Ausgabe 
6.12.1891 Erstes Blatt
 
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Börsenwochembericht

von E. WasserwcBileben, Bankgeschäft.

Schon zu Ende der vergangenen Woche und mehr noch mit Beginn der laufenden hat sich an der Börse ein vollkommener Tendenzumschwung vollzogen. Die Course waren auf allen Gebieten fest, und im Bahnen-, Banken- und Renten­markt rapid steigend. Man hat die Ursache dieses plötzlichen Wechsels fast allgemein in der großen Beruhigungsrede gesucht, die der Reichskanzler am verflossenen Frei­tag gehalten hat, und es kann in der Thal nicht bestritten werden, daß der Ein­druck der Rede im Jnlande wie im Auslande ein vorzüglicher war und daß der­selbe auch an der Börse seinen coursmäßtgen Ausdruck gefunden hat. Die schnelle Aufwärtsbewegung der Course aber, die später auf diesen ersten Anstoß folgte, ver­dankt ihr Dasein jedenfalls nur zum geringsten Theile dem Schwinden von poli­tischen Sorgen, wie diese auch vorher nur im geringsten Maße dazu beigetragen haben, die Course auf ihren Tiefpunkt herabzudrücken. Da aber eine Besserung der wirthschaftlichen Lage nirgends vorliegt, so können nur börsentechnische Momente für die Steigerung geltend gemacht werden, und diese sind denn auch in ausreichen­dem Matze vorhanden. Die Ultimoltquidatton hat in letzter Stunde für die Baisse­partei noch große Verlegenheiten gebracht. Für sämmtliche Bankactien und Dis- conto vorab, für russische Anleihen und Warschau-Wiener Actien mußten unge­wöhnlich hohe Deportsätze bewilligt werden, um die Prolongation zu ermöglichen. Die Speculation war daher an sich schon geneigt, Deckungen vorzunehmen, und wurde darin nur bestärkt durch die Rede des Reichskanzlers, durch die Vorgänge in Paris und endlich durch die Erwägung, daß eine Reihe von festen Börsentagen, die durch den Beginn der Deckungen etngeleitet worden war, außerordentlich viel zur Beruhigung des Publikums beitragen müsse. So haben in ständiger Wechsel­wirkung Deckungen stets weitere Deckungskäufe veranlaßt, und da das effective Ge­schäft gegenwärtig schläft und die Contremine kaufte, also Niemand da war, der abgeben oder Widerstand leisten wollte, so kann es nicht Wunder nehmen, daß die Course jeden Tag 23% in die Höhe sprangen. Es ist nur die natürliche Folge der Dinge, wenn durch eine Periode mit fester Börsentendenz die Beunruhigung, die alle Kreise der besitzenden Klassen ergriffen hat, zurückgedämmt wird. Der an­dauernde Entwerthungsprozeß hat die Beunruhigung erzeugt, ein Tendenzumschwung, welcher den Anschein von Dauer erweckt, muß sie wieder aufheben. Leider ändert nur ein solcher Tendenzumschwung nicht die letzten Ursachen, welche dem gegen­wärtigen Niedergang zu Grunde liegen, und nur eine Erkenntniß, welche sich über dieselben volle Rechenschaft geben kann, könnte daher vor falschen Illusionen be­wahren. Daß aber eine solche Erkenntniß in Capitalistenkreism nicht verbreitet ist, darüber kann man sich nicht täuschen, selbst an der Börse wird dieselbe nicht immer angetroffen. Hier freilich ist der Wunsch Vater der Hoffnung; je mehr man unter der allaemetnen Entmuthigung und unter dem Rückgang des Geschäfts leidet, urn- soschneller wird man bereit sein, in einem Tendenzumschwung das Ende des wirth­schaftlichen Niedergangs zu erblicken. Hierin aber liegt die große Gefahr. Schon in den letzten Tagen kamen von Berlin aus Bankiercirculare zur Versendung, die die Lage außerordentlich hoffnungsvoll schilderten und fast sämmtliche Börsenwerthe als billig anpriesen. Vor solchem Optimismus, der über die mißliche Lage der Industrie, über die geschwächte Kaufkraft des Publikums, über den Mangel an Unternehmungsgeist und das allseitig bestehende Mißtrauen so gänzlich hinwegsieht, ernstlich zu warnen, ist erste Pflicht des Commissionärs und sie sollte nicht außer Acht gelassen werden, selbst aus die Gefahr hin, daß die Wiederkehr normaler Ver­hältnisse dadurch verzögert wird.

Von allgemeinerem Interesse ist vielleicht die gegenwärtig betriebene Grün­dung derDeutschen Schutzgesellschaft für ausländische Werthpapiere", weil sie ebenfalls mit dem ausgesprochenen Wunsche erfolgt, dadurch eine Beruhigung des Publikums und eine Belebung des Geschäftsverkehrs herbeizuführen. Dieselben Banken, die durch einen kritiklosen Import von ausländischen Werthen dem Volks- oermögen die schwersten Wunden geschlagen haben, gründen jetzt die genannte Ge­sellschaft zum Schutz der geschädigten Interessen. Es ist ja richtig, daß eine solche Vertretung des deutschen Capitals unter Umständen einen wirksamen Druck aus­üben und dasselbe namentlich vor Zurücksetzung hinter die Gläubiger anderer Län­der wie das in letzter Zeit mehrfach vorgekommen ist bewahren könnte. Aber ein altes Sprüchwort geht: Wo nichts ist, hat der Kaiser das Recht verloren, und in solchen Fällen wird auch die geplante Gesellschaft nichts helfen können. Der wirksamste Schutz bleibt immer die vorherige genaue Prüfung der Creditwürdigkeit des Schuldners und gerade diese ist von den Gründern der Gesellschaft vernach­lässigt worden, darunter leidet das Publikum und die nachträgliche Gründung der Schutzgesellschaft kann die begangenen Fehler nicht wieder gutmachen.

