Samstag den 24 Mai.
(Stegner Anzeiger.
Beilage zu Nr. 119. - 1890.
Fenilleton.
Einiges über absonderliche Brüteplähe der Pögel.
Schon während zweier Frühlinge habe ich Beobachtungen über die Nistplätze der Vögel angestellt, und da ich gesunden habe, daß dieselben oftmals höchst sonderbare Orte zum Aufschlagen ihrer Wohnungen benutzen, so will ich hiermit einige Fälle, die wohl von allgemeinem Interesse sind, zur öffentlichen Kenntniß bringen.
Im Wonnemonat v. I. führte mich mein Weg nach dem hiesigen Friedhose und ich kam an einem Grabe vorüber, worauf ein kleiner Engel von Gips stand. Der Zahn der Zeit hatte in denselben, etwa einen Decimeter hoch vom Grabe, ein rundes Loch genagt, und ich war nicht wenig erstaunt, als ich bemerkte, daß ein Rothschwänzchen durch diese Oeffnung in das Grabdenkmal hineinschlüpste. Meine Vermuthung bestätigte sich, das niedliche, zutrauliche Thierchen hatte in dieses stille, sichere, aber gewiß sehr sonderbare Plätzchen sein Nestchen erbaut, fünf Eierlein darin ausgebrütet und die junge Brut bis zum Ausstiegen sorgfältig gepflegt, was Herr Friedhossaufseher Löber gewissenhaft weiter beobachtet hat.
In diesem Jahre wurde diese friedliche Wohnung nicht benutzt, weil das Nestchen bei der Ausbesserung des Grabes zerstört wurde.
Daß aber das Rothschwänzchen die Nähe und das größte Geräusch der Menschen, wenn es glaubt für sich und seine Nachkommen eine sichere Wohnung gesunden zu haben, aber auch gar nicht scheut, das habe ich an zwei wunderbaren Nistplätzen in diesem Frühlinge mit dem größten Erstaunen beobachtet.
Auf dem freien Platze vor dem hiesigen Kirchhossthore befindet sich bekanntlich eine kaum zwei Meter hohe, eiserne
Pumpe, deren Schwengel vom frühen Morgen bis zum späten Abend von geschäftigen Menschen in eine oft so starke Bewegung gesetzt wird, daß davon der ganze Pumpenstock in die heftigste Erschütterung geräth. Allein alles dies konnte ein Rothschwänzchen nicht stören und hindern, in die Höhlung oben am Pumpenstocke, worin sich der Schwengel bewegt, ein Heim für sich und seine Jungen zu gründen, was für das arme Rothschwänzchen eine recht beschwerliche Arbeit war, denn nachdem es sehr fleißig — in einer Stunde vierzigmal — mit dem Schnäbelchen Baumaterial geholt, konnte es mit ziemlich langen Halmen nur höchst mühsam durch die enge Oeffnung zum Nistplätzchen gelangen.
Hoffentlich wird das zutrauliche Thierchen durch keinen Unfall gestört, die weiteren Bestimmungen seines Werkes aus- zusühren.
Der andere Nistort, den sich auch ein Rothschwänzchen gewählt hat, ist dem oben beschriebenen auf ein Haar ähnlich und er befindet sich in der Pumpe, die an dem nach dem jüdischen Friedhose führenden Weg ausgestellt ist.
Eine höchst interessante Mittheilung von einem Roth- schwänzchennest machte mir vor einiger Zeit mein verehrter Herr College Eifert, der früher in Ober-Wegfurt (Oberhessen) angestellt war.
In genanntem Dorfe gerieth vor mehreren Jahren ein Rothschwänzchen auf der Suche nach einer sicheren Wohnstätte durch irgend eine Oeffnung in das Innere der dortigen Kirche, wo ihm wahrscheinlich der an der Wand hängende mit Goldtressen besetzte Klingelbeutel zuerst in die Augen fiel. Da es diesen für ein sehr geeignetes Plätzchen erkannte, so schlug es mir nichts dir nichts in demselben seine Wohnung auf, die es aber sehr rasch fertiggestellt haben mußte, denn schon am kommenden Sonntag sand der überraschte Kirchendiener das Nestchen, in welchem zwei Eierchen lagen, im Klingelbeutel.
