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1890

Dienstag den 28. Januar

Nr. 23.

Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener

Anmittenvlätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

Generat-Mnzeiger.

Vierteljähriger ASonnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

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Amts- und Anzeigeblatt ftir den Ittels Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für ben folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.

Grakisßeikage: Gießener Kamitienötätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmm Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

politische rrsvcrsicht.

Gießen, 27. Januar.

Die letzte Session des am 21. Februar 1887 gewählten Reichstages hat am Samstag ihr Ende gesunden und in Anbetracht ihrer verhältnißmäßig nur kurzen Dauer ist in diesem Zeiträume vom Reichstag immerhin viel geleistet worden. Abgesehen vom Socialistengesetz, erledigte der Reichstag den umsangreichen Etat, dessen Berathung überwiegend in den am 22. October begonnenen Sessionsabschnitt vor Weihnachten fiel, während die endgültigen Beschlüsse über den Etat aller­dings erst gegen Ende der Session gefaßt wurden. Zugleich mit dem Etar wurde das neue Militärgesetz, welches die Bildung zweier ferneren deutschen Armeecorps ausspricht, be- rathen und fast einhellig angenommen. Ebenfalls zum Etat gehörte die Nachtragsforderung für die Wißmann-Expedition, welche zwar mit großer Mehrheit genehmigt wurde, indessen zu scharfen Auseinandersetzungen über die deutsche Colonial­politik führte. Dasselbe galt von der dem Hause erst nach Neujahr zugegangenen Vorlage, betr. die Errichtung einer Postdampferlinie nach Ostasrika, welche ebenfalls erst nach lebhafter Bekämpfung durch die Gegner der Colonialpolitik zur Annahme gelangen konnte. Vollständig erledigt wurde noch im alten Jahre das Bankgesetz und erfolgte dessen An­nahme mit großer Mehrheit, obwohl von den Agrariern und Bimetallisten alle Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um die Vorlage zu Fall zu bringen. Neben den Regierungsentwürsen hatte sich der Reichstag endlich noch mit zahlreichen Initiativ­anträgen aus seiner Mitte zu befassen, von denen aber nur ein geringer Bruchtheil zur Erledigung kam, resp. endgültig abgelehnt oder angenommen wurde. Zu den definitiv ge­nehmigten Anträgen gehörten u. A. der Antrag der Conser- vativen auf Einführung des Befähigungsnachweises für die Handwerker, sowie der Centrumsantrag auf Aushebung des sogenannten Expatriirungsgesetzes, weiter auch der von den Freisinnigen gestellte Antrag betr. die Abänderung der Mili­tär-Strafgerichtsordnung.

Die Grubenbesitzer des Oberbergamtsbezirkes Dortmund haben nunmehr die neuen Forderungen ihrer Arbeiter in aller Form abgelehnt und ihre ablehnende Haltung in einem Rund­schreiben an die Zechenverwaltungen begründet. Ob nun die Arbeiter diese Absage mit einem neuen Strike beantworten werden, ist indessen noch nicht ganz gewiß, da ein großer Theil der rheinisch-westfälischen Bergleute einem abermaligen allgemeinen Ausstand abgeneigt sein soll, vielleicht gelingt deß- halb noch eine Verständigung zwischen beiden Theilen.

Das Protokoll der SamoaConferenz ist am Freitag in Washington veröffentlicht worden und hat mit diesem Act die Samoa-Frage auch formell ihren endgültigen Abschluß erhalteü. Das Protokoll schließt mit der rückhaltlosen Anerkennung der wirksamen und unparteiischen Leitung der Conserenzverhand- tungen durch den Vorsitzenden, Staatssekretär Grafen Herbert Bismarck, seitens der "englischen und amerikanischen Bevoll­mächtigten.

