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Samstag den 4. April Güeszener Anzeigev. BeUage zu Rr. 77. - 1891.
Feuilleton.
Elisabeth
Novcllette von Hedwig Erltn.
(Schluß.)
Kindlich erstaunt schaute Lisa ihn an. „Unmöglich, woher denn?"
Als ob er sich besinnen wollte, wandte er sich ab. „Hm, — ja — nun, mein Gott, vom Sehen!" Eine kleine Pause und er srug theilnehmend: „Es ist wohl recht schwer, so Tag sür Tag im Geschäft aüshalten zu müssen, alle Launen der Käufer zu ertragen?"
„O nein," unterbrach ihn Elisabeth, und ihre Augen, noch feucht von den vergoßenen Thränen, leuchteten freudig, „mir fällt es gar nicht schwer, denn ich thue es gern, weil ich damit meiner lieben Mutter Sorgen abnehme, und deren hat sie genug, seitdem der Vater tobt ist."
„Sind Sie ganz allein mit der Mutter?"
„Ja, Geschwister habe ich nicht, die sind alle gestorben."
Elisabeth war ganz zutraulich geworden. Der Rechtsanwalt schwieg eine'Weile, als ob er sich besinnen wollte, dann fragte er langsam, in flüsterndem Tone, und seine großen, prüfenden Augen suchten bis auf die Seele des jungen Mädchens zu dringen: „Mein Fräulein, wenn Ihnen nun Jemand sagen würde, man soll Sie nie wieder eine Eonfectioneuse nennen, das heißt, es würde Ihnen Jemand einen Ausweg anbieten, daß Sie es nicht mehr nvthig hätten, in ein Geschäft zu gehen, würden Sie darüber froh sein?"
„Wenn ich auf eine bessere Art und Weise ebenso viel verdiente, dann natürlich," beantwortete Elisabeth die merkwürdige Frage.
„So meinte ich das nicht," sagte der Fremde daraufhin bedächtig. „Sie müssen mich recht verstehen, mein Fräulein, ich meine, wenn man Ihnen das Geld schenkte . . . hm . . hm . . ." Er räusperte sich, suchte des Mädchens Hand zu fassen und drückte dieselbe heiß.
Run war es aber genug, nun wußte Elisabeth plötzlich, was sie zu thun hatte. Siedend heiß schoß ihr das Blut zu Kopse und in aufrichtigster Entrüstung sprang sie auf.
„Verlassen Sie mich, Sie ..."
Fassungslos blieb sie stehen und die kaum gestillten I Thränen brachen aufs Neue hervor.
Der Fremde hatte sich ebenfalls erhoben. Vor Elisabeth hiutretend, betrachtete er sie einen Augenblick seltsam prüfend, dann nahmen seine Züge plötzlich einen zärtlichen, freudigen | Ausdruck an, und während er versuchte, sanft ihre Hände vom Antlitz zu lösen, sagte er in verändertem, hochachtungsvollem Tone: „Verzeihung, tausendmal Verzeihung, mein gnädigstes Fräulein!"
Doch Lisa wollte sich hastig umwenden, als die bittende, im Tone der herzlichsten Ueberzeugung erklingende (Stimme sie wunderbar berührte.
„O, weinen Sie nicht mehr! Was ich vorhin sagte, war ja nicht für Sie bestimmt, versuchen Sie, nicht mehr daran zu denken, denn Sie, liebes, unschuldiges Kind, möchte ich nicht länger gekränkt sehen. Setzen Sie sich, ich flehe Sir an, nur noch einen Augenblick und ich will Ihnen alles erklären."
„Nein, lassen Sie mich," wehrte Lisa schwach, bis sie endlich doch seiner Bitte Gehör gab.
„Wissen Sie, was es heißt, mein Fräulein, wenn ein junges Mädchen einen Mann ernstlich interessirt?"
Zaghaft blickte Elisabeth ihn an und er fuhr fort: „Nun gut also, sagen wir sogar, ein junger Mann liebt ein Mädchen, kennt es aber nicht weiter als vom Sehen. Wie will er nun heutzutage, wo die Grenze, welche reine, harmlose Natürlichkeit von rassinirtester Koketterie trennt, so schwer zu erkennen ist, an seine Auserwählte glauben können? Er prüft sie eben und sie wird ihm das, wenn sie ihn liebt, verzechen. Und die vorige Frage, mein Fräulein, gebr^uchte^ auch ich nur, um Sie kennen zu lernen. Ihre Thränen, Ihre aufrichtige Enlrüstuug, Ihre Fassungslosigkeit sagten mir besser als eine lange Bekanntschaft, daß ich an Sie glauben darf."
Erstaunt, sprachlos starrte Elisabeth den kühnen Sprecher vor sich an und plötzlich sand sie, daß er schön, sehr schön sei. Also er hatte sie nur prüfen wollen und nun glaubte er au sie. Wie glücklich machte es sie auf einmal, daß dieser fremde Mensch an sie glaubte!
„O, sagen Sie mir nur, daß Sie mir verzeihen, daß Sie meinen W vten Glauben schenken, daß es mir vergönnt sein wird, (Sie oiederznsehen!"
Leidenschaftlich preßte der Fremde ihre kleine Hand, während er erregt sortfuhr: „Elisabeth, glauben Sie mir, lesen Sie in meinen Augen und Sie wissen genug, wissen alles, nur grenzenlose Liebe konnte sie so kränken."
Elisabeth entzog ihm ihre Hand nicht und als er dieselbe küßte, rieselte es heiß durch ihre Glieder.
„O, bitte, sagen sie nichts weiter," flüsterte sie hastig, „ich bin Ihnen ja nicht mehr böse."
„Und ich darf Sie Wiedersehen, darf hoffen, von Ihnen gern gesehen zu werden?"
„Ja," sagte sie einfach. „Aber nun muß ich zurück, gewiß wartet schon die Mutter aus mich, ich hatte sie beinahe vergessen," setzte sie halb lächelnd, halb reizend verlegen hinzu.
„Leben Sie denn wohl, Elisabeth, Sie holdes, süßes Kind!" ,
Noch einmal drückte der Rechtsanwalt des Mädchens Hand und dann schritt er langsam, mit glücklichem Gesichtsausdruck aus dem Garten.
Auch Elisabeth kehrte zur Mutter zurück. Einen Blumenstrauß brachte sie der Wartenden nun freilich nicht mit, wohl aber ein glückliches Herz, in das selige, süße Hoffnung, berauschendes Ahnen der ersten Liebe ^gezogen war.
* a *
Ein Jahr war vergangen. Vor dem hübschen, neu- angeftrichenen Sornmeretadliffement hält eine Equipage. Ein junger, eleganter Herr steigt heraus und bietet galant einer hübschen blonden Frau den Arm, indem er zärtlich sagt: „Nun bitte, Elisabeth, steige aus, wir wollen hier ein wenig rasten und" — setzte er lächelnd hinzu — „alte Jugend- erinnerungen wieder auffrischen."
„Warte nur, Du Böser Du," antwortete sie, schelmisch drohend.
Zwei junge Damen gehen vorüber. Höchst zuvorkommend grüßen sie die junge Frau. Es waren Elsa und Margot Vollert.
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