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Donnerstag den 23. Januar

1890.

Der

Gießener Auzeiger rrfchemt täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

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Amtlicher Theil.

Gießen, am 21. Januar 1890. Betr.: Die Kosten für die Körungen des Faselviehs in den Gemeinden des Großherzogthums.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Sie wollen uns binnen 3 Tagen ein Verzeichnis der im Kalenderjahr 1889 in Folge von Besichtigungen von Fafeln durch die Körcommission in Ihren Gemeinden entstandenen Kosten einsenden. Dabei wollen Sie angeben, wieviel von diesen Kosten auf den Kreisveterrnärarzt entfallen.

v- Gagern.__________________

Kriegsgerichtliches Erkenntniß.

Durch kriegsgerichtliches, unterm 14. d. M. bestätigtes Erkenntniß vom 11. d. M. ist der Füsilier (Dispositions­urlauber) Reinhard Vogt aus dem Landwehrbezirk Gießen, geboren am 9. Mai 1865 in Eschbach, Kreis Usingen, in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldstrafe von zweihundert Mark verurtheilt worden

Darmstadt, den 18. Januar 1890.

Gericht der Großherzoglich Hessischen (25.) Division.

politische Ueversicht.

Gießen, 22. Januar.

Aus der Reihe der deutschen Bundesfürsten ist der re­gierende Fürst Georg von Schwarzbnrg-Rudolstadt durch den Tod unerwartet rasch abbernfen worden. Der Fürst war bereits am vorigen Donnerstag an einem Anfalle von In­fluenza erkrankt, aber die Krankheit schien durchaus leichter Natur zu sein, sie nahm jedoch ganz plötzlich durch Hinzutritt von Complicationen der Luftröhre und Lunge eine verhäng­nisvolle Wendung und am Sonntag Abend setzte ein Schlag- fluß dem Leben des erlauchten Kranken ein Ziel. Fürst Georg war am 23. November 1838 geboren und folgte seinem Vater- Albert am 26. November 1869 in der Regierung des Fnrsten- thums Schwarzburg-Rudolstadt. Der Heimgegangene beklei­dete in der preußischen Armee den Rang eines Cavallerie- Generals und war außerdem Chef des Magdeburgischen Dragoner-Regiments Nr. 6, sowie des Füsilier-Bataillons des 7. thür. Infanterie-Regiments Nr. 96; an der Seite seines Bataillons machte Fürst Georg den französischen Feld­zug von 1870/71 mit. Dem verstorbenen Fürsten Georg, welcher unvermählt war, folgt in der Regierung des Fürsten- thumes Prinz Günther von Schwarzburg-Rudolstadt, zur Zeit

Rittmeister im Garde-Kürassier-Regiment. Prinz oder jetzt vielmehr Fürst Günther, ist 1852 geboren und ein Enkel des Bruders des Großvaters des Fürsten Georg.

Aus Dresden wird das Ableben des sächsischen Finanz­ministers Freiherrn v. Könneritz gemeldet, welcher am Montag Nachmittag nach langer Krankheit verschieden ist. Der Ver­ewigte war geboren am 4. März 1835 in Paris, als Sohn des früheren sächsischen Justizministers v. Könneritz und trat, nachdem er in Leipzig studirt, in den sächsischen Staatsdienst ein. 1864 war Herr v. Könneritz Amtshauptmann in Chem­nitz, 1874 Kreishauptmann in Zwickau und 1876 Kreishaupt­mann in Leipzig, doch noch am 1. November desselben Jahres wurde er zum Staats- und Finanzminister ernannt. Der Verstorbene hat die sächsischen Finanzen in geradezu muster­gültiger Weise verwaltet und verdanken sie ihm wesentlich mit ihren gegenwärtigen blühenden Zustand.

Unter dem Eindrücke der in Wien erzielten Verständigung zwischen den Vertrauensmännern der Deutschböhmen und der Czechen tritt der böhmische Landtag an diesem Donnerstag wieder zusammen. Man darf sicherlich lebhaften Auseinander­setzungen zwischen den Altczechen und den Jungczechen über den Ausgleich mit den Deutschen entgegensehen, denn die Jungczechen waren zu den Wiener Conferenzen bekanntlich nicht mit hinzugezogen worden und nun werden sie zur Revanche vielleicht versuchen, sich an ihren altczechischen Brüdern wiederum zu reiben. Zweifellos wird aber der böhmische Landtag in seiner Mehrheit die in Wien abgeschlossenen Friedensprälimi­narien schließlich genehmigen.

In der französischen Deputirtenkammer kam es am Montag wieder einmal zu gewaltigen Spectakelscenen, da die Bou­langiften den Ultraradicalen Joffrin, den Gegner Boulangers bei der Wahl in Montmartre, verhindern wollten, seinen Sitz einzunehmen, die bonlangistischen Wortführer Dörvulcde, Millevoye und Laguerre mußten zeitweise aus dem Saale entfernt werden und dies wiederum hatte eine mehrfache Suspendirung der Kammerverhandlungen zur Folge. Die scandalösen Vorgänge fanden erst durch den Beschluß der Kammer, zur einfachen Tagesordnung überzugehen, ihr Ende, worauf der ordnungsgemäße Schluß der Sitzung erfolgte.