England nimmt jetzt die practische Abwickelung des Streit­handels mit Portugal vor. Es hat Streitkräfte unter Führung des Majors Blackenbury zur Besetzung des Zambesi-Landes entsendet und machte Salisbury hiervon der portugiesischen Regierung amtlich Mittheilung. Ein Widerstand der Portu­giesen gegen die englische Expedition ist kaum anzunehmen, zumal der bekannte portugiesische Major und Commiffar in dem streitigen südafrikanischen Gebiete, Serpa Pinto, sich auf der Rückreise nach Lissabon befindet.

In London waren dieser Tage die Röthesten der Rothen, die Anarchisten, zu einem internationalen Congreß versammelt. Es wurden natürlich eine Menge Brandreden im anarchistischen Sinne gehalten, doch verlautet noch nichts von etwaigen be­stimmten Beschlüssen der versammelten anarchistischen Dynamit- bolde. __ ________

Deutsches Reich.

Berlin, 25. Januar. Se. Majestät der Kaiser schloß heute die siebente Legislaturperiode des deutschen Reichstags mit folgender Rede:

Geehrte Herren! .

Sie stehen am Schluffe der siebenten Legislaturperiode des Reichstags.

Die verflossenen drei Jahre bilden in der Entwickelung des Reichs einen Abschnitt von so hervorragender Bedeutung, daß es Mir Herzensbedürfniß ist, von dieser Stelle aus m Erinnerung zu bringen, zu welchen Ergebnissen für das^Vater- land Ihre und der verbündeten Regierungen gemeinsame ^hatig- keit geführt hat.

Durch den Hintritt Meines hochseligen Großvaters und Vaters, der beiden ersten deutschen Kaiser gesegneten An­

denkens, ist das Reich schwer betroffen worden, aber erhebend haben sich bei diesem Anlaß die Treue und der starke mon­archische Sinn des Volkes kundgegebcn.

Vor Ihnen, als den berufenen Vertretern des Volkes, sei dafür noch einmal Mein kaiserlicher Dank ausgesprochen.

Wenn die Veränderungen, welche in schneller Folge sich an den Heimgang der Kaiser Wilhelm und Friedrich knüpften, in Frieden sich vollzogen haben, so gebührt die Anerkennung dafür auch dem Reichstag, dessen einsichtige Vaterlandsliebe bereitwillig mitgewirkt hat, um unsere Wehrkraft zu stärken und dauernd sicher zu stellen. Sie haben, geehrte Herren, durch Ihre Beschlüsse dazu beigetragen, dem Reich die Welt­stellung zu gewährleisten, vermöge deren es zur Erfüllung der Aufgabe befähigt wird, mit dem ihm im Rathe der Völker gebühreuden Gewichte für die Güter des Friedens und der Gesittung erfolgreich einzutreten.

Auch auf wirthschaftlichem Gebiete ist die Gesetzgebung durch Ihre Mitwirkung wesentlich gefördert worden. Ins­besondere gereicht es Mir zur Genugthuung, daß durch die Erweiterung der den Innungen zustehenden Befugnisse dem Handwerkerstande die Möglichkeit erleichtert worden ist, seine Widerstandskraft und sein wirthschastliches Gedeihen durch den Zusammenschluß zu gemeinsamer Thätigkeit kräftiger als bisher zu fördern.

Mit besonderer Besriedignng habe Ich die fortschreitende Durchführung der in der Botschaft Meines hochseligen Herrn Großvaters vom Jahre 1881 ausgesprochenen Gedanken durch den weiteren Ausbau der Unsallversicherungsgesetzgebung und namentlich durch die Vereinbarung des Jnvaliditäts- und Altersversicherungsgesetzes begrüßt. Den der Fürsorge vor­zugsweise bedürftigen Gliedern des Volkes ist dadurch ftir die Sicherung ihrer Zukunft eine Gewähr geboten, welche für den inneren Frieden des Vaterlandes von guten Folgen begleitet sein wird. Bleibt anch auf diesem Gebiete noch Vieles zu thun übrig, so bin Ich doch überzeugt, daß der Antheil, welchen der Reichstag an dem bereits Erreichten hat, im Volke nicht vergessen werden wird.

