Ausgabe 
8.11.1891 Zweites Blatt
 
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Rt« 261. Zweites Blatt. Sonntag den 8. November

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Amts- uttb Anzejgeblatt fflr den Ureis Metzen.

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Zlnrtlichev Theil.

Bekanntmachung.

Großh. Beigeordneter Ludwig Sp a ar I. zu Mainz­lar ist heute als Ortsgerichtsmann und Stellvertreter des Standesbeamten für Mainzlar verpflichtet worden, was hier­mit zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird.

Gießen, den 4. November 1891.

Großherzogliches Amtsgericht.

Fresenius.

Lseales nttfr provinzielles.

Gießen, 7. November 1891.

Zur Obstbaumpflege. DerRathgeber für Obst­und Gartenbau", Organ des Wetterauer Obstbauvereins, schreibt:Muster von Obstpflanzungen sind jene an den Staatsstraßen in Oberhessen. Hier sieht man, daß alle Arbeiten an den Bäumen correct durchgesührt werden unter einer geschickten und durch und durch kundigen Oberleitung- da ragt kein Psahl in die Krone, da werden die jungen Bäume wiederholt mit Kalkmilch versehen, der Schnitt der Krone ist ein formvollendeter. Wenn nun solche vorzügliche Beispiele gegeben werden, sollte man glauben, daß diese alte böse Sitten verderben, man sollte namentlich glauben, daß an den Kreisstraßen die den Gemeinden gehörigen Bäume nach dem guten Vorbilde der Staatsstraßenbäume behandelt würden. Aber weit gefehlt. Schon bei der Auswahl der Bäume werden die ersten größten Fehler begangen. Es soll möglichst billig gekauft werden- man denkt dabei aber nur an die Gegenwart und nicht an die Zukunft, und das ist grundfalsch; selten nur wird in dieser Beziehung ein Sach­verständiger um Rath gefragt, es werden mitunter schon halbtodte Bäume gepflanzt re. Was hier für Oberheffen gesagt ist, könnte auf das ganze Großherzogthum Hessen An­wendung finden. Man findet jetzt durchgehends an der Staatsstraße der drei Provinzen nur musterhafte und mit

Feuilleton.

Sie und ihr Viertelsvetker-

Erzählung von I. Bonnet.

(Nachdruck verboten.)

Die'^Michaelisferien waren gekommen. Wolkenloser Himmel und unbewegliche Luft vereinten sich, die Hitze fast so drückend zu machen, wie sie die Hundstage mit sich zu bringen pflegen. Eine nette Aussicht für eine Eisenbahn­fahrt, währte sie auch nicht länger als eine Stunde, nicht länger als von Berlin nach Trebbin.

Der junge Mann, der, die Rückfahrtkarte in der Hand, den Perron des Anhalter Bahnhofs entlang geschritten war, und bei Zeiten in einem Coupv dritter Klasse Platz genommen hatte, kühlte die Stirn mit dem Taschentuche und legte die Reisetasche ab.

Wer möchte jetzt zweiter Klasse fahren?" dachte er und lächelte, weil er bei beschränkten Mitteln nicht in Gefahr stand, solche Rangerhöhung vorzunehmen.Schade, daß ich allein bin," sprach er, umherschauend.Man könnte sich wenigstens über die Hitze unterhalten und damit wären wir sie los."

Er zog die Stirn in Falten. Ein Zug des Nachdenkens überflog das bleiche Gesicht, dem das Bärtchen einen schönen Schimmer von Männlichkeit verlieh.

Hm," machte er, wie zur Abwehr den Kops schüttelnd, eine fatale Geschichte das, ich wollte lieber, ich hätte es nicht gethan. Wer kann nur der alloerehrten und geliebten Familientante, der Großtante, die für uns rührend besorgt ist und sämmtliche Leiden der Menschheit von versäumter Leibespflege herleitet, etwas abschlagen?Ach, siehst du," I bat sie so unwiderstehlich, mich mit den alten treuen Augen - anleuchtend und die Hände auf meine Schultern legend,ach, siehst du, ich richte doch meine Briefe danach ein, du schreibst ! mir genau auf, was sie essen und trinken, und damit du es nicht vergißt, hier ist der Merkzettel. Aber verrathe dich nicht, bei Leibe nicht!" Wenn ich nun ein Gericht nicht kenne? Eine fatale Geschichte! Hoffentlich fall ich nicht : dabei rein."

