Samstag den 22. November
(Siebener
Beilage zu Nr.
273. - 1890.
Feuilleton.
Der Mutter Grab.
Scizze nach dem Leben von Tony Pauly.
(Nachdruck verboten.)
Er war ein noch junger Staatsbeamter, hatte früh ge- heirathet und wurde bei seiner Lebensstellung häufigem Wechsel des Wohnortes ausgesetzt. Beim letzten Quartal hatte er seinen neuen Aufenthalt in einer schlesischen Gebirgsstadt nehmen müssen und empfand die Entfernung von der Heimath besonders schwer, da er seine alternde Mutter krank in der Ferne wußte und mancherlei Umstände ihm verboten, der Theuren bei sich eine bleibende Stätte zu bieten. Der Zustand-der Kranken verschlimmerte sich- mit Bestürzung empfing der entfernt lebende Sohn die Nachricht vom Tode seiner Mutter, deren Ein und Alles er stets gewesen war, ja, die ihn stets abgöttisch liebte und ihm diese Liebe bei jeder Gelegenheit in jener unerschöpflichen Fülle entgegentrug, deren nur ein Mutterherz fähig ist. — Felix eilte, um der Dahingeschiedcnen die letzten Ehren zu erweisen. Als einziges Kind war er der allernächste Verwandte der Verblichenen und bei dem Leichenbegängniß — weil durch Mancherlei behindert — auch Niemand seiner auswärts lebenden Anverwandten zugegen. Jndeß wohnte demselben ein Ehepaar bei, keineswegs durch Bande des Blutes mit der verstorbenen Wittwe verknüpft, desto mehr jedoch durch Gefühle der Achtung und Freundschaft an sie gefesselt, wie solche bei einem harmonischen Beieinanderleben von Nachbarn in demselben Hause zu entstehen pflegen. Herr Wilken und seine Frau halten in opferfähigster Weise der Verstorbenen die letzten Tage der Krankheit zu erleichtern gesucht, sie gaben ihr auch jetzt das Geleite zum Friedhöfe, der jenseits des Stadtthores gelegen war, und legten als Zeichen ihrer Anhänglichkeit an die Todte eine Fülle von Blumenkränzen auf den Sarg und am Grabe nieder. Diese Aufmerksamkeit und
Ermäßigung der Eisenbahn-Personen-Tarife.
An Se. Excellenz den Minister von Maybach soll demnächst eine bereits mit ca. 45,000 Unterschriften versehene Petition abgesandt werden. In derselben heißt es u. A.:
Die bereits eingeführten Zonentarife in den Nachbarstaaten, deren Bedeutung gegenüber dem in Deutschland bestehenden Tarifsystem allerdings als geringfügig hinzustellen versucht wird, haben praktisch jedenfalls überall die eine That- sache klargestellt, daß die Verbilligung der Fahrpreise, wie immer sie eingerichtet sein möge, eine bedeutende Frequenzerhöhung hervorruft, wie denn als wirthschaftlicher Grundsatz auch aus anderen Verkehrsgebieten anzusehen ist, daß je billiger die Beförderungspreise, um so gesteigerter der Verkehr.
Mit der berechtigten Annahme, daß ein bestimmter Zweck auch in der kleinsten Reise verfolgt werde und daß die Zwecke der Einzelnen bei den Reisen mehr vernunftgemäß als vernunftwidrig sein dürften, ist auch der Schluß berechtigt, daß die Summe dieser zu erwartenden vermehrten Reisen und der verfolgten Zwecke der Einzelnen dem allgemeinen Wohlstände nnd dem allgemeinen Besten zum Nutzen gereichen werde.
Wohl möchten in der -ersten Zeit manche Erwerbskreise und Erwerbszweige in ihrer Existenz hart berührt und erschüttert werden, aber derartige Erscheinungen sind bekanntermaßen bei allen neuen Einrichtungen bahnbrechender Art und am allermeisten bei der Einführung der Eisenbahnen selbst hervorgetreten, ohne daß, nach allmäligem Ausgleich, der im Lause der Zeit sich ergebende Nutzen und die Förderung des allgemeinen Wohls im Großen und Ganzen vernünftigerweise bestritten werden könnte.
Wenn man alle Reisenden in zwei große Gruppen theilt, Geschäfts-Reisende und Vergnügungs-Reisende, so steht es fest, daß die Geschäftsreisen, welche den lebendigen Verkehr von Mund zu Mund fördern und niemals durch schriftlichen Verkehr zu ersetzen sind, das Erwerbsleben der Nation in groß- artigem Maßstabe fördern.
