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der Hauptkadettenanstalt zu Großlichterfelde wurde der Tag festlich begangen. Aus dem Königsplatze und vor dem Gene­ralstabsgebäude waren bereits Vormittags starke Ansamm­lungen des Publikums.

DerReichsanzeiger" schließt einen Festartikel, mit welchem er den Grafen Moltke anläßlich seines neunzigsten Geburtstags begrüßt, mit dem Segenswunsche, daß es dem greisen Feldmarschall noch lange vergönnt sein möge, sich der dankbaren Gesinnung des Königs und des Vaterlandes zu erfreuen und daß es der deutschen Ration und dem deutschen Heere noch lange bejchieden sein möge, ihn als leuchtendes Vorbild unter den Lebenden wandeln zu sehen.

Berlin, 25. October. Der zu Ehren des Generalfeld­marschalls Grafen v. Moltke anläßlich seines bevorstehenden 90. Geburtstages veranstaltete Fackelzug hat unter überaus großer Theilnahme aus allen Theilen der Bevölkerung einen glänzenden Verlaus genommen. Die Zahl der Theilnehmer an dem Zuge belief sich aus mindestens 20 000 und umfaßte die Studirenden aller Berliner Hochschulen, die Schützen-, Turner-, Bürger-, Sänger-Vereinigungen, Mitglieder des deutschen Radsahrerbundes, die Studirenden der bildenden Künste, die Innungen Berlins u. s. w. Die Künstler, Maler, Bildhauer, Decorateure hatten gewetteifert, kunstreiche Gruppen zu gestalten, welche ein malerisches Gesammtbild voll sinnreicher Beziehungen auf den Gefeierten boten. Vor den einzelnen Gruppen des Zuges zogen Militär-Mnsikcorps. Das Portal des Generalstabsgebäudes, an welchem der Zug sich vorüberbewegte, war als Zelt in Purpur und Gold dra- pirt, mit Blattgrün reich geschmückt. Oben im großen Saale war die Familie des greisen Helden um ihn versammelt- auch Ihre K. H. der Erbprinz und die Frau Erbprinzessin von Meiningen waren erschienen und wohnten der Huldigung vom Balkon aus bei. Vor Eintreffen des Fackelzuges brachte aus Anregung des Hausarztes der Männerchor der Berliner Liedertafel dem Jubilar im Saale ein längeres Ständchen, dem der Feldmarschall im Lehnstuhl sitzend zuhörte. Am Schlüsse ergriff der Leiter des Chors das Wort, dankte für die Erlaubniß, am Vorabend des Jubeltages eine Huldigung darbringen zu dürfen, was für die Sänger eine für alle Zeit unvergeßliche Erinnerung bedeute. Hieraus erwiderte Gras Moltke:Ich danke Ihnen, meine Herren, für den schönen Genuß, den Sie mir durch Ihren Vortrag bereitet haben, auch mir wird diese Stunde unvergeßlich bleiben. Meine Herren, ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank." Inzwischen wurde das Rahen des Zuges gemeldet und der Jubilar be­gab sich nach dem Portal, umgeben von seinen Verwandten und nächsten Freunden. Mit reger Theilnahme unablässig dankend, folgte der Feldmarschall dem Vorbeimarsch des Zuges, dessen Gruppen ihm ein Adjutant erklärte. Andert­halb Stunden hindurch zogen Schaaren auf Schaaren jubelnd vorüber- dreimal machte der Zug Halt. Das erste Mal hielt der Vorsitzende des Comites, Kaufmann Rappo, eine Ansprache und überreichte einen auf sammetnem, mit dem Moltke'schen Wappen besticktem Kissen ruhenden silbernen Lorbeerkranz, woraus Gras Moltke Folgendes erwiderte: Diese Gesinnung der Bürgerschaft, welcher Sie so beredte Worte geliehen, macht mich stolz und froh. Der gewaltige I Aufschwung, den Berlin genommen hat, datirt von der Wieder- I aufrichtung des deutschen Reiches, das große Werk unseres großen Kaisers Wilhelm. Wenn Sie so freundlich sind, mir einen Antheil an den Erfolgen zuzuschreiben, welche dahin geführt haben, so vergesse ich nicht, daß ich treue, kluge und tapfere Gehülfen zur Seite gehabt habe- vor Allem vergesse I ich nicht der Braven, die ihre Treue für das Vaterland mit dem Tode besiegelt haben. Ich möchte allen meinen Mit­bürgern meinen herzlichen Dank aussprechen für die glänzende Kundgebung ihres Wohlwollens." Als der Zug das zweite Mal anhielt, begrüßten Gesangvereine Berlins und der Um­gegend den Feldmarschall mit patriotischen Liedern, wosür derselbe mit kurzen Worten herzlich dankte. Zuletzt sprach von einem den Jubilar verherrlichenden Siegeswagen eine Germania (Fräulein Wegener) die poetische Huldigung v. Wildcnbruchs und überreichte einen grünen Lorbeerkranz. Der Jubilar trat hieraus dem Wagen entgegen und erwiderte ! Folgendes:Die Germania, die Sie so schön dargestellt haben, mag stolz sein auf ihre Reichshauptstadt, wo ein patriotischer Gedanke hinreicht, alle Bürger der Stadt zu versammeln. Ich nehme die Huldigung an für Germania, für das deutsche Volk." Als der Zug vorübcrdefilirt war, mußte der Feldmarschall noch einige Zeit am Fuße des Portals verweilen, um die stürmischen, spontanen Ovationen des in Masse herandrängenden Publikums entgegenzunehmen. Rur- allmählich gelang es ihm, sich den Huldigungen zu entziehen. Während des Vorbeimarsches war die Victoria aus der Sieges­säule von der Ferne her durch einen mächtigen Strahl elec- trischen Lichtes prachtvoll beleuchtet.

