Samstag den 9. Mai.
Giejzenev Anzeiger.
Beilage zu Rr. 106. - 1891.
Feurlletsn.
Etwas vom Fischen.
Von Adolf Schulze.
(Schluß.)
Der Schweinfisch ist viel zu schlau, um sich mit einem Köder sangen zu lassen- man kann ihm nur mit der Harpune beikommen. Allen voran, wie immer, hatte sich daher Freund Hesse, unser braver Untersteuermann, sowie die Fische sichtbar geworden waren, mit dem bekannten Wurfinstrument bewaffnet, und war auf den Bugspriet hinausgeklettert. Von hier geht eine Stange nach dem Wasser hinab, deren untere Spitze durch ein straff gespanntes Tau wieder mit dem Schiffe verbunden ist. In die so gebildete Gabel setzt sich der Harpunierer, um dem Fische die Harpune in den Rücken zu werfen. Mit begreiflicher Spannung sahen wir dem braven Steuermann zu, der bei dem heftigen Stampfen des Schiffes natürlich mehr unter wie über dem Wasser war. Aber er ließ sich nichts verdrießen und nach einigen Minuten athemlosen Harrens verkündete uns denn auch ein jubelndes „Ahoi", daß sein Wurf saß. Wie der Blitz waren alle übrigen Fische verschwunden und nur das unglückliche Opfer, das mit seinem Blute die schäumenden Wogen röthete, wand sich ohnmächtig an dem scharfen Eisen, dessen Spitze in seinem Fleische steckte. An Deck gebracht wird der Fisch in derselben Weise wie der Hai, da die Harpune sofort ausreißen würde, wenn man ihn daran hochziehen wollte. Das gefangene Exemplar war über anderthalb Meter lang und wog 170 Pfund. Als er geschlachtet und ausgenommen am großen Stage hing, wurde mir auch der Name „Schweinfisch" klar- er sieht nämlich in diesem Zustande einem geschlachteten Schweine täuschend ähnlich. Das Fleisch ist dunkelroth gefärbt und gleicht im Geschmack der Kalbsleber. Es ist von außen mit einer anderthalb (Zentimeter dicken Speckschicht bedeckt, die eine beträchtliche Menge vorzüglichen Thranes liefert.
In der folgenden Zeit, während wir fleißig nach Fischen ausschauven, wurden wir durch widrige Winde immer weiter nach Süden verschlagen, so daß wir schließlich in die heiße Zone, bis zum zwanzigsten Breitengrade hinabgeriethen. In den vielen heißen, windstillen Tagen, die wir hier verbrachten, — wir waren im Ganzen fünfundneunzig Tage unterwegs, eine der längsten Reisen, die je ein Segelschiff von England
nach Newyork gemacht hat — haben wir noch gar manchen Fisch gefangen - aber ich fürchte, der Leser würde es mir nicht danken, wenn ich sie hier alle auszählen wollte- ich will daher nur noch einige Einzelheiten erwähnen.
Zu den schönsten und herrlichsten Meeresbewohnern der heißen Zone zählt unstreitig der gewöhnliche Delphin. Der wundervoll eolorirte Fisch lebt heerdenweise und pflegt für gewöhnlich dem Schiffe nicht allzu nahe zu kommen, weil er ebenfalls stark verfolgt wird. Er erreicht die Größe eines tüchtigen Hechtes und ähnelt diesem auch in der Form, nur daß der Rachen kleiner und nicht breit, sondern zusammengedrückt ist. Nur wenn die Fische von größeren Räubern verfolgt werden, kommen sie, Schutz suchend, in die Nähe der Schiffe und werden dann entweder ebenfalls mit sogenannten „Elkern", einer Art neunzackigen Harpune, geschossen ober aber auch mit der Angel gefangen - am besten mit ihrem eigenen Fleische. Ganz wundervoll ist das Farbenspiel, welches die Fische in der dunkelblauen Fluth des südlichen Meeres bieten. Die Schwänze erscheinen wie leuchtendes Gold, während der übrige Körper in allen Farben des Negenbogens schillert. Ich habe nie etwas Schöneres gesehen als eine Heerde dieser prächtigen Thiere. An der Stelle, wo sie sich gerade befinden, glitzert und leuchtet das Wasser wie ein Teppich von unzähligen, schimmernden Edelsteinen in allen Farben. Auch wenn er gefangen ist, bietet der Fisch einen entzückend schönen Anblick. Unter den Matrosen geht die Sage, daß er neunmal die Farbe verändert, bevor er stirbt. Tatsächlich wechselt die prächtige Zeichnung des sterbenden Thieres unaufhörlich- es bietet ein schillerndes, kaleidoskopartig wechselndes Farbengemälde, welches schließlich mit dem eintretenden Tode in ein schlichtes, glänzendes Grau übergeht.
