Locales «nd provinzielle».
Anrtlichev Lheil
Barnimstraße wies gestern einen Bestand von 439 Frauen und 12 als Calfactors u. dgl. beschäftigten Männern auf- die Frequenz hält sich hier immer mehr aus gleicher Höhe, da die ständigen Gäste dieses Gefängnisses, die öffentlichen Dirnen, unabhängig von der Jahreszeit, ihrem Gewerbe nachgehen, das sie so oft mit dem Gesetze in Berührung bringt. Im Untersucbuugsgefängniß waren gestern 1042 Personen internirt gegen 734 am gleichen Tage des Vorjahres. Unter diesen 1042 befanden sich 621 Männer und 110 Frauen, zusammen also 731 Personen, die in Untersuchungshaft waren, und 287 Männer und 14 Frauen, also 311 Personen, welche Strasgefängniß verbüßten. 896 gehörten unter die Jurisdiction des Landgerichts L, 146 unter
§ 3-
Verfehlungen gegen vorstehende Ortspolizeiordnung unterliegen den Rechtsfolgen des Art. 79 und 80 der allgemeinen Bauordnung
Gießen, am 10. Mai 1890.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen-
Frefenius.
Ortspolizeiordnung,
die Ausführung der allgemeinen Bauordnung betr.
Aus Grund der Art. 2 und 39 des Gesetzes vom 30. Aprll 1881, die allgemeine Bauordnung betreffend, und der 88 6, 8 und 18 der Verordnung vom 1- Februar 1882, die Ausführung der allgemeinen Bauordnung betreffend, wrrd nach Anhörung der Stadtverordneten-Versammlung unter Zustimmung des Kreisausschuffes und mit Genehmigung Großh. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 31. Marz 189U zu Nr. M. I. 8094, in Ergänzung der Localpolizewerordnung vom 6. Juli 1888, die Ausführung der allgemeinen Bauordnung betreffend, für den Bezirk der Provinzialhauptstadt Gießen verordnet wie folgt:
In denjenigen Straßen, in welchen durch den genehmigten Bebauungsplan Vorgärten vorgesehen sind, dürfen diese Vorgärten in der Regel nur als Ziergärten angelegt und müffen jedenfalls immer in gefälligem Aussehen unterhalten werden. Ausnahmen von dieser Regel bedürfen der Zustimmung der Stadtverordneten-Versammlung, unbeschadet jedoch der Vor- schrist in § 18, Abs. 2, Al. 1 der Ausführungsverordnung zur allgemeinen Bauordnung.
8 2.
Vorgärten vor Gebäuden und von den Vorgärten aus benutzte räumlich mit ihnen verbundene Hofräume nnd Gärten in eröffneten Straßen sind längs der betreffenden Straßenfeite mit dauerhaften geeigneten Metallstaketen in Höhe von höchstens 1,40 Meter, auf im Maximum 1,00 Meter hohen massiven Mauern aus Hausteinen oder Blendbacksteinen mit Deckplatten, oder aus Stellstemen einzusriedigen. An Stelle der Staketen können für emzelne Einfriedigungstheile Mauern aus Hausteinen oder Blendbacksteinen mit Deckplatten oder Mauerwerk mit Platten in einer für die Straßenansicht nicht mißständigen Weife zugelassen werden. Bauplätze in eröffneten, größtentheils bebauten Straßen müssen nach der Straßenseite in einer Höhe von nicht unter 1,75 Meter mindestens mit einer abgehobelten und angestrichenen Holzeinfriedigung versehen werden.
Den Anliegern liegt die ordnungsmäßige Unterhaltung der Einfriedigung auch hinsichtlich des Verputzes und Anstrichs nach Anordnung des Großherzoglichen Polizeiamts ob.
Bestehende Einfriedigungen, welche den obigen Vorschriften nicht entsprechen, können nach Anhörung der Stadtverordneten- Versammlung durch das Großh. Polizeiamt beseitigt werden.
Der Aufforderung zur Beseitigung der vorschriftswidrigen Einfriedigung und zum Ersatz derselben durch eine ordnungsmäßig hergerichtete, ist innerhalb der gefetzten Frist, welche sechs Monate nicht übersteigen soll, zu entsprechen.
Scheidemauern an den Seiten der Einfriedigungen und Wände auf Vorgartenland dürfen die Höhe von 1,75 Meter nicht übersteigen.
Bremen, 13. Mai. sPer transatlantischen Telegraph.! Der Schnelldampfer Werra, Capttän R. Bussins, vom Norddeutschen Lloyd in Bremen, welcher am 3. Mai von Bremen und am 4. Mai von Southampton abgegangen war, ist heute 1 Uhr Vormittags wohlbehalten in Newyork angekommen.
