„Ich bin nur froh, daß Alice nicht zu kurz kommt," setzte die Gräfin Hinzu. „Als echtes kleines Mädel hat sie das Puppenkmd als ersten Wunsch aus ihren Wunschzettel geschrieben. Ich freue mich schon daraus, sie als kleine Mama zu sehen."
Dennoch ließ die Ungetreue noch immer nichts von sich hören. „Vielleicht liegt es an dem überhäuften Weihnachtspostverkehr," tröstete sich Gertrud jetzt in Geduld. Denn sie war fest überzeugt, daß sich nun alles machen werde. Endlich fing sie aber doch an, für einen Ersatz für ihre kleine Schülerin zu sorgen. Eine alte verwitterte Ballschönheit ward hervorgesucht und in Noth und Eile mit rothen Backen und Grübchen zum Puppenkinde angemalt- die passende Garderobe dazu ward in den späten Abendstunden von Gertrud eigenhändig genäht.
So kam das Weihnachtsfest herbei. Die beiden größten und schönsten Zimmer des Schlosses waren, wie immer, zum Aufbau bestimmt worden, und fingen an, sich immer mehr mit den Gaben der Liebe zu füllen.
Gertrud half der Gräfin, welche soeben mit liebevollstem Interesse den Ausbau für die gesammte Dienerschaft des Schlosses eigenhändig in Angriff genommen hatte, und glitt ordnend und einrichtend neben der Dame hin und her. Mit dem Ausbau für die Kinder beschäftigt, vermißte das junge Mädchen von Neuem schmerzlich das reizende verlorene Puppenkind. Wo blieb es? Unbegreiflich, daß es noch immer nicht eingetroffen war! . . . Da ward zur Ueberraschung der beiden Damen ein Gast gemeldet, welcher Fräulein Gertrud Braun dringend zu sprechen wünsche. Hochverwundert eilte das junge Mädchen nach ihrem Stübchen, wohur^der Herr durch die Dienerschaft beschieden worden war — um in dem Gaste mit freudigstem Schreck ihren Reisegefährten, Gutsbesitzer Hellmuth, zu erkennen. Derselbe trug ein Packet in
der Hand, vermnthlich ein Weihnachtspacket, wie heute säst Jedermann, das er lächelnd auf den Tisch nlederlegte. Gertrud stand freudig, ahnungsvoll und zitternd.
„Störe ich?" frug er nach kurzem Gruße. „Es kann fast nicht anders sein, heute am Weihnachtsabend."
Gertrud vermochte nicht zu antworten, nur ihre Augen sprachen das herzlichste Willkommen.
„Es drängte mich, die Puppe eigenhändig zu überbringen, selbst auf die Gefahr hin, als Eindringling zu erscheinen," fuhr Herr Hellmuth fort. „Unmöglich konnte ich mir die gute Gelegenheit zu einem Wiedersehen entgehen lassen. Ich war zu glücklich, als die verlorene Puppe durch ihr Inserat ihre rechtmäßige Eigenthümerin und ich selbst damit Ihre Adresse aufgefunden hatte, Fräulein Gertrud. Sie ist mir das schönste, werthvollste Weihnachtsgeschenk der Welt . J*
Er stockte plötzlich, wie von einem tiefen Empfinden gehemmt. Und als er weiter sprach? Nun, nur das vorwitzige Mäuschen hat's erlauscht, welches verwundert, aber hochgeschäftig die gute Zeit wahrnehmend, in diesem Augenblicke ein verstreutes Bröckchen Eonfeet für die Kleinen ins Mauseloch trug.
Erst die zehn Minuten später laut erschallende Glocke der Gräfin, mit welcher die Dame die gesammte Bewohnerschaft des Schlosses *§u freudigster Weihnachtsfeier zusammenrief, erweckte die beiden aus seligem Traum.
Aber die Wirklichkeit war nicht weniger schön- Gutsbesitzer Hellmuth hatte durch die verlorene Puppe eine Lebensgefährtin, Marthakmd eine neue, gute Mama und die verwaiste Gertrud durch ein treues ManueSherz eine Heimath. gefunden.
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Rr. 298. Zweites Blatt. Sonntag den 21. December
1890
Der OteKexer Anzeiger erfdjeint täglich, Milt Ausnahme drS Montags.
Die Gießener DsmilienSlSIter werden dem Anzeiger ?4cherrtlich dreimal beigelegt.
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Anrelicher Theil.
Bekanntmachung,
die Stellung von Anträgen auf Befreiung von der Versicherung-pflicht betreffend.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß rmch S 4 Abs. 3 des Jnvaltditäts- und Altersversicherungs» gesetzes auf Antrag von der Versicherungspflicht ;u befreien sind:
1) Solche Personen, welche vom Reich, einem Bundesstaat oder einem Communalverbande Pensionen oder Wartegelder, wenigstens im Mindestbettage der Invalidenrente (d. i. 114 Mk. 70 Pf. — bis zum 31. December 1895: 110 Mk. 94 Pf.) beziehen.
