Nr. 120 Drittes Blatt. Sonntag den 25. Mai
1890
Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
Die Gießener A«mitienbtät1er werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
Bierteljährigcr Abonncmentspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schutstratze Ar. 7«
Fernsprecher 51.
Arnts« unb Anzeigeblatt für den Nreis Gissen.
Annahme von Anzeigen zu der RachmillagS für den folgenden Tag erscheinenden Rnninler dis Borm. 10 Uhr.
Alle Annonccn-Bilreaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
chießener I-ami lien ßl'üiter
chraii-'-kreisaae
Arnblichev Theil.
Gießen, den 22. Mai 1890.
Betreffend: Die Ausführung des Unfallversicherungs- Gesetzes.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an GroHH Poliz-iaWt Gießen und die Großh.
Bürgermeistereien der Landgemeinden deS Kreises.
Der Vorstand der Bekleidungsindustrie-Berussgenossen- schaft hat Herrn Heinrich Leid (in Firma Georg Leib und Lohn) in Gießen zum Vertrauensmannffür die Provinz Oberheffen uno Herrn Robert Wegener zu Vlitzenrod zu dessen Stellvertreter ernannt. — Wir weisen Sie an, die Benachrichtigung über die Einleitung einer Untersuchung über die bei Mitgliedern der genannten Berufsgenossenschaft eingetretenen Unfälle an den Vertrauensmann, beziehungsweise dessen Stellvertreter in Gemäßheit des § 54 des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. 'Juli 1884 zu richten.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Kari Moll von Gießen heute als Ortsgerichtsdiener Großb. Ortsgerichts Gießen verpflichtet worden ist.
Gießen, 21. Mai 1890.
Großherzogliches Amtsgericht.
Fresenius.
Derrt-ctzes LLerctz.
nn. Darmstadt, 23. Mai. Zweite Kammer der Land stände. Nach Verkündigung einer Reihe neuer Ein
läufe und Berichtsanzeigen erledigt die Kammer zunächst die Vorlage Großh. Negierung, die Herstellung einer direkten Verbindung der südlichen Stadttheile am Seltersberg zu Gießen mit den dortigen Bahnhöfen.
Der Ausschuß schlägt die Genehmigung des Vertrags mit der Stadt Gießen vor und wird diese Vorlage ohne Debatte genehmigt.
Bezüglich der Erhöhung des Gehaltes für einen vortragenden Rath im Finanzministerium, erstattet Abgeordneter Schröder mündlichen Bericht. Der Ausschuß beantragt, hierfür 7500 Mk. zu bewilligen.
Abg. Frank kann sich mit diesen fortwährenden Gehaltserhöhungen der höheren Stellen nicht einverstanden erklären. In jeder Finanzperiode würden diesbezügliche Vorlagen gemacht. Man möge doch endlich einen anderen Modus eintreten lassen.
Abg. Schröder erläutert, daß auch der Finanzausschuß Bedenken in dieser Richtung gehabt habe- da aber die Frage von dringlicher Natur sei, schlage er dem Hause Genehmigung der Vorlage vor.
Das Haus genehmigt dem Anträge des Ausschusses gemäß den geforderten Betrag.
Ein Antrag der Abgeordneten Metz-Darmstadt und Haas-Offenbach auf Abänderung des Dammbau-Gesetzes vom 14. Juni 1887 veranlaßt eine lebhafte Debatte.
Abg. Metz begründet in längerer Rede die Veranlassung zur Antragstellung. Der Artikel 14 des Gesetzes spreche dem Grundbesitzer eine jede Entschädigung ab, wenn durch die ganze oder theilweise Abtragung eines Hochwasserdammes sein Grundbesitz im Werthe verringert oder auch gänzlich entwertet werde. Die Motive zu Art. 14 stützten sich auf den Satz, daß das Sonderinteresse gegen das Gemeindeinteresse zurücktreten müsse. Es sei dabei aber übersehen worden, daß ein solches Zurücktreten verfassungsmäßig in der Regel nur gegen Entschädigung gefordert werden könne. Fast unver
ständlich sei es, daß man bei den ungleich schädlicheren Sommerdämmen und neuen Flußbetten eine Entschädigung gewähren wolle, während man diese bei Ein- und Ausdeichungen verweigere.