Er steckte den Kopf zur Thür hinaus. Ein Gewirr lachender Mädchenstimmen ließ sich hören. Auch ein sporen- klingender, säbelraffelnder Lieutennnt war bei der belebten Schaar, welche in ihren luftigen Sommerkleidern ordentlich ein Gefühl wohlthuender Kühle um sich zu verbreiten schien.

der größten Sorgfalt gepflegte Neupflanzungen. Man sieht hier das ausgesuchteste Pflanzenmaterial in nur wenigen, aber fruchtbaren, für Klima und Boden geeigneten Sorten von anerkannt großem Nutzungswerthe. Hier ist kein Baum zu tief gepflanzt, die Baumscheiben sind stets gehackt und unkrautfrei und das immer an Dungstoffen reiche Regen- tv aff er wird demselben durch schräg laufende Gräbchen von der Fahrbahn reichlich zugeführt. Kurz, man sieht hier alle Vorbedingungen einer rationellen Obstcultur auf das Gewisseu- hafteste durchgesührt. Mit Bedauern nimmt der Kundige wahr, wie sehr mit solchen vorzüglichen Leistungen oft die angrenzenden Grundbesitzer mit ihrem geringwerthigen und schlecht gepflegten Pflanzenmaterial in geradezu beschämender Weise contrastiren. Nicht viel besser ist es mit vielen Neu­pflanzungen der Gemeinden und solchen an manchen Kreis­straßen bestellt. Man begreift, wie wenig noch die Einsicht, daß ein rationeller Obstbau dermalen zu den einträglichsten landwirthschastlichen Betriebszweigen gehört, bet der länd­lichen Bevölkerung Verbreitung gefunden hat. Möchten da- her alle Gemeindevertretungen und alle Behörden, welche in der Lage sind, bei Straßenpflanzungen ein Wort mitzusprechen, Veranlassung nehmen, dahin zu wirken, daß dies vorzügliche Beispiel, welches die Straßenverwaltung gibt, überall Nach­ahmung finden möge und eine gute Schule wäre zum Vor­theile des ganzen Landes.

Landwirthschafiliche Winke und Rathschläge.

Oberhrffen, Anfang November.

Beitrüge zur HerbftsaatbefteSrrng. Was weiter bei der frühzeitigen Saat zu beachten ist, besteht darin, daß schwere und vorzügliche Körner meistens nur bei frühen Saaten erzielt werdm. Hier können wir noch einen Wink über Anwendung der künstlichen Dünger einfltetzen lassen: Wer reiche Körnerertrüge habe« will, mrrtz Mit Phosphate« dünge«. Das ist eine fv einfache Regel, daß sie auch der schlichteste Bauer behalten kann.2lber wenn ich tüchtig mit Stallmist auf den Acker komme" Klagen die Practiker aus der alten Schule, welche den künstlichen Düngern ab­hold sind),bann brauche ich weder Chilisalpeter, noch Thomas- schlacke, der Stallmist ersetzt mir Alles."Fehlgeschossen, lieber Freund," ist meine Antwort,bitte, merkt Euch die zweite einfache

Die steigen gewiß nicht dritter Klasse ein," sagte er ; vor sich hin.

Zweiter Klasse, meine Herrschaften?" rief der Schaffner, \ dienstfertig eine Thür öffnend.

Dritter Klasse," entgegnete die größte der jungen ' Damen.Erschrecken Sie nicht, Herr Lieutenant!"

Aber, mein gnädigstes Fräulein, ich bitte doch tausend- mal . . ." Er räusperte sich dabei, indem er sich unruhig umblickte, wie einer, der auf Rettung sinnt.

Du hast natürlich zweite Klaffe, liebe Ottilie," sagte i jene.Da müssen wir uns bis Trebbin trennen, so schade \ es ist."

