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Nr. 152. Samstag bett 4. Juli

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1891

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Gießener Anzeiger

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Deutsches Reich.

Berlin, 2. Juli. Die bedeutsame Nachricht von der auf sechs Jahre erfolgten Verlängerung des Drei­bundes hat in der gesummten europäischen Tagespresse eine wahre Sturmfluth von Betrachtungen und Commentaren hierzu hervorgerufen. Weit überwiegend kommt in diesen Preß- urtheilen die Genugthuung darüber zum Ausdruck, daß mit der Erneuerung der Tripel-Allianz der Völkerfriede aufs Neue gesichert erscheine und selbst in einem Theile der radicalen italienischen Blätter wird die friedesichernde Kraft des Dreibundes offen anerkannt. Daß die Erneuerung desselben so unmittelbar vor dem Erscheinen des deutschen Kaisers in Holland und England erfolgte, erfährt natürlich auch mancherlei Deutungen, die aber hier und da offenbar über das Ziel hinausschießen. Denn daß der gegen­wärtige Besuch Kaiser Wilhelms auf niederländischem Boden keineswegs bezweckt, Holland in den europäischen Friedens­bund mit hineinzuziehen, ist klar. Der deutsche Monarch stattet am niederländischen Hose in erster Linie einen Höflich­keitsbesuch ab und unter diesem Gesichtspunkte will das Ereigniß vor Allem betrachtet sein. Aber allerdings besitzt dasselbe auch eine politische Umrahmung, insofern, als von dem Kaiserbesuche in Holland eine entschieden freundschaftliche Gestaltung der deutsch-holländischen Beziehungen mit Zuversicht zu erwarten steht. Was aber den diesjährigen Besuch Kaiser Wilhelms in England anbelangt, so bringt er das längst bestehende innige Verhältniß zwischen Deutschland und England erneut zum Ausdruck, ohne daß von ihm irgendwelche politische Abmachungen zu erwarten wären. Solcher bedarf es jedoch auch gar nicht, die gesammten auswärtigen Interessen Englands weisen das Jnselkönigreich auf die Freundschaft mit Deutschland und also mit dem Dreibunde hin und diese Freundschaft erfährt eben durch die gegenwärtige englische Reise Kaiser Wilhelms wiederum ihre Bekräftigung.

Neueste Nachrichten.

Wolff» telegraphisches Correspondmz-Burean.

Berlin, 2. Juli. Eine Londoner Depesche derVoss. Ztg." theilt mit: DieMorning Post" erfährt, der neue Dreibund unterscheide sich von seinem Vorgänger dadurch, daß er aus drei Sonderverträgen, statt wie bisher nur aus zweien, besteht, der deutsch-italienische Vertrag werde wahr­scheinlich wie der österreichisch-deutsche Vertrag veröffentlicht werden. Dagegen werde das Abkommen zwischen Oesterreich und Italien vorläufig nicht enthüllt werden. Es sei that- sächlich nicht bekannt, ob die österreichisch-italienische Verstän­digung die Form einer regelmäßig unterzeichneten Urkunde annimmt oder nur durch diplomatischen Ideenaustausch her­gestellt ist. Es unterliege jedoch keinem Zweifel, daß Oester­reich bei dieser Gelegenheit dem lebhaften Interesse Ausdruck gegeben habe, welches es gemeinsam mit England an der Sicherheit der italienischen Küste bethätige.

Berlin, 2. Juli. Special-Telegramme derTimes" schildern nach einem Berichte derPost" die Lage in Shanghai als beunruhigend. Plakate, welche zur Erhebung gegen die Europäer auffordern, sind überall an­geschlagen.^ Die Consuln berufen die zerstreut lebenden Euro­päer zur Bewaffnung und Selbstvertheidigung zusammen. Den chinesischen Truppen wird mißtraut.