Aus deu gewonnenen Grundlagen wird sich weiter bauen lassen, um den arbeitenden Klassen die Gewißheit zu ver­schaffen, daß die gesetzgebenden Gewalten für ihre berechtigten Interessen und Wünsche ein warmes Herz haben, nnd daß eine befriedigende Gestaltnng ihrer Lage nur aus dem Wege friedlicher und gesetzmäßiger Ordnung zu erreichen ist. Es ist Mein dringender Wunsch und Meine Hoffnung, daß es dem solgenden Reichstag gelingen möge, im Verein mit den verbündeten Regierungen für die auf diesem Felde nothwcn- digen Verbesserungen wirksame gesetzliche Formen zu schaffen. Ich betrachte es als Meine ernste und erhabene Aufgabe, auf die Erfüllung dieser Hoffnung hinzuwirken.

Durch die Beseitigung der Wittwen- und Waisengeld­beitrüge ist unter Ihrer Mitwirkung den Beamten eine nicht zu unterschätzende Wohlthat erwiesen. Reicht dieselbe auch nicht hin, um allen berechtigten Wünschen der minder günstig gestellten Beamtenklasscn zu genügen, so haben Sie doch durch Ihr Votum den verbündeten Regierungen die mit Dank zu begrüßende Gewißheit verschafft, daß deren aus eine hin­reichende Verbesserung der unteren und mittleren Stellen ge­richteten Bestrebungen auf die Zustimmung des Reichstags und damit ans baldige Verwirklichung rechnen dürfen.

Für Ihre nunmehr abgeschlossene treue und mühevolle Arbeit danke Ich Ihnen in Meinem und im Nameil Meiner hohen Verbündeten. Ich entlasse Sie mit dem Wunsche, daß das fortschreitende friedliche Gedeihen des Vaterlandes und die daraus erwachsende Zufriedenheit der Bevölkerung uns als willkommener Lohn Ihrer Thätigkeit beschieden sein möge!

Hamburg, 25. Januar. In der gestern in Altona statt­gehabten Versammlung der strikenden Feuerleute wurde der Antrag der Rheder, den gewünschten Lohn von 75 und 85 Mk. fernerhin zu zahlen, wenn die Feuerleute sich verpflichten, im Jahre 1890 keine. nochmalige Lohnerhöhung zu bean­spruchen, einstimmig angenommen. Damit ist der Strike beendigt. Von 700 anwesenden Arbeitern traten 600 dem neugegründeten Verein der Feuerleute bei.

Würzburg, 25. Januar. >Der Componist und pensionirte Stadtkämmerer Becker ist heute Morgen am Schlagfluß gestorben.

Ausland.

Wien, 25. Januar. Eine Meldung derPolit. Corr." aus Athen bezeichnet die Gerüchte über die Bildung eines farblosen Cabinets behufs Auflösung der Kammer als eine absolut grundlose Erfindung, als bloßen Nachhall der in griechischen Oppositionsblättern aufgetauchten und inzwischen amtlich dementirten Version.

Die an die Einberufung eines Theiles der griechischen Reservemannschaften geknüpften Be­hauptungen sind lediglich tendenziöse Entstellungen eines völlig normalen Vorganges. Die Einberufung der Reserven sei im Budget vorgesehen und auch keineswegs zum ersten Male erfolgt. Sie unterblieb in den letzten Jahren, weil der Kriegsminister seiner Zeit erklärte, für die Reserven, welche die sechsmonatliche Waffenübungen 188586 mitgemacht, sei die Theilnahme an den nächstjährigen Waffenübungen nicht erforderlich. Dies habe auch Trikupis ausdrücklich bei der Vorlage der betreffenden Creditsorderung sestgestellt. Es sei ein durchaus willkürliches Verfahren, diese Maßregel mit der angeblichen Absicht der Regierung, aus ihrer abwartenden Stellung herauszutreten, in Verbindung zu bringen.

Dublin, 25. Januar. In Folge der eingetrctenen ruhigen Zustände hat die Regierung in mehreren Grasschaften die Strenge des Z w a n g s g e s e tz e s in mancher Hinsicht ge­mildert.