Das Fleisch des Delphins ist nicht nur für Menschen, sondern auch für Fische ein Leckerbissen. Besonders geschätzt wird es von der Dorade, einem dem Karpfen ähnlichen Fische, der sich durch sehr stacheliche Rückenflossen und eine äußerst zähe, lederartige Haut auszeichnet. Das Fangen der Dorade ist spielend leicht, denn sie ist äußerst gefräßig und dumm. Das Fleisch schmeckt nicht übel, aber das Enthäuten des Fisches ist eine w schwierige Sache, daß man den Appetit inzwischen verliert. Außerdem ist die Arbeit nicht ungefährlich, denn die Stacheln sind giftig und der Fisch hat eine ungewöhnliche Muskelkraft und ein so zähes Leben, daß er
nach halbstündigem Schinden noch die gewaltigsten Anstrengungen macht, sich zu befreien- ja selbst zerschnitten in der Bratpfanne liegend, springen die einzelnen Stücke noch hoch, als ob sie entfliehen wollten.
So birgt das Meer in seiner unerschöpflichen Tiefe noch manche seltene Beute und keine Feder wäre im Stande, alles das zu schildern, was der aufmerksame und liebevolle Beobachter aus seinem Schooße austauchen sieht.
Damit der Leser jedoch nicht glaubt, daß der Vogelsteller ganz leer ausgeht auf See, möchte ich noch erwähnen, daß wir auf der Höhe von Madeira, mindestens hundert Meilen vom Lande, Habichte, Kanarienvögel, Finken und verschiedene andere, uns unbekannte Vögel im Takelwerk des Schiffes, wie sie sich ermüdet niedergelassen hatten, gefangen haben. Wenig bekannt dürste es sein, daß man auch Vögel mit der Angel sangen kann. Der Leser wird hier möglicherweise die Nase rümpfen und an die Entengeschichte des Herrn von Münchhausen denken- aber ich spreche im vollen Ernst. In der Südsee lebt eine Art kleiner Möven, die so gefräßig sind, daß sie mit einem Stückchen Speck, welches auf einer gebogenen Stecknadel befestigt wird, sehr leicht gefangen werden können. Mit Hilfe eines Zwirnfadens kann man sie dann an Deck ziehen - sie folgen willenlos, ohne zu flattern oder sich zu sträuben- es ist, als ob sie vor Schreck ober Verwunberung gerabezu erstarrt wären. Unsere heimische Möve, mit ber wir bas Experiment ebenfalls wieberholt versucht haben, ist bagegen ungleich schlauer unb hat ein bewunbernswerth scharfes Auge. Ich habe oft an schönen Tagen mit einem Fernrohr ben ganzen Horizont abgesucht, ohne auch nur eine einzige Möve zu entbecken- sobalb ich aber bas kleinste Stückchen Speck ins Wasser fallen ließ, waren saft stets nach einigen Minuten Möven ba, um es auszufischen. Steckte bas Speckstückchen bagegen aus einer an einem feinen Zwirnsfaben befestigten Stecknabel, so ließen sie es ganz ruhig schwimmen unb kümmerten sich gar nicht barum.
