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1890.

Donnerstag den 27. November

Rr. 277.

Der tMrutt rrsche'M täglich, Mit Ausnahme deS Montag-.

Die Gießener

»rrden dem Anzeiger

»Achentlich dreimal bei-gelegt

Gießener Anzeiger

Kemrat-Mnzeiger.

«tcrteliäbrvgrt ASs««e«ent,prrEAH 2 Mark 20 Pfg. ofll Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pf«.

Webaction, und Druckerei: rch«tstr«ßeN».Zc Kerniprecher 51.

Amts- unb Anzeigeblatt für den Tlveis Gietzen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de« folgenden Tag erschein enden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Gratisbeilage:

Gießener Jamikienökätter.

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Alle Nnnoncen-Bureaux deS In- und Au-lande- nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger^ entgegen mj « wiiwiioiiii|_jijyrogMMMWMI

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

die Schaftäude zu Annerod betreffend.

Nachdem die Räude unter den Schafen zu Annerod erloschen ist, heben wir die angeordneten Sperrmaßregeln auf.

Gießen, den 24. November 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Mit Rücksicht auf die eingetretene Ueberschwemmung des Marktplatzes kann der auf den 27. d. Mts. zu Marburg anberaumte Schweinemarkt nicht abgehalten werden.

Gießen, den 26. November 1890.

Großherzogliches Kretsamt Gießen.

v. Gagern.

Das Gr. Steuer-Commiffariat Gießen

an.die Gr. Bürgermeistereien de- Bezirk».

Wir ersuchen Sie um baldgefällige Aeußerung darüber: welche Artikel und in welchem Umfange solche von sogenannten sVerkauf-wagen aus in Ihren Gemeinden pflegen abge­setzt zu werden und ob das stehende Gewerbe hierdurch als besinderS geschädigt erscheinen kann.

Auch darüber: ob die in 7. Klasse taristrten, daher von Gewerbsteuer befreiten, besonders auch durch Nichtangehörige des Großherzogthums betriebenen, Haussirgewerbe in den letzten Jahren wesentlich zugenommen haben, so daß auch hier eine Benachtheiligung des strheuden Gewerobetriebes angenommen werden kann, eine Wiederbesteuerung dieses Haussirhandels daher geboten erscheint, möchten wir Ihrer Mittheilung entgegensehen.

Gießen, am 24. November 1890.

Süffert.

politische Neverficht.

Gießen, 26. November.

Der Reichskanzler General v. Caprivi gab um Montag sein erstes parlamentarisches Diner, welches durch die Gegen­wart des Kaisers ausgezeichnet wurde. An dem Diner nah­men außerdem Theil die sämmtlichen Mitglieder des preußi­schen Staatsministeriums, Staatssecretär v. Marschall, Ge­heimrath v. Lucanus, Unrerstaarsseeretär Homeyer, Fürst­bischofs Dr. Kopp und Bischoj Anzer, die Präsidenten und Vicepräsidenten der beiden Häuser des preußischen Landtages und Mitglieder aller Landlagssractionen. Der Kaiser unter­hielt sich während der Tafel huldvollst mit den ihm zunächst Sitzenden und verweilte auch nach dem Diner noch einige Zeit im engeren Kreise der Tischgäste.

Der Reichstag tritt nach einer Bekanntmachung des Prä­sidenten v. Levetzvw am 2. December, Nachmittags 2 Uhr, zur Wiederaufnahme seiner durch die Sommerpause unter­brochenen Arbeiten zusammen. Aus der Tagesordnung ge­nannter Sitzung stehen die erste Lesung der Vorlage über die Vereinigung Helgolands mit dem Reiche, ferner die erste Be- rathuyg der Gesetzentwürfe betr. die Controle des Reichs­haushalts und betr. den Landeshaushalt für Elsaß-Lothringen. Der Reichshaushalts-Etat für 1891/92 wird den Mitgliedern des Reichstages demnächst zum Studium zugehen und dann alsbald aus die Tagesordnung gesetzt werden.