Berlin, 25. October. Die Kaiserin Friedrich stattete heute in Begleitung der Prinzessinnen Victoria und Marga^ rethe dem Grasen Moltke im Generalstabsgebäude einen Gratulationsbesuch ab und überreichte als Ehrengabe das in Metall getriebene Rel> fbild des Kaisers Friedrich. Im R> men der Großherzogin von Baden erschien der Hosmarschall und übermittelte die historische Schreibmappe, auf welcher Kaiser Wilhelm I. bis zu seinem Tode geschrieben. Moltke war tief gerührt.

Berlin, 25. October. Die vom Bundesrathe über- -reichte Adresse lautet:

Hochverehrter Herr Generalseldmarschall! Eure Excellenz vollenden das 90. Lebensjahr, und es gedenkt bei diesem An- Lasse das ganze Deutsche Reich in innigster Verehrung und Dankbarkeit der ruhmreichen Lausbahn Eurer Excellenz. Un­vergleichlich sind die Ersolge, welche Eure Excellenz als Feld­herr in der Vorbereitung und der Durchführung des Krieges errungen haben. Unvergleichlich wird aber auch das Wirken Eurer Excellenz bei der friedlichen Ausgestaltung des Deutschen Reiches bleiben. Erhebend ist es für das deutsche Volk, zu sehen, wie Eure Excellenz unter der sichtlichen Fügung einer gnädigen Vorsehung in wunderbarer geistiger und körperlicher

Rüstigkeit fort und fort für das Wohl des Vaterlandes wirken mit der gleichen Anspruchslosigkeit und Einfachheit, welche Eure Excellenz auch inmitten der glänzendsten Erfolge stets zierte. Im Verein mit den tief empfundenen Wünschen, welche bei diesem denkwürdigen Anlässe ans allen Kreisen der Bevölkerung laut werden, bringt Eurer Excellenz auch der Bundesrath des Deutschen Reiches seine wärmsten und ehr­erbietigsten Glückwünsche dar und reiht hieran die zuversicht­liche Hoffnung, daß es Eurer Excellenz beschieden sein möge, noch lange Jahre thätig zu bleiben zum Heil des Vaterlandes, welches Eurer Excellenz unsterbliche Verdienste stets in treuester Erinnerung bewahren wird."

