Ausgabe 
6.12.1891 Zweites Blatt
 
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Bekanntmachung.

Als Gerichtstage sind im Jahre 1892 Dienstag und Donnerstag bestimmt; die Gerichtsschreiberei ist an den Werktagen von Vormittags 10 Uhr bis Mittags 12 Uhr für die Rechtssuchenden geöffnet.

Lich, am 2. December 1891.

Großherzogliches Amtsgericht. Langermann.

Locales und Krovinzielles.

Gießen, 5. December 1891.

Die Großh. Hessische Centratbehörde des Vereins zur Unterstützung und Beffernng der aus den Strafanstalten Entlaßenen hat soeben ihren 26. Hauptrechenschaftsbericht ver­öffentlicht. Danach betrug der jährliche Staatsbeitrag der Großh. Regierung 1000 Mk., die Mitgliederbeiträge aus den Provinzen Starkenburg 1465.02, Oberhessen 826.43, Rhein­hessen 1676.77 , die Capitalzinsen 1476.16. An Unter­stützungen an Vereinspfleglinge wurden gewährt: 3706 Mk.- während des die Jahre 1888 und 1889 umfassenden Rechen­schaftszeitraums betrugen die Einnahmen zusammen 16080 Mk. 17 Pfg., die Ausgaben 9045.91 Mk. In die Vereinspflege wurden ausgenommen 1888: 86 Personen, 1889 90 Per­sonen. Ein Rückblick auf das Vereinsleben in den Jahren 1888 und 1889 gewährt die Genugthuung, daß die auf sitt­liche Hebung entlassener Strafgefangenen, sowie auf Besserung deren materiellen Lage gerichteten Bestrebungen nicht aus un­fruchtbaren Boden gefallen sind. Die zunächst vom Verein bewilligten materiellen Mittel sollen erziehlich wirken- die überaus großen Schwierigkeiten, mit denen der in die Frei­heit zurückkehrende Strafentlassene zu kämpfen hat, vorüber­gehend mildern, ihn an seiner Lage nicht verzweifeln und in die Bahn des Lasters zurücksallen lassen. Der Verein läßt die materielle Hilfe aber nur dann eintreten, wenn er neben der in erster Linie darzmhuenden tadellosen Führung des Pfleglings während der Pflegezeit den Nachweis einer Noth- lage desselben erhält. Allen in dieser Hinsicht an den Verein herangetretenen Ansprüchen vermochte der Verein gerecht zu

werden. Das Vereinsvermögen beträgt 37,728.50 Mk., mit einem jährlichen Zinserträge von 1543 Mk. 16 Ps. Der Zinsertrag reicht aus, um die Verwaltungskosten zu decken und einen ansehnlichen Restbetrag dem eigentlichen Vereins« zwecke zuzusühren.

In Betreff der Ausnahme der Beamten an den Ober- hessischen Eisenbahnen in den Staatsdienst ist der nachstehende Gesetzentwurf an die Stände des Großherzogthums gelangt: Ludwig IV. von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen und bei Rhein re. Wir haben mit Zustimmung Unserer getreuen Stände verordnet und verordnen hiermit wie folgt: Einziger Artikel. Denjenigen Beamten und Bediensteten der Ober­hessischen Eisenbahnen, welche seiner Zeit auf Grund des Art. 3 des Vertrags vom 21. December 1875, betreffend die Uebertragung des Eigenthums der Oberhessischen Bahnen an den Staat (Regierungsblatt Nr. 30 von 1876) über­nommen, aber bis jetzt nicht nach Maßgabe des Art. 1 des Gesetzes vom 4. Mai 1881, betreffend die Anwendung der für die Civildiener bestehenden Bestimmungen auf die über­nommenen Beamten und Bediensteten der Oberhessischen Bahnen (Regierungsblatt Nr. 12 von 1881) in den Staats­dienst ausgenommen wurden, kann die Ausnahme in denselben nachträglich gestattet werden, wenn sie innerhalb der von Unserem Ministerium der Finanzen zu bestimmenden Frist unter Verzichtleistung auf alle durch die frühere vertrags­mäßige Anstellung gegen die Verwaltung erworbenen Rechte die Bereiterklärung zum Uebertritt in den Staatsdienst nach Maßgabe der für die Civildiener bestehenden Bestimmungen abgeben. Unser Ministerium der Finanzen ist befugt, ein­zelnen der sich hiernach Meldenden den Uebertritt zu ver­sagen. Auf die übertretenden Beamten finden die Bestimm­ungen der Artikel 3, 4 und 5 des Gesetzes vom 4. Mai 1881 Anwendung. Urkundlich rc.

