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1891

Samstag den 10. Januar

Nr. 8.

Gießemr Anzeiger

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Amts- und Anzeigrblatt für den Kreis Gieren.

Krattsöeitage: Gießener Kamilienötatter.

Alle Annoncen-Bureaux btB In- und Auslandes vch«« Anzeigen für denGießener Anzeiger^ entgeg«.

L«««h«e Anzeigen zu der Nachmittag» für b« tilgenden Lag erscheinenden Nummer bi» vor«. 10 Uhr.

Anrtlichev LheU.

Nr. 1 des Reichs-Gesetzblatt», auggegeben den 1. d. M., enthält:

(Nr. 1929.) Verordnung, betteffend die RechtSverhält- Me in Deutsch'Ostafrika. Vom 1. Januar 1891.

Gießen, den 8. Januar 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

__________________v. Gagern.__

Bekanntmachung^

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Helene Neeb von Albach, 22 Jahre alt, die Prüfung als Hebamme bestanden hat, und dieselbe heute von uns als solche verpflichtet worden ist.

Gießen, den 6. Januar 1891.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Nersefte Nachrichten.

WoistS telegravhischeS Lorrespondenz-Burrau.

Berlin, 8. Januar. Der Kaiser fuhr heute in russi­scher Uniform und in einem russischen Schlitten zum Diner Der russischen Botschaft. Bei der Tafel saß er zwischen der Gräfin Schuwalow und der Generalin Goleneitschew-Kutusow, gegenüber dem Botschafter, der seinerseits zwischen den Gene­rälen Werder und Hahnke Platz genommen hatte. Unter den sonstigen Gästen bemerkte man den Reichskanzler, Staats- secretär Marschall, General Wittich, Oberst Bissing, Graf Pourtalös und die Herren von der Botschaft mir ihren Damen.

Berlin, 8, Januar. Der Bundesrath ertheilte dem Entwurf eines Gesetzes, betreffend die kaiserliche Schutztruppe für Deutsch - Ostafrika, und dem Entwürfe eines Vertrages zwischen Deutschland und Dänemark, betreffend die Aushebung des Abschosses und Abfahrtsgeldes, seine Zustimmung.

Königsberg, 8. Januar. In Folge von Schnee­verwehungen treffen alle Züge der Ostbahn mit mehr­stündigen Verspätungen ein. Der Berliner Nacht-Courierzug hatte sich um nahezu vier Stunden verspätet.

Mühlhausen, 8. Januar. König Christian von Dänemark schenkte dem Offiziercorps des hiesigen thüringi­schen Ulanenregiments, dessen Chef er ist, sein lebensgroßes Bild in der Uniform des Regiments.

München, 8. Januar. Der Prinzregent verlieh dem griechischen Gesandten Vlachos in der heutigen Abschieds­audienz das Großkreuz des Michaelordens.

Der hier verstorbene Zimmermeister Ehrengut vermachte der Stadt München 600000 Mk. zu wohlthätigen Zwecken.

Braunschweig, 8. Januar. Im Harze herrschen starke Schneestürme. Der Verkehr ist unterbrochen oder ge­stört, die Posten werden mit Schlitten befördert. Auf der Harzbahn Blankenburg-Tanne ist der Betrieb eingestellt, die Bahnstrecke Halberstadt-Blankenburg ist aber wieder fahr­bar. Hier hat der Schneefall aufgehört und es herrscht starker Frost.

Bremen, 8. Januar. Der gestern Abend 10 Uhr 37 Min. von Geestemünde fällige Personenzug lies vor dem Güterbahnhof auf einen ebenfalls in der Fahrt nach Bremen besindlichen Güterzug. Die Locomotive entgleiste und wurde nebst zwei Wagen zertrümmert. Menschen wurden nicht getödtet, nur einige leicht verletzt. Als Ursache des Unfalls wurde zu frühe Ablassung des Personenzuges von Oslebshausen bezeichnet.

Bremen, 8. Januar. Die Strecke Bremen-Uelzen ist wieder fahrbar. Der Hamburger Schnellzug üb er fuhr in der letzten Nacht bei Station Buchholz zwei Schacht­arbeiter.

Hamburg, 8. Januar. Der von der gestrigen Versamm­lung der vereinigten Hamburger und Altonaer Feuerleute proclamirte G e n e r a l st r i k e ist infolge des Entgegenkommens, das einige Rheder«en, z. B. die Packetfahrt- und die Ham- burg-Südamerikamsche Dampsschiffsahrtsgefellschast bewiesen, auf gehoben worden- es besteht nur noch ein partieller Strike.

Metz, 8. Januar. Landrath Hansel von Mörs kaufte das drei Kilometer von Urville belegene Schloß Landon- villers an.

Wien, 8. Januar. Die summarische Zählung der Be­völkerung Wiens am 31. December (ohne Vororte, Gar­nison und die Bewohner der kaiserlichen Hofgebäude) ergab 809,443 Seelen.

Paris, 8. Januar. Zufolge Nachrichten aus Buenos Ayres soll in Chili eine aufständische Bewegung ausgebrochen fein. Nähere Detais fehlen.

