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Nr. 303.
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Dienstag den 30. Deeember 1890.
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H»« Steifet rrfcheim täglich, Ausnahme deS Montags.
Di« Gießenrc A«»ßtte«-tüits, Werden dem Anzeiger «Schmtlich dreimal deigrlrgt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Vikrt,ltShr:gtt ASeiuementspr»^ 2 Murk 20 Pfg.
Vringer'.ohn. Durch th Poft brzs-z« 2 Mark 50 Pf,
Kedaction, fpebK-«** und Druckerei:
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Amts- und Anzeigeblatt fflt den Kreis Gissten.
Annahme von Anzeigen gr der Nachmittags für de« feiymben Tag erscheinenden Nu.nmer bis Borm. 10 Uhr.
KraLisöeikage: Gießener InmilienLlätter.
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Amtlicher Lherl.
Bekanntmachung.
Nachdem die Maul-und Klauenseuche zu Wieseck wieder erloschen ist, steht b»* Abhaltung der Gießener Viehmärkte ein Hinderniß vorläung nicht im Wege.
Gießen, den 24. December 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Nachdem die Räude in Leihgestern als. erloschen gilt, wird die angeordnete Sperre wieder aufgehoben.
Gießen, den 24. December 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen
v. Gagern.
Bekanntmachung,
die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung Zum einjährigfreiwilligen Militärdienst im Frühjahr 1891 betreffend.
Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Frühjahr 1891 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgesordert, ihre dcßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meidung des Ausschlusses von dieser Prüfung
spätesten- bi- zum 1. Februar 1891
bei der unterzeichneten Commission einzureicher:.
Hinsichtlich bei Anbringung der Gesuche wird im Ssi'e- ciellcn das Folgende bemerkt:
1. Das Gesuch ist bei der unterzeichueten Prüfuugs - Commission nur dann eiuzureichen, wenn der sich Meldende
' im Großherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr erfolgen.
3. Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn die nähere Adresie angegeben wird.
4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beiznfügen:
a. Geburtszeugniß;
b. Einwilligungs-Attest des BaterS oder Vormundes mit der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein-
c. ein Uubescholtenheitszeugniß, welches von der Polizei- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde auszustellen ist-
d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.
5. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen der sich Meldende geprüft sein will (Französisch, Englisch, Lateinisch und Griechisch).
6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prüfung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche nur ein Unbescholtenheitszeugniß beizulegen.
Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 — Regierungs-Blatt Nr. 5 von 1889) Aufschluß.
Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattsindet, erfolgt ev. weitere Bekanntmachung- auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.
Darmstadt, den 23. Deeember 1890.
Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige.
Der Vorsitzende: Dr. Zeller.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 27. Deeember. Durch Entschließung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz wurden die Gerichts- aeeessisten Franz Merck in Darmstadt und Dr. Karl Usinger in Mainz zu Regierungsassessoren und die Gerichtsaecessisten Ernst Eckstein in Darmstadt und Heinrich Marx in Gießen zu Gerichtsassessoren ernannt.
— Seine Königliche Hoheit der G r o ß h e r z o g empfingen heute u. A. den Gymnasialdireetor Ritsert, sowie die Gymnasiallehrer Wetzel und Becker von Laubach, den Kreis- assistenzarzt Dr. Körnickel von Gedern.
— Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 20. December den Jnspector des Naturalien-Cabinets und Lehrer der Zoologie an der technischen Hochschule außerordentlichem Professor Dr. Gottlieb v. Koch in seiner Eigenschaft als Jnspector des Naturalien-Cabinets den Character als Professor zn verleihen.
— Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: am 20. December dem Hofbibliothek- secretair i. Klasse Dr. Gustav Nick zum Hofbibliothekar bei der Hosbibliothek mit Wirkung vom 1. Januar 1891 an zu ernennen.
— Das heute ausgegebene Großh. Regierungsblatt Nr. 53 enthält: Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz, die Gebühren der Gerichtsdiener betreffend.