Geh. Finanzrath Krug präcisirt den principiellen Standpunkt der Großh. Regierung dahin, daß dieselbe an dem Standpunkte sesthalte, daß sie es für mißlich und unthunlich halte, daß man ein Gesetz, welches kaum einige Jahre bestehe und nach gründlicher Berathung zu Stande gekommen sei, jetzt schon wieder ändern wolle, ehe man practische Erfahrungen mit demselben gemacht habe. Was die rechtlichen Gründe anlange, welche der Abg. Metz geltend gemacht habe, so seien dieselben nicht stichhaltig, denn die gleichen Gründe seien auch bei der Durchberathung des Gesetzes zum Ausdruck gekommen und in entgegengesetzter Weise beurtheilt worden.
Abg. Möhn spricht aus eigenen Erfahrungen und bezeichnet den Standpunkt der Ausschußmajorität, welcher Ablehnung des Antrages Metz empfehle, als den einzig richtigen, da bis jetzt auch nicht eine einzige Klage laut geworden sei. Auch er schließt sich der Ausschußmajorität an.
Ministerialrath S ch ä f f er, sowie Oberbaurath Rohns widerlegen in sachkundigster Weise die Bedenken der Abgeordneten Metz und Haas und empfehlen den Ausschußantrag der Majorität. Es sei dringend davor zu warnen, schon jetzt an dem Gesetz zu rütteln. Dadurch würde nur Unruhe in die Bevölkerung hineingetragen.
Für Beibehaltung des gegenwärtigen Gesetzes sprechen noch die Abgeordneten Arnold und W o l f s k e h l.
Osann wünscht Strich des ganzen Art. 14; ebenso Abg. Schröder.
Nach erfolgter Abstimmung wird der Antrag Haas und Metz gegen 7 Stimmen abgelehnt, ebenso der Antrag der Ausschußminorität mit 16 gegen 16 Stimmen. Das Gesetz bleibt in seiner alten Form bestehen.
Bezüglich der Gesuche der Gemeinden Mockstadt und
Feuilleton.
Reise-Allerlei.
Schon mit den ersten Tagen nach dem Pfingstfest beginnt wieder jene Periode, in welcher sich gewissermaßen die Rollen zwischen dem Großstädter und dem Bewohner der Kleinstadt vertauschen. Die Kleinstadt ist schon in all diesen letzten Wochen, in denen das Mailüfterl sonst weht, graduell in der Beachtung des Großstädters gestiegen, je heißer die Sonne zu brennen begann, je drückender der blaue Himmel und das knospende Grün ihm die Enge der ihn umgebenden Häusermauern fühlbar machte. Da schwillt ihm das Herz in der Sehnsucht nach der engeren Berührung mit der frisch knospenden Natur da draußen, gewaltsam drängt es ihn, mit einem Athemzug ihrer reinen Atmosphäre die unter dem Einfluß der unausgesetzten Cyklopen-Arbeit des Winters in der Großstadt geschwundene Kraft neu zu beleben und da wird ihm die Kleinstadt mit ihrem wohlthuendcn Gegensätze zu alledem, was ihn bisher quälte und drüHe, mit ihren klaren, einfachen und weil zum Theil fremden gerade auch um so interessanteren Verhältnissen, zu einem Eden, zu jenem Paradiese, das er sich gewünscht, um ein neuer Mensch zu werden!