Die Schwarzamsel benimmt sich bei der Wahl ihrer Niststätte recht absonderlich, aber auch sehr unvorsichtig, denn ich habe ihr Nest in einem Pappelreiserhausen dicht auf der Erde gefunden- auch in den Holzstößen, die der Firma A. Euler gehören, bemerkte ich im vorigen und auch in diesem Jahre ein dicht am Wege, kaum anderthalb Meter hoch von der Erde stehendes Schwarzamselnest. Die Arbeiter, welche in geringer Höhe über ihrem Neste mitunter recht polternde Arbeiten verrichteten, störten die Amsel durchaus nicht und ebensowenig die vielen Menschen, die während der Brütezeit ganz dicht täglich an ihr vorübergingen. Daß aber an solch' unsicheren Orten sehr oft die alte Amsel, aber stets die Jungen in den Krallen der räuberischen Katze ihren Tod finden, das habe ich zu meinem Bedauern fast immer gesehen. Ein Schwarzamselpaar jedoch scheint durch diese bittere Erfahrung klüger geworden zu sein, denn es hat sich in diesem Jahre einen sicheren Wohnplatz auf einem Balken in der Werkstatt des Herrn Wagnermeisters Mühlich dahier ausgesucht. Herr Mühlich und seine Arbeiter, welche jeden Tag in der Werkstatt beschäftigt waren, zollen der Amsel, die jede Scheu vor ihnen abgelegt hatte, das größte Lob über den beim Nestbau und den bei der Fütterung ihrer Jungen entwickelten Fleiß. Vier Junge wurden im Neste zur Welt befördert und dieselben so sorgfältig verpflegt, daß sie schon vor 14 Tagen ihre Selbstständigkeit antreten konnten.
Von meinen Lieblingen, den Staren, Hausschwalben und Buchfinken könnte ich auch noch über absonderliche Nistplätze ganz interessante Dinge berichten, allein da es für die Spalten dieses Blattes zu weit führen würde, so will ich vorerst davon schweigen, werde mir aber erlauben, später darüber Mittheilung zu machen.
Gießen. H. Curschmann.
Cocotes und prot>ht$tettes.
* Butzbach, 22. Mai. Herr Bürgermeister Küchel, "der in der Morgenstunde des verflossenen Sonntags so früh und unerwartet aus seinem Erdenleben schied, wurde am 20. Mai Nachmittags bestattet. Die Spitzen der Kreisbehörden, das hiesige Offiziercorps, der Gemeinderath, das Lehrercollegium, Kirchen- und Schulvorstände, Collegen des Verblichenen aus der Umgegend und viele Freunde und Bekannte des Verstorbenen folgten dem reichbegränzten Leichenwagen. — Nach der Trauerrede legten Namens des Gemeinderaths und der Gemeinde Herr Beigeordneter Joutz, im Namen des Kirchen- und Schulvorstandes Herr Pfarrer Schrimpf und Namens der Lehrer hiesiger Schulen Herr Oberlehrer Leithäuser Kränze aus das Grab Desjenigen nieder, welcher 10 Jahre lang der Stadtgemeinde Butzbach vorgestanden und sich die Achtung und Liebe aller Kreise der Bewohnerschaft erworben hatte. — Bemerkt sei noch, daß unter den vielen Kränzen, welche dem Vorstorbenen gewidmet wurden, sich auch ein prachtvolles Gewinde der hiesigen israelitischen Gemeinde befand. — Auch die hiesige Freiwillige Feuerwehr beteiligte sich in corpore an dem stattlichen Leichenbegängnisse des leider so früh Dahingeschiedenen. (W. B.)