Paris, 8. Januar. Eine heftige Feuersbrunst brach heute Nachmittag auf dem Boulevard Samt Martin bei einem Pianohändler aus. Das Feuer ergriff vier Stock­werke. Eine ungeheure Menschenanfammlung fand sich an der Brandstätte ein. Der Schaden ist beträchtlich. Es herrschte die allgemeine Befürchtung, daß 5 oder 6 Häuser von dem Brande ergriffen werden würden. Eine Person wurde verwundet.

London, 8. Januar. Meldung des Reuter'schen Bureaus. Der Secretär der hiesigen chilenischen Gesandtschaft erklärte auf eine Anfrage, er glaube nicht an die Nachricht von dem Ausbruche einer Revolution in Chile. Er habe ein Telegramm des chilenischen Gesandten in Paris erhalten,

worin dieser mittheilte, daß nach einer am 6. Januar ein- gegangenen Cabeldepesche die Ordnung nicht gestört und das Budget angenommen worden sei. Der Secretär äußerte sich noch, in Valpareiso hätten in den Straßen leichte Ruhe­störungen stattgesunden, die jedoch nur geräuschvolle Kund­gebungen des Pöbels und durchaus bedeutungslos seien.

Kopenhagen, 8. Januar. Die Verbindung mit Deutsch­land landeinwärts ist wieder offen. Die deutsche Abendpost vom 6. Januar ist Vormittags eingetroffen. Die Verbindung via Korsör-Kiel ist eingestellt. Auch die Linie Gjedser-Kopen- bagen ist noch unterbrochen.

Brüssel, 8. Januar. Der allgemeine Ausschuß der gemäßigten Liberalen sprach sich gestern prinzipiell für eine Revision der Verfassung aus, betrachtete jedoch die beding­ungslose Annahme des allgemeinen Stimmrechts als unheilvoll für die liberale Partei.

Rom, 8. Januar. Die afrikanische Gesellschaft von Italien zu Neapel hat Herrn Dr. Carl Peters zum Ehren­mitglied ernannt.

Rom, 8. Januar. Beim Einsturz zweier Gewölbe eines Neubaues in der Nähe des Quirinalparks wurden heute drei Arbeiter verschüttet, konnten aber sämmtlich gerettet werden. Der König erschien an der Unglücksstätte und wohnte persönlich dem Rettungswerk bei. Der Dominikaner- general Laroca ist gestorben.

Mailand, 8. Januar. Vor dem Gebäude des Arbeiter- hülfscomitvs versammelten sich heute beschäftigungslose Arbeiter und verlangten Untersttitzung. Da diese nicht ge­währt wurde, begannen die Arbeiter zu bentonftrirerr, die Polizei schritt ein und verhaftete fünf Personen.

Madrid, 8. Januar. In ganz Spanien herrscht große Kälte und heftige Stürme. An der Küste von Valenzia erlitten mehrere Schiffe Havarien. Noch schwerere Schiffs­unfälle werden befürchtet. Gestern wurde in Granada ein starkes Erdbeben verspürt.

Madrid, 8. Januar. Im hiesigen allgemeinen Kranken- hause und im Hospital St. Jean-Dieu befinden sich 26 nach Koch'scher Methode behandelte Kranke in Beobachtung; davon sind 22 Tuberkulose, 3 Aussätzige und ein mit Fleisch­gewächs Behafteter. Ein auffallendes Symptom bei den Aussätzigen ist eine bemerkenswerthe Zunahme des Appetits während des durch die Jnoculation hervorgerufenen Fiebers.

Lissabon, 8. Jcknuar. Bei dem gestrigen Bankett für das nach Mozambique besümmte Expeditionscorps sagte der König in einem Toast, die Expedition suche nicht neue Reichthürner und Eroberungen, sondern sie wolle nur den überseeischen Landsleuten helfen und der portugiesischen Nation Theile des Vaterlandes erhalten, die schon so manches- Opser an Gut und Blut gekostet hätten- er versicherte die Mitglieder der Expedition, daß in Glück und Unglück gleiche

Feuilleton.

Unter der Erde.

Novelle von Zov o. Reuß (Fortsetzung.)

Dem scharf beobachtenden Cornrnerzienrath entging es Nicht. So schloß er die Rede:Du wirst noch heute Deine Sachen packen und aus ein Jahr nach England abreisen. Ein alter Geschäftsfreund in Manchester wird mir den Gefallen thun, Dich in seinem Hause zu beschäftigen. Er scheint mir sehr geeignet zu sein, mit solchen windigen jungen Herren umzugehen, und werde ich ihm unbedingte Vollmacht über Dich rrthcilcu. Hast Du mich verstanden?"

Ich glaube!"

Es ist der letzte Versuch mißlingt er, bist Du mein Sohn nicht mehr - Du magst Dein Glück dann in Kamerun versuchen oder wo es Dir sonst beliebt!" schloß der Com- merzienraih die Strafpredigt.