Berlin, 27. December. Es ist eine ersreuliche Erscheinung, daß, wie die alljährlich dem Reichstage zugestellten
Nachweisungen der Rechnungsergebnisse der Berufsgenossenschaften erkennen lassen, die Zahl der schweren entschädigungspflichtigen Unfälle sich im Verhältniß zu der Gesammtzahl von Jahr zu Jahr vermindert. Im Jahre 1886 nähmen noch die Unfälle, welche die dauernde völlige Erwerbsunfähigkeit und den Tod im Gefolge hatten, 42,5 vom Hundert sämmtlicher entschädignngspflichtigen Unfälle ein, im Jahre 1887 ermäßigte sich diese Zahl auf 37,6, im Jahre 1888 auf 27,8 und 1889 aus 25,9 vom Hundert. Die Todesfälle allein betrugen im Jahre 1886 27,7 und im Jahre 1889 16,7 vom Hundert. Die Ursachen dieser Erscheinung werden auf verschiedenen Gebieten zu suchen sein, jedenfalls hat die bessere Ausgestaltung der Unfallverhütung mit dazu beigetragen. — Bei der Vertheilung der Unfallursachen ans die beiden Geschlechter zeigt sich, daß die Arbeiten der männlichen Arbeiter entschieden die gefährlichsten sind, da 44,36 vom Hundert der entschädigten Unfälle der männlichen Arbeiter der Gefährlichkeit des Betriebes zuzuschreiben sind, gegen 18,92 vom Hundert der entschädigten Unfälle der weiblichen Arbeiter. Dagegen ist die Schuld der Arbeiter beim männlichen Geschlecht nur für 25,08 vom Hundert, beim weiblichen Geschlecht aber für 39,65 vom Hundert der entschädigten Unfälle verantwortlich zu machen. Hiervon fallen auf
männliche weibliche Handeln wider bestehende Vorschriften 4,63 v. H. 18,60 v. H;
Leichtsinn (Balgereien, Neckereien rc.) 1,95 „ „ 2,61 „ „
Ungeeignete Kleidung 4,15 „ „ 12,07 ,, „
Ungeschicklichkeit und Unachtsamkeit 16,49 „ „ 16,64 „ „
München, 27. December. Die „Allg. Ztg." bringt nachstehendes Nähere über den Tod Schliemanns: Schliemann befand sich in Neapel seit etwa acht Tagen. Gestern Mittag wurde er in einer Seitenstraße der Toledo- sttaße bewußtlos aufgefunden. Man verbrachte ihn ins Hotel und der ihn behandelnde Ohrenarzt zog den hiesigen Universitätslehrer Professor v. Schrön zn Rathe, der den Fall sogleich als lebensgefährlich bezeichnete, da zu einem älteren Ohrenleiden Schliemanns noch ein Gehirnabsceß mit Meningitis (Hirnhautentzündung) hinzugetreten war. Heute früh um halb vier Uhr verschied Schliemann, nachdem kurz vorher noch ein Consilinm von acht Aerzten aus Vorschlag SchrönS eine Trepanation des Schädels als einziges Mittel beschlossen hatte. Die Operation kam aber nicht mehr zur Ausführung.
Heinrich Schliemann, geboren am 6. Januar 1822 in Neu-Bnckow in Mecklenburg-Schwerin als Sohn eines Geistlichen, war bis zum Jahre 1863 Kaufmann und als solcher ein Selfmademan, der es vom Laufburschen zum reichen Großhändler brachte. 1863 zog er sich aus dem Erwerbsleben zurück und widmete sich ganz den gelehrten Forschungen,
Lerrilleton.
Von Jahr zu Jahr.
Eine Sylvestergeschichte von Woldemar Nr bau.
(Fortsetzung.)
II.
(Zehn Jahre spater.)
„Hm, Robert, was ich sagen wollte, es ist doch eigentlich bei Dir recht gemüthlich."
„Findest Du? Aber, lieber Freund, Du mußt mich jetzt wirklich einen Augenblick entschuldigen, Du glaubst nicht, was solch eine Kindtause für Unruhe und Beschäftigung ins Haus bringt, und ich kann der Dolly doch nicht alles auf dem Halse lassen."
„Warum mußt Du aber auch gerade am Sylvester —"
„Oeconomie, lieber Hansen, Oeconomie! Ich halte nun einmal daraus, zum Jahreswechsel einige gute Freunde um mich zu sehen und da schlage ich denn in diesem Jahre zwei Fliegen auf einen Schlag. Kindtanfe und Sylvester — aber ich muß Dich wirklich einmal für zwei Minuten allein lassen; Du nimmst mirs doch nicht übel'?"
„Aber Robert!"
„Dolly echauffirt sich nämlich bei solchen Gelegenheiten leicht zu sehr und da will ich doch einmal nachsehen, daß sie sich nicht Schaden thut."
„Aber laß Dich doch ja nicht stören, Robert."
