Feuilleton
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Er stockte plötzlich, um als kluger Feldherr seinen An- griffsplan zu ändern. Denn die entzückende, sehr distinguirt auvschauende Reisegenossin hatte es ihm einmal angethan. M>t der Erbin hatte es ja auch noch Zeit, vermutlich ging fik m kurzem Kleidchen und Blousenschürze noch mit der Hciurlmappe in die Pension. Außerdem waren die Erzieherinnen Lurch die modernen Romane in die Mode gekommen. Kurz umschlossen fing er an Dom Wetter zu sprechen, dann vom Vergnügen des Reisens, „vorzüglich in besonderen Fällen",
draußen der Name der Mittelstadt gerufen, die das Reiseziel des jungen Mannes bildete.
„Schon angekommen?" frag er unangenehm berührt. „Wahrlich peu-ä-peu“, wie's Donnerwetter! Schauderhaft, scheußlich!"
Der Schaffner, welcher das Coupe geöffnet hatte, drängte zum Aussteigen. Darum ein kurzer, ehrerbietiger Gruß, eine „glückliche Reise", und der zukünftige Feldmarschall war verschwunden.
Gertrud sah ihm lächelnd nach und lehnre sich dann in ihre Ecke, um gleich ihren zurückgebliebenen Reisegenossen ein wenig zu schlummern. Unwillkürlich überflog ihr blaues Auge dabei noch einmal öen engen Raum. Sie bemerkte, daß Marthakinds Papa die Reisemütze, hinter welcher er sein Antlitz verborgen, vom Gesicht genommen und plötzlich hochaufgerichtet und anscheinend conversationslustig ihr gegenübersaß, auf dem Platze des ausgestiegenen Offiziers.
„Wenn ich in die Eisenbahn steige, bin ich wie ein Kind, das man in die Wiege legt," entschuldigte sich der Reise- genosse lächelnd, aber mit vollkommen Hellen Augen. „Aber Sie wollen ruhen?"
„O nein, ich bin nicht müde."
In der That schaute das junge Mädchen so heiter drein, daß man ihrer Versicherung Glauben schenken durfte. Auf solche Weise war man bald im Plaudern, leicht und absichtslos. Zuerst sprach man vom Nächstliegenden, dann schweifte der Gedankenaustausch weiter. Gertrud erzählte, daß sie als Erzieherin der gräflichen Kinder von der leidenden Gräfin nach der Stadt gesandt sei, um an ihrer Stelle Weihnachts- einkäufe zu machen. Der Reisegenosse gab sich als ein Gutsbesitzer aus einer benachbarten Provinz zu erkennen, entschuldigte sich wegen der „geringen Wohlerzogenheit" seines mutterlosen Töchterchens und gedachte der Verstorbenen mit wehmüthjger Zärtlichkeit. Von ihrem Gefühle getrieben, fand Gertrud jetzt wie von selbst ein paar theilnehmende Worte und drängte auch die Thräne nicht zurück, die sich ihr ins Äuge schlich. Der Reisegenoffc schien es kaum zu bemerken, weuigfiens nahm er keine Notiz . . . Auch wandte sich die Unterhaltung allmählich wieder auf andere Dinge, mau plauderte und scherzte endlich miteinander wie ein paar sich wiederfindende alte Kameraden. In solcher Stimmung bemerkte man es nicht, daß der Zug abermals still hielt, umsomehr, als zufällig noch kein Schaffner erschienen war, um die Coupe- thür zu offnen. . . . Da, nachdem die kurze Haltezeit fast verflossen war, warf Fräulein Gertrud noch einen letzten Blick auf das Bahnhofsgebäude hinaus und las im strahlenden Gaslicht den Namen des Ortes, welcher die Schloß Steinhaufen nächstliegende Eisenbahnstation bildete.
„Hier muß ich ja aussteigen, ja hier!" rief das junge Mädchen, sich besinnend und erschrocken das Fenster öffnend. „Wo ist der Schaffner? . . . Der gräfliche Wagen erwartet mich . . ."
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freie Stimmueg. [mznnterWtuDgenete. reniportkoeton). [8220 , NeuenwegS.
„Besten Dank, mein Herr! Und grüßen Sie mir auch das Marthakind!"
Damit war sie hinaus.
Der Herr blickte ihr nach wie einer entschwundenen Engelserscheinung. Doch war dem Entzücken auch sehr sichtbar ein gutes Theil heimlichen Aergers beigemischt. „Wahrlich, um aus der Haut zu fahren," brummte er mit lebhaftestem Verdruß. „Verdammtes Pech — gerade in dem Augenblicke, wo wir miteinander im Zuge waren! Wie sie sich gegen den Lieutenant mit Wort und Blick zu wehren wußte, war köstlich. Ueberhaupt ein liebenswürdiges, charmantes Mädel, ganz gemacht, um einen ordentlichen Mann glücklich zu machen. Wie finde ich sie aber wieder? Nicht einmal den Namen des Nestes kenne ich, wo sie ausgestiegen ist . . . ." Da fällt sein Blick zufällig auf sein Töchterchen, das die Puppe noch immer im Arme hält. Die Kleine schläft noch immer wie ein Murmelthier, hütete aber auch schlafend die Puppe wie einen Schatz. „Halt — die Puppe sott mir helfen!"