Itertniicbto. noch mehr entleeren.
" * Von der Bergstraße, 12. Mai. Die Maikäser treten
* Worms, 10. Mai. Freiherr v. Hehl hatte gestern , uer in außergewöhnlichen Massen aus. Zahlreiche Bäume
Nachmittag die Vorstände' der Bäcker- wie der Metzgerinnung Qn ben Waldrändern sind saft kahl gefressen. Einzelne
sowie mehrere Specereihändler zusammen mit dem Vorstande des Consumvereins des Hauses Cornelius Heyl in seine Fabrik geladen, um mit ihnen Fragen des Consumvereins seiner Fabriken zu besprechen. Große Fabriken könnten ihrer Arbeiterschaft bedeutende Vortheile bieten, wenn sie ihr Lebensmittel guter Qualität möglichst billig verschaffen, was ja durch Engroseinkauf an den ersten Handelsplätzen Deutschlands, sowie durch Gründung und Betrieb eigener Bäckereien und Metzgereien möglich ist. Herr v. Heyl selbst aber ist der Ansicht, daß durch Betretung dieses Weges das Handwerk und der Dekailhandelsstand am Platze selbst schwer geschädigt werde und daß er überzeugt sei, die Bäcker und Metzger, | sowie Specereihändler von Worms könnten seiner Arbeiterschaft auch Vortheile einräumen, wenn ihnen deren dauernde Kundschaft, zumal bei Baarzahlung, erhalten werde. Herr v. Heyl theilte den geladenen Geschäftsleuten mit, daß er beabsichtige, den bis jetzt von dem Consumverein seiner Fabriken betriebenen Handel mit Specereiwaaren, Hülsen- srüchten, Seife, Lichter rc. aufzugeben, auch eine eigene Schlächterei oder Bäckerei nicht zu errichten, wenn die Bäcker- und Metzger-Innung, sowie diverse Specereihändler sich bereit erklären könnten, auf die von Arbeitern der Firma Cornelius Heyl bei ihnen gegen Metallmarken gemachten Käufe, dem
zu gründenden Marken-Consumverein bei Ablieferung der Marken möglichst hohe Rabatte zu gewähren. Es wurde Seitens der geladenen Geschäftsleute und Vertreter der Innungen warm anerkannt, daß Freiherr v. Heyl dem Handwerk und Detailgeschäst von Worms und Umgegend große Summen der Arbeiterschaft seiner Fabriken erhalte, und beschlossen, weitere Verhandlungen über die zu gewährenden Rabattsätze, Verträge, Abrechnungsform u. s. w. in Kürze zu
-fr Hungen, 14. Mai. Der Oecouom August Schäfer hier hat ein Dampf-Holzschneidewerk in der Nähe unserer Stadt errichtet. Auch mehrere Mühlenbesttzer in unserer Umgegend haben Holzschneidereien angelegt. Da seither solche Betriebe hier fehlten, ist durch diese Uuter- nehmungen einem allgemeinen Bedürfnisse entsprochen worden.
■fr Langsdorf, 14. Mai. Der hiesige Schneidermeister P. Hofmann wurde vor einigen Wochen, als er des Nachts von Inheiden heimkehrte, zwischen Inheiden und Hungen üb er fall en, von dem Velociped gerissen und so zerschlagen, daß ärztliche Hilfe nöthig wurde. Der That bezichtet werden v -------- ~ ,
von dem Genannten zwei Bewohner von Inheiden. Anzeige Landgerichts II. Plötzensee zahlte gestern 1436 Strast
hierüber ist bei Großh. Staatsanwaltschaft gemacht worden gefangene, darunter 118 jugendliche. Der Bestand halt sich und haben in diesen Tagen die ersten Vernehmungen statt- auch aus annähernd gleicher Höhe, weil Plötzensee nicht acfunden. nur aus Berlin, sondern auch aus der Provinz starken Zuzug
___ ___— . - erhält. Das Filialgesängniß Rummelsburg ist derzeit nicht
voll besetzt und wird sich, je weiter der Sommer vorschreitet,
Gemeinden trafen Vernichtungsmaßregeln und vergüten pro Liter Maikäfer 6 Pfg. aus der Gemeindekasse.
* Mit der Sortirung seiner Briefschaften ist nach dem „Hamb. Corresp." Fürst Bismarck gegenwärtig beschäftigt. Es handelt sich um 16 große Kisten, von denen bis jetzt erst die Hälfte durchgesehen worden ist, trotzdem Fürst Bismarck jeden Tag bei der Arbeit ist. Das nicht sür ausbewahrungswerth Befundene wird sofort den Flammen übergeben.