Wie leicht unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Rückschlag eintreten kann, hat bereits die Freitagsbörse bewiesen, die recht matt war, und in deren Verlauf namentlich Banken, welche wieder einen bedeutenden Theil der gewonnenen Avancen verloren, weil über einige Nebenwerthe recht ungünstige Dividenden­schätzungen laut wurden. Die Schätzungen für die leitenden Institute sind aber noch gar nicht bekannt und obgleich die Erwartungen tief herabgestimmt sind, so mögen gerade in Bezug auf diese noch manche Ueberraschungen im Schooße der Zeiten liegen. Es sind vorhin die Vorgänge in Paris erwähnt worden. Dort bat man die Baissepartei in der neuen russischen Anleihe gänzlichaufgeschwänzt". Die Emissionshäuser hatten für Rechnung des Finanzministers den größten Theil des angebotenen Materials wieder ausgenommen und diese sämmtlichen Stücke sind als vollgezahlt abgestempelt worden, sodaß die Blankoverkäufer jetzt Stücke schulden, die überhaupt nicht mehr exiftiren und den Emissionshäusern nun jeden Deport und jeden Cours, den dieselben fordern, bewilligen müßten. Dadurch eingeschüchtert ist die Baissepartei auch auf den anderen Gebieten zu Deckungen geschritten, und der Platz befindet sich daher in voller Hausse. So erlebt die Welt das Schauspiel, daß eine Speculation fehl schlägt, die in den wirthschaftlichen Verhältnissen durch­aus begründet war, zu deren Gunsten jeder einzelne Umstand zu sprechen schien, und die bereits die Palme des Sieges in ihren Händen hielt. Diese Vorgänge haben an den deutschen Börsen auf dem Rentenmarkte ihren schärf­sten Ausdruck gefunden. Ungarn, Italiener, Portugiesen, Russen sind wieder auf Course hinaufgeschnellt, die sie seit Wochen und Monaten nicht gesehen haben. Aller­dings kommt diesem Gebiet auch der überaus flüssige Geldstand zu gute, der die Hoffnung erweckt, daß mit dem kommenden Januartermin sich das Anlagebedürfniß wieder diesen Werthen zuwenden würde. Ob die Speculation, indem sie die erwar­teten Eoursbesserungen vorwegnimmt, damit über das Ziel hinausschteßt, mag die Zukunft lehren. Sicher ist ja wohl, daß früher oder später die zunehmende Geld­flüssigkeit das Capital wieder dem Rentenrnarkte zuführen wird, und die Frage ist nur, ob ein Discontsatz von 3o/0, wie er gegenwärtig an der Börse notirt, niedrig genug ist, um die Enttäuschungen, welche man im Rentenmarkte erlitten hat, ver­gessen zu lassen. Portugiesen verdanken ihre Avance vornehmlich der Aussicht, daß der nächste Coupon voll bezahlt wird, Spanier der Veränderung in der Leitung der Bank von Spanien und der begründeten Hoffnung, daß das vielbesprochene Vor­schußgeschäft nun endlich zu Stande kommen wird.

Im Bankenmarkt hatten Deckungen Disconto bis 171.30, d. i. reichlich 5% über den letzten Freitagscours, hinaufgeschnellt, sie schließen indessen heute wieder zu 168.50 und ähnlich bewegten sich die übrigen Bankactien: Handelsgesellschaft von 125 auf 129 auf 126, Darmstädter von 122 auf 126 auf 124, Dresdener von 127 auf 131 auf 130, Credit von 230 auf 238 auf 236 u. s. f. Der Wiener Markt lag namentlich für Bahnwerthe außerordentlich fest. Buschtherader sprangen auf günstige Einnahme-Ausweise und Verhandlungen über die Prioritätenconversion von 3821/g auf 400 hinauf und schließen nur wenig schwächer, Elbthal stiegen um 12 fl. auf 192, und mit diesen hat sich das ganze Niveau gehoben, ohne daß selbst die matte Schlußborse der Woche den Gewinnen Eintrag gethan batte. Es sind noch folgende Steigerungen zu verzeichnen: Böhmische Ilrordbahn 8 fl., Westbahn 10 fl., Donau, Drau und Durer 5 fl., Staatsbahn 7 fl. und Nordwest 8 fl. u. a. m. Die Schweizer Werthe schwanken noch immer, da die Verhältnisse in Zürich noch völlig ungeklärt sind und am Freitag wurden dieselben durch Executionen besonders stark gedrückt, sodaß sie als bte Einzigen mit Verlusten aus der Woche hervorgingen.

Recht schwach liegt indessen auch der Montanmarkt, weil die Kohlenpreise weichen und her milde Winter keine Besserung derselben verspricht.