2) Solche Personen, denen aus Grund der reichsgesetzlichen Bestimmungen über Unfallver- s i ch e r u n g der Bezug einer jährlichen Rente mindestens ur dem vorbemerkten Betrage zusteht.
Mit Rücksicht auf die Vorschriften in § 34 Abs. 1 u. 2 des Gesetzes, wonach die Rentenansprüche ruhen, soweit die Pension (Wartegeld) oder Unfallrente unter Hinzurechnung der Invaliden- und Mersrente den Betrag von 415 Mk. -übersteigen würde, wird es im Jntereffe zahlreicher Versiche- rungLpflichtiger, welche vom Staat oder einem Communal- ^erband eine Pension beziehen, oder im Bezug einer Unfallrente sich befinden, gelegen sein, von der Besugniß zur Stellung des Besreiungsantrags Gebrauch zu machen.
Wir wollen übrigens nicht unterlassen daraus hinzuweisen, daß die günstigen Vorschriften für die UebergangSzeit auch bei der Beurthellung der Räthlichkeit des Besreiungsantrags in Betracht kommen.
Bei Stellung des Besreiungsantrags kann das nach' stehend abgedruckte Formular benutzt werden.
Der Antrag ist, soweit es sich um Personen, die im Staats- oder Hosdienst beschäftigt find, handelt, bei der vorgesetzten Dienstbehörde, von anderenPersonen bei der Bürgermeisterei, unter Vorlage der Beweis-Urkunden im Original oder beglaubigter Abschrift, zu stellen und sodann an das Großh. Kreisamt zur Entscheidung einzusenden.
Gießen, am 17. December 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Frrrillstsn.
D i e verlorene Puppe.
I WeihnachtsdZahlung von Fritz Eusebius.
(Schluß.)
Leider brachten auch die nächstfolgenden Tage über die Ziltftohene keine Auskunft, denn die Eisenbahn - Direetion schrieb kurz zurück, daß sich unter den gefundenen Sachen keine Puppe mit angegebenem Signalement, ja überhaupt keine Puppe befunden hätte, dieselbe also nicht abgeliefert ■ein könne. Schon zerbrach sich Gertrud in steigendem Aerger über ihre Vergeßlichkeit den Kopf, wie in der Eile ein Ersatz ^Zuschüssen sei, als eines Abends der Gras lachend, mit Jem neuen Tageblatt in der Hand, an den Theetisch trat .nrib sagte:
„Nachricht von der Puppe, Fräulein Trudelchen! ■ chLren Sic!
„Ich bin ein armes, im Eisenbahncoupe vergessenes Puppenkind, und bitte die junge Dame, welcher mich der Weihnachtsmann anvertraut hatte, mich wissen zu lassen, wohin ich ihr Nachkommen soll. Wenn es mir auch bei meiner kleinen Vizemama übrigens ganz gut ergeht, kann es mir doch unmöglich irgendwo in der Welt besser gefallen, als bei meiner liebenswürdigen ersten Begleiterin.
Die verlorene Puppe.
Zu erfragen bei Gutsbesitzer Hellmuth in Schwarzdorf." „Haben wir sie nun? Jst's richtig, Fräulein Gertrud?" Ipruig der Gras.
„Ich bin überzeugt, daß sie, nach Angabe meiner Adresse, umgehend eintreffen wird," nickte diese gedankenvoll, und imerlich mit dem Puppeninserat noch immer beschäftigt.
Geschehen den
Vor erscheint . . . . von beschäftigt als bei............
in
wonach er vom Reiche, von einem Bandesstaate, von einem Communalverbande') eine jährliche Pension von .. . Mk. . - Pfg- bezieht')..................
(wonach ihm auf Grund der reichstes tzlichen Bestimmungen über Unfallversicherung der Bezug einer jährlichen Rente von . . . Mk. zusteht)l) und beantragt zugleich, daß er gemäß § 4 Abs. 3 des Reichsgesetzes vom 22. Juni 1889 von der Versicherungspflicht befreit werde.
.,. Dekrets
, überreicht 7.;
Verfügung
Zur Beglaubigung:
K. H. Großh. Kreisamt zur Entscheidung überreicht.
den . . ten
Anlage:') Urkunde vom........
Beglaubigte Abschrift des ....
I. An zu
Ihrem vor am .... gestellten Anträge entsprechend, befreien wir Sie hiermit gemäß $ 4 Abs. 3 des Reichsgesetzes vom 22. Jun! 1889 von der Verstcherungspflicht, da Sie nachgewiesen haben, daß Sie vom Reiche, von einem Bundesstaate. von einem Communalverbande’) eine jährliche Pension im Mindestbetrage der Invalidenrente beziehen 0 (daß Ihnen auf Grund der reichsgesetzlichen Bestimmungen über Unfallversicherung der Bezug einer jährliche Rente im Mindestbetrag der Invalidenrente zusteht). 0
Die vorgelegten Urkunden'
geben wir Ihnen anbei wieder zurück.
