Ausgabe 
23.3.1890 Zweites Blatt
 
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Nr. 70. Zweites Blatt. Sonntag den 23. März

1890

Feuilleton.

Ernst Hchul? e.

Am 22. März vorigen Jahres waren es hundert Jahre, daß ein Menschenkind geboren wurde, dem wie wenigen vom Schicksal die Gabe, Andere zu beglücken, mit auf den Lebens­weg gegeben war, und das später doch selbst so viel Unglück erleiden sollte. In seiner Bedeutung noch lange nicht genug gewürdigt, ja, von der heutigen Generation gar nicht oder nur sehr mangelhaft gekannt, ist Ernst Schulze, ein Dichter von großer Begabung, seltener Gemüthstiefe und edler, vornehmer Denkungsweise Eigenschaften, die sowohl in seinen Tagebuchblättern, wie jn allen seinen poetischen Werken hervortreten und ihn dadurch befähigen, einen ehren­vollen Platz in der Literaturgeschichte des deutschen Volkes einzunehmen.

An Biographieen Schulzes besitzen wir die dürftigen Notizen seines väterlichen Freundes, des Göttinger Pro­fessors Bouterweck, einen kurzen Lebensabritz aus der Feder seines älteren Bruders August und endlich eine Lebens­beschreibung von Hermann Marggrasf, die als fünfter Ban Der Marggrafs'schen Ausgabe von Schulzes sammtUchen poetischen Werken erschienen ist. Die Hauptquelle für le Kenntniß der Entwickelung unseres Dichters sind seme schon erwähnten Tagebuchblätter und seine Briefe. Diesen sind Die folgenden Notizen zum größten Theile entnommen.

Ernst Konrad Friedrich Schulze war der Sohn des Damaligen Bürgermeisters von Celle in Hannover, der als ein tüchtiger, wackerer Beamter und liebenswürdiger Gesell­schafter geschildert wird, und dessen Gattin, einer Tochter des Predigers Lampe. Außer ihm war dieser Ehe noch ein

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2ltntitd?er Theil.

Bekanntmachung.

Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß in den Orten de» Kreises Büdingen: Nidda, Geiß-Nidda, Wallernhaufen und Büdingen zur Zeit die Maul- und Klauenseuche besteht.

Gießen, den 21. März 1890.

Großherzogliches Kretsamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Donner-tag den ST März 1890, Nachru. 3 Uhr wird in Lonys Felsenkeller zu Gießen eine

Generalversammlung de- landwirthfchaftlichen Bezirk-Vereins

abgehalten werden.

Alle Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksvereins und des Obstbauvereins und der landwirthschastlichen Local­vereine, sowie alle Obstbaumbesitzer und Freunde der Land- wirthschast werden zu dieser Versammlung ergebenst eingeladen.

Di^ Herren Bürgermeister werden ersucht, den in ihren Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu geben und auf zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.

Tagesordnung.

1) Vortrag des Herrn Ur. von Peter zu Friedberg über Zwergobstbau.

2) Wahl des Vorstandes und der Stellvertreter desselben für die Obstbausection Gießen.

3) Vortrag des Herrn Landwirthschastslehrers Leithiger von Alsfeld über Bodenbearbeitung und Saat.

Gießen, am 15 März 1890.

Der Director des landwirthfchaftlichen Bezirksvereins: Jost, Regierungsrath.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 15. März. Das heute ausgegebene Groß­herzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 5) enthält u. A. :

Summarische Uebersicht der Rechnung Großherzoglicher Landes-Waisen-Anstalt zu Darmstadt für 188889.

Bekanntmachung Großherzoglicher Provinzialdirection Oberhessen, die Aufbringung der Mittel zur Bestreitung der Bedürfnisse der Landjudeuschaft der Provinz Oberhessen für 189091 betreffend.

Uebersicht der von Großherzoglichem Ministerium des Innern und der Justiz für das Etatsjahr 189091 ge­

nehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communalbedürf- nisse m den israelitischen Religionsgemeinden des Kreises Gießen.

Dienstnachrichten.

Am 15. Februar wurden dem Schullehrer Karl Krömmel- bein zu Schlitz und dem Schulamtsaspiranten Mich. Herget aus Hergershansen Lehrerstellen an der Gemeindeschnle zu Arheilgen übertragen; am 20. Februar wurde der Gerichts­vollzieheraspirant Georg Röder in Zwingenberg zum Ge­richtsvollzieher mit dem Amtssitze zu Ulrichstein, am 22. Feb­ruar wurde der Garde - Unteroffizier Heinrich Gümblein in Darmstadt zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Gießen, mit Wirkung vom Tage seines Dienstantritts an, am 4. März wurde der Arresthansverwalter a. D. Heinrich Jacob Merlau in Gießen zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Fürth, mit Wirkung vom Tage seines Dienst­antritts an ernannt; am 5. März wurde dem Schullehrer Albert Boßler zu Ruppertenrod die Lehrerstelle an der Ge­meindeschule zu Ruppertenrod übertragen.