Die Mitglieder der beiden Domcapital von Posen und Gnesen, Joroie die Ehrendomherren traten am Dienstag in Posen zu einer abermaligen Berathung behufs Feststellung einer neuen Candidatenliste für den erzbischöflichen Stuhl zu­sammen. Katholische Kreise versichern, die diesmalige Liste enthalte lauter dem Kaiser genehme Persönlichkeiten.

Wiederum laufen aus den verschiedenen Gegenden Deutschlands, zum Theil auch aus den angrenzenden Ländern, Hiol/sposten über Ueberschwemmungen ein, die durch das an­haltende Regenwetter der letzten Tage verursacht worden sind. So wird Hochwasser aus dem Gebiete der Elster, Pleiße und Mulde, ferner aus den Thälern der thüringischen Saale, der Schwarza, Werra und anderer mitteldeutschen Flüsse, dann aus dem Westen besonders vom Wupperthale und aus der Rheinebene gemeldet. Auch für das Elbthal besürchtet man, nachdem hier kaum erst die Schrecken der letzten Hochfluth, die der vergangene Sommer so unerwartet brachte, über­wunden sind, eine abermalige Ueberschwemmung. Die Zuflüsse der ElA in Böhmen sind in starkem Steigen begriffen, Namentlich die Moldau. Wegen drohender Wassersgefahr

wurden vom Statthalter 25 Pioniere nach Karlsbad be­ordert. Auch sind durch die Ueberschwemmungen mehrere böhmische Bahnlinien in ihrem Betriebe unterbrochen worden.

Von dem altczechischen Stamm sieht man jetztBlatt auf Blatt" absallen. Mindestens um ein Viertel ist die Fraction des Herrn Dr. Rieger kleiner geworden, da die Abtrünnigen unter den Altczechen mit der Ausgleichspolitik ihres Führers nicht einverstanden sind. Els der Dissidenden, sowie zweiwilde" Czechen haben sich nunmehr zu einem neuen selbstständigen Landtagsclub unter der Führung Skar- das zusammengethan und werden sich der neuen Gruppe ver- muthlich noch weitere Altczechen anschließen.

Obwohl noch immer keine abschließenden Nachrichten über die italienischen Parlameutswahleu vorliegen, ist doch der Wahlsieg der ministeriellen Partei außer allem Zweifel und verfügt Herr Crispi jedenfalls auch in der neuen Deputirten- kammer über eine starke Mehrheit. Die schlechtesten Geschäfte haben die eigentlichen Radicalen gemacht, welche mindestens ein Dutzend Sitze verloren haben. Mehrfach kam es bei den Wahlen zu blutigen Unruhen.

Mr. Parnell, der Führer der irischen Nationalpartei, scheint nun doch zu der Ueberzeugung gelangt zu sein, daß er sich durch seine Verwickelung in das Ehebruchdrama O'Shea politisch unmöglich gemacht hat. Er will, dem par- nellitischen JournalStar" zufolge, sich aus dem politischen Leben zurückziehen, doch steht offenbar noch nicht fest, wer alsdann an seiner Stelle die Leitung der Nationalliga zu übernehmen haben würde.

Deutsches Reich.

nn. Darmstadt, 25. November. Zweite Kammer der Hessischen Landstän.de. Heute Mittag um 12 Uhr trat die Zweite Kammer der Stände zur Constituirung zusammen. Ministerialrath Jaup eröffnete die Verhand­lungen mit der Mitteilung, daß nach den Einträgen in die Präsenzliste die Einweisungscommission zur Constituirung der Zweiten Kammer schreiten konnte und das Haus beschluß­fähig, da die Anzahl von 42 Mitgliedern anwesend sei. Die Anzahl der Mitglieder des Hauses wird durch Namensaufruf festgestellt.

