteln Mutter Schills entgangen, mit welchem dieselbe das Zimmer musterte.
Allerdings sehr ordentlich sah es in demselben nicht aus, aber alles war so zur Hand, wie es der Besitzer gebrauchte. Was aber das besondere Mißfallen Frau Susannes erregte, war erstens in der Ecke dort am Fenster ein großes Spinngewebe, in dem unzählige Fliegen hingen, zweitens der braune Hühnerhund Pluto, der ouf den weichen Kissen des Sophas seine schlanken Glieder dehnte und leise knurrte, als die Dame eintrat. Diese Aversion des Hundes, der sonst nie Jemanden belästigte, war verwunderlich,' aber ein kurzes „Kusch Pluto" ließ diesen verstummen.
Dennoch verwandte der Hund kein Auge von Frau Schill, da ihm wahrscheinlich die Püffe in den Sinn kamen, die er vor einigen Tagen gelegentlich eines Besuches in der Küche mit dem Borstenbesen erhalten.
Nach einer halben Stunde eifrigen Discutirens waren Herr und Dienerin über den gastronomischen Theil des Vorstellungstages einig und Susanne knixte aus dem Zimmer: ,,Der Herr Major werden mit allem zufrieden sein!"
In bester Stimmung zog sich Bach an und ging in das Casino. Kaum hatte er das Haus verlassen, als Frau
Susanne, mit ihrem geliebten Borstenbesen bewaffnet, die Treppe heraufeilte und das Zimmer des Herrn Majors betrat.
Pluto lag im schönsten Schlummer und träumte anscheinend gerade von einer lustigen Jagd, denn er jauchzte mehrere Male.
„Das ingfahme Vieh auf den schönen Kissen, nee es is eine Schande!" ries Frau Schill entrüstet, und gleichzeitig berührte der Borstenbesen nicht eben sanft den Rücken des Schlummernden. Dieser fuhr empor, sprang, als er den Borstenbesen drohend über seinem Haupt sah, mit einem Satz unter den Tisch in der Mitte der Stube und fletschte die Zähne. Doch Frau Susanne kannte keine Furcht, wenn sie den Borstenbesen als Waffe in der Hand hatte. Sie öffnete die Thür, stocherte mit dem Besen unter den Tisch und rief: „Hinaus, du Viehzeug, marsch in den Stall, wo du hingehörst!"
Pluto folgte dieser freundlichen Einladung, witschte zur Thür hinaus und raste die Treppe hinunter, gerade zwischen die Beine des Hauswirths, des dicken, behäbigen Kaufmanns Erler. Der Anprall kam zu unvermuthet, Herr Erler verlor die Balance und flog sechs Stufen hinunter mit einem Gepolter, als stürzte das Haus ein.
Während Frau Susanne als vorsichtige Frau die Thür des Zimmers schloß, eilte unten Frau Erler herbei.
„Aber, Mann, was ist denn?" ries sie, „hast Du Dir Schaden gethan?"
„Nein, nein, Gott sei Dank, daß es so abgegangen ist, der Hund des Herrn Majors muß toll sein, schnell gib mir einen Cognac, ich habe fürchterliches Herzklopfen."
Herr und Frau Erler verschwanden im Laden.
Frau Susanne aber handhabte ihre Waffe gar eifrig oben in dem Zimmer des Majors, wischte dann auf dem Schreibtisch umher und verschwand ungesehen, wie sie gekommen. Als der Herr Major aus dem Casino trat, wunderte er sich nicht wenig, Pluto an der Thür desselben zu finden. Der Hund bellte laut vor Freude, da er seiner ansichtig wurde.
„Was der Hund nur hat," dachte Bach. „Er ist heute so seltsam, heuu' Mittag schon knurrte er die Alte an, was er sonst nie thu
In Begleitung des Hundes gelangte er an sein Haus. Am Ladenfenster stand ein neues Feuerzeug aus. Dies erregte die Kauflust Bachs. Er trat näher.
„Guten Tag, Herr Erler, kann ich —“
Er hielt erstaunt inne, denn mit einem Satz sprang sein corpulenter Wirth auf die Ladentafel und dann hinter dieselbe, als er Pluto erblickte, der an den Kisten umherschnupperte.
„Ei, ei, Herr Erler, Sie treiben wohl Zimmergymnastik?" lächelte Bach nähertretend, „ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so springen könnten, alle Achtung, würde mich freuen, wenn alle meine Füsiliere es Ihnen gleichthun könnten!"
„Ach, Herr Major, der Hund," stammelte der Kaufmann, „ich fürchte mich so, ich glaube, der Hund ist toll!"
