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1890
Nr. 280. Zweites Blatt. Sonntag den 30. November
Der chk-eaer Zuzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de» MontagS.
Die Gießener JiamitieuSkälter »erden dem Anzeiger -wöchentlich dreimal beigrlcgt.
Gießener Anzeiger
Generat-Wnzeiger.
Vierteljähriger AöounementsprelSl 2 Mark 20 Pfg. mit Briugcrlohn. Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, ExpediNav und Druckerei:
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Amts- und Anzergrblatt fite? den KreU Gletzen.
Graiisöeikage: Gießener Kamikienötätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den felgenden Tag erscheinenden Nummer bi» vorm. 10 Uhr.
ASe Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Anrtttrhrr Thril.
Gießen, den 27. November 1890. Betr.: Remunerirung des Polizeiaussichtspersonals.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die G oßh Bürgermeistereien de- Kreises.
Von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz ist uns für das Rechnungsjahr 1890/91 ein Betrag zur Belohnung des Polizeiaussichtspersonals zur Verfügung gestellt worden.
Sie wollen uns daher binnen 8 Tagen diejenigen Polizeibediensteten Ihrer Gemeinden, welche sich durch treue Pflichterfüllung einer besonderen Belohnung würdig gemacht haben, bezeichnen und hierbei deren Lebens- und Dienstalter, sowie ferner angeben, wie viele Polizeianzeigen dieselben im letzten Jahre erhoben haben, und ob das außerdienstliche Verhallen derselben zu Klagen keinen Anlaß gegeben hat.
v. Gagern.
Gießen, den 26. November 1890.
Betreffend: Die Jnvaliditäts- und Altersversicherung im Deutschen Reiche, Zeitschrift für die Durchführung, Förderung und Weiterbildung der Gesetzgebung auf dem Gebiet der Jnvaliditäts- und Ältersfürsorge.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des «reifes.
In dem Verlage der I. Diem er'scheu Verlagsbuchhandlung in Mainz erscheint vom 15. November d. I. an monatlich zweimal eine neue Zeitschrift focialpolitischen Inhalts: „Die Jnvaliditäts- und Alters-Versicherung im Deutschen Reiche", herausgegeben von Ministerialsecretär Fey und RegierungSrath Di. Zeller in Darmstadt.
Diese Zeitschrift ist bestimmt, der wirksamen Durchführung des neuen ReichSgesetzeS, sowie der Aus- und Weiterbildung der aus Grund desselben getroffenen Einrichtungen zu dienen. Wir glauben, namentlich den Bürgermeistereien der größeren Gemeinden, sowie den Vorständen größerer Krankenkassen das Abonnement auf diese Zeitschrift empfehlen zu sollen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Sonntag den 30. November l. I., Nachmittag- 3 Uhr, findet in der Restauration Feidel („Bavaria") zu Gießen, Kanzleiberg, eine
Versammlung des Obstbanvereins statt, in welcher Herr Landwirthschastslehrer Reichelt von Friedberg über Zwergobstbau und Herr Obstbautechniker Metz von da über einige den Obstbau im Allgemeinen betr. Fragen, besonders über Sortenauswahl, sprechen werden.
Alle Mitglieder des Obstbauvereins und alle Freunde des Obstbaues werden zu dieser Versammlung freundlichst eingeladen.
Gießen, am 27. November 1890.
Der Vorsitzende der Section Gießen des Obstbauvereins. Nebel, Amtmann.
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Ein Irrenarzt und ein Kinderarzt über die geistigen Getränke.
Eine recht beachtenswerthe Schrift über die „Trink- sitten, ihre hygienische und sociale Bedeutung", ist soeben im Enke'schen Verlage in Stuttgart erschienen und hat zum Verfasser den Director der Irrenanstalt Burghölzli bei Zürich, Professor Dr. Forel. Forel, bekanntlich Vorsitzender des Organisationscomites der internationalen Congresse gegen den Mißbrauch geistiger Getränke, steht aus dem Standpunkte der völligen Enthaltung von diesen Getränken. Wir wollen darauf nicht eingehen, sondern aus dem Buche das Fachmännische herausheben.
Da ist zuerst ein Bericht mitgetheilt über ein Experiment, welches Professor Demme, Director des Jenner'schen Kinderspitals in Bern, durch Lehrer anstellen ließ, die wie er selbst nicht abstinent leben. „Es wurden mehrere gesunde, 10- bis 15jährige Schulkinder abwechselnd mehrere Monate lang (bei gleicher Vertheilung zwischen warmer und kalter Jahreszeit) ganz ohne alkoholische Getränke und dann mit sehr mäßigen Weingaben (V3 Glas leichten Weines bei den jüngeren, 1/2 Glas bei den älteren je zum Mittag- und Abendessen mit Wasser vermischt) verpflegt. Der constante Erfolg war, daß während der Zeit, wo sie Wein genossen, diese Kinder schläfriger, weniger aufmerksam, weniger leistungsfähig und etwas nervöser waren als zur Zeit der völligen Alkoholabstinenz. Bei einem derselben war sogar die Nervosität so auffällig im Vergleich zur Abstinenzperiode, daß das Experiment bei ihm unterbrochen wurde."