Deutsches Reich.

Mainz, 21. Januar. Im Wahlkreis Mainz- Oppenheim beginnt die Wahlbewegung jetzt allmälich in Fluß zu kommen. Am rührigsten sind, wie immer, die Soeialdemokraten, die in Anwesenheit ihres Candidaten, des Landtagsabgeordneten Jöst, fast allabendlich in den umliegen­den Ortschaften Wahlversammlungen abhalten. Die anderen Parteien, von denen die katholische Volkspartei und die national-

liberale Partei eigene Candidaten auf stellen werden, haben sich bis jetzt darauf beschränkt, Vertrauensmänner-Versamm- lungen abzuhalten und Commissionen zu bilden, die Candi­daten Vorschlägen sollen. Die Candidatensrage bildet den beiden genannten Parteien große Schwierigkeiten, indem bei den eigentümlichen Verhältnissen in dem diesseitigen Wahl­kreis es nur Wenige nach der Ehre einer Candidatur gelüstet. Mit Ausnahme des Landtagsabgeordneten Jöst sind alle bis jetzt für den Wahlkreis Mainz-Oppenheim als Candidaten genannte Namen nur Vermuthungen, indem sich noch keine Partei über die Candidatensrage schlüssig gemacht hat.

Crbach, 20. Januar. Bei der heutigen Versammlung der Vertrauensmänner der nationalliberalen Partei des 6. hessischen Wahlkreises, wozu sich Vertreter aus den vier ehemaligen Kreisen Bensheim, Erbach, Lindenfels, Neu­stadt, die den 6. Wahlkreis bilden, eingefunden hatten, wurde unser bisheriger Reichstagsabgeordneter, Herr Scipio, wieder einstimmig zum Candidaten für die nächste Wahl aus­gestellt.

Michelstadt, 19. Januar. Eine heute hier abgehaltene, zahlreich besuchteVertrauensmänner-Versammlungder deutsch- freisinnigen Partei aus dem Wahlkreis Erbach- Bensheim stellte einstimmig Herrn Pros. Dr. Stengel zu Marburg als Reichstagscandidaten aus. Derselbe nahm die Candidatur an.

Deutscher Reichstag.

48. Plenarsitzung. Dienstag den 21. Januar 1890, 2 Uhr.

Der Präsident gedenkt des Hinscheidens des Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt, eines deutschen Bundesfürsten, der stets treu zu Kaiser und Reich gestanden und sich persönlich am Kriege 1870/71 betheiligt. An seiner Seite wurde sein Adjutant schwer verwundet. Er war stets ein treuer Bundesgenosse des Kaisers. Die Mitglieder des Hauses hatten sich zu Ehren des Andenkens des verstorbenen Fürsten von den Sitzen erhoben.

Eingegangen ist eine Sammlung von Aktenstücken, betr. das Einfuhr-Verbot von Schweinen.

Die Vorlage, betr. die Subvention einer Post- dampferlinie nach Ostasrika, wird in dritter Lesung ohne wesentliche Debatte nach den Beschlüßen zweiter Lesung unverändert angenommen und werden dadurch die eingegangenen Petitionen für erledigt erachtet.

Der Ergänzungs-Etat, welcher 187 000 Mk. für den Umbau des Dienstgebäudes des Auswärtigen Amtes fordert, geht an die Budgetcommission.

Es folgt die dritte Etatberathung.

Staatssecretär v. Boettich er will gleich beim Beginn i der Debatte die Stellung der Regierung zur Besoldungs-

Fenilleton.

An Bord

Maritime Plaudereien von Dr. S.

[Unberechtigter Nachdruck verboten.)

Hast Du schon einmal eine Seereise gemacht, lieber Leser? Ich meine aber nicht eine so kurze, nur nach Stunden zählende Dampferfahrt, wie etwa von Cuxhafen nach Helgo­land oder von Danzig nach Pillau, sondern eine wirkliche, wahrhaftige Fahrt über den Ocean, aus der man je nachdem Wochen und Monde unterwegs ist und ringsum nichts wie Himmel und Wasser erblickt? Wenn nicht, wie ich fast ver­machen möchte, so wirst Du mir vielleicht gestatten, von den Eindrücken, die ich aus meinen Meerfahrten empfangen habe, etwas vorzuplaudern, ohne mich hierbei besonders an Zeit und Raum zu binden. Zwar habe ich mich nicht, wie Odysseus, derVielgereiste", zehn Jahre lang auf den Wogen herumgetrieben, dennoch kann ich aber auf eine mehr­fache Durchkreuzung des Oceans zurückblicken, die ich theils aus Dampfern, theils auch auf Segelschiffen ausgeführt habe. So manches des Interessanten ist mir hierbei aufgestoßen und wenn ich Dir hiervon getreulich berichte, wie es auch jetzt nach längerer Zeit noch in meiner Erinnerung haftet, so darf ich vielleicht Deiner freundlichen Theilnahme ge­wiß sein.