Bach sah den Sprecher fragend an, aber da derselbe nicht den Eindruck eines Verrückten machte, fuhr er fort: „Aber ich bitte Sie, Herr Erler, wie kommen Sie auf die Vermuthung?"
Herr Erler berichtete den Vorgang am Mittag.
„So — so, hm, hm, na, vielleicht ist der Hund etwas aufgeregt, ich werde ihn einige Tage an die Kette legen."
Der Major kaufte das Feuerzeug und begab sich auf sein Zimmer.
Er setzte sich an den Schreibtisch, um eine Arbeit zu vollenden.
Eine Weile hatte er geschrieben, jetzt griff er nach einem Buche, das stets zur Hand lag; nach langem Suchen fand er das Gewünschte an einer anderen Stelle - ebenso erging es ihm mit seiner Cigarrenspitze, aus der er stets beim Schreiben rauchte, auch sie lag nicht am richtigen Platz. Er klingelte, Friedrich erschien.
„Bist Du an meinem Schreibtisch gewesen?"
„Nein, Herr Major!"
„Es ist gut."
„Sonderbar, sollte ich selber diese Unordnung gemacht haben? Möglich, ich war etwas zerstreut, als ich das Menu geschrieben hatte."
Da am anderen Tage alles in schönster Ordnung war, so dachte Bach nicht weiter an den Fall.
*
Die Vorstellung war vorüber, zu allseitiger Zufriedenheit verlaufen. Gütigst hatten der Herr General sowie der i Oberst die Einladung „zu einem Löffel Suppe" angenommen. \ Die Hauptleute und der Adjutant waren auch geladen, ferner der alte verabschiedete Oberst von Lassen, der in L. mit seiner Familie die Pension verzehrte, und in dessen Hause Bach ein oft und gern gesehener Gast war. Viele wollten behaupten, Ernas, der dreiundzwanzigjährigen Tochter des Hauses wegen, das war aber nur müßiges Gerede, denn bereits zwei Jahre war Bach in L. und keine Verlobung publicirt.
„Der Löffel Suppe" war ausgezeichnet und dehnte sich bis Abends 8 Uhr aus, um halb neun fuhren die Herren Vorgesetzten nach der Residenz zurück, nicht ohne daß der General zum Abschied sagte:
„Na, bester Bach, beim 10. Regiment wird zum 1. August auch die Stabsoffizierstelle frei, ich gratulire bereits zum Oberstlieutenant!"
Am nächsten Tage hatte der Major einmal ausnahmsweise im „Löwen" gefrühstückt, da er einen alten Kriegskameraden getroffen.
Ein lustiges Liedchen pfeifend, stieg er gegen elf Uhr die Treppe zu seiner Wohnung empor.
„Der Teufel!" schrie er plötzlich, eine dicke Staubwolke hüllte ihn ein, es kribbelte in seinen Augen. Heftig rieb er dieselben und griff nach dem Taschentuch, als er ein scht, scht!" vernahm und gleichzeitig über sein Haupt ein Strom Wasser sich ergoß. „Himmel und Hölle, was geht hier vor!" schrie er und sprang die Treppe hinauf.
Ein nie gesehener Anblick bot sich seinen Augen. Hochgeschürzt watete Dame Susanne in seinem Zimmer umher, dessen Fenster weit geöffnet waren und im Verein mit den weit ausgesperrten Corridorsenstern einen Zugwind verursachten, der ihm unheimlich durch die ohnehin durchnäßten Glieder fuhr. Frau Susanne wollte augenscheinlich soeben wieder einen Eimer durch die Stube schwippen und dem anderen folgen lassen, dessen Inhalt theils vom Major herab- troff, theils in Bächelchen die Treppe herabrieselte. Doch das Erscheinen des Herrn hielt sie davon ab, statt dessen fuhr sie mit dem Borstbesen eifrig an der Decke des Zimmers hin und her, dicke Staubwolken erzeugend.
Starr blickte der Major auf diese Scene. Dort lagen seine Bücher unter einander geworfen auf mehreren Stühlen, hier die Tabakspfeifen in einer Ecke des Corridors, die Teppiche, Nackenkiffen, zarte Andenken, in einem Winkel, und auf dem Schreibtisch lagen Besen, Bürsten und Wischtücher.
Ein Grausen erfaßte ihn.
„Aber, Frau Schill, was machen Sie denn nur?" stammelte er endlich.
„Große Reinigung, Herr Major, es war die höchste Zeit, nachher kommen die anderen Zimmer daran!" Frau Susanne fegte, ohne den Herrn weiter zu beachten, fort.