Berlin, 2. Juli. In einem Depot der hiesigen Omnibus- Actiengesellschaft begannen heute früh die Omnibuskutscher einen Strike. Dieselben verlangen die Verdoppelung der bisherigen Feiertage, höheren Lohn und Entbindung vom Wagenwäschen. Es ist zwar Aelungen, den Betrieb heute aufrecht zu erhalten, doch befürchtet man, daß der Strike sich auch auf die übrigen Depots ausdehnen werde.

Crefeld, 2. Juli. Ein Wirbelwind zerstörte die Fest­halle und die Buden auf dem Festplatze des Rheinischen Bundesschießens. Zwischen den Städten Süchteln, Viersen und Dülken stürzten in Folge des Unwetters etwa fünfzig Häuser ein. Es gab mehrere Todte und Verwundete.

Königsberg, 2. Juli. Generallieutenant v. Werder, Commandeur der ersten Division, wurde zum Commandiren- den des ersten Armeecorps ernannt.

Amsterdam, 2. Juli. Das deutsche Kaiserpaar zeichnete gestern seine Namen in das goldene Buch des Reichsmuseums ein, verweilte dann mit der Königin-Regentin und großem Gefolge über eine Stunde im Museum und gab das lebhafteste Interesse für die alte holländische Kunst zu erkennen.

Amsterdam, 2. Juli. Das Kaiserpaar, die Regentin und die Königin besichtigten unter Führung des Bürger­meisters das Stadthaus. Weißgekleidete Mädchen überreichten

den Damen Rosensträuße. Nach einem Imbiß überreichte der Stadtarchivar dem Kaiserpaare ein Werk von Lieseniß, enthaltend die Beschreibung Amsterdams im vorigen Jahr­hundert, wovon nur zwei Exemplare vorhanden sind.

Amsterdam, 2. Juli. Der Toast der Königin- Regentin beim gestrigen Galadiner war tn französischer Sprache ausgebracht und lautete:Es drängt mich, von Herzen den Majestäten gleichzeitig im Namen meiner Tochter für den Besuch zu danken. Die ganze Nation vereint sich mit uns, Sie herzlichst in unserer Mitte willkommen zu heißen. Gestatten Ew. Majestäten, Ihnen zu sagen, daß ich Ihre Anwesenheit außerordentlich hochschätze, und daß das ganze Land außerordentliche Befriedigung darüber empfindet. Möge Ihr Aufenthalt in den Niederlanden dazu beitragen, die freundschaftlichen und sreundnachbarlichen Beziehungen, welche immer bestanden haben, noch zu befestigen. Die auf­richtigsten Wünsche für das Glück der Majestäten und das Wohlergehen Deutschlands ausdrückend, trinke ich auf das Wohl der Majestäten."

Amsterdam, 2. Juli. Bei der gestrigen Gala-Tafel be­antwortete der Kaiser den Toast der Regentin, indem er für den herzlichen Empfang dankte und seine Freundschaft zu Holland betonte. Abends um 9 Uhr fand der Zapfen­streich statt, der einen glänzenden Verlaus nahm. DasHeil dir im Siegerkranz" und das niederländischeWilhelmlied", sowie der Ehoral wurden entblößten Hauptes von der Volks­menge angehört. Die kaiserlichen und königlichen Herrschaften aus dem Balcon wurden stürmisch begrüßt,- nach jeder Pisce wurden brausende Hochrufe laut.

Amsterdam, 2. Juli. Bei dem gestrigen Galadiner trug Kaiser Wilhelm die Paradeuniform der Garde-du-Corps, die Kaiserin eine schwarze Toilette mit kostbarem Diadem. Heute Vormittag findet der Empfang der deutschen Deputation, Nachmittags eine Ruderregatta, Abends ein Feuerwerk statt.

Amsterdam, 2. Juli. Das Kaiserpaar empfing heute Vormittag die oberen Chargen, Herren und Damen der deutschen Colonie. Der Kaiser nahm dankend eine kostbar ausgestattete Adresse entgegen und vierlieh mehreren Herren Orden. Der Kaiser und die Kaiserin unterhielten sich sehr leutselig mit den Mitgliedern der Deputation. Vor der Be­sichtigung des Stadthauses hatten dieselben auch das Bürger­waisenhaus besucht. Um 1 Uhr fuhren das Kaiserpaar und die Königin-Regentin mit großem Gefolge nach der gestrigen Landungsstelle und von dort aus einem herrlich decorirten Dampfer zur Ruder-Regatta. Ueberall wurden sie stürmisch begrüßt.

