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Sonntag den 30. November
Nr. 280.
Erstes Blatt.
1890.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
Amts- unb Anzeigeblatt füv den Krtb Greben.
St^nahm« von Anzeigen zu der Nachmittags für den
Gratisbeilage: Gießener Kamikieuökätter.
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Der
Kdeßensr Auzeigrr erfchemt täglid?, Mt Ausnahme deS MontagS.
}»jp.#ttben Dag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr
Amtlicher Theil.
Gießen, den 29. November 1890. Betr.: Das Viehversicherungswesen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großv. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche mit Erledigung unserer Verfügung vom 4 d. MtS. (Anzeiger Nr. 259) noch im Rückstände find, erinnern wir an dieselben binnen 8 Tagen- v. Gagern.
Gießen, den 25. November 1890. Betr.: Beschädigung der Obstbäume.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände find, an Erledigung unserer Verfügung vom 3. November d. Js. (Anzeiger Nr. 259) binnen 8 Tagen.
v. Gagern.
Gefunden: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Shawl, 1 Rechenbuch, 1 Serviette, 1 Metzgerkittel, 1 Hundskette, 1 CheniÜetuch.
Gießen, am 29. November 1890.
Großherzogliches Amtsgericht.
Fresenius.
pelitifctyc Ueverftcht.
Gießen, 29. November.
Am 1. December dieses Jahres vollenden sich zweiundeinhalb Jahrhunderte, daß Kurfürst Friedrich Wilhelm den brandenburgischen Thron bestieg, um in 48jähriger Regierung mit verbältnißmäßig geringen Mitteln die eigentlichen Grundlagen zu v.; i'cren Großmachtsstellung Preußens zu legen. Mit vollem Rechte sührt daher dieser Fürst in der Geschichte den Beinamen des „Großen" und in pietätvoller Erinnerung au das bedeutungsvolle Wirken dieses seines berühmten Ahnen hat Kaiser Wilhelm die festliche Begehung der 250jährigen Wiederkehr des Regierungsantrittes des Großen Kurfürsten angeordnet. In sämmtlichen Schulen Berlins und der gesummten Provinz Brandenburg sind am 1. December aus die historische Bedeutung des Tages Bezug habende Festlichkeiten zu veranstalten, die öffentlichen Gebäude werden aus gleichem Anlaß Flaggenschmuck tragen und den militärischen Theil der Jubelfeier endlich wird eine große Parade aus dem Opernhausplatze in Berlin repräsentiren. Zu derselben sind neben der Leibcompagnie des 1. Garde-Regiments zu Fuß je ein combiuirtes Bataillon der in Berlin und Spandau garniso- nirenden Infanterie-Regimenter, je 2 Escadrons von allen Gardecavallerie-Regimentern, sowie Abtheilungen der Gardeschützen, Gardepioniere und Garde-Artillerie commandirt.
Dem Reichstage ist der neue Zuckersteuer Entwurf zuge- gangen. Derselbe setzt die Steuer auf 22 Mk. für 100 Kg. fest und spricht die Steuersreiheit für Zucker aus, der unter Steuerconrrole zur Ausfuhr gelangt. Das Gesetz sott am 1. August 1892 in Wirksamkeit treten und werden von diesem Zeitpunkt ab bis zum 31. Juli 1895 Erleichterungen gewährt. Während dieser Zeit beträgt die Vcrbrauchsabgabe 20,75 Mk. für 100 Kg. Für den innerhalb des gedachten Zeitraumes ausgesührten Zucker, welcher jetzt eine Materialsteuer vergütet erhält, werden Zuschüsse aus der Zuckersteuer gewährt und zwar für Rohzucker 1, für beste Raffinaden 1,75, für geringere 4,40 Mk. auf 100 Kg. Vom 1. August 1892 ab beträgt der Einfuhrzoll auf Zucker 36 Mk. pro 100 Kg.
Die von der Arbeiterschntzcommisfion des Reichstages eingesetzte Untercommission nahm am Donnerstag ihre Be- rathungeu aus. Dieselben tragen einen streng vertraulichen Character und nahmen an ihnen die Abg. Hartmann (cons.), Stumnl (freicons.), Hitze (Centrum), Gutfleisch (deutschsreis.) und Böttcher (nat.-lib.) Theil- die Socialdemokraten haben eine Betheiligung an diesen Sitzungen abgelehnt. Die Regierung ist in der Untercommission durch Handelsminister Freiherrn v. Berlepsch und die Geheimräthe Losmann und Wilhelmi vertreten.