Concurrenzeröffnung.

Erledigt sind : Eine mit einem evangel. Lehrer zu be­setzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nieder-Ram- stadt mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 9001000 Mk. Mit der Stelle ist die Hälfte des Organistendienstes verbunden. Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober-Beerbach mit einem Gehalte von 900 Mk. Eine mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Leihgestern mit einem Gehalte von 900 Mk. Eine mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Crumstadt mit einem Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle kann ein Theil des Organistendienstes ver­bunden werden. Die mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Haisterbach mit einem Gehalte von 900 Mk, Die mit einem evangel. Lehrer zu besetzende erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule Nim- born mit einem Gehalte von 900 Mk. Mit der Stelle ist Kirchendienst verbunden. Dem Herrn Fürsten zu Löwen- stein-Wertheim-Rosenberg und dem Herrn Grafen zu Erbach- Schönberg steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Die mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bockenrod mit einem Gehalte von 900 Mk. Eine mit einem kath. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Kostheim mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte von 10001400 Mk. Die mit einem kath. Lehrer zu besetzende zweite Lehrerstellc an der Gemeindeschule zu Mosbach mit einem Gehalte von 900 Mk. Die Lehrerstelle an der kathol. Schule zu Lützel-Wiebelsbach mit einem Gehalte von 900 Mk.

Sterbefälle.

Gestorben sind: am 14. Februar der ev. Pfarrer und Decan Kirchenrath Dr. Karl Strack zu Lang-Göns- am 25. Februar der Schullehrer Heinrich Jäger zu Staden; am 1. März der Nealschuldirector Friedrich Götz zu Alsfeld.

£ite*atur Ktinfr

In der Zett der Wahlen und der Wahlerregung dürste ein Bild, welches diesen Gegenstand behandelt, besonderes Interesse er­regen. Jean Berauds GemäldeEine Volksversammlung in Paris", welches die ^Moderne Kunsts (Verlag von Rich. Bong in Ber­lin) in ihrem jüngsten Hefte (6) publtctrt, behandelt zwar ein französisches Sujet, aber die treffliche Characteriftik, welche der Maler von der aufgeregten Menge gibt, ist für alle Vorkommnisse dieser Art typisch; wir sehen die Rednertribüne, an welcher der Sprecher und das ComitS Platz genommen haben, darunter befindet sich der Platz für die Berichterstatter, und den ganzen Saal, sowie die Gallerten füllt eine leidenschaftlich erregte, wüthendenBeifall klatschende Menge. Ist dieses Gemälde besonders zeitgemäß, so bietet ein anderes großes Doppelbild desselben Heftes uns den Frühling und das lustige Spiel der Kleinen im Freien dar. Vortrefflich sind ferner zwei religiöse Bilder von Ltska, dem bekannten Prager Maler: Christus am Oelberge" undHagar und Ismael in der Wüste". Textlich enthält das Heft 6 die Fortsetzung der neuesten Novelle von Hans Hoffmann:Die Reise nach Athen", einen Artikel über Robert Hamerltng, Gedichte von Adolf Wilbrandt, Biographie und Portratt des Fräulein Posptschil, der gefeierten Tragödin desDeutschen Theaters" zu Berlin, einen ausführlichen, reich illustrirten kunst­gewerblichen Bericht, Berliner und Pariser Kunstbriefe rc. rc. Die Ausstattung des Heftes ist eine ganz vorzügliche. Das nächste Heft (7) erscheint als Frühlingsnummer derModernen Knnst" und wird tm Einzelverkauf für 2 JL abgegeben während der Preis für die Abonnenten der gewöhnliche (1 JC) bleibt.

- Beicht- «nd Abendmahlsbüchlein. 3. Auflage. Mit Titelbild von L. Richter. Heidelberg. Winter, broch. 40 S. 40 Pfg.

In demselben bewährten Verlage, dem wir das geistvolle Christliche Ehedüchlein" verdanken, erscheint obenftehendesBetcht- und Abendmahlsbüchlein", von dem alten trefflichen Straßburger Prediger Fr. Härter vor 50 Jahren verfaßt, in neuer hübscher Ausgabe mit dem schönen Richterbild desanklopsendenHerrn. Wie eine Friedenstaube über unseren aufgeregten politischen und kirchlichen Wassern wird dies kleine inhaltsreiche Büchlein:mit seinem schlicht-biblischen Gehalt allen Denen erscheinen, die in der kommenden höchsten Festzeit der Christenheit eine gesunde, ernstliche und milde Erbauung" in Wort und Sacrament suchen. Wohlthuend ist insbesondere die Fernhattung von jeder confessionellen Enge ober auch pietistischen Gefühligkett, wie von jeder theoretischen Breite, an welcher die meisten selbst besseren Communionsbücher leiden dürften. Und vorbildlich insbesondere ist die knappe geistliche Auslegung der (heutzutage oft leichtherzig umgangenen!) Gebote Gottes als eines auch neutestamentltchen Spiegels der Selbsterkenntnitz für Kleine und Große, für Ungebildete und Gebildete, für Arme und Reiche! Darum sei das sauber ausgestattete, kernige Büchlein für die kommende Communionszeit allen biblisch gerichteten Christen, insbesondere auch Geistlichen und Lehrern zur Vertheilung an Con­firmanden (bei Bezug von 10 Exemplaren zu 30 Pfg.) warm empfohlen!