Amsterdam, 2. Juli. Nach Entgegennahme der Hul­digungsadresse der deutschen Colonie äußerte der Kaiser, er habe mit Vergnügen von der Königin-Regentin erfahren, daß die deutschen Niederländer dem niederländischen Herrscherhause treu ergeben seien, das Erscheinen der Depu­tation beweise, daß sie auch gute Deutsche seien. Der Kaiser dankte für die Huldigung und äußerte seine Freude über den Empfang, welche die Regentin und die Stadt ihm bereiteten. Später besuchte das Kaiserpaar die neue Kirche und nahm daselbst das Mausoleum des Admirals Ruyter in Augenschein.

Amsterdam, 2. Juli. Das Kaiserpaar wurde bei Antritt der Wasserfahrt von dem Kanonensalut der Kriegs­schiffe begrüßt,- die Musik spielte die deutsche Hymne. Der Enthusiasmus der Menschenmenge ist unbeschreiblich. Abends 7 Uhr findet im Palais ein Diner von 54 Gedecken statt.

Amsterdam, 2. Juli. Der Kaiser hielt Nachmittags eine Revue der holländischen Kriegsschiffe ab, welche er zweimal umfuhr- später wohnte er der Ruder-Regatta bei, an der alle Nudervereine theilnahmen. Alles war auf das Festlichste geschmückt. Der VereinAmstel" errang die beiden Preise. Das Publikum hielt die Ufer dicht besetzt und be­grüßte überall den Kaiser mit brausenden Hochrufen.

Graz, 2. Juli. Durch einen Wolkenbruch nahe bei Meran wurden in zwei Ortschaften zahlreiche Häuser be­schädigt. Die Ernte ist vernichtet. Mehrere Menschen sind umgekommen.

Triest, 2. Juli. Die Einbeziehung des Freihasen­gebiets von Triest in das österreichisch-ungarische Zoll­gebiet erfolgte gestern in vollständiger Ordnung. Die Nachverzollung geht ohne Schwierigkeiten vor sich. Die Stimmung der Bevölkerung ist durchaus ruhig.

Neapel, 2. Juli. Der angewachsene Lava ström droht in den hinter dem Observatorium befindlichen Vetronagraben sich zu ergießen. Von zwei bis zum Kraterrande vordringen­den Brasilianern stürzte einer, Silva Jardim, vom Krater ab, während der andere, Joaquin Carnciro, gerettet werden konnte.

Paris, 2. Juli. Der Kriegsminister ernannte eine große

Anzahl Staatsforstbeamter zu Offizieren der Land­wehr-Infanterie. Dadurch sollen insbesondere die Landwehr- Regimenter, denen der Schutz der Ostgrenze obliegt, verstärkt werden.

Angers, 2. Juli. Gegen 2000 Arbeiter hiesiger Schuh- waarenfabriken haben die Arbeit eingestellt.

Loudon, 2. Juli. DerStandard" schreibt, der Em­pfang Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin in Amsterdam sei eine natürliche Huldigung, welche der be­ständigen Loyalität der Beziehungen Deutschlands zu seinen kleineren Nachbarn entspreche. Das Canalgeschwader unter Führung des Admirals Seymour ist abgedampft, um Ihren Majestäten dem Kaiser und der Kaiserin entgegen zu fahren.

Petersburg, 2. Juli. Der neue Zolltarif ist heute veröffentlicht worden- derselbe tritt am 13. Juli n. St. in Kraft.

Kopenhagen, 2. Juli. Die Pulvermühle bei Hörs­holm aus Seeland ist in die Luft geflogen. Mehrere Arbeiter wurden getödtet und der Vorsteher leicht ver­wundet.

