Donnerstag den 27. März.
Giehener Anzeiger.
Beilage zu Nr. 73. - 1890.
Feuilleton.
Ernst Sdjulje-*)
(Schluß.)
(5s ist eine alte Wahrheit, daß der Schmerz seinen spitzigsten Stachel verliert, wenn man sich einmal von Herzensgründe aussprechen kann. So war es auch hier. Schulze hatte in seiner „Cäcilie" gleichsam die Geschichte seiner Liebe niedergelegt, und so war es ganz narürlich, daß das Toben in seiner Brust, während er an seinem Gedichte arbeitete, in eine stille Schwermuth überging. Hinzu kam noch, daß er mit der Zeit eine innige Zuneigung zu der Schwester der Verstorbenen, Adelheid, faßte. Durch die gemeinsame Trauer zu dieser hingezogeu, liebte er freilich in ihr mehr die Verstorbene wie sie selbst. Er hat niemals in den wenigen Jahren, die ihm noch zu leben vergönnt waren, das Bild Cäciliens von dem Adelheids trennen können. In der ersten Stanze der seinem „poetischen Tagebuch" vorgesetzten „Erklärung" spricht er dies klar und deutlich aus:
Ein leichter Sinn mag ost in neuen Weisen Die Lust erhöhn, die wechselnd ihn beglückt; Mein Singen soll nur eine Herrin preisen, Die doppelt stets mein zweifelnd Äug' erblickt: Dort in des Grabes ewig stummen Kreisen, Hier mit des Lebens frischem Reiz geschmückt; Und wenn auch hier zwei Namen sie benennen, Nie kann mein Herz die holden Bilder trennen.
Auch diese neue Neigung zu Adelheid hatte einen trostlosen Ausgang, denn Adelheid liebte den Dichter nicht, obgleich sie ihm in warmer Freundschaft zugethan war. Dies alles konnte nur dazu beitragen, die Schwermuth Schulzes zu vermehren; seine Briefe an Adelheid beweisen es. Dazu kam, daß seine ohnehin nicht kräftige Gesundheit zu schwanken begann. Sie kräftigte sich allerdings wieder, aber nur voi> übergehend, während des Feldzugs von 1814, den er als freiwilliger Jäger in dem Bataillon des Oberstlieutenants von Beaulieu-Marconnay mitmachte. Schon Cäcilie, der ein warmes deutsches Herz in der Brust schlug, hatte die schlummernde Begeisterung für sein Vaterland in ihm geneckt, und als sein Verhältniß zur Familie Tychsen ein gespanntes wurde und eine Entfernung sich als wünschens- werth erwies, da ergriff er die sich darbietende Gelegenheit mnd zog ins Feld. In seinem Tagebuch fügte er hinzu: „Von der einen Seite treiben mich Unmuth, Feindschaft gegen Idas Leben und Verzweiflung, von der anderen wirkliche Vaterlandsliebe und Scham, nichts zur Sache der Menschheit
*) Nachdruck verboten.
beizutragen - ein dritter versteckter Grund war Hang zum Abenteuerlichen und leise Hoffnung, vielleicht auf diese Weise Adelheid zu gewinnen." Wie sich seine angegriffene Gesundheit unter den Strapatzcn des Soldatenlebens wieder festigte, so konnte sich auch sein Geist wieder aufrichten, denn im Felde hatte er keine Zeit, seinen trüben Reflexionen nachzuhängen. Sein trefflicher Bataillonscommandeur hatte bald den Werth des „Dichters in der Jägeruniform" erkannt und zog ihn zu mancherlei Secretariatsgeschäften heran, wie er auch persönlich mit ihm in einen näheren Verkehr trat, der für Schulze von der wohlthätigsten Wirkung war. In einem Briefe vom 17. März 1815 spricht Schulze dies seinem früheren Vorgesetzten aus: „Wenn ich künftig etwas hervorbringen werde, was länger dauern wird als ich, und ich hoffe beinahe cs zu können, so muß ich einen großen Theil dieses Verdienstes Ihnen zuschreiben, denn in Ihrem Kreise sand ich die ersten Spuren jener Heiterkeit wieder, die dazu nörhig ist, etwas Großes.und Schönes zu vollbringen."