Robert verläßt das Zimmer; Hansen setzt sich seufzend an einen Tisch mrd bl älter r in einem Älbum )
„Das ist sie- das ist die Dolly! Sie hat das Runde, Las Gemüthliche, baß Behäbige von ihrem Vater, vom Meer- Kreis, wenn sie auch nicht so grobkörnig ausfieht. Im Gegen- Lheil, eine seine grau; und geschäftig wie ein Wiesel; und
sorglich wie — wie eine echte Hausfrau. Und das ist sein ältester Junge- ein hübscher, strammer Bursche. Himmel, der ist nun auch schon neun Jahre alt. An den Kindern sieht man doch recht deutlich, wie rasch die Zeit vergeht? Und das ist meine Pathe- nun auch schon fünf Jahre alt. Mein Gott, mir ist's, als ob wir ihn gestern getauft hätten. Und nun schon der dritte Junge und Dolly hatte sich so auf eine kleine Dolly gefreut! Hm, ich könnte nun auch schon --Ah!"
(Er seufzt, Happt das Album zu, geht einige Male nachdenklich durch«; Zrmmer und bleibt endlich vor einem Spiegel stehen.)
„Himmel, was seh ich! Ein schlohweißes Haar in meinem Bart! Das muß fort! Sollte man's glauben? Mit achtunddreißig Jahren? Ja, ja, man wird doch auch alt?"
(Pause.)
„Und wie geschäftig sie hier alle sind- das ist Leben und Beweglichkeit, das ist eine Freude, eine Geselligkeit, eine Traulichkeit, eine Zusammengehörigkeit- da lebt immer eins im andern wieder auf. Sie werden nicht alt! Und bei mir zu Hause ist es kalt und finster, ungemüthlich, einsam, langweilig. — Nichts ist in der Ordnung, kein Knops an der Hose, kein Pantoffel an der rechten Stelle und alles muß ich verschließen. Scheußlich! Und das Kneipenleben — Brrr! Für sein theures Geld möglichst schlecht und ungesund zu essen und zu trinken. (Es stößt ihm aus.) Pfui! Ich sehe es kommen, ich muß zum Frühjahr wieder nach Karlsbad? Der reine moderne Ahasver! Ah!--"
(Robert kommt zurück.)
„So, da bin ich wieder. Aber ich dächte, Du wärest heute gar nicht lustig, Hansen, Du siehst wirklich recht gries- grämlich aus. Ist Dir etwas Unangenehmes pasfirt?"
„Bewahre, was soll mir denn Unangenehmes pasfiren? Bin ich nicht frei, unabhängig, sorglos?"
„Ja, ja? Aber weißt Du, es wird - doch von den sogenannten Sorgen des Lebens ein mehr als gerechtfertigte- Wesen gemacht. Mein Gott, ich gebe es ja zu, daß es nicht ohne sie abgeht, und manchmal sind es auch recht schwere, herzdrückende Sorgen, aber dazu ist man ja da, daß man diese Sorgen überwindet- dieser Kampf mit dem Leben bringt ja die eigenen Kräfte erst zum Bewußtsein! Und wie schön ist dieses Bewußtsein, Hansen, Du hast keine Ahnung davon. Wer so am Rande des Lebens steht wie Du, als alter, einsamer Junggeselle —"
„Na, erlaube mal —"
„Aber, ich meine ja nu» so. Wer nicht Kind noch Kegel hat, der weiß auch nicht, was einem Vater, der sein Kind liebt, ein Blick in dessen Auge ist. Du glaubst das gar nicht, Hansen, und es ist eigentlich ein Unsinn, mit Dir davon zu reden, aber ich versichere Dich, solch ein Kindergeficht, so klein es ist, ist eine ganze Welt. Wenn ich manchmal in stillen Stunden sehe, wie sich meine Kinder behüben und be= thun, so lebe ich in ihnen wieder auf. Sie sind mir eine zweite Jugend, meine Zukunft und meine Vergangenheit."
„Na, sei so gut - Du thust ja, als lebtest Du in einem Paradies."
„Das will ich nicht gerade sagen - Menschen sind nun einmal Menschen, und unvollkommen wie sie als solche find, wird es ihnen nie ohne gewisse Zwischenfälle, oh« gewiffe Trübungen des Glückes abgehen, aber offen gestanden, Hansen, wenn ich mein Loos mit dem eines alten einsamen Junggesellen vergleiche, so wird mir die Wahl wahrhaftig nicht schwer. Ich liebe meine grau, meine Kinder, und in den Sorgen um sie — in denselben Sorgen, Hansen, die Du immer so schrecklich, dem Menschendasein so verderblich sandest, — habe ich das schöne Bewußtsein meiner eigenen Kraft und meines eigenen Könnens gesunden. Ich habe ferner ge-