Der junge Mann horchte auf.Auch nach Trebbin?" Allerdings lautet mein Billet für die zweite Klasse," bemerkte die Angeredete.Jndeß ists ja bei solcher Hitze viel angenehmer, dritter Klasse zu fahren, und in solcher Ge­sellschaft erst recht. Ich setze mich zu Euch, und Du, Edgar," wandte sie sich an den Lieutenant,bist, um nicht den Graus ansehen zu muffen, in Gnaden entlassen. Ade!"

Grüß Onkel und Tante, grüß Hans und Paul und \ Else und Käthe!" rief er, enteilend.

Der junge Mann, der sich erhoben hatte, um der an­stürmenden Mädchenschaar Platz zu machen, blieb, als er die Namen hörte, einen Augenblick erstaunt stehen. Während er sich dann an das andere Fenster zurückzog, schlüpfte eine Reisegenossin nach der andern in flatterndem Gewände herein.

Prüfend gingen feine Blicke von Gesicht zu Gesicht.

I Diejenige, welche Ottilie genannt wurde und ihm am nächsten j saß, war auffallend hübsch. Ein länglich rundes Gesichtchen von reinsten Farben, ein fein geschnitztes Näschen, eine lachende ; Stirn, auf die sich kecke Löckchen niederstahlen, kastanienbraune Augen, endlich ein Lippenpaar, das süße Milde mit fester ! Entschiedenheit vereinte. Wie von einem Zauber angezogen, \ wandte er sich ihr, die ihn gar nicht beachtete, immer wieder zu.

Der Zug setzte sich in Bewegung, hinausdampsend aus der heißen Bahnhofshalle durch das Häusergewimmel Berlins, j bis freies Feld durchschnitten, die Vororte Berlins erreicht | und jetzt die Reise mit seltenen Unterbrechungen fortgesetzt wurde.

Kinder, Trebbin wird ja übervölkert, wenn wir alle aussteigen," scherzte Ottilie.

Und gar erst Blankensee," lachten die andern.Tante ist wirklich zu reizend, daß sie uns alle miteinander haben will."

Regel: Der Gtalld««- ist arm a« PhosphorsLure; D« m«tzt also solche -«setze«, dann gtdt eS Körner und Stroh.

Diese Regel zu behalten ist am Ende auch kein so schweres Stück, sie läßt sich also leicht in den Kopf bringen und dort fest- halten. Welches Dungmittel nimmt man nun am besten, um PhoS- phorsäure auf den Acker zu kriegen? Antwort: Thomasschlacke und da sich diese nur langsam auflöst, nur langsam von den Wurzeln der Getretdepflanzen etngesaugt werden kann, so bringt man sie schon im Herbste auf den Acker. Während des Winters löst sich die Thomasschlacke und wenn im Frühjahr neues Leben erwacht, wenn Wärme und Feuchtigkeit ihren Zauber auf das Pflanzenreich auS- üben, dann ist die Phosphorsäure gerade mundgerecht geworden.

So wäre nun der Acker gehörig im Stande; das Pflügen, Eggen und Walzen hat der Bauer besorgt und wir nehmen an, dah er es nach allen Regeln des Fleißes, der Kunst und Wissenschaft ge- than habe. Darüber ließe sich freilich auch sehr viel sagen, es mag aber auf eine andere Zett und Gelegenheit vorbehalten bleiben. Wir wenden uns heute zur Herrichtung de- SaatgetreideS.

Daß in diesem Punkte viel gesündigt wird, bedarf keiner Er­wähnung. Jeder Bauer kann es sich aber an den Fingern herzählen, wie schwer er sich schädigt, wenn er schlechtes Saatgut verwendet. Auf vielen Höfen ist man darum bestrebt, ein Saatgut aus den größten und schwersten Aehren herzustellen und sucht es zugleich sortenrein zu bekommen. Der kleine Bauer kann solche Arbeiten nicht ausführen; wohl aber kann er mit Hülfe der Sortirmaschinen (Trieure) sich ein Saatgut beschaffen, wie man es früher mit Hülfe der gewöhnlichen Fegemühlen nicht zu Wege brachte. Hat aber Einer Zeit und Lust, die besten und schwersten Aehren seiner Ernte mit der Hand zu sammeln und auszuschetden, drischt er diese aus, fegt und reinigt sie, so bekommt er ein Saatgetreide, an welchem er seine Freude haben wird.