In Belgien ist die von den Liberalen und den Radikalen entfachte Bewegung zu Gunsten der Verfassungsrevision behufs Erweiterung des Stimmrechtes nunmehr auch in das Parlament hineingetragen worden. In der Donnerstags- litzung der Deputirtenkammer begründete Janson, der Führer der belgischen Radikalen, den von ihm gestellten Antrag auf VersaffungSrrvision, welchen die liberalen Abgeordneten Buls
und Graulx unterstützten. Ministerpräsident Baernaert nahm dem Janson'schen Anträge gegenüber einen ziemlich unbestimmten Standpunkt ein, um so bestimmter sprach sich Woeste (Rechte) gegen den Antrag aus, schließlich meinte aber Woeste, wenn denn doch eine Revision vorgenommen werden sollte, da sei er lieber für das allgemeine Stimmrecht. Die Verhandlung endete damit, baß die Kammer einstimmig beschloß, den Janson'schen Antrag in Erwägung zu ziehen. Von außen ward das Kammergebäude von erregten Menschengruppen umlagert, aus denen vielfache Ruse: „Es lebe die Revision!" erschollen.
Dem Sultan der Türkei wurde von allen in Constantin- opel lebenden armenischen Notablen eine Adresse mit der Versicherung unbedingter Ergebenheit gegenüber dem Großherrn überreicht.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 28. November. Den Kammern ging ein Gesetzentwurf betreffend die Gewährung eines Wohnungs- Zuschusses an die Beamten des Civilstandes zu. Der Zuschuß soll nach den festgesetzten Ortsklassen betragen 9, und 6pCt. des mittelst Decrets verliehenen pensions- fähigen Gehalts und bei der Pensionirung als Bestandtheil des pensionssähigen Diensteinkommens behandelt werden. Bei Beamtengehältern über 5000 Mk. wird kein Wohnungsgeld- zuschuß gezahlt.
Netteste Nachrichten.
WolffS telegraphische- Torrefpondenz-Bureau.
Berlin, 28. November. In dem Prozesse gegen die 14 wegen des Köpen icker Krawalls Angeklagten sprachen die Geschworenen die Angeklagten Knoll, Maue und Budach des qualifizirten Landsriedensbruchs mit tödtlicher Körperverletzung, Fink und Reuter des qualifizirten Landfriedensbruchs, Wiwjorra, Trautmann, Sucker, Kapp, Pfeil, Schmidt und Buchwald des einfachen Landfriedensbruchs, Kulla der öffentlichen Aufreizung, endlich Ostwald der Betheiligung an der Schlägerei schuldig. Der Gerichtshof verurtheilte Knoll und Maue zu 7 jährigem, Reuter zu 5l/g jährigem, Fink zu 1 jährigem Zuchthaus, die übrigen Angeklagten in verschiedenen Abstufungen zu zweimonatlichem bis zu vierjährigem Ge- sängniß.
Berlin, 28. November. Das „Militär-Wochenblatt" feiert in einem schwungvollen Artikel den 2 5 0. Jahrestag der Thronbesteigung des Großen Kurfürsten. Das Blatt hebt hervor, Friedrich Wilhelm sei nicht nur ein großer Staatsmann, sondern auch der Schöpfer des vaterländischen Heeres gewesen. Ihm verdanke der preußische Staat seine Wiedergeburt und ihm verdanke Deutschland die Wiederbelebung des vaterländischen Gedankens, der zu der Kaiserproclamation von Versailles führte. Die Nachkommen aus dem Hohenzollernstamme haben sich weiter an feinen Wahlspruch gehalten und denselben dem Heere und dem Volke vererbt: „Für Gott und mein Volk."
Berlin, 28. November. Zum Schutze der Nordseefischerei ist an Stelle des bisher dort stationirten Avisos für 1891/92 eine Kreuzercorvette bestimmt.
Kiel, 28. November. Bei der heutigen Wahl zweier- weiterer Stadtverordneten wurden die am 4. November unterlegenen Candidaten, Geheimrarh Sartori und Schuldirector Ahrens, mit je 2579 Stimmen gewählt. Die Socialisten unterlagen diesmal; sie erhielten 2000 Stimmen.
München, 28. November. Die „Allgemeine Zeitung" theilt einen kurzen Brief Emin Paschas an Professor N.ak in Braunschweig mit, worin Emin aus Tabora vom 14. August meldet, er sende wiederum einige Sammlungen nach Berlin- in 4 bis 5 Tagen marschire er nach Uramba, dann zum Tanganyika oder nördlich.
Paris, 28. November. Der M a r i n e m t n i st e r ordnete an, daß die Kenntniß der deutschen Sprachen in der Aufnahmeprüfung der Marineschule besonders zu berücksichtigen sei.
Rom, 28. November. Der radicale Deputirte Ferrari sandte an die Kammer eine Interpellation an Crispi, worin er die Interpellation gewisser Bestimmungen des Allianzvertrags zwischen Italien und den Centralmächten verlangt.
Petersburg, 28. November. Da die Cholera sich Jerusalem nähert, stellten die russichen Behörden die Ausfertigung von Pässen an dorthin reisende Pilger ein. — Die „PetersburgSkija Wjedomvsti" betonen die Nothwendigkeit, dem Personale der finländischen Behörden russische Elemente beizugeben. Dies sei nicht nur zur Förderung des Ruffenthums in Finland geboten, sondern auch aus sachlichen Gründen, denn nur zwanzig Prozent (inländischen Justiz
personals habe, wie das Blatt behauptet, Universitätsbildung genossen.