Seitens des Ministerialraths Jaup wird nunmehr der Abg. P fannstiel als ältestes Mitglied des Hauses cvnstatirt (1816 geboren) und im Einverständniß der Kammer zum Alterspräsidenten ernannt. Derselbe übernimmt das ihm übertragene Amt dankend und leitet den Wahlact für den ersten und zweiten Präsidenten der Kammer. Aus der Wahl­urne gehen hervor der Abgeordnete und frühere Präsident Kugler- Offenbach als erster Präsident mit 33 Stimmen, Abg. Otto Wolfskehl mit 33 Stimmen als zweiter Präsident. 9 Stimmzettel waren weiß in beiden Wahlgängen abgegeben. Zu Schriftführern wurden gewählt Abgeordnete Heinzerling und Arnold mit 32 Stimmen.

Nach Worten des Dankes Seitens des ersten und zweiten Präsidenten für die Wiederwahl und das neuerdings ihnen vom Hause entgegengebrachte Vertrauen theilt Präsident Kugler dem Hause mit, daß die Mitglieder desselben für morgen von Sr. Königl. Hoheit dem Großherzog nach der Eröffnung des Landtages zur Hoftafel geladen seien und bittet um zahlreiches Erscheinen.

Hiernach vertagt sich das Haus bis zum Donnerstag Morgen 1/210 Uhr;

Um dieselbe Zeit tagte auch die Erste Kammer der Stände und wurde in derselben zum ersten Präsident Fürst Ysen bürg-Büdingen, zum zweiten Präsident Graf Solms-Laubach gewählt.

Darmstadt, 24. November. Einer soeben erschienenen amtlichen Veröffentlichung ist zu entnehmen, daß im Groß- herzogthum Hessen für das taufende Jahr an directen Steuern 8,339,523 Mk. 49 Pfg. ausgeschlagen und zur Erhebung überwiesen sind. Diese Summe vectheilt sich nach Provinzen mit 3,093,324 Mk. 89 Pfg. auf Starkenburg, mit 1,873,323 Mk. 66 Pf. auf Oberhessen und mit 3,372,874 Mk. 94 Pf. aus Rheinhessen.

Berlin, 22. November. Unter der Ueberschrift:Für die Arbeiter mit der Feder" sührte eine Berliner Zeitung unlängst aus, daß die neuere sociale Gesetzgebung nur die Handarbeiter in den Betrieben, aber nicht die Feder­arbeiter in den Büreaus berücksichtigt habe. Die zahlreichen Schreiber, Eanzlisten, Diätare, Büreau-Hülssarbeiter, welche zu denProletariern der Feder" zu rechnen seien, wären von allen Wohlrhaten der Unfall-, sowie der Jnvaliditäts- und Altersversicherung ausgeschlossen. Dem gegenüber verdient hervorgehoben zu werden, daß nach § 1 des Gesetzes, betr. die ! Jnvaliditäts- und Altersversicherung, zu den der Versicherungs- I

pflicht unterliegenden Personen alle Arbeiter und Gehülsen im weitesten Sinne gehören, u. A. also auch die Lohnschreiber der Rechtsanwälte, Privatschreiber von Beamten (Landräthen, Bürgermeistern). Auch die Canzlei-Hülsskräfte der Behörden unterliegen der Versicherungspflicht, soweit sie nicht als Be­amte des Reichs und der Bundesstaaten, oder als mit Pen­sionsberechtigung angestellte Beamte von Communalverbänden wegen ihrer anderweiten Versorgung davon ausgenommen sind. Was aber die Unsallversicherung betrifft, so hat die­selbe Gefahren zum Gegenstände, die den Arbeiter mit der Feder kaum jemals bedrohen können. Die von den Betriebs­unfällen wohl zu unterscheidenden Unfälle des gewöhnlichen Lebens, denen die Arbeiter und Gehülsen in Büreaus und Schreibstuben ausgesetzt sind, werden auch bei den in gewerb­lichen Betrieben beschäftigten Handarbeitern durch die Unsall­versicherung nicht gedeckt. Uebrigens gewährt bei allen Un­fällen, für welche die Unfallversicherung nicht eintritt, die Jnvaliditäts- und Altersversicherung eine Fürsorge. Die Auf­fassung, daß die neuere sociale Gesetzgebung die Arbeiter mit der Feder nicht gleichmäßig mit den Handarbeitern berück­sichtige, ist hiernach nicht gerechtfertigt.