Seufzend begab sich der Major in sein Ankleidezimmer, nach einer Viertelstunde verließ er das Haus.
„Sie hat eigentlich Recht, aber schauderhaft ist es!" murmelte er. Nach dem Essen traf er auf der Promenade mit dem Oberst bou Lassen zusammen.
„Kommen Sie heute Abend zu uns, Herr Major!" sagte der alte Herr beim Abschied.
Nur widerstrebend kehrte Bach in seine Wohnung zurück. Fast den ganzen Nachmittag mußte er ordnen, bevor sein Schreibtisch wieder die gewohnte Versassung hatte. Noch nie war es ihm so ungemüthlich in seinem Zimmer gewesen. „Und das steht mir nun alle Monate bevor, nein, ich werde der Schill kündigen, das ist nicht zum Aushalten!" überlegte er; „aber bann ade gute Küche!" sprach die Stimme des Gourmands. Er blickte auf die Uhr, in einer halben Stunde war Theezeit bet Lassens; unwillkürlich dachte er, wie nett und gemüthlich er es immer dort fand, wie angenehm und zuvorkommend Erna Lassen sei. Merkwürdig, so hatte er noch nie an Erna gedacht.
In Sinnen verloren blieb er eine Weile, dann warf erden Mantel um und saß eine halbe Stunde später am wohl- besetzten Thestisch bei Lassens. Er traf dort Gesellschaft und hatte Gelegenheit, mit Erna allein zu sprechen.
„Sagen Sie mal, gnädigstes Fräulein, ist bei Ihnen auch jeden Monat große Reinigung der Zimmer?"
Erna lachte.
„Welche Frage, Herr Major; natürlich, in jedem Haushalt ist dies der Fall; wie kommen Sie zu solcher Frage?"
„Ach so, nur so!" machte Bach etwas verlegen und schnipste mit den Fingern.
„Ja, Papa ist das immer sehr unangenehm, er geht dann fort!"
„Das glaube ich, und nachher hat er das Vergnügen, alle seine Sachen wieder zusammenzusuchen und Ordnung auf dem Schreibtisch zu machen!"
„Richtig, Herr Major, das wäre der Fall, wenn das Mädchen dort hantircn dürfte, das besorgen aber Mama oder ich, da wir wissen, wie es Papa gerne hat!"
„So — so!" Bach blickte sein vis-a-vis gedankenvoll an. Auf einer Landpartie, die einige Wochen später stattfand, wußte es Bach so einzurichten, daß er eine Weile mit Erna allein sein konnte. Es war nicht weiter ausgefallen, nur der Adjutant, der ja immer nur seinen Vorgesetzten im Auge behalten soll, hatte es bemerkt. Er war daher auch nicht überrascht, als die staunenden L.-städter eines Morgens in ihrem Blättchen lasen:
Meine Verlobung mit Erna von Lassen beehre ich mich ergeben ft anzuzeigen.
von Bach
Major und Balaillonscommandeur.
Als bald nach ihrer Verheirathung Bachs als Oberst- lieutenants nach A. übersiedelten, begleitete sie auch Frau Susanne als wohlbestallte Köchin und machte in A. die Küche des Oberstlieutenant Bach ebenso berühmt, als sie es in L. gewesen war.
lieber Unordnung auf seinem Schreibtisch hat sich der Herr Oberstlieutenant nie wieder beklagt, auch nicht nach I der allergrößten Reinigung.
— Jede neue Jahreszeit stellt an ben Einzelnen neue Ansprüche, bei denen die Kleiderfrage in erster Reihe steht. Gut und billig, dabei aber der Mode entsprechend gekleidet zu sein, ist Jedermanns Wunsch. Um dies zu erreichen, empfiehlt es sich, seinen Bedarf nach dem soeben erschienenen ArühiahrS-Eatalog des Versand-Geschäftes MeyäeEdlich, Leipzig.Plagwitz zu decken. Derselbe enthalt neben einer reichen Auswahl von Luxuswaaren und practischen Gegenständen für Haus und Familie ganz besonders zahlreiche, durch treu1 Abbildungen veranschaulichte Arühiahr-»Re«- heile« von Da»m i- und Herrengarderobe. Der Weltruf der Firma Mey & Edlich und deren beständig wachsende Zahl fester Abnehmer bürgen am besten für die Güte und Preiswürdigkeit der geführten Maaren. Man versäume deshalb nicht, den erwähnten Frühjahrs- Catalog bald zu verlangen; derselbe wird unentgeltlich und portofrei überallhin versandt. 2091