Es sind z. B. viele inländische landwirthschastliche und industrielle Producte in dem einen Theile des Landes in Ueberfluß vorhanden, während andere Theile daran Mangel haben- es muß also gegenseitiges Angebot stattfinden. Beim heutigen Personen-Taris beschränken sich aber die Reisen auf einen Umkreis von 50—100 Kilometern, während die Bereisung von 100—500 Kilometern, also die Touren von Nord nach Süd und von Ost nach West, in Deutschland verhältniß- mäßig wenig gemacht werden, weil dies wegen der hohen Fahrpreise nicht rentirt.
Wer in seine Heimath oder in Familien-Angelegenheiten weit reisen will, schreckt ebenfalls vor den hohen Fahrpreisen zurück. Tausende unserer Mitbürger, welche kaum 50 Mk. im Monat verdienen und diesen Betrag für eine weite Reise zahlen sollen, können dieselbe niemals unternehmen und trägt dies gewiß nicht am wenigsten dazu bei, Bitterkeit in den Herzen zu erwecken.
Die Gelegenheit zu passendem Erwerbe sieht der unbeschäftigte Arbeiter wohl in der Ferne, kann aber das Fahrgeld nicht erschwingen und sinkt in Folge dessen zum Proletarier herab.
Noch schlimmer ist es, wenn er in der Fremde nicht das Gesuchte fand und nun in seine Heimath zurück will. Losgelöst von allen Fäden der Freundschaft und Verwandschaft, findet er Niemanden, der ihm die verhältnißmäßig hohe Summe für die Rückreise in die Heimath vorstreckt und verfällt rettungslos dem Elende!
Mährend für den Eisenbahnpersonen-Verkehr Niemand in besonderer Weise wirbt, arbeiten Hunderte von Agenten in
die zarte Weise, mit der sie geboten wurde, stellte alle sonstigen Zeichen der Theilnahme, welche der Hinterbliebene Sohn von anderen Seiten empfing, weit in den Hintergrund. Felix empfand es wohl und brachte seine Dankbarkeit in herzlichem Worte zum Ausdruck. In dieser tiefernsten Stunde, da sich das Grab für immer über dem Sarge der inniggeliebten Mutter schloß, kam dem trauernden Sohne voll und ganz das schöne Verhältniß zum Bewußtsein, das schon von seiner frühesten Kindheit an zwischen seiner Mutter und ihm bestanden hatte, und — konnte er leider ihr fortan auch nicht mehr durch Fürsorge um ihre Person seine Verehrung bezeugen, so nahm er sich jedoch in dieser Stunde des Abschieds „aus immer" vor, das Grab der Theuren in Dankbarkeit und kindlicher Liebe zum Gegenstände auserlesener Sorge zu machen. Davon sprach er mit Wärme zu den theilnehmenden Nachbarn, welche das kleine Haus mit seiner Mutter ein Jahrzehnt fast in friedlichem Zusammenleben ge- theilt hatten. Mit ebenso vieler Wärme nahm das Ehepaar seine Pläne auf, namentlich, soweit dieselben einen schönen Grabstein für die Verstorbene betrafen — gaben die Lebensverhältnisse des Sohnes und sein Wohnort zugleich, demselben doch — wie er sagte — ohnedies willkommene Gelegenheit, eine Wahl nach vollem Ermessen zu treffen. Noch verweilte Felix, um den bescheidenen, mütterlichen Nachlaß zu ordnen, sodann rief ihn die Pflicht von Neuem zum ferneren Wohnorte zurück. Das Ehepaar, zu dem ein neuer Miether ins Häuschen zog, erwartete, in Bälde von dem jungen Manne zu hören. Doch eine Woche nach der andern verstrich. Felix ließ nichts, gar nichts von sich hören. Der Grabhügel war schmucklos, mit Rasen belegt, der Herbstwmd blies über die Fluren, der Winter kam und deckte sie mit Schnee — endlich war auch der Frühling wieder da- auf dem Friedhöfe begann es von Neuem zu sprossen, zu grünen, das Grab der Wittwe hätte jetzt der fürsorgenden, pflegenden Hand bedurft, doch Niemand erschien, keine Zeile meldete, daß und ob etwas für den Hügel geschehen sollte.
den Seestädten sowohl wie im Jnlande für den Schiffspassagierverkehr nach anderen Erdtheilen, und die Fahrpreise nach Amerika und anderen Ländern wurden tatsächlich immer mehr heruntergesetzt.
Auch die ^raurigen Wohnungsverhältnisse der Großstädte sind zum groß u Theile eine Folge der hohen Eisenbahnsahrpreise.
Es ist Thatsache, daß die Pferdebahnen, welche oft 6—7 Kilometer für 10 Pfg. fahren, billiger sind, wie die 4. Klaffe der Eisenbahn. — Die Pferdebahnen gehen aber für die Verhältnisse der riesig wachsenden Städte nicht weit genug- es geht auch zu viel Zeit verloren. Hier kann nur die Eisenbahn helfen, welche die Bewohner billig und schnell für 10, 20, 30 Pfg.
auf Strecken von 10, 20, 30 Kilometern hinausführen muß.