Bitte, begleite mich zunächst an Bord eines zur Ab­fahrt bereiten Seeschiffes. An Bord steigen! Dieser Aus­druck ist nur buchstäblich richtig, wenn das betreffende Fahr­zeug auf der Rhede vor Anker liegt oder sich aus offener See befindet; in diesen Fällen steigt man in der That zu feinem Bord empor, was öfters mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Man nähert sich dann dem Schiffe in Booten,

die an dessen Seitenwand anlegen, woraus man an der Seitentreppe oder unter Umständen auch auf einer einfachen Leiter auf das Verdeck emporklettert und daß dies bei be­wegter See, bei dem hierdurch bedingten Auf- und Nieder­stampfen des Schiffes gerade kein besonderes Vergnügen ist, dürfte auch einerLandratte" einleuchten. Meist gelangt man jedoch auf Landungsbrücken oder Schiffsplanken direct vom Lande an Bord des Schiffes, ja man steigt sogar manch­mal auf das Schiff nieder, wobei das letztere natürlich un­mittelbar an den Quais anlegen muß.

Derjenige Theil des Schiffes, der den Passagieren haupt­sächlich zum Aufenthaltsorte dient, heißt bekanntlich Cajüte. Die Cajüte ist verschieden eingerichtet und von verschiedener Größe. Auf den Segelschiffen von verhältnißmäßiger Ein­fachheit und Beschränkheit, ist die Cajüte auf den Dampf­schiffen, besonders auf den großen Ocean-Salondarnpfern, meist sehr geräumig und luxuriös eingerichtet. Die Cajüten mancher dieser über das Weltmeer schwimmenden Paläste enthalten an den feingetäfelten Wänden und an dem Plafond der Decke herrliche Sculpturarbeiren, Malereien, Medaillons u. f. w., außerdem schmücken die Wände kostbare Gemälde und vene- tianische Spiegel, während sich an ihnen schwellende Divans hmziehen. Von der Decke hängt ein prächtiger Kronleuchter herab, die Mitte des eleganten Raumes nimmt ein langer Tisch mit hohen Randleisten ein, um die Gedecke bei dem bedeutenden Schwanken des Schiffes vor dem Herabfallen zu bewahren. Von der Cajüte aus führen rechts und links Thüren zu den Cabinen, den Schlafzimmern der Reisenden. Die Cabinen repräsentiren auch auf größeren Dampfern meist nur einen kleinen Raum und gewöhnlich sind sie für zwei Personen eingerichtet. An der der Thür gegenüberliegenden Wand sind zwei krippenartige Vorkehrungen angebracht, die Schlafstellen der Inhaber der Cabine, eine oben, eine unten

und mit dieserKrippe" müssen sich die Passagiere befreunden, so gut sie eben können. Wer von den beiden Besitzern oder Bewohnern der Cabine das größere gymnastische Talent be­sitzt, übernimmt natürlich die obere Schlafstelle und bei nur einigermaßen stürmischem Wetter wird es selbst einem turne­rischen Genie schwer, die obere Krippe gleich im erstenAn­lauf" zunehmen". Selbst wenn man sich aber glücklich in die Hängematte hineingelootst hat, kostet es ost bedeutende Mühe, sich bei den Schwankungen des Schiffes in diesem schwebenden Bette siegreich zu behaupten, und man muß sich fest an die Wand klammern, um nicht unversehens einmal in das Dunkel der Coje hinausgeschleudert zu werden.

Die Abfahrt eines Schiffes, welches die lange und von den unberechenbarsten Zufällen abhängende Reise über den Ocean unternimmt, stellt immer einen wichtigen Moment dar, wenigstens für die Bewohner der Nußschale, die sich nun auf Wochen oder Monde den Meereswogen antiertraut. Indessen, dieser wichtige und feierliche Augenblick hat mitunter, wenigstens bei .Segelschiffen, etwas recht Prosaisches an sich, namentlich wenn die gejammte Schiffsmannschaft die Offiziere natür­lich ausgenommen im Momente der Abfahrtvolle Ladung" hat, d. h. betrunken ist, dann gibt es beim Anker­herauswinden und Segelfetzen greuliche Scenen voll Wirwarr und Lärm und die Offiziere fluchen und wettern in den Hausen der schwankenden Theerjacken hinein,, daß es nur so eine Art hat. Indessen, auch in das ärgste Chaos kommt schließlich Ordnung und so kann denn endlich auch der salopcste Segler den Hasen verlassen; wenn das Schiff nur erst ein­mal draußen auf der See ist, da wird der Capitän seine Bobs und Jacks schon heranzukriegeu wissen.

Wohl Jeden, der zum ersten Male die heimischen Küsten verläßt, um sich den Zufällen einer wetten Seereise zu über-