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Literatur uitfr Knnft.

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wie gewählt; man versuche es einmal mit Jabres-Abonnement und wir sind überzeugt, daß wan duSUniversum" bald lieb ge­winnen wird. Der Preis des Heftes beträgt 50 Pfg.

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ftmiUcton.

Der liebe Gott sieh! durch den Wald.

Von P. K. Rosegger.

. (1- Fortsetzung.)

Hinweg!" ries der Mann in solchen Augenblicken und schlug mit der Faust in die Luft hinein,ein ehrlicher Mann will ich bleiben. Sakra, das will ich sehen, ob ichs nicht durchsetz!"

Er war ein leidenschaftlicher Raucher- für all seine Mühe und Arbeit war der persönliche Lohn stets ein behag­liches Pfeifchen. Dieweil er nun keinen Tabak mehr kaufen konnte, beizte er Buchenblätter in Harz und wunderte sich schließlich, wie der Arbeitsmensch so viel Geld ausgebe für ein Ding, das er selber bereiten könne.

Magdale gedieh. Sie war nun sieben Jahre alt, war fleißig und brav, und als Weihnacht herankam, hoffte sie auf eine gütige Gabe vom Christkind. Vater und Mutter aber lächelten bitter. Das Christkind kommt nicht immer zu den braven, es kommt lieber zu den reichen Leuten.

Der Lenz hatte an dem Tage draußen beim Klausen- wirth wohl eine Semmel und etliche Aepsel erstanden, um damit die Ehre des heiligen Christ zu retten. Aber auch ein Tannenbäumchen soll dazu sein und Lichtlein dran. So wars früher stets gewesen und so wurde es von dem geliebten Kindesherzen erwartet.

Der Lenz ist denselben Tag über wieder nicht daheim. Gr streift im Walde herum. Der Boden ist steinhart ge­froren, das Moos knistert unter den Füßen, die Aeste hängen, von Eisnadeln des Nebelfrostes belastet, tief herab. Der Lenz wandelt zwischen den unzähligen Bäumen des Waldes. Vor manchen jungen Tannenwipfelchen bleibt er stehen.Es wäre schon das rechte," murmelte er,aber darf ich denn? Ich dürfte freilich nicht, aber heute schickt mich das Christkind, das diesen Wald ja so reich und hoch hat wachsen lassen. Mein seliger Vater hat viel tausend Bäumlein ge­pflanzt und gehütet so kanns doch nicht gefehlt sein, wenn ich mir ein einzig Stämmchen davon Heimtrage für mein Magdale!"

Mit Hast fährt er nach seinem Taschenmesser, ein kräf­

tiger Schnitt und eine zarte Tannenkrone ist geknickt. In diesem Augenblicke gellt ein derber Fluch. Zwei Männer mit Jagdgewehren bewaffnet stehen vor dem Lenz: Gallheim und sein Förster.

Haben wir Dich endlich, Du gottverdammter Wald- frevler!" rief der Förster.Schon seit lange werden von boshafter Hand in unseren Wäldern Bäume geknickt. Dieser . Lump da thuts!"

Ho ho," brummte der Lenz,nicht noth, daß Ihr mich so anknurrt. Ich bin kein Lump, Ihr Herren!"

Was denn?" sagte Gallheim.

In böser Absicht hab ich mein Lebtag kein Zweiglein vom Ast gebrochen."

So? Und dieser Wipfel, der weder einen Spatenstiel noch ein Stück Brennholz gibt?"