In unserem vorigen Berichte wiesen wir darauf hin, daß die 1891er Getreideernte durch -a- ArrSWillter« schwer geschädigt wurde. Fast in allen schneelosen, langanhaltenden Wintern tritt dieses liebel auf, weshalb man verschiedene Mittel zu dessen Be­kämpfung vor geschlagen hat. Das einfachste und natürlichste Mittel ist: solches Saatgut zu beschaffen, welches widerstandsfähig gegen rauhe, ungünstige Witterung ist. Jeder denkt da nach einigem Ueberlegen an diejenigen Länder im hohen Norden, welche noch Roggen bauen. Das sind: Schweden, Finnland und Rußland. In der That können uns diese Länder mit Saatgetreide aushelfen und sie haben es schon gethan. Man hat glücklicherweise auch schon Ver­suche mit schwedischem Saatroggen angestellt und sie sind in sehr befriedigender Weise ausgefallen. Gerade im abgelaufenen Winter konnte sich der schwedische Saatroggen, der im Königreiche Sachsen vielfach angebaut worden war, von seiner besten Sette zeigen. Auch der fi«nlL«dische Rogge« wird gerühmt; er hält sich selbst in

Und das männliche Geschlecht wird nicht minder stark vertreten sein," bemerkte Ottilie,es gibt Einquartierung."

Das ist herrlich!" ries Aliee, die kleine Dreizehnjährige, eine sylphenhafte Erscheinung, in die Hände klatschend.Die Soldaten habe ich gar zu gern."

Onkels und Tantens Gastfreundschaft ist unbegrenzt," fagte Else im Tone aufrichiger Bewunderung.Vorigen Herbst chatte sie vierzehn Offiziere vorn General abwärts bei sich."

Die Herren haben ja wohl später ihre Dankbarkeit für das gastliche Quartier durch Stiftung eines Albums mit ihren Bildern bezeugt?" fragte Ottilie.Wir waren damals im Bade, sonst hätte ich auch alles miterlebt."

Das Geplauder wurde durch den stummen Zuhörer unter­brochen, der bei dem Namen Blankensee ein Bein angesetzt und weiter einen Brief hervorgezogen hatte. Indem er sich gegen feine schöne Nachbarin verneigte, fragte er, mit dem Finger auf die Adresse weisend:Kennen Sie vielleicht diese Handschrift?"

Ottilie erröthete und sah, während ihre Gefährtinnen kicherten, erst den Brief und dann den seltsamen Jüngling staunend an.

Ich bin ja Ihr Diertelsvetter," sagte er, sich als den Studiosus der Rechte Robert Emling vorstellend,auch meine Reise geht nach Blankensee."

Der ersten Verlegenheit folgte ein allgemeiner Jubel über den bisher nur dem Namen nach gekannten, so plötzlich aufgetauchten Vetter, der sich durch den Einladungsbrief der Blankenseer Tante als zu Recht bestehend nachweisen konnte. Er hatte in Göttingen und Jena ftubirt, dachte zuguterletzt die Universität Berlin zu beziehen und befand sich eben auf einer Verwandtenreise, die mit Blankensee ihren Abschluß finden sollte. Der Amtmann Orth war der rechte Vetter seiner Mutter, Else, Marie und Alice Molenberg aus Stettin waren die rechten Nichten derselben und Ottilie Rehmer, deren Bruder der Lieutenant war, die Tochter des Präsi­denten Nehmer in Berlin, wieder eine rechte Nichte der Frau Amtmann. Die jungen Mädchen, die sich früher in Blanken­see kennen und lieben gelernt hatten, waren gemeinsam mit einer neuen Einladung erfreut worden und hatten sich infolge schriftlicher Verabredung auf dem Bahnhofe getroffen, um gleich miteinander die fröhliche Reise zu machen.

(Fortsetzung folgt.)