Ausgabe 
27.3.1890
 
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An die Wähler

des ! heff. Rerehstngs - Wnhlkverses!

Mit frischer Zuversicht nahen wir nach den Erfahrungen der letzten Wochen der

Entfcheidung des 28. Mär;.

Ueberall schaaren sich alte und neue Freunde um unsere Fahne; das Wehen eines freieren Geistes im ganzen Vaterlande stärkt sie zu dem Rufe:

Der Freisinn mutz und wird siegen)

Das Antisemitenthum, welches allein uns den Sieg erschwert, hat glücklicherweise im Wahlkreise seinen Höhepunkt überschritten. In weiten Kreisen reift die Ueberzeugung:

Der Antisemitismus ist eine Schmach für unser Vaterland!

Mit rohem Hohne über die Nasen der Juden, mit dein Aufwärmen uralter Kalendergeschichten vom Hause Rothschild, mit allerlei albernen Späßen über Hausirer und Händler spekuliren die Antisemiten ans die Schaaren Derer, die sich ani Skandal erfreuen.

Mit dem Hinweis auf die Reichthümer der Juden wird die Jndenhetzc eingeleitct. Bon da bis zum Angriffe auf alle Bcssergestellten ist skein weiter Schritt. Todtschlag und Plünderung haben öfter schon im Vaterland das Gefolge dieser Art von Aufwiegelung gebildet.

Alles, was wir an Humanität und Gesittung, religiöser und Politischer Toleranz in schweren Kämpfen errungen haben, ivird von den Antisemiten in Frage gestellt. Deshalb sieht auch das ganze patriotische Volk mit Trauer und Entrüstung auf diese von Grund aus undeutsche» ans die niedrigsten Leidenschaften spekulirende Bewegung, die leider in einer ahnungslosen und allzu vertrauensvollen Landbevölkerung eine Zeit lang wie eine ansteckende Krankheit um sich griff, weil man mit blendenden Reden von Kaiser und Reich, deutschem Recht, Beseitigung des Wuchers, des unreellen Börsen- und Zwischenhandels die Wähler verwirrte.

Jede Partei in Deutschland

ist gegen Wucher, Täuschung und unreelle Geschäfte aller Art.

Während aber alle anderen Parteien sich ehrlich bemühen, Mittel und Wege zur Abhilfe zu finoen, begnügt sich der Antisemit mit ödem Schimpfen über Juden und Judengenossen, lenft die Aufmerksamkeit des Volkes ab von seinen eigenen sittlichen Schäden und von dem richtigen Wege der Besserung und erschüttert das einzig dauerhafte Fundament unserer nationalen Entwickelung:

Recht und Gerechtigkeit für Alle!

Wähler, fragt Euch:

Hat je ein Antisemit außer den famosen Cxtraziigen nach Jerusalem ein praktisches Mittel angegeben, wie er die Fragen, über die er redet, lösen will?

Hat je ein Antisemit gezeigt, daß er anstatt durch Volksaufwiegelung durch ernste gesetzgeberische Arbeit dem Volke helfen will?

Haben diese Leute einen einzigen Antrag im Reichstage zu verzeichnen, mit dem sie die Schäden, über die sie klagen, zu besiern gedenken?

Blickt hinüber nach Alsfeld und Schlitz! Wie ein böser Traum liegt dort in den Gedanken der Wähler die antisemitische Bewegung. Selbst die Parteigänger der Antisemiten sind nun, nachdem der Wahltaumcl verflogen ist, von Reue erfaßt und theilen das allgemeine Schamgefühl über den antisemitischen Sieg. ^wahrt sein vor dieser Reue, wollt Ihr vermeiden, daß man ans ganz Deutschland mit Fingern auf unseren Wahlkreis

bflmt .iM mit allem Nachdruck gegen diese sogenannte Antisemitenpartei in's Feld, weist diese Volksaufwiegler aus unserem Wahlkreise für immer Zurück und wählt den Kandidaten der freisinnigen Partei, den entschiedenen und bewährten freisinnigen Politiker und wahren Volksfreund Herrn

laniiriditci" Dove in Frankfurt a.M.

Gießen, 25. März 1890.

Das freisinnige \

ahl-Comitv.

z^lag des Vorsitzenden des freisinnigen Dahlcomites: L. Georgi in Gießen. Druck der Brnhl'schen Druckerei (Fr. W Pietsch) in Gießen.