Derselbe Professor Demme studirte die Nachkommenschaft von 10 kinderreichen Familien, bei welchen der Vater nnd
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zum Theil die Ahnen Trinker waren, und von zehn anderen kinderreichen Familien, deren Eltern, ohne Abstinenten zu sein, doch nüchtern waren. Die erste Gruppe (Trinker) erzeugte 57 Kinder, wovon 12 an Lebensschwäche bald nach der Geburt starben, 36 an Idiotismus (8), Convulsionen und Epilepsie (13), Taubstummheit (2), Trunksucht mit Epilepsie oder Chorea (5), körperliche Mißbildungen (3), Zwergwuchs (5) litten und nur 9 sich geistig und körperlich normal entwickelten. Von diesen letzten neun war bei sieben nur der Vater trunksüchtig gewesen- die Mutter und die väterlichen Voreltern zeigten bei denselben keine Trunksuchtssälle, während von den 37 Kindern, deren Voreltern oder Mutter auch trunksüchtig war, nur zwei normal blieben. Die zweite Gruppe (Nüchterne) erzeugte 61 Kinder. Davon starben 3 an Lebensschwäche und 2 an Gastroenteritis bald nach der Geburt, 2 weitere erkrankten an Chorea und 2 hatten körperliche Mißbildung. Zwei andere blieben geistig zurück, ohne jedoch idiotisch zu sein- 50 entwickelten sich vollständig normal. Fügen wir noch hinzu, daß die 10 Trinkersamilien nicht auffällig mit Geistesstörungen und dgl. erblich belastet waren. Nur in einer derselben waren 2 epileptische und 1 schwärmerischer Vatersgeschwister, und in einer zweiten 1 wahnsinniger Vatersbruder. In einer dritten kam Selbstmord der Mutter in Folge der Trunksucht des Vaters vor.
Ebenso erheblich ist, was Forel sebst über die Entartung des Gehirns in Folge des Alkohols sagt: „Als Irrenarzt kann ich mit eigener Erfahrung davon sprechen. Langsani, allmählich, wird der Trinker roher, sinnlicher, brutaler, ethisch defect, verlogen, dummschlau, bis schließlich eine schwächende Ursache (ein Magenkatarrh, ein Beinbruch rc. oder auch nur Erschöpfung) den Ausbruch des Säuferwahnsinns hervorrust. Bei Fortsetzung des Trinkens wiederholen sich die Anfälle von Säuferwahnsinn - die chronische Hirnvergiftung wird immer ärger- die Delirien werden continuirlich und der Kranke stirbt an Selbstmord oder in einem Deliriumanfall oder auch er wird allmählich unheilbar blödsinnig und endet in der Irrenanstalt, wenn er nicht rechtzeitig zur Abstinenz gebracht wird, was ihn allein noch heilen kann. Was für ein Elend er aber vor seinem Tode in seiner Umgebung durch Rohheit, Cynismus, Verschwendung, Mißhandlungen, sexuelle Exccffe, Ansteckung durch venerische Krankheiten, Erzeugung elender kranker Kinder, Verzweiflung und moralischen Ruin seiner Familie anrichtet, davon kann nur Derjenige ein wahres Bild geben, der in diese Misere, in diese Verwüstung und Verzweiflung öfters hineingeschaut hat, die nie grell und scharf geling geschildert werden können. Aber auch solche Menschen, die nicht so weit kommen, die nur mäßig roh,
F-rrilleton.
Rublys Posaune.
Nach dem Italienischen des Antonio GhiSlanzoni.
(Nachdruck verboten.)
Er war ein junger Musiker, ein Posaunenbläser, geboren — wenn ich nicht irre — an der dalmatischen Küste. Als ganz junger Mensch war er nach Venedig gekommen, wo er im Alter von zwanzig Jahren in das Orchester des Fenice- Theaters eingetreten war.
Paolo Rubly war von der Natur mit einer jener charac- teristischen Physiognomien ausgestattet, die man nicht mehr vergißt, wenn man sie einmal gesehen hat.
Ich erinnere mich, daß ich einmal zusammen mit ihm von Venedig abreiste. Es war im Sommer 1857. Er ging nach Padua zur Saison des „Santo"*), ich mußte weiter nach Mailand.
Kaum sah ich ihn in den Wartesaal eintreten, so waren meine Blicke und mein Herz durch ihn und das junge Weib, das sich aus seinen Arm stützte, gesesselt.