Zu Gnaden, Herr fürs Kind daheim ein Christ- bäumel."

Die Ausrede ist nicht übel," lachte Gallheim,aber einen ertappten Dieb und Waldsrevler läßt man nicht lausen. Förster, nehmt mir den Lungerer fest- die sichere Kammer wird ihm über die Festtage wohl bekommen."

Der Lenz zerstampfte den Moosboden.Schau, Du großer, gestrenger Herr," sagte er knirschend,das Moos ist auch nicht mein eigen, und ich zertrete es doch. Klag mich! Die Luft ist auch nicht mein eigen, und die ich ausathme, mußt Du vielleicht wieder einathmen gnädiger Herr, Du armer Schelm!"

In seinem Herzen kochte Trotz und Wuth. Einerseits sah ers, er war ein Dieb, andererseits fühlte ers, es ge­schah ihm Unrecht. Kein bitteres Wort verlor er mehr. Finster grub er seinen Blick in dsn Boden und ließ sich fesseln und davonsühren.

Und das Tannenbäumchen blieb liegen auf dem frost­erstarrten Boden und statt der lieblichen Christlichter glitzerten Eiskörner an den Zweigen.

$ *

*

Da hat sich an jenem Tage etwas zugetragen, das ganz so aussah, als hätte sich das Christkind für den armen Wäldler ins Mittel legen wollen- das liebe Christkind, welches den Reichen wohl glänzende Gaben bescheeren mag, es sonst aber doch lieber mit den Armen hält.

Im Arrest hatten seit Langem schon die Spinnen ihre Webstühle aufgerichtet. An diesem Weihnachts-Abend nun wurden sie durch den Pecher-Lenz ein wenig gestört. Der Lenz zerriß sich seinen Bart vor Schmerz und Wuth. Er dachte an sein schutzloses Heim, in welchem ihn heute die Seinen vergeblich erwarten würden: das Weib in Furcht und Angst, in Verzweiflung- das Kind schluchzend, bis es einschläft das ist ihre Weihnacht. Und er, der Lenz, der sich gehütet hat sein Leben lang, daß er ein ehrlicher Mann verbleibe, sitzt jetzt im Gesängniß, wo vor ihm der Räuber saß, wo nach ihm der Strolch sitzen wird. Das ist seine Weihnacht!

Zornig ob des Waldfrevlers und befriedigt zugleich, den­selben erwischt zu haben, kehrte Gallheim in sein Herrenhaus zurück. Dort aber war Wirrniß und Jammer.

Theobald, der zehnjährige Sohn des Herrn, war, wie gewöhnlich, am Nachmittag auf seinem Schimmel ausgeritten. Das Haus stammte aus dem sechzehnten Jahrhundert und besaß eine Waffenkammer, in welcher sich mancherlei Rüstzeug befand. Nun war es heute dem Knaben eingefallen, derlei vom Reitknecht glätten und putzen zu lassen, daß es glänzte, und an sich zu hängen. So war er mit Blechwamms und Helm und Schwert ausgezogen. Ein junger Ritter, dachte er an die Turniere und an die Burgfräulein, die er begehren und erstreiten wollte und das feurige Roß trabte hinaus in den finsteren Wald.

Die übliche Reitstunde ging vorüber Theobald kehrte nicht zurück. Es begann zu schneien, es begann zu dämmern er kehrte nicht zurück. Als der Hauswart im Hofe die Laternen anzündete, rannte der Schimmel scknaubend und mit hochfliegender Mähne zum Thore herein. Aber auf dem Roffe saß kein Reiter.

Jetzt ging das Entsetzen an. Die Mutter siel in Ohn­macht. Der Vater schoß planlos umher und war blaß wie die Mauer seines Hauses. Die Dienerschast stob verwirrt durcheinander- das Gesinde jammerte über denlieben, guten jungen gnädigen Herrn". Die Knechte sprengten aus Pferden zum Thore hinaus. Der Wächter läutete in seiner Kopf­losigkeit die Sturmglocke.

(Fortsetzung folgt.)