Neueste Nachrichten.

WoM telegraphische- Torrespondenz-Bureau.

Berlin, 25. November. DieNordd. Allg. Ztg." theilt mit, bei der zwanglosen Unterhaltung nach dem gestrigen parlamentarischen Diner beim Reichskanzler habe der Kaiser wiederholt Win dthorst angesprochen und sich angelegentlich nach dessen Befinden erkundigt. Der Kaiser sprach gegenüber den Abgeordneten seine Befriedigung über die sachliche Discussion der Reformvorlagen im Abgeordneten- hause aus. Er wünsche eine sachliche Kritik. Er geißelte die Unfruchtbarkeit der socialdemokratischen Congresse für die Arbeiter, bekannte sich als Feind dogmatischer Zänkereien und tadelte die Politiker, die sich aus zersetzende Kritik beschränken. Sodann berührte er die Entwicklung des Verkehrswesens, wobei er sich für den Ausbau der Wasserstraßen und Canäle aussprach, deren strategische Bedeutung und Eignung für den Transport Kranker und Verwundeter er betonte.

Der Bundes rath stimmte den Gesetzentwürfen betr. die Abänderung des Patentgesetzes und dem Schutz von Gebrauchsmustern zu.

Berlin, 25. November. Dem Festappell im Lichthofe des Zeughauses anläßlich des 150jährigen Jubiläums des reitenden Feldjägercorps wohnten Feldmarschall Blumenthal, Corpscommandeur Oidtmann und Deputationen aller Jägerbataillone der Armee bei. Der Kaiser ließ durch einen verlesenen Befehl feine Glückwünsche aussprechen und Auszeichnungen verleihen. Die Kaiserin Friedrich sandte ein Oelbild ihres verstorbenen Gemahls, das Jägeroffiziercorps schenkte die Büste Friedrichs des Großen, des Stifters des Feldjägercorps.

Berlin, 25. November. Die Kaiserin Friedrich besuchte gestern hier in der Krause'schen Klinik den mit der Koch'schen Lymphe behandelten früheren Oberbürgermeister Winter (Danzig).

Düsseldorf, 25. November. Eine Offiziersdeputation des 11. Husarenregimeuts, dessen Chef der König von Holland war, begibt sich zu den Beisetzungsfeierlichkeiten nach dem Haag.

Köln, 25. November. Nach den letzten Nachrichten scheint die dringendste Wassergefahr vorüber und trockenes, windiges Wetter eingetreten zu fein. Die Mosel ist nicht weiter ge­stiegen, der obere Neckar fällt langsam. Nach Steele, wo Menschenleben gefährdet waren, wurden Pioniere von Deutz berufen. Dte große Eifenbahnbrücke bei Schwerte ist zer­stört. Die Saar ist bei Saarlouts über die Ufer getreten. Die Schifffahrt wurde unterbrochen. Der Rheinpegel bei Köln ist seit Mittag um 0,12 Meter gestiegen.

Münster i. W., 25. November. Das Wasser steigt. An vielen Stellen des Münsterlandes herrscht große Noth. Vielfach ist der Verkehr gänzlich unterbrochen. Mehrere Mühlen wurden beschädigt, auch Vieh ist ertrunken.

Merfeld, 25. November. Nach derElberfelder Zeitung" sind bei dem gestrigen Hochwasser fünf Personen um das Leben gekommen und zwei Brücken zerstört. Die Pump­station des Barmer Wasserwerkes ist betriebsunfähig.

Elberfeld, 25. November. Das Hochwasser fällt rapide. Die freiwerdenden Straßen bieten Bilder der ärgsten Verwüstung und sind bedeckt mit Pferdekadavern und Ge- räthschaften aller Art. Die Eisenbahndirection giebt bekannt, daß die Strecke Hagen-Kassel, sowie die Linie an der Ruhr und Wupßer gesperrt sei.