* Ein flotter Junge. Otto St., ein geweckter, munterer Junge, ging mit einem mächtigen Bücherranzen, an dem ein faustgroßer Tafelschwamm baumelte, das erste Mal in die Schule. Die erste Stunde verlies glänzend, Otto vermochte einzelne Dinge zu nennen, konnte sogar Thiere namhaft machen, ja er wußte aus Besragen des Herrn Lehrers sogar, daß es schöner sei, wenn man etwas kann, als wenn man etwas nicht kann. Aus eine Frage des Lehrers M. an die gesammte corona, ob Einer vielleicht ein Lied könne, meldet sich nur Otto und sang mit Heller, klarer Stimme: „Siehst Du wohl, da kimmt er, — Lange Schritte nimmt er, —
I Siehst Du wohl, da kimmt er schon, — Der geliebte Schwiegersohn." — Es ist doch etwas Schönes um die Popularität des deutschen Volksliedes!
verkehr, Land- un» volkrwirthscbaft.
- Ragekrartthett «rrd Lecksucht der HauSthiere. (Nachdruck verboten.) Diese Krankheit kennzeichnet sich:
1. durch Gelüste nach sremdarttgen Substanzen (Leder, Wolle, Holz, Mist, Erde), ,
2. durch Belecken, Benagen der Wände, Krippen,
3. durch Verdauungsstörungen, Abmagerung, wechselnden Appetit.
Die Ursachen sind im Mangel an Salzen in Nahrung und Getränk, Abgabe großer Mengen von Salzen in Form von Nachkommen und Milch, Saurebildung im Magen u. f. w. zu suchen. Die Behandlung besteht in der Verabreichung von gutem gewürz- reichen Heu, das reich an Kalksalzen ist, und von phosphorsaurem Kalk. Gute, sonnige Stallungen unterstützen die Cur. Vorzüglich wirken auch junge, grüne Pflanzen (Gräser, Klee), besonders solche, die auf gutgedüngtem Boden gewachsen sind.
Samstag den 17. Mai. AMZeigev. W » *113 ~ 189°-
pflegen.
* Ueber die „Frequenz" der Berliner Gefängnisse berichtet die Post: Die Berliner Gefängnisse sind noch immer trotz der warmen Jahreszeit stark besetzt, theilweise bedeutend stärker als zur selben Zeit des Vorjahres. In der Stadt
vogtei befanden sich gestern (12. Mai) 474 Gefangene, | während im Vorjahr nur etwas über 200 dort internirt waren. Specielle Veranlassung zu dieser erhöhten Frequenz haben namentlich einige recht erfolgreiche Razzien gegeben, die in den letzten Tagen in unseren öffentlichen Anlagen aus- gesührt sind. Im Gefängniß in der Perlebergerstraße beträgt zur Zeit der Bestand 160. Das Frauengesängniß in der
Feuilleton.
Am pfingstmorgen.
Nooellette von M. Elsner.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Herr Hans Bornemann sah sicherlich weder geschmeichelt noch vergnügt ans; aber er weigerte sich doch nicht länger, dem Herzenswunsch der Frau Baldenius zu willfahren, und in einer hastigen, zerstreuten Weise, die sonst gar nicht in seinem Wesen lag, stimmte er ihr zu, als sie ihm vorschlug, Martha am nächsten Morgen zu einem kleinen Spaziergange abzuholen und bei dieser Gelegenheit seine ganze Beredtsam- leit zu Gunsten des Heirathsprojectes anfzubieten. Er würde wahrscheinlich auch jedem anderen Vorschläge ohne Bedenken zuaestimmt haben, denn er hatte es mit einemmalc so eilig, dab selbst der von ihren eigenen Angelegenheiten so ganz m Anspruch genommenen Frau Baldenius die Veränderung m seinem Benehmen schließlich ausfiel und daß sie sich veranlaßt sah, qanz besorgt nach seinem Befinden zu frage».
Sie sehen wirklich etwas blaß ans, lieber Herr Borne- mann" — Ja, das ist der Frühling, der einem jetzt in den Gliedern liegt."
Er brummte wieder etwas Unverständliche» und schob -fid) hinaus. Langsam stieg er in seine einsame Junggesellenwohnung hinab und ohne zuvor ein Licht angezündet zu haben, legte er sich zur Ruhe. Aber manche Stunde ver- ging, ehe der Schlummer sich auf seine Lider senkte, und ah er sich in der Frühe des folgenden Morgens erhob, waren seine Züge schlaff und übernächtig, wie nach einer allzu üppigen Schwelgerei oder nach einem herben, tief in die Seele schneidenden Kummer.