H. D.

älterer Sohn entsprossen, der obengenannte August, der als Obersteuerrath in Hannover starb. Beide Knaben verloren ihre Mutter früh, so daß ihr Vater sich genötigt sah, bald eine zweite Ehe einzugehen, der sogar noch eine dritte nach dem Tode der zweiten'Gattin folgte. Eine Darstellung seiner Jugendzeit gibt Schulze selbst in Briefen an Adelheid Tychsen. In diesen erzählt er, daß man ihn in der Familiefür ein ganz gutmüthiges, aber höchst unnützes und zu allen Dingen unbrauchbares Geschöpf" gehalten habe, woran er selbst mit der Zeit zu glauben anfing und sich dadurch ein scheues und linkisches Benehmen aneignete. Ein ganz anderer war er jedoch unter seinen Spielgenossen. Bei ihnen genoß er eines gewissen Ansehens, weil er an geistiger Bildung sowohl, wie an verwegener Kühnheit alle übertraf. Zu Hause ahnte man davon nichts, denn dort saß er gewöhnlich in einer Ecke und las Romane und Gedichte, oder träumte von dem, was er gelesen hatte.

Durch diese Beschäftigung entwickelte sich bei dem Heran­wachsenden Knaben eine rege Phantasie, die noch durch häufige Besuche auf einem benachbarten Rittergute neue Nahrung erhielt. Anstatt nämlich bei dem ihm befreundeten Pachter zu übernachten, zog es der angehende Dichter, der damals fünfzehn bis sechszehn Jahre zählte, vor, sein Quartier in dem halbzersallenen Schlosse des Gutes aufzuschlagen. Dort hauste er in einem großen Saale mit hohem Kamin, vielen Ritterbildern in Lebensgröße und halbzerbrochenen Möbeln und las Rittergeschichten, Feenmärchen u. dgl. Besonderen Genuß gewährte es ihm dann, wenn der Sturm heulend durch den Kamin fegte und er vor seinem wackeligen Tische sitzend oder in dem mächtigen Himmelbett liegend mit der aussteigenden Furcht zu kämpfen hatte.

Zu dieser Zeit erwachte auch in ihm der Trieb nach höherer Bildung und mit großem Fleiße suchte er dann die

Lücken seines Wissens auszufüllen, so daß ihm im Bade Reh­burg, wie er selbst erzählte, von einigen Leuten geschmeichelt wurde,die nicht begreifen konnten, wie man, kaum siebzehn Jahre alt, Verse machen könne, welche freilich ganz abscheu­lich waren, die aber pour la nouveaute du fait gefielen, und besonders, wie man nebenher noch so viel Griechisch habe lernen können, um den Homer zu lesen."

So kam das Jahr 1806 heran und Ernst Schulze be­zog die Universität Göttingen, um sich dem Studium der Theologie zu widmen. Allein hierin fand er bald keine Besriedtgung mehr - er ließ die Theologie im Stich und hörte ausschließlich ästhetische und literarhistorische Vor­lesungen bei Bouterweck, der rasch sein Freund wurde und ihn in die Gesellschaft ein führte. Von Bouterweck haben wir auch folgende Bemerkungen über die Erscheinung des jungen Studenten:Sein Aeußeres nahm beim ersten An­blicke weder für noch gegen ihn ein. Sein gutgebauter Körper von mittlerer Größe hatte eine feste Haltung, fein regelmäßiges Gesicht hatte edle Züge, aber fein geistvolles Auge war unftät. In feinem einfachen, geraden und an­spruchslosen Betragen lag nichts, das ungewöhnliche Er­wartungen hätte erregen können." Und doch, welche Hoff­nungen durfte man von diesem Jünglinge hegen, wie freute sich der väterliche Freund, als er bald darauf von Schulzes Gedichten sagen konnte:Es waren Sonette, Episteln und Elegien, mangelhaft von mehreren Seiten, aber an einigen Stellen unübertrefflich und im Ganzen unbezweifelbare Be­weise von wahrem Dichtertalent."

(Fortsetzung folgt.)