So bietet bas Leben auf See tausenbfache Abwechselung unb es gibt keinen größeren Jrrthum, als ber Gebanke, bas ewige Einerlei von Himmel unb Wasser müsse mit ber Zeit langweilig werben. Die Welt ist eben überall vollkommen unb wenn man sich in ihr langweilt, so ist es stets eigene Schulb.
vermischt«
* Berlin, 2. Mai. Mr. Vitreo, ber Mann mit bem unverberblichen Magen, besten Speisekarte als Delicatessen Glasscherben, alte Stiesel, Sägespähne, Holzkohle unb Coacs ausweist, präsentirte sich gestern im Atelier des Passage-Panopticums einer geladenen Gesellschaft. Mr. Vitreo ist ein junger Neger von 22 Jahren, ber von ben westindischen Inseln stammt unb bem man mindestens nachrühmen muß, baß er kein Kostverächter ist. Die Probuetion bes „Glassressens" ist an sich nicht neu. Früher konnte man aus jebem Jahrmarkt neben bem „Degenschlucker" auch den „Glassresser" bewundern, aber selten hat einer dieser „Künstler" seine eigenartigen Deliea- tessen mit so scheinbar vortrefflichem Appetit und so sichtlichem Wohlbehagen zu verzehren verstanden, wie Mr. Vitreo. Wenn man ihn so in die alten Stiesel „einhauen" sah, und wenn er bann mit Wohlgefühl die Zunge schnalzte, ba mußte selbst bem verwöhntesten Gourmand bas Wasser im Munbe zusammenlaufen. Mr. Vitreo hat sich aus seiner Speisekarte ein ganz besonderes Menu zusammengestellt unb gerade in dieser Zusammenstellung liegt ein Theil ber Erklärung des Phänomens. Mr. Vitreo nimmt zunächst als Vorspeise einen kleinen Löffel Sägespähne, ben er im Munbe mit einen Schluck Wasser zu einer Art Brei anrührt, welcher in ben Backenhöhlen sestgehalten wird. In diesen Brei, der bei jedem der nun folgenden Stoffe erneuert wird, drückt er bann die gefährlichen Körper, das kleingebissene Glas und Porzellan, die kleinen scharfkantigen Coaesstücken und bergt ein, fügt noch einige Leinwanbfetzen hinzu unb schluckt bann bas ganze, besten Bedenklichkeit durch die Sägespähne und die Leinwand stark gemildert ist, hinab. Natürlich nimmt Mr. Vitreo bei jedem einzelnen Gange nur eine sehr minimale Menge von bem Glas, bem Porzellan u. bgl. zu sich unb zermalmt biese geringen Mengen noch mit seinem breiten, kräftig entwickelten Gebiß in möglichst kleine Atome. In ähnlicher Weise behandelt er Holzkohle, Thonpfeifenstücke unb bas Schuhleber alter Stiefel. Immerhin ist es bewunbernswerth, wie gut Mr. Bitreo biese Stoffe „verdaut". Daß er, wie sein Impresario mit anerkennenswerther Naivetät behauptete, aus diesen Stoffen auch fast ausschließlich seine Leibesnahrung ziehen soll und im übrigen nur alle zwei Tage ein Ei und eine Schnitte
Brod genießt, wollen wir im eigenen Interesse Vitreos nicht hoffen.
* Eierpolka. Die Mischung der Künste zeitigt immer neue Kunstgattungen. Wir haben das Musikdrama, jetzt steht uns die Creirung der culinarischen Musik bevor. Ein Berliner ist der Richard Wagner der neuen Schule, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Pianino unb Kasserole zu schönem Bunbe zu vereinen. Er hat eine Eierpolka componirt unb giebt bazu folgende Vorschrift auf der ersten Druckseite: „Man lege die Eier in siedendes Wasser unb spiele bie Eierpolka allegro moderato. Sobald der letzte Takt verklungen ist, sind die Eier fertig."
NttEetz«, Cowfc» uttö
— Recepl zur Bereitung von Rhabarberwein, wie es Herr Otto Spangenberg in Cassel in Nr. 8, Jahrgang 1890 „Der Obstmarkt" veröffentlicht hat.