Die Mehrzahl der Reisenden hatten wohl denselben Eindruck. Fast jedes Antlitz zeigte den Ausdruck lebhaftester Theilnahme.
„Wer sind sie?" fragte ich einen Herrn aus Venedig, der sie gegrüßt hatte.
„Er ist Rubly, ein Musiker von der Fenicc, ein trefflicher Posaunenbläser, und die Aermste an seiner Seite ist feine Frau, die erst seit drei Monaten mit ihm verheirathet .ist und vielleicht nicht länger leben wird."
*) Gelegentlich des Festes des heiligen Antonius, gemeinhin Lurzweg nil Santo“ genannt, etwa um Mitte Juni, findet in Padua alljährlich eine große Messe und gleichzeitig mit derselben die Glanz- fat|on deS Operntheaters statt. Anmerk. d. Uebers.
„Glauben Sie das, mein Herr?"
„Betrachten Sie sie nur genau und Sie werden finden, daß ich recht habe. Sie ist offenbar schwindsüchtig und zwar im höchsten Grade."
Während wir so sprachen, hatte sich der junge Mann mit seiner blassen Begleiterin in einer Ecke des Saales niedergelassen.
Sie hatten die Hände ineinander verschlungen in unschuldiger Vertraulichkeit, wie zwei Kinder, sie sprachen zueinander mit den Blicken, mit lächelnden Mienen, so ausdrucksvoll, wie es mit Worten nicht möglich ist. Aber das Lächeln währte nicht lauge, und wenn es aufhörte, blieb ein schmerzlicher Zug zurück.
Es wurde zum Einsteigen geläutet- alles drängte nach der Thür. Ich that gleich den Uebrigen und suchte einen Platz, jene beiden sympathischen Menschen hinter mir zurücklassend.
Unachtsamerweise stieg ich in ein Coupe für Nichtraucher und schon war ich im Begriff, wieder auszusteigen, als die beiden jungen Eheleute sich näherten und Miene machten, in demselben Coupe Platz zu nehmen.
„Hier wird nicht geraucht?" fragte die Frau mit matter Stimme.
„Nein, Maria, und es ist nur ein Mitreisender da, Du wirst es bequem haben."
Statt auszusteigen, zog ich mich an die andere Seite zurück, um Platz zu machen. Das Paar setzte sich mir gegenüber und das junge Weib ließ ihr bleiches Antlitz auf die Schulter des Gatten niedergleiten, während er sie sanft an sich zog, ihr schwarzes Haar streichelte und ihre blasse Stirn küßte.
„Das wird ihr wohlthun/ sagte er zu mir, „sie wird bald einschlummern."
Er sprach zu mir, als ob ich ihn seit lange kannte, als ob ich mit seinem Mißgeschick vertraut wäre und, an seinem
Schmerze theilnehmend, eine Beruhigung in seinen Worten, finden könnte.
Eine Weile später — der Zug hatte den Bahnhof bereits verlassen — legte er den Zeigefinger an die Lippew und sagte zu mir mit dem Ausdruck innersten Wohlgefallens: „Sie schläft, sie wird in Padua ankommen, unversehens, ohne zu leiden. Sehen Sie nur, wenn sie schläft, werden ihre Wangen so schön roth — glauben Sie, daß ihre Krankheit gefährlich ist?"
Mich überraschte diese unerwartete Frage, mehr aber noch die bebende Angst, mit der er meine Antwort erwartete. Ich suchte ihn zu beruhigen, indem ich bemerkte, daß die Schlafende sanft und regelmäßig athme.
Statt jeder Antwort drückte er mir die Hand und verharrte einige Minuten lang in Stillschweigen. Dann betrachtete er die arme Kranke mit einem Blick voller Inbrunst und sprach vor sich hin:
„Nein, es ist nicht möglich, ein Weib kann nicht sterben^ wenn es geliebt wird wie Du, meine Maria!" — und indem er sich wieder zu mir wandte, fuhr er fort: „Ich glaube, wenn mein armes Weib sterben sollte, würde sie mich unerbittlich nach sich ziehen, oder ich fände die Macht, sie wieder erstehen zu lassen."
Diese Worte berührten mich wie eine traurige Weissagung. Und wenn ich heute daran denke, packt es mich fast mit abergläubischer Furcht, denn das Ende des armen. Posaunenbläsers war, wie er es an jenem Tage vorher-- gesagt hatte.
Jener Herr, welcher aus dem Bahnhose das baldige Ende der Kranken prophezeit hatte, war nicht im Jrrthum. gewesen.
Das schwache Flämmchen, die Seele Marias, wurde iw- Padua matter und matter und drohte zu verlöschen.
(Fortsetzung folgt.)