Berlin, 25. October. DerReichsanzeiger" bezeichnet die angeblich von sachkundiger Seite herrührende Mittheilung eines süddeutschen Blattes, als ob 70 Jahre alte Personen bei dem Inkrafttreten der Jnvaliditäts- und Altersversicherung Altersrenten nicht mehr erwerben könnten, als mißverständ­lich. Die überaus humane Uebergangsbestimmung (§ 157) bei dem Inkrafttreten des Gesetzes findet nicht nur auf 66 Jahre alte Personen, sondern aus alle bereits 70 und mehr Jahre alte Versicherte in vollem Umfange Anwendung.

Berlin, 26. October. Ueber die Beglückwünschung des Kaisers enthält diePost" noch folgende Mittheilungen: Nachdem der Kaiser den Saal betreten und die anwesenden Fürsten, sowie die Generalität begrüßt hatte, ersuchte er den Grasen Waldersee, den Grasen Moltke in den Saal zu ge­leiten. Der Kaiser trat aus den ehrfurchtsvoll sich Verneigen­den zu und beglückwünschte ihn mit einer Anrede, in der er an die ruhmreichen Thaten der Armee erinnerte, Thaten, die ihn zu stetem Dank verpflichten würden, wenn auch die, die zu jenem Ruhme mitgeholsen, nicht mehr unter den Lebenden weilen. Er wandle sich dann speciell an den Grafen Moltke, dem schon sein Kaiserlicher Großvater die höchsten Ehren er­wiesen habe, die überhaupt je erwiesen seien. Er wolle ihm trotzdem noch eine ganz besondere Ehre anthun durch die I Niederlegung der Fahnen. Der Kaiser verwies sodann aus die anwesenden Fürstlichkeiten und besonders aus den König von Sachsen, deren Erscheinen bezeuge, wie sehr sie dem | Grafen zugethan seien. Als persönliche Gabe überreichte so­dann der Kaiser den prächtigen Marschallstab und reichte dem Grasen zum Schluß herzlich die Hand. Dieser denkwürdige Moment ist photographisch festgehalten worden, um von Werners Meisterhand bildlich dargestellt zu werden. Gras Moltke dankte tiefbewegt mit kurzen Worten, in denen er daraus verwies, wie ihm der heutige Tag und seine Ehren unvergeßlich sein werden.

Berlin, 26. October. Rach hier eingelangten Berichten ist die Moltkesei er durch Festacte in allen Schulen und Commerse begangen worden in Elbing, in Königsberg t. Pr., und im ganzen Herzogtum Braunschweig. In Metz sand I heute eine Feier statt.

Aachen, 25. October. Anläßlich der Vollendung der ersten Million Tonnen Thomasstahl überwies der Hütten­verein ,,Zur ro then Erde" an seinen in 1884 gestifteten, Mk. 120,000 betragenden Kronprinz Friedrich-Wilhelmsonds zur Unterstützung von Arbeiterinvaliden, Arbeiterwittwen und Arbeiterwaisen weitere Mk. 150,000 und bestimmte fernere Mk. 50,000 für Errichtung von Schulen zur Verwahrung, Erziehung und Fortbildung von Arbeiterkindern.

Schleswig, 25. October. Anläßlich des Geburtstages des General-Feldmarschalls Grasen Moltke veranstaltete heute Vormittag die Bittorf'sche Töchterschule eine Gedächtniß- feier am Grabe der Mutter des Grasen Moltke. Der Divisionspfarrer Büttel hielt eine Ansprache über die Mutter­liebe. Zum Schluß der Feier sangen die Kinder zwei Choräle und schmückten das Grab mit Blumen.

München, 25. October. Wie verlautet, wird der Reichs­kanzler v. Caprivi am 4. November hier eintreffen und in der preußischen Gesandtschaft sein Absteigequartier nehmen.

Ausland.

Paris, 25. October. Der Ministerrath hat die Ausarbeitung eines Gesetzentwurfs begonnen, welcher die ständige Verproviantirung der festen Plätze anordnet.

Marseille, 25. October. Das PacketbootSidney" ist mit dem japanischen Prinzen Hirsyatovo, dem Neffen des Mikado, an Bord hier eingetroffen. Wie es heißt, beab­sichtigt der Prinz in Deutschland eine Marineschule zu besuchen.