Die Reisen zum Vergnügen und zur Erholung, welche in der Gegenwart eine so große Rolle spielen, und deren Wohlthat nicht mehr von den oberen Klassen allein gewürdigt wird, sind, sobald größere Entfernungen in Frage kommen, nur dem wohlhabenden Mann möglich.
Millionen von Menschen, welche in hohem Grade der Erholung bedürftig und empfänglich für Belehrung in Natur, Kunst und Wissenschaft sind, sind durch ihr ganzes Leben nicht in der Lage, eine Reise von Berlin nach dem Rhein, von Hamburg nach dem Schwarzwald oder von Königsberg nach Thüringen bezahlen zu können.
Unzählige legen sich die größten Entbehrungen auf, um nur einmal ein fernes Reiseziel zu erreichen. — Wer in wohlhabenden Verhältnissen lebt, kann sich schwer in die Lage der Mehrheit versetzen.
In allen diesen Verhältnissen bilden die hohen Fahrpreise ein Hemmniß für die gesunde Entwickelung des Verkehrs, mit deren Beseitigung das ethische Moment in der Volksseele nicht nur nicht herabgemindert, sondern bedeutend erhöht werden dürfte!
Seit Einführung der Eisenbahnen vor länger als 50 Jahren sind die Fahrpreise annähernd dieselben geblieben, während auf fast allen anderen Gebieten des Verkehrswesens, z. B. bei Straßenbahnen, Dampfschiffen, den Güter-Tarifen, dem Brief- und Packetporto usw. bedeutende Ermäßigungen eingetreten sind, welche stets die wohlthätigsten Wirkungen hatten und zwar, je größer die Ermäßigungen waren, um so segensreicher erwiesen sie sich für das allgemeine Wohl.
Wir dürfen getrost behaupten, daß das mächtigste Verkehrsmittel des Jahrhunderts seine Zwecke heute noch durchaus ungenügend erfüllt, in Folge der hochgehaltenen Fahrpreise.
Die Frage, ob bei einer bedeutenden Herabsetzung der Fahrpreise und bei jder in Folge dessen wahrscheinlich noth- wendigen Vergrößerung der Betriebsmittel, die Prosperität der Eisenbahnen nicht zu große Einbuße erleidet, darf gegenüber den ungeheuren Vortheilen für die Nation, besonders die unbemittelteren Klassen der Bevölkerung nicht allzuschwer ins Gewicht fallen, denn eine derartige zum Besten des Ganzen getroffene Verbesserung würde ebenso, wie die geschaffenen socialreformatorischen Institutionen den Zwecken der Beseitigung resp. Besänftigung der socialen Gegensätze dienen, und selbst wenn sie den Eisenbahnverwaltungen Opfer auferlegte, wäre es die nothwendige Pflicht des Staates, wie bei den anderen Institutionen, um dieser höheren Zwecke willen, einen gewissen Schaden auf sich zu nehmen.
Indessen ist von den Vorkämpfern des Zonentarifs im Personenverkehr mit den klarsten Gründen nachgewiesen worden, und wir wollen das Ew. Excellenz gewiß bekannte
Frau Wilke, anfangs enttäuscht, konnte sich allgemach eines wehmüthigen Gefühles nicht entrathen, wie es möglich sei, daß ein einziger Sohn, noch dazu einer, der nahezu ab- göttisch von seiner Mutter geliebt worden war — ihrer und ihres Grabes zu vergessen vermochte. So oft der Namenstag der verblichenen Wittwe wiederkehrte, schmückte das Ehepaar das Grab, welches, grasbewachsen, den Eindruck des Verlassenseins mehr und mehr bot, denn aus den Monden wurden Jahre und Felix ließ nichts von sich hören.
Frau Wilken war eine stille, aber edle Natur, denn sie trat eines Tages — fünf Jahre schlummerte nun schon die Wittwe — vor ihren Mann, ein Sümmchen Geldes ihm entgegenhaltend:
,/Franz," sprach sie, — „weißt Du wohl, heute sind es gerade zehn Jahre, als Frau L., unsere Nachbarin, ihr Sparkassenbuch nahm und aufs Rathhaus damit ging, um den Betrag zu erheben. Du weißt, dieser Betrag" war gleichbedeutend mit der Wittwe ganzem Vermögen. Sie hatte es sich Jahre hindurch, man kann wohl sagen, am Munde abgespart. Mit diesem Gelde half sie Dir aus einer Verlegenheit, wie sie kaum schlimmer gedacht werden konnte. Der Dienst war groß, den sie uns erwies, und ich — für meine Person — werde ihn ihr niemals vergessen. Willige ein, daß wir den Jahrestag dieses Ereignisses feiern, was sicherlich nicht besser geschieht, als dadurch, daß wir das Grab in Stand setzen, es mauern und mit Epheu bepflanzen lassen — willst Du — lieber Mann? sprich ja!"
