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Dienstag den 2. September ®e|ener Anzeiger. Beilage zu Nr. 203. - 1891
Feuilleton.
Die Fsmilie Auöppel.
Von Ernst Lenbach.
(2. Fortsetzung.)
Als ich ihm von der Vorfreude der beiden Alten auf seine Examenserfolge erzählte, seufzte er doch leise und meinte' „Ja, wie ich da durchkomme, darauf bin ich selbst neugierig. Wissen Sie," fuhr er dann fort, „mir wäre es ja nicht das Schwerste, wenn ich durchfalle." „Ja," fragte ich, „was wollen Sie dann anfangen?" Da antwortete er: //Ach, daran habe ich noch gar nicht recht gedacht." Und dazu lachte der Mensch! Ich mußte unwillkürlich an das vergnügte Gesicht denken, mit dem sein Vater einen Käser betrachtete, der in dem Weinglase herumrude^e. — Ueb- rigens, was ich nicht vergessen darf, in der Erfüllung seiner Dienstpflichten war der junge Quöppel offenbar ebenso eifrig und getreu wie der alte. Eine starke erzieherische, nicht blos lehrerische Ader hatte er vom Vater geerbt,- seine Zöglinge, zwei hübsche, kluge Jungen, hingen mit wahrhafter Zärtlichkeit an ihm, und in seine ganze aristokratische Umgebung fand er sich aufs Beste. Die Sarterns sind wirklich vornehme Leute, echter Adel, bei denen der Erzieher ihrer Kinder seinen Platz nicht unter dem „höheren Gesinde", sondern in der Familie findet — wenn er sich dazu schickt - und der junge Quöppel schickte sich trotz seines Namens — sein Vornamen war schon feiner, er hieß Alfred, wie viele Leute da unten — dazu, leiblich und geistig. Er war ein gewandter Reiter, ein sicherer Schütze, beim Festspiel meine beste Stütze und Hoffnung, dazu immer taetvoll und im point cThonneur unbedingt zuverlässig, und danach wurde er auch behandelt. Besonders der Graf Sartern-Rauthal, der unverheiratete jüngere Bruder des Familienhauptes, hielt große Stücke aus ihn und unterrichtete ihn väterlich in allen freien Künsten, die er aus seinen weiten Reisen — Ihr wißt, der Gras Sartern-Rauthal ist so ein Globetrotter, aber von der besten Sorte — als gut und nützlich erkannt.
Nur eines war mir unklar: wie nämlich dieser lebenslustige junge Quöppel — tm Schlosse hieß man ihn übrigens nach hergebrachter Sitte stets einfach „Herr Professor" —
jemals als „Candidat des höheren Schulamts" ausnehmen würde. Freilich schien mir auch die Aussicht sehr gering, daß er jemals diese Würde erlangen könnte. Denkt Euch also mein Erstaunen, als ich so gegen Anfang Deeember jenes Jahres zufällig höre, daß sich dieser unternehmende Jüngling unlängst zum Oberlehrer-Examen gemeldet habe und in zwei Wochen „hineinsteigen" werde.
Der Zufall wollte, daß ich etwa vierzehn Tage später auf meiner Reise nach Holland eben in jenem Städtchen den Zug verpaßte. Vielleicht hatte ich es sogar trotz meiner Eile so halb absichtlich gethan, weil ich die beiden alten Leutchen noch einmal aufsuchen wollte. Ich stapfte also durch den Schnee nach dem Palazzo Quöppel- drei Stunden Zeit hatte ich ja. Mit welchem Jubel wurde ich ausgenommen, mit welcher herzlichen Gastlichkeit bewirthet! Und wie mußte ich von dem „Jungen" erzählen! Mit dem Examen hatte es seine Richtigkeit. Zu Allerseelen war' er dort gewesen und hatte es ihnen selber angezeigt. Daß er bestände, schien beiden selbstverständlich, — aber es schien wohl nur so, denn der Eifer, mit dem die beiden Alten einander jede Besorgniß auszureden suchten und sich um die Wette zuversichtlich geberdeten, hatte entschieden etwas Verdächtiges. Zum ersten Male glaubte ich Herrn und Frau Quöppel auf einer gemachten Lustigkeit zu ertappen. Ich schwieg aber.