London, 25. October. Sämmtliche Morgenblätter widmen Moltke höchst anerkennende Leitartikel. Der Standard" sagt, andere Soldaten hätten nur Ruinen hinter­lassen, Moltke habe wesentlich zur Gründung eines Reiches geholfen, kein Lob könne groß genug sein für einen solchen Mann und keine Auszeichnungen übertrieben- er sei eine Ehre nicht nur für Deutschland, sondern für die Menschheit. DieMorningpost" meint, der Abend seines Lebens sei so glänzend wie fein Anfang - die Engländer möchten sich mit den Deutschen vereinigen, um einer Laufbahn zuzujubeln, welche ebenso glänzend wie fleckenlos sei. DieTimes" be­merkt, kein Führer, selbst nicht Wellington, scheine weniger Fehler gemacht zu haben, und so lange die Kriegskunst studirt werde, würden seine Feldzüge einen Gegenstand der Aufmerksamkeit ebenso sehr bilden wie die italienischen Feld­züge Napoleons. Das Geschick scheine Moltke nichts versagt zu haben: eine lebensvolle Jugend, ein glückliches häusliches Leben und Berufserfolge ohne Gleichen, höchste soldatische Ehren, zahlreiche Freunde, die Zuneigung und das Vertrauen seines Souveräns und ein ruhiges Aller. Der ehrwürdige Feldherr schaue heute aus ein Volk, das dankbar fei für seine Leistungen und seinen erhabenen antiken Character. Daily News" meint, die deutsche Einheit sei ohne Bis­marck schwer denkbar, ohne Moltke aber positiv undenkbar.

Haag, 25. October. Wegen der den Generalstaaten in der am nächsten Dienstag sta'tlfindenden gemeinsamen Sitzung beider Kammern zu machenden Mittheilungen begeben sich der Justizminister und der Minister der Colonien heule

nach Schloß Loo, wo heute abermals eine ärztliche Consultation stattfindet.

Konstantinopel, 25. October. Meldung derAgence de Constantinople". In dem gestern beendeten Hochverraths- processe gegen 10 Armenier wurden 4 der Angeklagten zum Tode vernrtheilt - die übrigen erhielten Kerkerstrafen von verschiedener Dauer. Die Beschuldigten gehörten einem Re- Volutions-Comitö an, welches die Constituirung der Unab­hängigkeit Armeniens bezweckte und sich revolutionärer Handlungen schuldig gemacht hatte. Einer der Angeklagten hatte den Mordversuch gegen einen Priester während des Gottesdienstes in der Kathedrale von Kumkapu gemacht. Bei der Verhaftung eines anderen der Angeklagten wurden in seinem Besitze Schriftstücke revolutionären Characters vor­gefunden. __________________

CoceUs tinb provittjköei.

Gießen, 27. October.

DieDarmst. Ztg." meldet: Sicherem Vernehmen nach werden sich Seine Königliche Hoheit der Erbgroßherzog nächsten Dienstag, den 28. October, zum Besuch der Landes­universität nach Gießen begeben. Für Seine Königliche Hoheit ist in dem früher Schüler'schen Haufe (Südanlage) Wohnung bereitet.

Moltke-Feier. Ohne die Schüler der Vorschulklassen versammelten sich am Samstag die Schüler des Realgymna­siums und der Realschule mit ihren Lehrern im großen Saale der Anstalt, um den 90. Geburtstag des Mannes zu feiern, der fein gutes Th eil zum Aufbau des Deutschen Reiches bei­getragen hat. Rach dem FestgesangLobet den Herren, den mächtigen" 2C., sowie dem Vortrag einiger den großen Denker ehrenden Gedichten betrat Herr Lehrer Gei ger das Katheder und gab in einem ^stündigen Vortrag in kräftigen Zügen eine kurze, wohl ausgeführte Lebensbeschreibung des großen Strategen, worauf das LiedDie Wacht am Rhein" die ein­fache, aber würdige Feier schloß.