Franz Wilken, den man einen wohlhabenden Mann nennen konnte, bejahte nicht nur diese Frage seiner Gattin, sondern er that noch mehr, schoß zu ihrem ersparten Betrage zu und ließ auf dem Grabe der Wittwe eine Granitplatte legen, welche den Hügel völlig überdeckte und in Goldbuchstaben ihren Namen, die Jahreszahlen ihrer Geburt, ihres Ablebens und einen Bibelspruch trug — wie die Verstorbene ihn mit Vorliebe aus der heiligen Schrift zu citiren pflegte.
(Schluß folgt.)
Zahlenmaterial nicht hier weitläufig wiederholen, daß eine Einbuße an finanziellen Ergebnissen durchaus nicht zu erwarten steht.
Wie bei der Brief-, der Packet-, der Depeschenbeförderung, bei der Fernsprechbenutzung, so variiren auch bei der Eisenbahnbeförderung im Wesentlichen die Leistungen für den Einzelnen gegenüber den Generalunkosten so außerordentlich, daß sich einer genauen Berechnung der Einzelreise fast unüberwindliche Schwierigkeiten bieten.
Deswegen erscheinen die jetzigen Entfernungstarise in vielfacher Beziehung rein willkürlich gewählt und jede Abänderung, welche im Princip diese Entfernungstarifirung aufrecht erhält, kann zu einer logischeren Berechtigung nicht führen.
Vielmehr kann hier, wie bei der Briefbeförderung, nur der einheitliche Zonentarif als die sachentsprechendste Berechnung angesehen werden- dabei ist allerdings nicht zu verkennen, daß eine Modification für den Local- und Nachbarverkehr, sowie eine Unterscheidung nach der 1., 2. und 3. Klasse, nach Schnellzugs- und gewöhnlicher Beförderung, also eine Berücksichtigung gewisser Verhältnisse nach großen Gesichtspunkten gegeben erscheint.
Die Erfahrungen bezüglich der in den Nachbarländern eingeführten Ermäßigungen der Zonentarife, trotzdem sie dem oben erwähnten System durchaus nicht völlig" entsprechen, haben in der Praxis die theoretischen Ausführungen in den financiellen Erwartungen nicht nur bestätigt, sondern sogar übertroffen.
Aus Ungarn liegt jetzt das einjährige Resultat vor, wonach die Zahl der Personen bei einem dem Eisenbahnnetze in Preußen durchaus nicht entsprechendem Umfange von 5187 227 auf 13060751, also um 150pCt. etwa, und die financiellen Einnahmen aus der Personenbeförderung trotz der bedeutenden Ermäßigung um 22,4 pCt. gestiegen sind, ein Resultat, welches die dortigen Behörden zu weiteren Ermäßigungen veranlassen wird, die alsdann zu noch günstigeren Resultaten führen dürften.
Die Mehrausgaben für Vermehrung und Verbesserung des Fahrmaterials und für Betriebskosten stehen in keinem annähernden Verhältniß hierzu.
Auch in Deutschland mit seinem Eisenbahnnetze von etwa 38 000 Km. und seiner industriell und culturell soviel höher entwickelten Bevölkerung kann eine sachgemäße Einheits- tarifirung, davon sind wir überzeugt, nur ein für die Finanzen der Bahnen günstiges Resultat erzielen, und der Herr Finanzminister müßte Ew. Excellenz für eine derartige Einrichtung, als zu einer neuen ergiebigen Finanzquelle führend, Dank wissen.
Wie sehr die Verbilligung der Fahrpreise auch bei uns, resp. in Preußen unsere ausgesprochenen finanziellen Erwartungen rechtfertigt, zeigt z. B. die Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn, wo trotz größerer Betriebsunkosten und Vermehrung des Wagenparks nach Einführung billigerer Fahrpreise eine bessere Rentabilität als früher erzielt ist.
Eine Vereinfachung des Betriebes, etwa in der Art der Berliner Stadtbahn, würde allerdings Platz greifen müssen - das Publikum wird dies gewiß dankbar aufnehmen und bald geschult sein, während die zu ersparenden Kosten qan-r erheblich sind.
Ew. Excellenz bitten wir daher ehrerbietigst und im Namen Tausender, ja Millionen unserer Mitbürger baldigst die Initiative zu ergreifen, daß ein „Zonentarif", wie er bereits in den Nachbarländern in Praxis ist, auch in Deutschland eingeführt werde.