Hell lachte die Sonne des Psingstmorgens in sein Fenster rmd mit ganz besonderer Sorgfalt machte Herr Hans Borne
mann seine Sonntagstoilette. Mannhaft und stattlich, wenn auch vielleicht etwas altmodisch anzuschauen, ging er eine Stunde später zu den Damen Baldenius hinauf, um Fräulein Martha zu dem bewußten Spaziergange einzuladen. Da sie durch ihre Mutter bereits daraus vorbereitet worden war, brauchte sie ihn nicht lange auf die Beendigung ihres Anzugs warten zu lassen, und er meinte nie zuvor etwas An- muthigeres und Lieblicheres gesehen zu haben als die schlanke, jungfräuliche Mädchengestalt in dem schlichten, Hellen Kleide und das zarte, von träumerischem Ernste überhauchte Gesichtchen unter dem breitrandigen weißen Strohhute.
Mit einigen gleichgiltigen Redensarten, hinter denen doch keines von beiden seine Befangenheit verbergen konnte, hatten sie sich begrüßt, und schweigend waren sie dann Seite an Seite durch die Straßen geschritten, in denen es trotz der frühen Stunde bereits von festlich geputzten Leuten und fröhlichen Kindern wimmelte. Den großen, schön gehaltenen Waldpark, der sich unmittelbar vor den Thoren der Stadt ausdehnte, hatte Herr Bornemann zum Ziele ihres Spazier- qanges ausersehen, denn dort meinte er viel eher den Muth zur Ausführung seines sonderbaren Auftrags finden zu können als inmitten des geräuschvoll heiteren Feiertagstreibens zwischen den hohen, bedrückenden Häuserreihen.
Und da draußen war es nun in der That weder geräuschvoll noch bedrückend, sondern so sonntäglich still und daber so frei und weit und herzerhebend licht, wie nur jemals an einem sonnigen, lenzprangenden Pfingstmorgen. Auf den Grashalmen glitzerten noch die Thautropfen, m den jung- belaubten Zweigen jubilirten die kleinen Vögel und m crystall- reinem Blau spannte sich der unendliche Himmel über all die unbeschreibliche Farbenpracht und Frühlingsherrlichkeit.
Ohne daß sie es gewollt hätten, waren die beiden Spaziergänger aus einen entlegenen Pfad gerathen und kein menschliches Wesen außer ihnen war weit und breit zu erblicken. Sie sprachen noch immer nicht miteinander, aber
das junge Mädchen bückte sich hier und da nach einem eben erblühten Wiesenblümchen, das zwischen den diamantenbesäeten Halmen neugierig hervorlugte. Und wie ihr Hans Bornemann bei dieser Beschäftigung zusah, überkam ihn urplötzlich die Erinnerung an einen Pfingstspaziergang, den er vor vielen, vielen Jahren als kleiner Knabe mit seiner Mutter durch eben diesen Park gemacht hatte, und er meinte sogar in dem stillen Seitenpfad, auf dem sie wandelten, den Weg wieder zu erkennen, auf dem er damals in heller Kinder- sröhlichkeit dahingesprungen war. Er wußte selber nicht recht, wie es'geschah, aber mit einemmale hatte er angefangen, von dieser fernen Jugenderinnerung zu sprechen, und so warm und beredt waren nach dem langen Schweigen die Worte aus seinem Herzen hervorgequollen, daß seine Begleiterin die schönen Augen zugleich voll Erstaunen und voll freudiger Aufmerksamkeit zu ihm erhob. Und ihr allein war es zu- zusckreiben, wenn die Unterhaltung nun nicht mehr ins Stocken gerieth. Durch ein innig theilnehmendes Wort, das sie an der rechten Stelle einwarf, durch einen leuchtenden Blick, der zuweilen den Sprechenden traf, machte sie den sonst so wortkargen Mann lebhaft nnd gesprächig, wie er es nicht einmal als Jüngling gewesen war. Und zum erstenmale geschah es ihm, daß er einem anderen menschlichen Wesen von seinem vergangenen Leben sprach, von seinen Entbehrungen und Mühen, von seinen verschwiegenen Kämpfen und heimlichen Siegen. Sie achteten darüber des Weges nicht mehr, den sie einschlugen, und der Zeit nicht, die über ihrem Gespräch verging. Seinen Auftrag aber hatte Herr Haus Boruemaun ganz und gar vergessen, und statt der düsteren, gedrückten Stimmung, in welcher er diesen Spaziergang angetreten hatte, war allgemach eine stille, glückselige Heiterkeit über ihn gekommen, sonnig und wolkenlos wie damals, da er als leichtsüßiger Knabe hier umhergesprungen war.
(Schluß folgt.)