Und der Kleinstädter? Auch in thm erwacht die Sehnsucht, die, wenn der Mai gekommen, den Menschen ohne Unterschied sowie Stellung oder seines Wohnortes mit gcheimnißvollem Drange hinaus in die Ferne treibt, und naturgemäß ist sein Streben der Großstadt zugerichtet. Für ihn, dem das Walten der Allmutter Natur deshalb, weil er stets an ihren Busen ruht, nichts Neues ist, hat das aufregende, vielgestaltige rastlose Treiben der Großstadt mit ihren ewig wechselnden Erscheinungen, ihren vielfachen Sehenswürdigkeiten jenen bestrickenden Reiz, der ihn geduldig das ertragen läßt, was der „Eingeborene" als qualvoll flieht. Und so vertauschen sich die Rollen, aber dennoch bleibt der Bewohner der Kleinstadt im Vortheil vor seinem Theilhaber in diesem Rollenwechsel. Er gibt das, was der Großstädter mühsam sucht und nur auf eine kurze Spanne Zeit lechzend genießt, ohne in der Hast des Genießens wirklich zum Genuß kommen zu können, nicht auf. Er lernt vielmehr das, was ihm ein Göttergeschenk des Geschickes in gnädiger Laune als unschätzbares Gut zu eigen gegeben, von Neuem schätzen, wenn er aus dem wirren, wüsten Treiben heimkehrt in seine einfachen, klaren, geregelten Verhältnisse, seine natürliche Umgebung und dem reinen balsamischen Athem der Natur, die ihn umgibt, und angesichts dieser Position kann er jetzt stolz sich emporrecken und kühn an die Brust sich schlagend
sagen: Jetzt haben wir die Rollen getauscht, denn Ihr, die Ihr sonst von oben herab auf den Kleinstädter nsederblickt, mitleidig vielleicht oder hohnvoll — Ihr, ihr kommet jetzt zu uns!
Im Deutschen steckt der Wandertrieb schon von Alters her, und wie im Mittelalter es allerlei fahrendes Volk gab: die Minnesänger, die fahrenden Scholasten, Kriegsleute, Kausmänner u. s. w., so begegnen wir solchen Typen allerdings in moderner Umwandlung, auch heute. In Nachfolgendem wollen wir einen kleinen Beitrag zur Naturgeschichte dieses Neisevolkes geben. Da ist zunächst die weitverbreitete Familie der H a n d l u n g s r e i s e n d e n. Der gelben Butterblume vergleichbar ist sie überall anzutreffen zu jeder Jahres- und Tageszeit, im Eisenbahn- und Postwagen, aus der Landstraße wie im Gasthof. Die Glieder dieser Familie sind stets modern, etwas gesucht elegant gekleidet, von mehr oder weniger großen Musterkoffern begleitet und, wenn zu Zweien oder Dreien, in lebhafter Unterhaltung oder Skat spielend, sehr zum Aerger der zweiten Species, der reisenden Gouvernanten, die wegen Ueberfüllung der Frauencoupes gezwungen sind, eine Zeitlang in dieser Umgebung zu reisen. Malerisch in eine Ecke gelehnt, mit etwas männlich scharfen Zügen, einen Kneifer auf der Nase, hat die Gouvernante sich in die Lectüre von Heines Gedichten versenkt. Und während sie die rührenden Verse liest, tönt es an ihr Ohr: „Tournez!“, „A tont!“ u. s. w. Sie klappt entrüstet ihren Goldschnittband zu, starrt träumerisch durch das Fenster und steigt auf der nächsten Station aus. । Wüthend schlägt sie die Thür zu, denn hinter ihr pfeist das malitiöse Trio der Reise-Onkel „Schier dreißig Jahre bist du alt." — Der Gouvernante nahe verwandt ist der reisende j Familienvater, der nickst einmal Gelehrter, Professor : oder sonst etwas zu sein oraucht. Von der Gattin der i theuren und einem halben Dutzend langaufg<chossener Töchterlein begleitet und mit allerlei seltsam geformten Schachteln, Körben und dergleichen