Indessen war diese Besserung an Leib und Seele nur eine scheinbare. Nach Göttingen zurückgekehrt, wo er auf eine Professur wartete — er las schon seit seiner Promotion Collegien — vcrstel er wieder in seine alte Schwermuth, vor der ihn weder eifrige philologische Studien, noch angc strengte Thätigkeit im Ertheilen von Privatunterricht bewahren konnte. Sein Gedicht „Cäcilie" rückte mit Riesenschritten der Vollendung entgegen: im Deccmber 1815 schrieb er die letzte Stanze. Daneben entstand eine Anzahl lyrischer Gedichte, die zu dem Besten gehören, was er hcrvorgebracht. Die Herbstferien des Jahres 1815 brachte er tHeils in Celle, theils in Holm und Lindhorst zu, aber auch diese Veränderung vermochte ihm keine dauernde Besserung zu bringen, benn in Göttingen überkam ihn wieder sein ganzer Kummer, und nun begann er sich ernstlich von dem Orte wegzuschnen, von dem er sich nie auf längere Zeit hatte trennen können. Seine Aussichten auf eine Anstellung waren so wie so außerordentlich gering, sein Verhältniß zur Familie Tychsen ganz unhaltbar und außerdem wirkten noch andere Umstände auf ihn ein, so daß er beschloß, eine Reise nach Italien zu unternehmen. Ehe er aber sich zu dieser rüstete, sehen wir ihn im Herbste 1816 aus einer Wanderung durch den Rhein- und Maingau. Während dieser hatte er durch Vernachlässigung feiner angegriffenen Gesundheit sein altes Leiden verschlimmert und mit dem Todeskeim in der Brust kehrte er nach Hause zurück.
In diese letzte Periode seines Lebens gehört eine Dichtung, die von allen seinen Werken am meisten bekannt wurde: „Die bezauberte Rose". Durch ein Preisausschreiben BrockhauS' in Leipzig veranlaßt und in der „Urania" zum ersten Male
gedruckt, ist das Gedicht wohl die duftigste Blume, die dem Garten des Dichters entsprossen. Einstimmig war ihm der Preis zucrkannt worden, aber der Dichter konnte keine Freude mehr über seinen Triumph empstnden. Denn als ihm die Nachricht davon zuging, hatten sich schon die finsteren Todesboten herabgesenkt, um den gottbegnadeten Sänger in ihr Reich abzurufen. Am 29. Juni 1817 starb Ernst Schulze an der Schwindsucht in seinem Vaterhause zu Celle. Mit ihm erlosch ein Geist, der nach Allem, was er hervorgebracht hatte, zu den größten Hoffnungen berechtigte. Aber auch schon seine wenigen Werke beweisen, daß das deutsche Volk stolz sein darf, einen Dichter, wie dieser einer war, den seinen zu nennen.
Als Dichter steht Schulze nur zum Theil auf dem Boden der Romantik: seine Stoffe sind romantische, aber er vermeidet bei ihrer Bearbeitung die Fehler dieser Schule. Anfangs macht sich bei ihm ein starker Einfluß Wielands bemerkbar, wovon er sich aber sehr bald befreit, sodaß späterhin nur die Form an diesen Meister der poetischen Erzählung zuweilen erinnert. Dagegen übertrifft er alle seine Vorgänger an kunstvollem Aufbau, innerer Wärme, Formen- schönheit und Wohllaut der Sprache, wie ihn überhaupt in den beiden letzten Punkten seit Goethe kaum ein anderer Dichter erreicht hat. Außer seinen drei Epen besitzen wir von ihm noch ein „poetisches Tagebuch" (29. Juni 1813 bis 17. Februar 1817), eine Sonettensammlung unter dem Titel „Reise durch das Weserthal" (1814), Elegien, Episteln, sowie vermischte Gedichte. In seinem Prosa-Tagebuch und seinen Briefen zeigt er sich ebensosehr Meister des Stils, wie in seinen Gedichten Meister der Form. Schulze gehörte nicht (wie Marggraff sagt) zu den professionellen Dichtern, nicht zu denen, die ein literarisches Gewerbe aus der Dichterei machen. Er ist Gelegenheitsdichter im edelsten Sinne des Wortes, denn alle seine Dichtungen haben eine unmittelbare oder mittelbare Veranlassung und athmen alle ein warmes inniges Gefühl, in dem man die Wahrheit auf den ersten Blick erkennt- sein Schmerz und seine Freude sind keine erlogenen Affecte.
Wie wir Eingangs dieser Skizze erwähnten, ist Schulze heute nur sehr wenig gekannt. Nach dem Ausspruche seines Freundes, des Freiherrn v. Schleinitz, hatte ihn selber schon die Furcht beschlichen, seine Werke würden bei der Nation keine Anerkennung finden — und doch verdient er diese voll und ganz. Mögen vorliegende Zeilen dazu beitragen, dem „Säuger der bezauberten Rose" im Herzen des deutschen Volkes den Platz anzuweisen, den er verdient. Unser Zweck ist dann erreicht.
