Nr. 258
Donnerstag den 5. November
1891
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2t int## und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen.
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Anrtlichev Theil.
Gießen, den 3. November 1891. Betr.: Ermittelung der landwirthschaftlichen Bodenbenutzung und des Ernte-Ertrags im Jahr 1891.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
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Soweit Sie noch mit Einsendung der rubricirten Ver- zeichniffe im Rückstände sind, erinnern wir Sie unter Hinweis auf unsere Verfügung vom 20. Mai l. I. — Anzeiger Nr. 117 — an deren alsbaldige Vorlage.
v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. November. Der Kaiser hat eine Ordre in Betreff der Anrechnung von Kriegsjahren für die aus dem activen Dienst zur Truppe des Reichscommis sars für Ostafrika übergetretenen Militärpersonen erlassen. Die Ordre bestimmt im Wesentlichen, daß denjenigen aus dem Reichsheer oder der Marine zur ost- afrikanischen Schutztruppe übergetretenen Militärpersonen, welche in je einem der Jahre 1889, 1890 und 1891 an einem Gefechte Theil genommen haben, je ein Kriegsjahr zur Anrechnung kommt.
— Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Freiherr v. Soden, gibt die Ernennung des Corvettencapitäns Rüdiger, bisherigen Commandanten des Kreuzers „Schwalbe", zu seinem Stellvertreter bekannt. Herr Rüdiger wird den Freiherrn v. Soden nicht nur in Leitung der Gouvernementsgeschäfte, sondern auch im Oberbefehle über die Schutztruppe vertreten.
— In der Reichshaupt st adt ist der Virchow- und Forckenbeck-Feier am Montag die Helmholtz-Feier gefolgt, veranstaltet anläßlich des 70. Geburtstages des berühmten Naturforschers und Mediciners Geheimraths Pros. H. v. Helmholtz. Allerdings hat Hermann v. Helmholtz sein 70. Lebensjahr schon vor länger als zwei Monaten vollendet, am 31. August, aber damals weilte er mit seiner Familie fern im Ampezzo-Thale, die officielle Feier seines Ehrentages konnte daher erst nach der Rückkehr be§ Jubilars an der Stätte seines Wirkens begangen werden. Der 2. November aber wurde hierzu gewählt, weil Hermann v. Helmholtz an diesem Tage vor nun 49 Jahren seine erste akademische Würde,
diejenige eines Doctors der Medicin, erlangte. Vom Montag Vormittag an bis in die Nachmittagsstunden hinein empfing der berühmte Gelehrte in seinem Hause in Charlottenburg ein wahres Heer von Gratulanten und zwar wurde der Reigen der glückwünschenden Personen durch den Cultusminister Grasen v. Zedlitz-Trütschler eröffnet. Auch verschiedene Huldigungsgaben und Festschriften wurden dem Jubilar überreicht. Abends 6 Uhr sand zu Ehren Helmholtz' im „Kaiserhos" großes Festmahl statt, bei welchem der Gefeierte zwischen dem Staatssecretär v. Bötticher und dem Cultusminister saß. Herr v. Bötticher brachte den Toast auf den Kaiser aus, Professor Zeller toastete auf den Jubilar, welcher in bewegten Worten dankte. Wie bekannt, hat Kaiser Wilhelm Herrn v. Helmholtz zu seinem 70. Geburtsfeste in ganz besonderer Weise durch Verleihung des Prädicats „Excellenz" ausgezeichnet.
Ausland.