belastet, nimmt, diese Gattung fast ein Coupe für sich allein in Anspruch. „Männchen, binde das Plaid um, Du wirst Dich erkälten," spricht die sorgliche Hausfrau; „Männchen, geh vom Fenster fort, es zieht da". Dann werden die Körbe und Schachteln geordnet und gezählt, wobei sich herausstellt, daß man mehrere sehr wichtige Gepäckstücke im Wartesaal vergessen hat. Papachen steigt schnell aus, um sie zu holen, inzwischen pfeift es und der Zug setzt sich in Bewegung. Aus dem Perron steht der Papa und gestikulirt mit den Armen, während am Coupee- fenster Frau und Töchter wehklagend die Hände ringen. Auf der nächsten Station steigt Frau Mama aus, um dem Gatten
telegraphisch Nachricht zu geben. Da trifft sie das gleiche Schicksal und hinaus in die weite Welt müssen die Töchterchen, schutzlos und roher Willkür preisgegeben. — Im Gegensatz hierzu stehen die Jünger der Herren Gelehrten, Studenten und Schüler. Ihr Gepäck ist das leichteste, so leicht wie ihr Herz und hell wie ihre Augen, aus denen die Feriensreudc blitzt, klingt ihr Gesang: „Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus.“ — Mit leichtem Gepäck nnd frohem Muthe reisen auch Soldaten und Jäger und das Latein, das letztere sprechen, wirkt ebenso unterhaltend und belustigend auf die Mitreisenden, wie die Gegenwart mancher anderen abstoßend und langweilend. — Zu den originellsten, wenn auch unerfreulichsten gehört die Familie der reisenden Engländer. Wenig rücksichtsvoll legen sie ihre Füße auf die Polster, wo.hin sich andere Reisende setzen wollen und ihr ganzes Benehmen ist derart „shoking“, daß man ihm nur durch gleiche Rücksichtslosigkeit ein Paroli bieten kann. — Weniger häufig, aber um so fester tritt eine Sorte Reisende in Gestalt biederer Landbewohner aus der Umgegend auf. Diese, gewöhnlich mit einer duftenden Tabakpfeife, aus welcher sie mit der Locomotive um die Wette qualmen, versehen, dann und wann auch einen Labetrunk, genannt Schnaps, mit sich führend, dessen Mitgenuß ihnen man um alles in der Welt nicht abschlagen darf, sind sonst die harmlosesten aller ^Reisenden. Sie kann man sofort zu Freunden haben, wenn man ihren Aufschlüssen über die Gegend, die sie früher zu Fuß durchmaßen, lauscht, wenn man ihnen alles glaubt, was sie über ihre Familienangehörigen bis ins tausendste Glied Großes zu erzählen wissen, die ihren „Schorsch" beim Militär haben, der ihnen viel Geld kostet, die eine reiche Kartoffel- und Heuernte erwarten, so und so viel junge und alte Schweine und Kühe, Hühner, Enten, Tauben und Gänse besitzen, und die nach der nächsten Kreisstadt fahren, um eine neue Sense oder Kuhkette zu kaufen und dabei zugleich Nachbar Christian besuchen wollen. — Eine noch interessantere Species von Reisenden, der mancher glücklicherweise nur selten begegnet, ist die der Widerwilligen. Burschen mit Galgen-Physiognomien, kurzgeschorenem Haar, in Sträs- lingskleidern, und von einem Gendarmen begleitet. Bisweilen findet sich auch ein Sarg in dem Eisenbahnzuge, mit einem „stillen Mann" darin. Trotzdem er Niemanden beschwerlich fällt, ist er doch für Viele der unheimlichste Reisende. — Wir hoffen, daß unsere Leser, wenn sie eine Reise in diesen Tagen antreten sollten, vor lästigen Genossen, wie wir sie eben gekennzeichnet haben, bewahrt bleiben und wünschen ihnen vielmehr, frei nach dem Katechismus, „gut Wetter, gute Freunde und getreue Nachbarn!"