«r Aus Oberhefsen, 22. Mai. Nicht bloß die Land- wirthe, sondern auch viele Stadtbewohner interessiren sich lebhaft für den jeweiligen St and der landwirthschaft- lichen Culturgewächse. Einsender dieses hat in letzter Zeit einen großen Theil der Provinz Oberhessen bereist, hat jahrelang praktisch Landwirthschast getrieben und will es nun einmal versuchen, den freundl. Lesern ein kleines Bild von dem gegenwärtigen Stande der Gewächse, eventuell von den Aussichten für das laufende Jahr, vorzuführen. Obgleich der Winter nicht sehr eis- und schneereich war, ruhte sich der Boden doch gründlich aus und er wurde gar. Die Bestellung der Frühjahrsaaten war von trefflichem Wetter begünstigt: Getreide,. Kartoffeln, Sämereien, Rüben gingen prächtig auf und entwickelten sich zusehends. Warme Gewitterregen, eine weiche, mollige Lust förderten das Wachs- thum aller Culturpflanzen so ungewöhnlich, daß die meisten fast zu mastig werden. Kälterückschläge erfolgten nicht, die Eisheiligen zogen ohne Schaden vorüber. Schon ist der Roggen am Blühen, ein seltener Fall um diese Zeit- es wäre sehr schade, wenn er sich vorher lagern würde, denn alsdann ist die Kernbildung unmöglich. Weizen, Gerste und Hafer sprießen in seltener Schönheit und Ueppigkeit empor und versprechen bedeutende Erträge. Die Futterpflanzen, besonders Luzerne und deutscher Klee, sind binnen acht Tagen buchstäblich halbmannshoch geworden. Die Grünfütterung hat begonnen. Der Trieb auf den Kleeäckern aber ist so energisch, daß schon nach einigen Tagen, wenn der erste Schnitt kaum weg ist, der zweite Klee zusehends nachsprießt. Die Wiesen sehen prächtig aus und lassen sich noch höhere Erträge erwarten als im vorigen Jahre. Ebenso günstig sieht es bei den Kartoffeln und allen Gemüsepflanzen aus. Es wächst halt alles, was man sät oder pflanzt. Salat, Spinat, Radieschen, Spargel, Zwiebeln wachsen um die Wette und zeichnen sich durch Zartheit und Wohlgeschmack aus. Daß dadurch die alten Kartoffeln weniger gesucht werden und fortwährend im Preise sinken, ist sehr begreiflich. In der Wetterau besitzen die großen Bauern noch Hunderte von Maltern Kartoffeln bester Qualität, aber Niemand fragt darnach. Weniger günstig scheint die Obsternte auszufallen. Zwar die Birnen kamen in der Blüthe gut durch- aber die Aepsel haben, nach den an vielen Orten vorgenommenen Untersuchungen, häufig Jnsecten in den Fruchtansätzen, wodurch großer Schaden zu befürchten ist. Ueberblickt man nun
das Ganze, dann muß man sagen, daß die Aussichten für unsere Provinz ganz außerordentlich günstig sind und darüber mag sich der Landwirth wie der Stadtbewohner freuen. Der Umschauer aber wünscht Allen ein frohes Pfingstfest dazu!
§ Windhausen, 22. Mai. Nach der ganz ungewöhnlich schwülen Temperatur des vorgestrigen Tages brachte uns der gestrige Morgen zwei schwere Gewitter mit sehr starken elektrischen Entladungen. Das erste Gewitter entlud sich Morgens gegen 4 Uhr, das zweite gegen 7 Uhr. Während des letzteren schlug der Blitz in das Stallgebäude eines hiesigen Landwirths und betäubte eine Kuh, die sich aber bald wieder erholte- weiter richtete der Blitz nicht den geringsten Schaden an. Im benachbarten Ermenrod fuhr während des ersten Gewitters ein Blitzstrahl durch ein Gebäude in den Schweinestall und traf hier ein Schwein, das man sofort schlachten mußte. Beim zweiten Gewitter schlug der Blitz durch ein Wohnhaus in den unter dem ersten Stock gelegenen Viehstall an einer dicht wider der Wand gelegenen Kuh herab, welcher die Haare in einem Streifen versengt waren, ohne wunderbarer Weise auch hier irgend welchen Schaden anzurichten. — Abkühlung haben die Gewitter nicht gebracht, noch immer herrscht die hohe Temperatur.
Altenstadt, 22. Mai. Herr Amtsrichter Hellwig hier wurde zum Oberamtsrichter beim hiesigen Amtsgerichte ernannt.
verarischte».