Rom, 3. November. Friedens-Conferenz. Die Eröffnungs-Sitzung der Friedens-Conferenz in der festlich geschmückten Aula des Capitols verlies in vielverheißender Weise. Außer zahlreichen Deputationen waren Vertreter der Diplomatie und Damen anwesend. Deutschland ist durch 11 freisinnige und 4 nationalliberale Abgeordnete vertreten. Die deutsche Deputation hat Baumbach zum Präsidenten, Böttcher zum Schriftführer und Hirsch zum Redner gewählt. Frankreich ist relativ am schwächsten vertreten- außer Labiche, dem Vertreter der französischen Section, ist auch Frederic Passy anwesend. Biancheri, neben dem Herzog Sermoneta, dem Minister Ferrari, Bonghi, Odescalchi u. s. w. Platz nehmend, eröffnet die Sitzung mit einer schwungvollen Rede, die mit einem brüderlichen Gruß an die Gäste beginnt und die Arbeit des Kongresses als ein Werk der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit charakterisirt, das für immer die Kriege unmöglich machen soll. „Hier auf dem Capitol", fuhr Biancheri dann fort, „wo einst Jahrhunderte lang Zwietracht geherrscht, berathen wir heute, wie die Kriege zu vermeiden sind. Viele sagen, es sei eine Utopie, aber Utopisten nannte man auch Columbus, Galilei und Lincoln, deren Ideen heute Gemeingut Aller sind. So ist zu hoffen, daß in nicht ferner Zeit auch die Idee der Schiedsgerichte und des Friedens von allen Völkern bekannt wird." Alsdann sprach der Sindaco von Rom, Herzog von Sermoneta, den Wunsch aus, daß von Rom, von wo die Beziehungen des Glaubens geregelt wurden, auch diejenigen unter Völkern in friedlichem Sinne
geregelt werden möchten. Von den fremden Deputationen sprach zuerst Baumbach, der die Friedensliebe der deutschen Völker versicherte- anknüpfend an das Wort Moltkeß, daß heute die Stimmungen der Völker die Kriege verursachen, forderte er die Anwesenden auf, daheim den Geist des Friedens zu fördern. Diese Worte erregten lebhaften Beifall. Ruß sprach alsdann für die Oesterretcher. Von den folgenden Reden war besonders interessant diejenige des Franzosen Gras Douville-Maillefen, der mit hinreißendem Schwung die Friedensliebe der Franzosen versicherte, die frei leben wollen und nie vergeßen würden, da sie zuerst die Menschenrechte verkündeten. Die Franzosen wollten durch Gründe der Vernunft zur Wohlfahrt der Völker gelangen. Er hoffe, daß Rom in Zuknnft sich stets als das Capitol der Freiheit und der Vernunft bewähren werde. (Langanhaltender Beifall.) Die Reden der anderen Deputationen waren minder bedeutend. Morgen findet die erste Sitzung statt. (Frkf. Ztg.)
Ucuefte Nachrichten.
WolffS telegraphisches Lorrespondmz»Bureau.
Wien, 3. November. Die „Presse" meldet: Im Handelsministerium wurde heute die Schlußconserenz eröffnet, um die Verhandlungen wegen Revision des österreichischungarischen und deutschen Eisenbahnbetriebsreglements zu Ende zu führen. Die Verhandlungen dürften eine Woche dauern.
Wien, 3. November. Wie die Blätter melden, ist nunmehr der erste Fall der Entschädigung eines unschuldig Verurtheilten aus Staatsmitteln vorgekommen. Es wurden dem wegen Brandstiftung zu zweijährigem Kerker verurtheilten und nachher als unschuldig erkannten Georg Pabst aus dem Justizbudget 3000 Gulden angewiesen.
Rom, 3. November. Die an der Friedens-Conferenz theilnehmenden deutschen Abgeordneten legten nach der Sitzung einen Kranz auf das Grab Victor Emanuels nieder.
Zara, 3. November. Gestern Nachmittag stürzte infolge heftiger Bora eine Barke mit Wäscherinnen um. Sechzehn ertranken. Neun Leichen sind gefunden. Die Bemannung der Barke wurde gerettet.
Lens, 3. November. Nach den bisherigen Ergebniffen haben sich 70 Procent der Arbeiter auf den hiesigen Kohlenbecken für den allgemeinen Ausstand erklärt.
Paris, 3. November. Der Ministerrath beschäftigte sich heute mit einem Gesetzentwurf, betreffend die Zählung der in
Feuilleton.
Ein Brief Friedrich Schillers.
Die literarische Beilage des „Staats - Anzeigers für Württemberg" veröffentlicht folgenden, bisher ungedruckten Brief Friedrich Schillers. Das Original befindet sich in Händen des Hospitalpflegers Fuchslocher in Nürtingen und lautet:
E. d. 6. Novemb. 1787. „Theuerste Schwester!
Gestern Abend erhalte ich Deinen lieben Brief und eile, Dich aus Deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen.
Daß meine völlige Trennung von Vaterland nnd Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft seyn, wenn ich sie nicht erwartet und selbst befördert hätte, wenn ich sie nicht als die nothwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welcher mich in meinem Vaterlande nicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist es, dem wir die Zukunft übergeben, von dem ihr und ich, gottlob nur allein, abhängig sind. Ihm übergebe ich euch, meine Theuren, er erhalte euch vest und stark, meine Schicksale zu erleben, und mein Glück mit der Zeit mit mir theilen zu können. Losgerißen aus euren Armen weis ich keine bessere keine sicherere Niederlage meines theuersten Schazes, als Gott, von seinen Händen will ich euch wiederempfangen, und — dis sei die lezte Träne, die hier fällt!