Newyork, 2. Juli. Nach Telegrammen aus Duma in Arizona ist der See, welcher sich in Salto plötzlich ge­bildet hat, 12 Meilen weit und 40 Meilen lang. Das Wasser vertrieb die Arbeiter aus Salton und den umliegenden Salzwerken. Neber die Ursache der Entstehung des Sees sind verschiedene Ansichten verbreitet, doch wird allgemein an­genommen, daß das Wasser aus dem Golfe an der Küste Californiens komme. DerWorld" führt die Erscheinung aus die jüngsten Erdbeben zurück.

Newyork, 2. Juli. Der ehemalige Schatzmeister von Philadelphia, John Bradsley, wurde wegen Unterschlagung öffentlicher Gelder zu 15 Jahren Zellengefängniß und zu einer Geldstrafe in Höhe der von ihm eingestandenen Unterschlagungen verurtheilt.

Belgrad, 2. Juli. Der gestrige Ministerrath unter Vorsitz Ristitschs berieth das Ferienprogramm des Königs, welcher seine Prüfungen beendet hat und stellte die Einzel­heiten für die beabsichtigte Reise nach Rußland fest. Die Rückreise erfolgt über Wien, woselbst eine Begegnung mit Exkönig Milan in Aussicht genommen ist. Man hofft die Dispositionen des Kaisers Franz Joseph werden eine Vor­stellung am Wiener Hose ermöglichen.

Capstadt, 2. Juli. Meldung des Bureau Reuter. Hundert bewaffnete Boers versuchten den Limpopo zu überschreiten und in Mashonaland einzudringen, die Polizeimannschast der englischen südafrikanischen Compagnie verhinderte aber den Versuch und nahm den Führer der Boers fest.

Locales und provinzielles.

Gießen, 3. Juli.

Covcert der Großherzoglichen Kammersängerin Frau« lein M. Langsdorff. Wie schon vor einiger Zeit von anderer Seite mitgetheilt wurde, beabsichtigt Fräulein M. Langs­dorff, unsere begabte und liebenswürdige Landsmännin, vor ihrem Scheiden von Gießen noch ein Concert zu geben, um sich damit von dem hiesigen musikliebenden Publikum zu ver­abschieden. Nachdem ich Gelegenheit hatte, einen Einblick in das ebenso geschmackvolle, wie verschiedenartig reichhaltige Programm zu thun, will ich auch nicht verfehlen, schon heute etwas aus demselben zu verrathen, was jedenfalls von all­gemeinem Interesse ist. Neben einer ganzen Reihe der auserlesensten Lieder, vorgetragen von der Concertgeberin, wird die jugendliche vortreffliche Pianistin, Fräulein Sophie Groos, welche noch von dem Concert des akademischen Gesangvereins her wegen ihrer mustergiltigen und durch­geistigten Begleitung von SchumannsRose Pilgerfahrt" und BruchsSchön Ellen" in bester Erinnerung steht, durch Solovorträge eine gediegene Abwechslung bieten. Bei allen diesen Vorzügen des Concerts steht aber noch ein ganz be­sonderer Genuß bevor, indem ein Frauenchor, zum großen Theile aus Schülerinnen der scheidenden Gesangsmeisterin gebildet, wirken wird. Jeder Musikintereffent, und beson­ders unsere zahlreichen Gesangsfreundinnen, werden wissen, wie selten man Gelegenheit hat, und besonders in unserem lieben Gießen dürfte solche am wenigsten vorhanden sein, so eigenartige Compositionen zu hören. Hier haben wir es nun vor allem mit einem opus genannter Art zu thun, welches berechtigt ist, Aufsehen zu erregen wegen uns be­zaubernden Melodieen des aus Blüthendust gewobenen Textes und der anmuthig feenhaften Weisen. Selbst bei der gegen« wärtigen Hitze, welche uns die Sommersonnenwende spendet, muß ein Werk wie H. MertkeSBlumengeister" die Freude