Ausschreiben.
Ausverkauf.
Die durch den Tod des seitherigen Inhabers erledigte
Stelle des Stadtrechners
der Stadt Gießen soll alsbald neu besetzt werden.
Der Anfangsgehalt der Stelle beträgt 2000 JL und steigt bei befriedigender Dienstleistung alle fünf Jahre um 250 JL bis zur Höhe von 3000 JL; außerdem bezieht der Stadtrechner für Verwaltung der Realschulkaffe 300 JL. und an Hebgebühren der evangelischen Kirchensteuer rund 450 JL jährlich, welches Nebeneinkommen mit 500 JL. pensionsfähig ist-
Die mit der Stelle verbundene Pensionsberechtigung und Wittwen- »ersorgung wird nach Maßgabe der für die Civilbeamten geltenden Bestimmungen, jedoch unter Verzicht auf Wittwenkaffenbeiträge gewährt werden.
Bewerber, welche im Gemeinderechnungswesen durchaus erfahren und ün der Lage sind, eine Dienstsicherheit von mindestens 10000 JL zu stellen, wollen ihre Meldungen unter Darlegung ihres Lebensgangs und Vorlage von Zeugniffen bis spätestens 1. April d. I. hierher einreichen.
Gießen, am 21. März 1890.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen. 2517
Gnauth
Donnerstag den 27. Mär), Nachmittags 2 Uhr, werden im „Adler" dahier — Marktplatz Nr. 20 — gegen Baarzahlung versteigert:
1 goldene Uhr, 1 gold. Ring, 2 Revolver, 1 gr. Reisetoffer.
1 schwarzer Anzug, 1 dunkler Sommerüberzieher, 1 noch neue Hose, 2 Westen, 6 Hemden, 12 Kragen, Halsbinden, 6 WirthschastS«
lampen, 1 runder Tisch, 1 viereckiger Tisch u- a. Sachen.
Versteigerung ganz bestimmt.
Seitzler,
2656 Gr. Gerichtsvollzieher
Donnerstag den 24. April, Nachmittags 2Vi Uhr, sollen auf dem hiesigen Ortsgericht die dem Obergüterinspector Christoph Nie- im Gießen gehörigen Immobilien: Hlur 25 Nr. 166,5 — 475 Meter Hof- raitbe am Seltersberg links an der Chaussee,
Slur 25 Nr- 166a,6 — 237 Meter Hos- raithe daselbst,
Tlur 25 Nr. 166a,3 — 413 Meter Grabgarten daselbst
affentlich meistbietend sversteigert werden- Gießen, 12. März 1890.
Großh. Ortsgericht Gießen- I. A-:
Vogt. 2152
20291 HauS mit großem Garten
Cfür Gartner passend) sofort zu verkaufen. Wieseckerweg 3-
Jeitgeöotenes.
Influenza-Bitter mit gesetzlich eingetragener Schutzmarke. Dieser nur aus tonisch wirkenden Kräutern destillirte Magenbitter zeichnet sich durch seinen angenehmen Geschmack aus und wirkt wohlthuend auf den Magen. Preis per Orig.-Literflasche 2 JL 20 Wiederverkäufer erhalten Rabatt.
Alleinverkauf:
E. Dort, Wallthorstraße 45.
Gleichzeitig offerire Cognac in ganzen und halben Originalflaschen vom Hause Blsqult Dubouche & Cie. in Cognac zum billigsten Preise.[2557
Wereierfarben
zu haben in der [2439
Drogenhandlung von Otto Schaaf 9 SelterSweg 39. Für WiederverkLufer Rabatt! ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 2527] Zwei Bettstellen billig zu verkaufen. Bahnhofstraße 11.
Wegen Ausgabe des Geschäftes verkaufe zurückgesetzte Leder, sowie Schuhmacherwerkzeuge i billigst.
2020 F. Zöller.
Prima Saat-Wicken
sind zu haben bei
Gebr. Rosenbaum,
2621________Westanlage 36.______
Kinderwagen
Jfcälr'in größter Aus- wähl zu billigsten C wSF Preisen bei [511
MkWG rl. «ilbinger, L. Senners Nchf
Fürjung.Schuhmächer.
In einem reichen Dorfe der Wetterau, worin nur ein Schuhmacher wohnt, ist ein neues Haus und drei Aecker bei geringer Anzahlung zu verkaufen.