Dann wandte er sich an Harras und fuhr fort:Das ist die Genngthuung, die ich Euch zu leisten habe, der Vater dem beleidigren, besorgten Vater. Nun kommt der Uebel- thäter selbst an die Reihe, um seinen Leichtsinn zu sühnen."

In Felix blassem Gesicht zeigte sich eine gewisse Spannung war sein Pech wirklich noch nicht zu Ende? Was hatte der Alte weiter mit ihm im Sinn? Sonderbar!"

Du wirft der Anna mindestens eine Ausstattung geben muffen für den Fleck, den Du dem Rufe eines achtbaren Mädchens angehängt hast, sauberer Patron," fuhr der Vater fort.

Der Sohn schwieg, aber auf dem Gesichte stand ge­schrieben:Auch das noch noch dazu für gar nichts!"

Ich zahle dem Häuer Wilhelm Harras sogleich tausend Mark aus, natürlich für Dich, indem ich sie Dir während der nächsten zwei Jahre von Deinem Taschengelde in Abzug bringe. Es wird Dir gut thun, auch in Geldsachen etwas kürzer gehalten zu werden. ... Du bist entlassen, um Deine Reisevorbereitungen sofort zu treffen. Deine Mutter werde ich von dem Vorgefallenen selbst in Kenntniß setzen."

Während der Sohn davonschlich, öffnete der Vater den Geldschrank, der neben dem Arbeitstische stand, nahm zwei Fünfhundertmarkscheine heraus und bot sie Harras.

Dieser wies das Geld zurück und sagte:Nein, Herr Commerzienrath, so wars nicht gemeint."

Weiß ich, Harras, weiß ich sehr wohl! Darum gerade aber biete ich es Euch!"

Ich mag es nicht nehmen."

Seid kein Thor! Dem Buben thut es gut, wenn er kürzer gehalten wird, wie Ihr selbst einseht. Und der Anna schadet es auch nicht, wenn sie ein kleines Heirathsgut er­hält, das einem braven Manne auch wohl passen wird. Sie ist ihn immer noch werth Euer Kommen hat sie vor Schlimmerem behütet."'

Aber der Vater zögerte noch immer.

Unsinn! Nehmt das Geld und redet nicht davon, am wenigsten natürlich gegen die Anna selbst. Die Liebelei wird vergessen werden, von den Klatschmäulern und von dem Mädel selbst, das Geld aber bleibt ein Nothpsennig," schalt der Commerzienrath als praktischer Mann.Verstanden?"

Kurz entschlossen nahm der Häuer jetzt das verbrauchte Portemonnaie aus der Tasche, in dem sich noch ein paar ver­lorene Nickel befanden, und legte die Noten sorgsam hinein. Es war ihm wirklich, alö ob der Commerzienrath recht habe und er das Bußgeld des Sausewindes nehmen müffe. Mit dem angenehmen Gefühle, plötzlich ein reicher Mann geworden

zu sein, steckte er es in die Tasche. Mit dem Gehen zögerte er aber immer noch, auch machte der Commerzienrath keine Miene, ihn zu entlaßen. Im Hintergründe hatten sie beide noch viel auf dem Herzen, jetzt, wo die Hauptsache abgetan war, kam man ganz von selbst auf den Strike zu sprechen. Der Commerzienrath gab seinen Entschluß zu erkennen, die Sache sozusagen alsFamiliensache" ansehen zu wollen, so lange sich die Arbeiter keines Exzesses schuldig machten und den Einflüsterungen der Socialdemokratie kein Gehör gäben. Von diesem Augenblick sei seine Geduld zu Ende und er werde sofort Schutz bei der Regierungsgewalt suchen. Inzwischen sei er zu einem Ausgleich bereit und entschlossen, den For­derungen der Arbeiter nachzukornrnen, soweit es der Betrieb erlaube, selbst die geforderte Lohnerhöhung nicht ausgefchlosien. Nur mache er die Bedingung, daß die Arbeiter neben ihm, dem Häuer Harras, eine andere Vertretung wählen möchten. Bernhard Kahlsen fei der Rädelsführer der ganzen Bewegung und derjenige, welcher den Contractbruch verschuldet habe- Andreas Wilms sei ein notorischer Trinker- das seien die Gründe, weßhalb er sie als ungeeignet zur Vertretung er­kennen müsse. Ebenso erklärte der Commerzienrath, die Strafgelder für den Contractbruch festhalten zu müssen, zur Vermeidung einer Wiederkehr der Ungesetzlichkeit.Ich wünsche, daß meine Arbeiter jederzeit Fühlung mit mir suchen, und verspreche, daß sie sie finden werden!" schloß er die Rede.

Häuer Harras war etwas in Verlegenheit gcratheu, ver­sprach aber, sein Möglichstes thun zu wollen. Er wußte recht gut, daß die Gesammtlage seinen Worten schon den nöthigen Nachdruck geben werde. Wenn auch von keinem Nothstand die Rede sein konnte und man sich noch durchzuhelscn ver­stand, der eine mit diesem, der andere mit jenem, und auch die allerdings nicht sehr reichlichen Unterstützungsgelder das Aeußerste verhüteten, fing der Druck der materiellen Verhält»