Dein Verlangen mich zu Mannheim etablirt zu wissen, kann nicht mehr erfüllt werden. So wenig es auch im Kreis meines Glücks läge dort zu seyn, so gern wollt ich die nähere Nachbarschaft mit den meinigen vorziehen, und dort Dienste zu erlangen suchen, wenn mich nicht eine Bekanntschaft mit meinen Mannheimischen Freunden für ihre Unter« ftüzung zu stolz gemacht hätte. Ich schreibe Dir gegenwärtig auf meiner Reise nach Berlin, wo es mir in mehr als einem Fach nicht fehlschlagen kann, wo, nach dem einstimmigen Ur- theil aller Menschen, denen ich meine Umstände vorlegte,
mein Glück aufgehoben seyn mus. Auch ist es möglich, daß, wenn mich bedeutende Connaissancen zu Berlin unterstüzen, ich nach Petersburg gehe. Erschrik nicht beste Schwester daß soviel Meilen zwischen euch und mich werden zu liegen kommen. Ihr solt jedes meiner Verhängnisse mit mir theilen- ich suche mein Glück eben so sehr für euch als für mich. Innerhalb einiger Jahre, soll, wenn Gott will, kein Schuh breit zwischen uns liegen. Biß dahin wache der Ewige über euch und mich.
Deine zweitnächste Sorgfalt wird ohne Zweifel mein Auskommen seyn. Zu Deinem und unserer zärtlichsten Eltern Trost kann ich Dir sagen, daß ich bis izt auch keine Kleinigkeit habe entbehren müßen, welche ich zu Stuttgardt gewohnt war. Auch in die Zukunft kann ich zuversichtlich sehen, weil mir meine Arbeiten gut bezahlt werden, und ich fleißig bin. Sobald ich in Berlin bin, kann ich in der ersten Woche aus festes Einkommen rechnen, weil ich vollgiltig Empfehlungen an Nicolai habe, der dort gleichsam der Souverain der Litteratur ist, aber Leute von Kopf sorgfältig anzieht, mich schon im Voraus schäzt und einen ungeheuren Einfluß hat, beinahe im ganzen deutschen Reich der Gelehrsamkeit. Jcy habe keinen anderen Gedanken, als mein Glück nur allein durch die Medicin zu machen, und werde suchen innerhalb eines halben Jahres Doctor zu seyn. Da ich durch Sachsen gehe, so habe ich gute adressen an große Gelehrte, auch an Fürsten, wenn ich die letztem benuzen will. Für meine Schulden können meine Eltern stehen, denn ich hätte bereits die Hälfte davon abgetragen, wenn es nicht meine erste Pflicht wäre, zuerst mein Glück zu etablieren. Meinen Schuldnern verschlägt es nichts, ob sie 3 Monat früher oder später bezahlt werden, da die Zinie sortlausen, mich aber kann das Geld, das ich ihnen izt schicken würde, an den Ort meines Glücks bringen. Das ist eine Billigkeit, die Jedermann erkennen mus, und wofür wäre ich denn solang ein rechtschaffener Mann gewesen, mir dieses Prädikat nicht einmal aus ein Viertel- oder Halbjahr Credit machte? Sage dieses den Leuten, so wird alles sich zufrieden geben.,
Noch einmal, meine inniggeliebte Schwester, vertraue auf Gott, der auch der Gott Deines fernen Bruders ist, dem 300 Meilen eine Spanne breit sind, wenn er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unfern besten allertheuersten Vater, und unsere herzlich geliebte gute Mutter, meine liebe redliche Louise, und unser kleine gute Nanette. Wenn mein Segen Kraft hat, so wird Gott mit euch seyn. Ein inneres starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen, ich sehe euch wieder — Vertraut Gott. Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen. Ich werde zu weich, Schwester, und schließe. Wenn Du die Wolzogen svrichst, so mache ihr tausend Empfehlung. Auch der Vis- heim empfiehl mich. Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir wie bisher über Mannheim. — Ewig Dein treuer zärtlicher Bruder Fried. Schiller."
* Flensburg, 28. October. Ein verbrecherisches Brüderpaar, die Schlächter Emil und Wilhelm Thiede, die srüher in Flensburg ein bedeutendes Geschäft betrieben, versetzten seit einiger Zeit die Landleute der Umgegend in Schrecken. Kühe und Schafe, die in der Nacht sich auf der Weide befanden, wurden heimlich durch Einschneiden in das Fußgelenk gelähmt oder durch einen Keulenschlag vor den Kopf betäubt; die Urheber waren die Gebrüder Thiede. Sobald die Besitzer das Unglück bemerkt hatten, stellten sich die beiden Brüder ein, um das „verunglückte" oder „kranke" Thier für einen Spottpreis zu kaufen. Auf diese Weise brachte das verbrecherische Brüderpaar manche kleine Leute, u. a. eine arme Wittwe, um ihre einzige Kuh. In voriger Woche kam man dem ruchlosen Treiben auf die Spur, die beiden Thiede wurden verhaftet und gefesselt durch die Straßen geführt. Allein der riesenstarke Emil Thiede, ein wüster, gefürchteter Mensch, entfloh auf dem Wege. Tagelang wurde er gesucht - an einem der letzten Abende wurde eu. von einem Schutzmanne ergriffen.^