Rom, 25. Januar. König Humbert hat zum Andenken an den verstorbenen Herzog von Aosta 60,000 Frs. für die Armen Turins gespendet.

Madrid, 25. Januar. Im Senat erklärte der Finanz­minister, er beabsichtige nicht die Einführung einer Renten­steuer und werde mit seinen Collegen wegen Ersparungen bei dem Kriegs- und Marinebudget berathen. Der Kriegsminister erklärte sich als Anhänger der obligatorischen Dienstpflicht und bemerkte, daß er einer Reduction der Cadres der Armee principiell nicht abgeneigt sei. Sagasta bestritt, daß er der Königin-Regentin gerathen hätte, die Conservativen zur Re­gierungsgewalt zu berufen; er bedauere den Mißerfolg der zur Herbeiführung einer Versöhnung gemachten Versuche und werde seine Bemühungen in dieser Richtung sortsetzen.

Bukarest, 25. Januar. Unter den Landwirthen und Exporteuren herrscht große Aufregung über eine Maßregel Frankreichs bezüglich Mais, welche in demselben Augen­blicke erfolgte, wo Frankreich von Seiten Rumäniens ohne jede Gegenleistung die Behandlung als meistbegünstigte Nation zugestanden wurde. Die rumänische Negierung hatte von dem Vertreter Frankreichs die Versicherung erhalten, daß jeder Zoll aus Mais geringe Aussicht hätte, von der französischen Kammer dermalen angenommen zu werden. Alle Bukarester Blätter verlangen Zollerhöhung auf alle ausländischen, durch keine Convention gebundenen Artikel, namentlich auf Par­fümerien nnd Seidenwaaren.

Am Montag wird im protestantischen Tempel an­läßlich des Geburtsfestes des deutschen Kaisers ein Te deum abgehalten.

Belgrad, 25. Januar. Nach einer an die serbische Regierung ergangenen Mittheilung wird der Prinz von Neapel nicht, wie Anfangs beabsichtigt, nach Serbien kommen.

Montevideo, 25. Januar. Durch den zwischen Bra­silien und der argentinischen Republik vereinbarten Vertrag ist die Streitfrage in Betreff des von den Missionen beanspruchten Gebietes beendet.

Zanzibar, 25. Januar. Dr. Peters lebt und befindet sich gegenwärtig in Subatti am Tanafluß, wo er aus Maaren und Proviant wartet. *

Deutscher Reichstag.

52. Plenarsitzung. Samstag, 25. Januar 1890, 10 Uhr.

Der Abg. Borowsky (Ctr.) für 9. Königsberg ist gestorben.

Das Haus tritt in die Tagesordnung ein: Dritte Be­rathung des Socialistengesetz es.

In der Generaldebatte nimmt zunächst das Wort der Abg. Bebel (Soc.): Die socialdemokratische Partei befindet sich in der angenehmen Lage, durch den Ausfall der Berathung in keinem Falle überrascht z« werden. Herr v. Helldorff hat den Socialismus als Bacillus bezeichnet; aber dieser Bacillus setzt allemal eine Krankheit des Körpers voraus und an einer solchen Krankheit leidet die heutige Gesellschaft. Mit Radical- mitreln ä la Dr. Eisenbart wie mit dem Socialistengesetz werde man die Krankheit nicht heilen und was die Abmilde­rungen anbelangt, so sind dieselben unbedeutend- im Grunde bleibt das Gesetz das alte. Schon die Ausführung des Gesetzes hat verschiedene Stadien durchgemacht. Anfangs war die Handhabung eine äußerst strenge, später wurde sie milder, die Definition aber war stets die gleiche. Auch heute wird das Gesetz, selbst in der gemilderten Form, bei den­jenigen, die davon betroffen worden sind, ein Gefühl der Verbitterung zurücklassen. Von socialistischen Irrlehren heute reden zu hören, das erinnert an die Zeit der Ketzerversol- gungen. In der socialdem. Partei herrscht wegen der Verewigung