II.
„Beunruhigen Sie sich nicht allzusehr um die verlorene Puppe, liebes Kind," sagte Gräfin Steinhaufen freundlich, als Gertrud nach ihrer Rückkehr ins Schloß die Packete öffnete, um ihre Einkäufe der Begutachtung zu unterbreiten. „Allerdings würde es mir leid sein, wenn Alice ihr Puppenkind am Weihnachtsabend vermissen würde."
„Ich werde noch heute Abend an die Bahndirection schreiben, gnädigste Gräfin, und den Brief gleich in der Morgenfrühe zur Post • senden," sagte Gertrud Braun mit abermaligem Bedauern. „Hoffentlich ist die Puppe als „ge- sunden" abgeliefert. Ich würde untröstlich sein, wenn die kleine Alice durch mein Versehen einen Theil ihrer Weihnachtsfreude einbüßen sollte."
„Allerdings muß ich Ihnen auch rathen, sofort die nöthigen Schritte zu thun, jede Zeitversäumniß würde ver- rnuthlich die Wiedererlangung erschweren," überlegte die Gräfin. „Aber nun lassen Sie die Puppe und bereiten Sie uns dafür den Thee."
Gertrud Braun trat zum hellblinkenden Samowar, um ihres Amtes zu walten. Leichte Dunstfädchen und Rauchringel wallten empor, verbreiteten das Aroma des würzigen Trankes und hüllten sie in eine Wolke, aus der ihr hübsches Gesichtchen wie ein freundliches Engelsantlitz hervorlugte. Aber der Ausdruck desselben war heute ernst und nachsinnend. Jmmer^wieder kehrten die Gedanken zu der hübschen abendlichen Fahrt zurück, an deren Schluß sie aber leider noch eine Unannehmlichkeit betroffen hatte. Wo hatte sie nur ihre Gedanken gehabt? Wo?--Nun, sie wußte es ganz ge
nau. Hatte es sich doch gar zu hübsch mit dem Reisegefährten plaudern lassen, am liebsten wäre sie die ganze Nacht mit it)m gefahren, ohne jede Müdigkeit. Za, es war ein schöner, schöner Traum, nichts weiter. Und die Puppe, wenn sie nur wenigstens nicht verloren wäre.
(Schluß folgt.)
Samstag den 19. December. (Siebener Anzeiger. Beilage zu Nr. 297. - 1890.
«eorg Petri Wwe. Nachf., _______ Selterswea 43 __ 10434] Ein Pelzmantel zu ver- aMri bet
2ou iS Rothenberger- Neuenweg 22. Ä Ein brauner kurzhaa- n her Dachshund reinster
gilety gar von denDlchtern. Das mutzte ihr doch imponiren! ! herbei, Öffnete schnell, nahm selbst einen Theil der Packete Weiser wurden die Auseinandersetzungen des jungen Offiziers ' ab, die Fräulein Gertrud mit Hilfe des hochberroffenen Reise- Nstch das Anhalten des Zuges unterbrochen. Dazu wurde | geführten hinausreichte, und trieb zur Eile.
Die verlorene Puppe.
Wechnachisenählung von Fritz Eusebius.
(Fortsetzung.)
Gertrud rückte ein wenig an der Puppe, zog die herab- zefunkene Reisedeckc in die Hohe und nahm ein überflüssiges zusammengerolltes Reiseplaid, um es Marthakind als Ruhekissen unter das dunkellockige Köpfchen zu schieben, alles so leicht und sanft, wie mit Feenhänden. Marthakinds Papa ließ es geschehen und sagte kein Wort. Dafür sing der Lieutenant wieder an:
„Gnädiges Fräulein haben eine grandiöse Geduld . . . 3dj bin entzückt, Ihnen zuhören zu dürfen! Gnädiges Fräulein müssen an dergleicheti gewöhnt sein, vermuthlich von den Geschwistern —"
„Ich besitze keine Geschwister."
Der Ton klang so traurig, daß sich der im Grunde zutmüthige Lieutenant unwillkürlich bewegt fühlte. Es drängte ihn, mehr zu erfahren.
„Gnädiges Fräulein sehen so rosig aus, daß Sie nur »uf dem Lande leben können," bemerkte er diplomatisch.
„Allerdings."
„Das Landleben ist auch jroßartig- schön, besonders zur Jagdzeit. Papa hat doch jedenfalls magniperbe Jagd? Jedenfalls Rittergutsbesitzer?"
„Meine Eltern sind tobt."
Aus den Augen des jungen Lieutenants blickte neue aufrichtige Teilnahme. Aber auch das weitere Interesse flieg. Vielleicht war seilt reizendes Gegenüber gar eine Millionenerbin, bei welcher die Schwiegereltern in prachtvollen Goldrahmen über dem Sopha hingen? Dergleichen erfüllte nun einmal ja|t ausnahmslos die Phantasie der jungen Kameraden, welche die Epauletten zum erstenmale aus den Echultern fühlten.
„Gnädiges Fräulein sind vermuthlich auf dem Schlosse it» Herrn Vaters wohnen geblieben?" frug er weiter.
//Mein Vater war Landpfarrer, ich selbst bin Erzieherin in einem gräflichen Hause."
„Ah!" machte der Lieutenant erstaunt. „Pardon, ich zlaubte . . ."
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