Wie wir nun so beim Kaffee sitzen, schellt es draußen an der Thüre rasch und heftig. Beide Alten stürzen hinaus und schleppen im Triumph einen blauen Telegraphenbrief herein- aber keines schien so recht den Muth zu haben, das verhängnißvolle Schreiben zu öffnen, — schließlich sollte ich es wohl übernehmen. Und so las ich denn dem gespanntesten Publikum, das mir je gelauscht hat, die kurzen inhaltschweren Worte vor:
„Durch. Näheres brieflich. Alfred."
Wie sich nun aber mein Publikum nach dieser Vorlesung geberdete, das war schon das Merkwürdigste. Der alte Quöppel tanzte mit kühngeschwungener Pfeife wie toll herum und offenbarte eine — ich kann nicht anders sagen — unheimliche Heiterkeit- sie aber drückte die weiße Schürze vor die Augen und verließ schleunigst das Zimmer.
Kaum war sie verschwunden, so ging mit dem Alten eine seltsame Verwandlung vor. Die Heiterkeit verschwand, eine tiefe Wehmuth legte sich auf seine guten freundlichen Züge und — sah ich recht? — jetzt rannen zwei große
Thränen langsam über die schon vom Alter gefurchten Wangen hinunter.
„Kommen Sie her," sagte er leise, indem er mich mit zitternder Hand auf das an der Wand stehende altväterliche Sopha zog, „hier hört sie's nicht, — wissen Sie, es thut mir nur so leid um sie — sie hat sich immer so darauf gefreut unser Junge, der hilft sich schon anderswie. — Aber ich muß Ihnen das erklären . .
Nun hörte ich denn die wunderlichste Geschichte. Alfred hatte nämlich bei seinem Besuche Anfang November dem Alten gebeichtet- er sei ziemlich sicher, das Examen nicht zu bestehen, und es sei ihm sogar recht, wenn es sich so füge, denn er fühle sich für die stille Lehrerlaufbahn nicht veranlagt. Gras Sartern-Rauthal habe ihm angeboten, daß er dem Grasen schon im Anfang des nächsten Jahres nach Afrika folgen solle, in durchaus ehrenvoller Stellung, als Gesellschafter des Grasen, und wenn ihm die Sache zusage, als dessen Gehilfe und späterer Nachfolger — wie Ihr Euch vielleicht aus den Zeitungen erinnert, steht der Graf als Hauptunternehmer an der Spitze von einer der afrikanischen Colonialgesellschaften und hat selber die ersten Anlagen mitgeleitet. Das hatte nun dem jungen Manne überaus zugesagt. Aber um der Mutter willen hatte er sich gleichwohl aus allen Kräften aus das Staatsexamen vorbereitet, — ja, um ihretwillen auch, wie mir der Alte jetzt erklärte, es überhaupt so weit kommen lassen, weil ihm der Vater früher ja, beständig erzählt hatte, wie sich die Mutter „aus ihren jungen Doetor" freue. Nun hatten sie im November ausgemacht, wenn er durchfalle — es könne ja noch immer sein, daß er durchkomme — so werde er telegrafieren: „Durch". Das werde dann die Mutter einstweilen als „durchgekommen" denken oder wenigstens als zweifelhaft auffassen, und der Vater könne sie dann langsam vorbereiten. Und so kam es, daß ich Zeuge wurde, wie Vater Quöppel, gewiß zum ersten Male, seine treue Gattin in der gröbsten und, muß ich hinzufügen, auffallendsten Weise zu betrügen suchte — aus Liebe.
Offenbar aber hatte er seine Kräfte überschätzt- denn wie er nunmehr ihr die Wahrheit „beibringen" sollte, das war ihm augenscheinlich noch ein unlösbares Räthsel. Er schien mir nicht übel Lust zu haben, mich als einen vom Schicksal selbst gesandten Helfershelfer mit der schwierigen Sendung zu belasten.
(Schluß folgt.)
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