Näheres in der Exped. d. Bl. [1851
257t] Blumen, Bänder, Federn und Strohhüte billigst bei
Ottilie Schmidt, Wallthorstraße 46.
KiltWe Bezugsquelle
in
Hüten (v. JL 1.50 an u. höher), Schirmen „ „ 1.40 ,, „ „
Mützen „ , 0.70 „ „ „ sowie Kragen, Binden, Handschuhe, Hosenträger, Spazierstöcke rc. in größter Auswahl bei
Heinrich. Repp,
1359] 5 Lindenplatz 5.
2618] Ein schöner Bernhardiner« Hund, 1 Jahr alt, ist preiswürdig zu verkaufen.__________Neuen Bäue 16 I.
Feinstes Magdeburger Sauerkraut,
Gsfig- und Salzgurken empfiehlt 1072
C. Roth, Wallthorstraße 5.
Geometer-Meßlatten
vorräthig bei 2043
Schreiner Lenz, Frankfurterstr. 123.
2548] Kuhmist zu verkaufen bei K. Plank, im „Pfau".
Opel-Fahrräder
stets auf Lager bei
Ohr« Zimmer^
2192 Bahnhofstraße Nr. 12.
Zwetscherrhochftämme,
100 Stück I. Qual. 65 JL, II Qualität 55 JL. Reineclaudeur 100 St I- Qual. 80 JL, II. Qual. 70 JL [2430
Steinfurth bei Bad Nauheim.Gebrüber Schultheis.
Entöltes Maieproduct. Für Kinder u. Kranke mit Milch, gekocht speciell geeignet, - erhöht die Verdauliekelt der Milch. - In Colonial u. Drog.-Hdig in Pack, k 60 und 30 6 29
Verlag von Becker Sf £ati«, Gießen und Berlin.
Der kleine Holzberechner für den
Holzhandel und -Verkehr.
Von Eugen Laris, Nedacteur des „Handelsblatt für Walderzeugniffe." welches in den interessirten Kreisen sich so schnell Eingang verschaffte daß bereits eine zweite Auflage erforderlich, hat folgenden Inhalt: Cublktabelle zur Bestimmung des Cubik-Jnhaltes runder Hölzer. — Tafel zur Verwandlung rheinischer Cubikfuß in Cubikmeter. — Erläuterung der metrischen Maß- und Gewichtseintheilung. — Tafel zur Verwandlung von Kubikmetern in rheinische Cubittuß. — Kreisflachentafel. - Verhältnißzahlen — Tafeln zur Be- Kimmung des Cubikmhaltes der gangbarsten Brettersorten, Balken und Kanthölzer. - Wichtige Zahlen und Formeln zur Körper- und Flächen-Berechnung. - Tafeln U". Metern in rheinische Fuß. - Tafel zur Verwandlung rhein,scher Fuß in Meter und Zoll in Zentimeter. — Tafel zur Bestimmuna der Dimensionsoerhältnisse beim Rundholz-Beschlag. - Tabelle zur Maß- und Geüüchts- vergleichiing tn den deutschen und außerdeutschen Staaten. — Verhältnißzahlen. — Kurze Notizen über die Einheitsmaße im Holzhandels-Verkehr zur See. — Preis- vergleichungs-Tabelle zwischen dem rheinischen Cubikiuß und Cubikmeter. — Preis- vergleichungs-Tabelle zwischen dem Cubikmeter und dem Quadratmeter (Bretter). - P^soergleichungs-Tabelle zwischen Fuß (rhein ) und lauf. Meter; Ruthen und lauf. Meter und Hl Ruthen und lauf. Meter. - Preisoergleichungs-Tabelle zwischen Ouadratfuß und Quadratmeter. - Preisvergleichungs-Tabelle zwischen dem Meter; Bretter, Latten rc. - Tabelle zur Ablesung des Cubik-Jnhaltes eines Schock rc ' B
Durch jede Buchhandlung zu beziehen. — Preis Mark 1.—.
Gegen Baar oder Raten. WWMWWWWWMWWM Pianinos von 31k. 350.- an. Flügel von Mk. 1000.— an, Harmoniums von Mk. 70.— an. 2« 9 AHe berühmten Fabrikate.
Khreter« von Mk. 50.- m. — Umtausch alter Klaviere Bedeute** Auswahl Langjährige Garantie. Freie Lieferung. Wilh. Rudolph, Pianomagazin, Neuen weg 9.