Der Geburtstag des General-Feldmarschalls Grafen von Moltke ist, nachdem nm Samstag in den Schulen die angeordneten Feierlichkeiten stattgefunden, auch am gestrigen Sonntage in militärischer Weise zum Ausdruck gekommen. Das Militär trug zu Ehren seines General-Feldmarschalls bis Abends 6 Uhr Paradeuniform. Eine größere Festlichkeit feierte unter Theilnahme einer großen Anzahl Geladener, darunter die sämmtlichen Feldwebel des 116. Regiments, der hiesige Veteranen-Verein auf Lonys Bierkeller. Reden aus den Jubilar Moltke, Se. Majestät den Kaiser, Se. Kgl. Großherzog u. s. w. wechselten mit Gesängen und Musik­vorträgen unterhaltend ab. An den General-Feldmarschall Grafen von Moltke wurde folgendes Telegramm abgesandt: Die heute in Gießen tagende Festversammlung hessischer Veteranen aus dem glorreichen Kriege 1870, sowie zahlreiche Verehrer des großen Strategen bringt Ew. Excellenz zum 90. Geburtstage die aufrichtigsten Glückwünsche dar. Möge Ew. Excellenz noch recht lange unserem deutfchen Vaterlande erhalten bleiben. Für die Festversammlung: Der Veteranen- Verein Gießen." Der ebenfalls zur Moltke-Feier ver­sammelte Krieger-Verein in Metz, welchem vom Veteranen- Verein Gießen zur Erinnerung an den Besuch von Metz und Umgegend ein silberner Fahnen-Ragel mit entsprechender Widmung geschenkt wurde, hatte telegraphisch mitgetheilt, daß der Nagel gestern Vormittag unter entsprechender Feierlichkeit von Herrn Regierungsrath Becker in Metz, einem geborenen Gießener, am Schafte der Fahne, die neben vielen Auszeich­nungen auch eine solche von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog von Hessen erhielt, befestigt wurde. Es wurde daraufhin auch an den Metzer Kricger-Verein ein Begrüßungstelegramm abgesandt.

w. Theater.Unruhige Zeiten", Poffe mit Ge­sang in 8 Bildern von E. Pohl. Auf die Frage des Schluß­couplets, ob cs uns nicht vielleicht so vorgekommen sei, als wäre das Stück nurSand in die Augen", wollen wir gerne die Antwort geben, daß die frische Pohl'sche Posse uns durch­aus feinen derartigen Eindruck gemacht hat, sondern mit all ihren Tollheiten als ein überaus gut gewähltes Sonntags­stück erschienen ist. Die Direction wird aus dem stürmischen Beifall, der die ganze Vorstellung begleitete und namentlich auch die Musiknummem auszeichnete, erkannt haben', in welcher Richtung nun einmal der Geschmack der Sonntags­gäste im Theater liegt, namentlich wenn sie den geringen Erfolg derMarianne" vom letzten Sonntag dagegenhält. Was die Darstellung betrifft, so hatte sich die übermüthige, tolle Laune des Stückes auch auf die Mitwirkenden über­tragen, die diesmal ohne Ausnahme ihre Aufgabe mit ersicht­lichem Behagen ausführten. Reigenführer war natürlich wieder Herr Adam Reiners, der feinen Carl Lietz in der ergötzlichsten Weise verkörperte und bei der vollkommensten Ausnutzung jedes, auch des geringsten komifchen Momentes, sich nicht einmal einer Uebertreibung oder Unfeinheit schuldig machte und das dadurch zugleich den Eindruck völliger Wahr­heit feines Spieles bewirkte: Sehr wirksam war desgleichen die Darstellung der hochgeborenen Aurelie Freiberger durch Fräulein Ida Unger, deren characteristisches Spiel in der Rolle der Frau Engström in dem neulich gegebenen famosen Professor Klint" wir nur infolge eines bedauerlichen Ver­sehens vergessen hatten, gebührend hervorzuheben. Es scheint, als ob Frl. Unger eine vielseitige, talentirte und tüchtige Schauspielerin und durchaus geeignet sei, den Platz von Frau Jaskowski mit Ehren auszufüllen. Recht nett war weiter die Natalie Krachstrebe des Frl. Adelheid Martin, die mit ihrem hübsch gesungenen, stürmisch beklatschten Liede bocumentirte, daß sie eine sehr wohllautende Singstimme und dazu auch das nöthige musikalische Talent besitzt, um der­artige Partieen mit gutem Erfolge durchzuführen. Volle- Lob verdient die komische Leistung des Herrn Biebra ch al- Landpomeranze dem Spiele nach, während ihm Herr Schreiner, der diesmal überhaupt seine Rolle mit bestem

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