Anl.i
II. Nachricht von I der Großh. Bürgermeisterei zur eo. Bedeutung der Stellen für die Ausstellung der Quittungskarten und Einziehung der Beiträge.
III. Nachricht von I der Großh. 2)............
Formrrlar für Befreiungsantrag.
0 Unzutreffendes ist durckzustrcichen.
2) Vorgesetzte Dienstbehörde, di; den Antrag ßestellt hat.
* Am 9. December waren es 20 Jahre, als im Kriege gegen Frankreich der Hauptmann Kattrein mit einer Hand voll Soldaten vom 118. Regiment das ehemalige Jagdschloß König Franz 1., Schloß Chambord, das von 3300 Mann verthetdigt wurde, erstürmte. Im Walde von Boulogne gelegen, bot das Schloß eine vorzügliche Verteidigungsstellung auf der Straße Orleans—Blois und bedrohte die linke Flanke der deutschen Truppe, welche am 9. December 1870 auf dieser Straße vormarschirte. Es war dies die 50. Infanterie-Brigade, bestehend aus den Regimentern 117 ui^b
118. Als das zweite Bataillon des letzten Regiments auf die Höhe von St. Di6 gelangt war, erhielt es Feuer aus dem Park von Chambord und in Folge dessen Befehl, das Schloß zu nehmen. Mit nur drei schwachen Compagnien schritt es zum Angriff. Unter heftigem Gewehrfeuer aus den Schießscharten der das Schloß umgebenden Mauer drangen die 6., 7. und 8. Compagnie vor und in das Mauerwerk ein; die 7 Compagnie hatte speeiell den Befehl, sich möglichst schnell dem Schlosse zu nähern. Auf die Meldung, daß dieses zu stark besetzt und ohne Unterstützung nicht zu nehmen sei, erhielt die 8. Compagnie den Befehl, den Angriff der 6. Compagnie zu unterstützen. Als diese die Schloßbesatzung zur Uebergabe aufforderte, eröffnete letztere ein heftiges Schnellfeuer, welches die 8. Compagnie, nur 3 Offiziere und 51 Mann stark, erwiderte. Da die Dunkelheit dem Feinde die kleine Zahl verbarg, erachtete Hauptmann Kattrein den Moment für günstig zum Sturm. Er formirte seine Truppe im Avauciren und ließ das Gewehr zur Attacke nehmen. Die Franzosen verließen nach Abgabe einer Salve die Schloßbrücke, verfolgt von der 8. Compagnie, die mit Hurrah gegen das Schloß vordrang, während die 6. Compagnie tambour battant folgte. Unweit der Brücke waren zwei französische Geschütze zur Bestreichung derselben abgeprotzt. Eins davon wurde aus der Stelle genommen, und die Bedienungsmannschaft, soweit sie sich zur Wehr setzte, mit Kolben niedergehauen, das andere Geschütz, das man noch aufzuprotzen vermocht hatte, wurde im Schloßhose eingeholt, aus welchem man es gerade durch eine Hinterthürr fortschaffen wollte, die Fahrer wurden zu Boden gerissen. (Diese beiden Geschütze stehen, nachdem sie dem 2. Bataillon des 4. Großh. Hessischen Infanterie-Regiments (Prinz Carl) Nr. 118 geschenkt worden sind, vor der alten Hauptwache am Marktplatz in Worms.) Andere Geschütze, die man auf der Flucht gegen das südlich des Parkes gelegene Dors Bracieux sah, wurden verfolgt und ihnen abgenommen. Es wurden ferner 12 gefüllte Munitionswagen und 60 Pferde erbeutet. Die 3300 Vertheidiger des Schlosses hatten sich„ ohne irgend welchen Widerstand zu versuchen, zum Rückzug gewandt, welcher zur regellosen Flucht bis nach Amboise, 6 Meilen von Chambord, ausartete. Ihr Weg war besäet mit Waffen und Gepäck und verbarricadirt mit Lasteten und Protzen. Am Eingänge des Schlosses hatten ein Oberst, dem ein Bein zerschmettert war, und zwei Majors ihre Degen übergeben. Im Schlosse selbst wurden 250 Mobilgardisten gefangen genommen. Die Bestürzung der Franzosen war so groß, daß der ganze Angriff nur wenige Minuten dauerte: diese siegreiche Corngagnie hatte keinen Flintenschuß gethan und auch keinen Verlust erlitten. Hauptmann Kattrein schrieb in die Kuppel des Hauptschloßthurmes: „Le chateau defendu. par 3300 francais fut pris par 51