Petersburg,28.November. Der deutsche Botschafter, General v. Schweinitz, feierte heute sein fünfzigjähriges Jubiläum. Namens des Czaren gratulirte der Chef des kaiserlichen Hauptquartiers, Generaladjutant Richter, ferner persönlich die Großfürsten Michael, Wladimir und Sergius in preußischen Uniformen mit dem Bande des Schwarzen Adlerordens, sowie noch andere Mitglieder des russischen Kaiserhauses, das gesammte diplomatische Corps, die Minister, viele hohe Militärs und Civilbeamte, Damen aus der Petersburger Gesellschaft, endlich Deputationen von Petersburger und Moskauer deutschen Vereinen. Abends vereinigte ein Diner die Mitglieder der Botschaft, des deutschen Consulats und die Vorstände der Petersburger und Moskauer deutschen Vereine. Alsdann besuchte v. Schweinitz den Wohlthätigkeits- ball der deutschen Colonie.
Buenos Aires, 28. November. Die Gehälter der Negierungsbeamten wurden mittelst Decretes um 10 pCt. herabgesetzt. — Die Kammern sind zu einer außerordentlichen Session auf den 15. December einberufen - zur Berathnng kommt die Beschaffung neuer, budgetmäßiger Hilfsquellen und neuer Stenern.
Cocale# unö fiprovinzielle».
Gießen, 29. November.
— Eine kleine Sonntagsarbeit wurde den Familienvätern und den sonstigen Haushaltungsvorständen ins Haus getragen, nämlich die Zählkarten für die Volkszählung am 1. December. ~ Die Zählkarten sind gewissenhaft nach dem beiliegenden Schema und so zeitig auszufüllen, daß sie am Montag Vormittag wieder abgeholt werden können.
— Kaiser-Panorama. Der Besuch des Kaiserpanoramas in dem Ladenlocal Mäusburg 12, parterre, nimmt mit jedem Tage noch zu so daß häufig, in den Abendstunden stets, eine Uebersüllung des Locals eintritt. Es lohnt sich aber auch der Mühe, die ausgestellten vorzüglichen photographischen Aufnahmen in Augenschein zu nehmen. Der Umstand, daß die einzelnen Bilder nicht wie Kraut und Rüben durcheinanderstehen, sondern dem Auge stets ein abgeschlossenes Ganze geboten wird, erhöht den Werth des Panoramas noch wesentlich. Heute und diese Woche wird die Serie Schloß Babelsberg und Glienicke, Trauerstraßen und Trauerzüge Kaiser Wilhelms I. und Kaiser Friedrichs gezeigt. Niemand versäume diese hochinteressante Serie in ihrer schönen Ausführung sich anzuschauen und empfehlen wir wiederholt, zum Besuche des Panoramas die Tagesstunden zu benutzen, da die Beleuchtung ebenso effectvoll wirkt, wie in den Abendstunden. Durch den bis jetzt durchweg guten Besuch sieht der Besitzer des Panoramas, Herr Schmidt, sich veranlaßt, seinen Aufenthalt dahier bis Ende März aus- zudehnen und können daher auch einzelne Personen, welche die Abonnementskarten allein benutzen, sich noch am Abonnement betheiligen; wir empfehlen deshalb nochmals solche Karten für 10 Besuche, umsomehr, da in nächster Zeit die großartigsten Serien zur Ausstellung gelangen: die Rheinreise, Besteigung des Mont Blanc, Oberammergauer Passionsspiele 1890, die Bayerischen Königsschlöffer rc.
— Mit Interesse haben wir aus einer Bekanntmachung int gestrigen Blatt ersehen, daß morgen Herr Reichelt einen Vortrag Über Obstbau dahier halten wird. Wir kennen Herrn Reichelt aus seiner langjährigen Thätigkeit an dem pomologischen Institut zu Reutlingen als einen der tüchtigsten Obstmänner, als eine der ersten Autoritäten Deutschlands auf diesem Gebiet. Deshalb können wir dem Obstbauverein und der landwirtschaftlichen Schule zu Friedberg nur Glück wünschen, daß sie eine solche Kraft für sich gewonnen haben, und wollen hoffen, daß dieselbe ihnen recht lange erhalten bleibe. Dem morgigen Vortrag aber wünschen wir einen zahlreichen Besuch, damit die reiche Anregung, welche Herr Reichelt zu geben in der Lage ist, recht Vielen zum Nutzen dienen möge.
p* Theater. Von Misch und Jakoby ist schon neulich im „Neuen Theater" ein sehr erheiternder Schwank, „Schützenfest" in Scene gegangen. „Die Strohwittwe" derselben Verfasser gibt dem „Schützenfeste" an wirksamer Komik nichts nach und überholt es in Bezug auf geschickte Scenenführung und rasch vorwärts schreitende Handlung. Gespielt wurde das niedliche Lustspiel sehr befriedigend. Die Hauptrollen des eifersüchtigen Hildebrand unb seiner Wally lagen in den Händen von Herrn Winolt und Fräulein Martin und I wurden von diesen treffend ausgeführt. Nur schien eß, alß I ob der erstere nicht überall seine Partie rein technisch ganz