* Darmstadt, 21. Mai. Militärdien st nachrichten, v. Schaum berg, Oberstlieutenant und etatsmäßiger Stabsoffizier des 2. Großh. Hess. Drag.-Regts. (Leib-Drag.-Regts.) Nr. 24, zum Commandeur des 2. Brandenburg. Ulan.-Regts. Nr. 11 ernannt. Brinkmann, Major vom Ulan-.Regt, von Katzler (Schles.) Nr. 2, unter Entbindung von dem Commando als Adjut. bei der 12. Division, als etatsmäßiger Stabsoffizier in das 2. Großh. Hess. Drag.-Rgt. (Leib-Drag.- Regt.) Nr. 24 versetzt. Graf v. Schweinitz und Krain Freiherr v. Kauder, Sec.-Lt. vom Großh. Hess. Feld-Art.- Regt. Nr. 25 (Großh. Artill.-Corps), unter Beförderung zum Pr.-Lt. und Versetzung in das Feld-Art.-Regr. Nr. 24, als Adjut. zur 7. Feld-Art.-Brig. commandiert. Kuntz en, Sec.- Lt. vom 3. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Leib-Regt.) Nr. 117, unter Beförderung zum Pr.-Lt., in das Gren.-Regt. Kronprinz Friedrich Wilhelm (2. Schles.) Nr. 11. versetzt. Har- seim, Pr.-Lt. vom 4. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Prnnz Carl) Nr. 118, zum Hauptmann und Compagnie-Chef, v. Redern, Secondlieutenant von dems. Regt., zum Premier-Lieutenant, vorläufig ohne Patent, Busse, Unterosi. vom 2. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Großherzog) Nr. 116, Baither, Unteroff. vom 4. Großh. Hess. Jnf.-Regt. (Prinz Carl) Nr. 118, zu Port.- Fähnrs. befördert. Gervais, Major vom 3. Großh. Hess.Jns.- Regt. (Leib-Regt.) Nr. 117, zum Bats.-Commandeur ernannt. Netzlass, Major, aggrcg. demselben Regt., in dieses Regt, wiedereinrangiert, v. Bomsdorff, Sec.-Lt. vom Füs.- Regt. von Gersdorff (Hess.) Nr. 80, unter Beförderung zum Premierlieutenant, in das 1. Großh. Hess. Infanterie- Leibgarde-) Regt. Nr. 115 versetzt. Rheinbold, Premier- Lieutenant vom Brandenburgischen Train-Bat. Nr. 3 in die Großherzoglich Hessische Tram - Comp. versetzt. Hager, Vicefeldw. vom Landw.-Bezirk Gießen, zum Sec.-Lt. der Res. des 2. Großhzogl. Hess. Jnf.-Regts. (Großherzog) Nr. 116, Schaum, Sec.-Lieut. von der Ins. 1. Aufgebots des Landw.- Bezirks Mainz, — zu Pr.-Lts. befördert.
* Heppenheim a. d. B. Die Vorbereitungen zu der im August d. I. dahier gleichzeitig mit der Generalversammlung
des Landesgewerbvereins stattfindenden Ausstellung von Erzeugnissen der Industrie und des Kleingewerbes nehmen rüstigen Fortgang. Als Zeitpunkt der Eröffnung ist nun endgültig der 25. August, das hohe Namensfest Sr. Kgl. Hoh. des Großherzogs, festgesetzt worden. Zahlreiche Anmeldungen aus vielen Theilen Hessens und Badens, auch aus anderen deutschen Ländern, gehen täglich ein und erhoffen, daß die hiesige Ausstellung ein schönes Bild gewerblichen Fleißes bieten wird. Geschäfte und Firmen, welche sich noch zu betheiligen wünschen, wollen sich baldigst an die Vorsitzenden der Localgewerbvereine oder an den Vorsitzenden des Heppenheimer Localgewerbvereins, Buchdruckereibesitzer G. Mendorf, wenden, wo Programme und Anmeldeformulare kostenlos abgegeben werden. Die Bedingungen sind für die Aussteller sehr günstig. Die Dauer der Ausstellung ist eine dreiwöchentliche und damit eine Verloosung verbunden. 25000 Loose ä 1 Mark werden ausgegeben und die Gewinne von den Ausstellern angekauft.
Ganz seid. 6cbrucFte Foulards 1.90 bis 6.25 pr. Met. — vers. roben- und stückweise porto- und zollfrei ins Haus das Seidenfabrik-Depüt G. Henneberg (K. u. K. Hoflief.) Zürich. Muster umgehend. Briefe kosten 20 Df. Porto. [1701
Milde, wohlschmeckend unv seit zehn Jahren bewahrt ist der
Holländ. Tabak von B. Becker in Seesen a. Harz, 10 Psd. fco. 8 JL 156
Verkehr, Land- und volkswirthscha-r.
— Im Jahre 1890 finden in Gießen die KrLmer- «nb BiehmLrkte wie folgt statt:
Kram- und Viehmärkte: 24. und 25. Juni, 22. und 23. Juli.
5. und 6. August,
2. und 3. September, 21. und 22. October,
18. und 19. November, 9. und 10. December.
Viehmärkte:
8. und 9. Juli,
19. August,
23. September.
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