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An die Wähler

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1. Kellischen Aeichstags-WaMreises!

Ein nicht zu unterschätzender Erfolg ist uns geworden.' Mit erheblicher Stimmenmehrheit treten wir in die Stichwahl ein. Trotzdem ist der Sieg noch nicht unser. Es bedarf vielmehr noch großer Anstrengung, um ihn zu erringen.

Wer ist nun der Gegner, der uns ganz unerwartet jetzt gegenüber steht, und verdient dieser Mann Euer Vertrauen?

Seine persönlichen Eigenschaften wollen wir nicht besprechen, da ivir grundsätzlich Persönliche Verunglimpfungen unterlassen; nicht einzelne Privatpersonen bekämpfen wir, sondern nur die Sache, nur die Partei.

Dagegen ist die Frage, was hat der Mann als Abgeordneter geleistet und wasswird er leisten können, ivohl am Platze.

Herr vr. Böckel, der uns allein noch als Gegner gegenüber steht, war drei Jahre Reichstagsabgeordneter. Hat er während dieser Zeit Anträge gestellt, um die Juden, die, Wie er sagt, die Ursache allen Uebels auf Erden, zu beseitigen, hat er Anträge gestellt, um die im Zwischenhandel aufzuheben, deren theilweises Bestehen von allen Parteien anerkannt wird? Hat er,' wie er kühn in allen seinen Reden in Aussicht stellt, die Aufhebung des nach seiner Anficht alles vertheuernden Zwischenhandels beantragt? Nein!

Hat er überhaupt einen einzigen Antrag im Reichstag gestellt? Nein!

Ist von ihm zu erwarten, daß er irgend welche Anträge stellen wird? Nein!

Warum? 1) weil er nicht kann!

Er kann es nicht, weil er keine Unterstützung in» Reichstag findet. Herr Böckel loird auch im nächsten Reichstag ganz allein stehen; <tr kann höchstens 2 Genosse»» finden, wenn die hessischen Wahlkreise, Gietzen und Alsfeld vor ga»»z Deutschla»»d die Schande auf sich nehmen wollen, eine Bewegung zu unterstützen, die von hoher Stelle treffeud als eine Schmach unseres Jahrhunderts bezeichnet worden ist.

2) weil er wahrscheinlich auch nicht will. Denn er hat während seiner dreijährigen Thätigkeit als Reichstagsabgeordneter überhaupt nur wenigemal das Wort ergriffen, dabei nie über die vielen wichtigen den Reichstag beschäftigenden Dinge geredet, sondern sich darauf beschränkt, in gehässiger Weise und unter allgemeiner Heiterkeit des Hauses über die Juden zu schimpfen.

Sehen wir nun, wie Herr Böckel wenigstens gestimmt hat.

1) Wie hat Herr Böcke! gestimmt, als die Zölle auf nothweudige Lebensbedürfnisse erhöht und dadurch dem Arbeiter und kleinen Manne der Lebensunterhalt vertheuert wurde?

Herr Böckel stinunte mit

2) Wo war Herr Böckel, als es galt das Volk gegen die geplante nnd nachher auch eingetretene Belastung des armen Mannes durch Mehrbesteuerung des Branntweins UM 168 MilÜBULU >u schützen?

Herr Böckel bei dieser wichtigen Abstimmung!

Und einen solchen Mann, der im Reichstag nichts geleistet hat und, wie dargethan, auch nichts wird leisten können, solltet Ihr einem (SfrUtflCifd) vorziehen? Solltet Ihr vorziehen einem Manne, der sich durch langjährige Thätigkeit im öffentlichen Leben, im Land­tag, in Kreis und Provinz als eine ganz hervorragend tüchtige Arbeitskraft bewährt hat, der unseren Wahlkreis bereits 3 Jahre hindurch im Reichstag vertreten hat, in einer Weise, welche ihin die Achtung und Anerkennung nicht allein unserer Parteigenossen, sondern auch zahlreicher Gegner erwarb.

Kein Gegner hat uns noch je widersprochen, wenn wir in Wort und Schrift die unumstößliche Thatsache behaupteten, daß Herr Dr. Gutsteisch uad) kurzer Zeit feines Auftretens bereits eine ganz hervorragende Stellung nicht allein in seiner Partei sondern im ganzen Reichstag eingenommen habe.

Herr Dr. Gutfleisch hat als Mitglied dreier Commissionen weit über 100 Commifsioussitzuugen beigewohnt. Er hat stets als einer der Eifrigsten an den Sitzungen des Gesammtreichstags theilgenommen. Er hat in den Commissionen sowohl wie im Reichstage zahlreiche zum großen Theil nachher angenommene A»»trägc gestellt, er hat dieselben als A»»tragsteller, Berichterstatter und Redner vertreten, er hat überhaupt häufig in wese»»tlichen Fragen das Wort ergriffen; er hat bei keiner einzige»» Abstimmung gefehlt und alle Erwartu,»gen reichlich erfüllt, die seiner Zeit an seine Wahl geknüpft waren.

Neber allen diesen persönliche»» Erwägungen, die uns an unseren Candidateu fesseln, steht aber der weitere Gedanke, datz es nie und «immer zugelaffcn werden dars, in die Ehrenstelle unserer parlamentarischen Vertretung einen Mann zu berufen, der wie Herr Böckel die Fackel der Zwietracht in die weitesten Kreise des Landes schlendert, der durch Anrufung der niedrigsten Leidenschafter» die schlimmste Verhetzung unserer Bevölkerung betreibt, der durch seine ganze Agitationsweise sich als größter Feind des uns Allen so nöthigen gesellschaftlichen Friedens als eine rechte Gefahr für alle von ihm heimgcsuchteu Gebiete unseres Vaterlandes erwiesen hat.

Gegen einen solchen Mann gilt es, alle besonnenen Elemente des Volks zusammen zu raffen, um die wie eine Pest drohende Vergiftung des DolkSgemüths und Verrohung nnserer politischen Gitten energisch abzuivehren.

Durum, Söählkt! ohne Unterschied der Parteien, auch Ihr, die Ihr im ersten Wahlgange andere Candidate« bevorzugt habt, ja selbst Ihr seither durch das Blendwerk des Herrn Böckel Getäuschten, und endlich auch Ihr, die Ihr ohne Ahnung der Gefahr Euer Wahlrecht im ersten Wahlgange nicht geübt habt, werft Alle gemeinsam zurück Heu antisemitischen Hetzer, der nie uuser Abgeordneter werden dars «m» wählet -inmüthig am 28 Februar unsere« Candidateu

Herrn Dr. Gutfleisch in Gießen.

G i 7 ß k n , am 26. Februar 1890.

Das freisinnige Waht-Homils.

Vrühl'sche Druckerei (Fr. LHr. Pietsch) in Hießen.