Die Blattstiele und Blätter des Rhabarbers werden Mitte Juni in erster unb Mitte bis Ende August in zweiter Ernte bis zum Boden herab geschnitten. Die Blattstengel und stärkeren Blatt- rippen werden von ben Blättern getrennt und sauber gewaschen. Sie gehen hierauf zweimal durch eine Quetschmühle mit Holzwalzen, welche beim ersten Durchgehen weit, beim zweiten möglichst eng gestellt werden. Die gequetschten Stiele und Rippen werden nun mit soviel Wasser übergossen, daß sie von demselben bedeckt sind und bleiben bei hoher Temperatur einen Tag, bei niederer bis zu drei Tagen stehen, die Kübel fest zugedeckl und an einen möglichst kühlen Ort gestellt. Die Menge des übergossenen Wassers, welches dem späteren Wasserzusatze abgezogen wird, ist genau zu messen und wird bem abgepreßten Safte zugesetzt. Nachdem bie fein gequetschten Blattstiele unb Rippen genügen!) vom Wasser ausgelaugt sind, werden sie gekeltert.
Vor bem Einbringen des Saftes und des bis jetzt zugesetzten Wassers in das Gährfaß läßt man denselben noch einige Stunden in einem Gährkübel stehen und zieht ihn dann vorsichtig mit einem Gummischlauche als Heber ab, weil sich inzwischen auf dem Boden des Behälters ein schleimiger Niederschlag abgesondert hat, welchen man dadurch nicht mit in das Faß bekommt.
Die Zusammenstellung des Weines von 10—12pCt. Alkoholgehalt auf 100 Liter Faßgehalt ist:
34 Liter Saft,
17 „ Zuckerlösung (aus 35 Kilo Brodraffinade)
49 „ Wasser, unter Hinzurechnung der über die zerquetschten Stiele und Blattrippen gegebenen Wassermenge.
100 Liter.
Die Behandlung des Weines ist ganz dieselbe wie die der anderen Fruchtweine, doch klärt sich derselbe sehr schwer und wird vor dem dritten Jahre nicht flaschenretf.
Die Redaction kann aus eigener Erfahrung sagen, daß der Wein schwer, also ein Frühstücks- ober Dessert-Wein, aber sehr fein unb von vortrefflichem Geschmack ist. Bis jetzt ist es noch nicht ae- lungen, aus bem Rhabarber einen leichten Tischwein,herzustellen. Die Bestrebungen, dies zu erreichen, werden jedoch fortgesetzt und sind nicht hoffnungslos. Dem nicht bestrittenen Durst der Deutschen wird zuletzt vielleicht doch noch entgegengekommen werden tonnen.
— Erkennung von Mischbutter. Diese wird nach Prof, ßeje in nachstehender Weise vorgenommen. Man sehe der zu untersuchenden Butter eine concentrtrte Zuckerlösung zu, beim Flüssigwerden theilt sich die Butter infolge dessen in einen unteren wässerigen und einen oberen fettigen Theil. Ist der letztere klar, hat man es mit reiner, ist er trübe, mit Margarine versetzter Butter zu thun.
Citcratur unt* Kunft.
— Selbsterziehung. Ein Wegweiser für die reifere Jugend. Von John Stuart Blackie, Professor an der Universität Edinburgh. Deutsche, autorisirte Ausgabe von Lic. Dr. Fr. Kirchner. Zweite verbesserte und vermehrte Auflage. VI uzid 143 Seiten. Preis in Leinenband 2 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig.
Von bem obigen Merkchen, das jeder Vater seinem Sohne in die Hand geben sollte, haben wir den besten Eindruck bekommen. Es ist von einem in England wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Geschmacks gefeierten Professor an der Universität zu Edinburgh verfaßt und von dem durch zahlreiche pädagogische Schriften wohlbekannten Dr. Fr. Kirchner geschickt übersetzt und mit Anmerkungen versehen worden. In klarer und umsichtiger Darstellung wird die Zucht des Denkens, des Leibes und des Willens besprochen. Ueberall bringt der Verfasser auf Selbsttbätigkeit im Denken, Wollen und Handeln. Sein Standpunkt ist der eines durchgebildeten, religiösen und doch toleranten Mannes, der, durch langjährige Studien und Erfahrungen gereift, segensvoll unter den Studenten wirkt. Wir können das Buch als ein gediegenes Geschenk für Jünglinge und Jungfrauen mit gutem Gewissen empfehlen.
Bremen, 5. Mai. sPer transatlantischen Telegraph.] Der Schnelldampfer Ems, Capitän R. Sander, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 25. April von Bremen unb am 26. April von Southampton abgegangen war, ist heute 1 Uhr Morgens wohlbehalten in Newyork angekommen.
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