Ufr. 64. Zweites Blatt. Sonntag den 16. März
1890
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Metzger <$ht|tigtr Lifd)dnt täglich, »it Ausnahme des Montags.
Die Gießener ^»»ttieuvtLlter in arbeit dem Anzeiger röchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Aveis Gieren.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, bat das Großherzogltche Ministerium des Innern und der Miz der „Allianz“ Versicherungsgesellschaft in Berlin die Ecllaubniß zum Betriebe der Unfall- und Transportversicherung im Großherzogthum auf Widerruf unter den hierfür vorgeschriebenen Bedingungen ertheilt hat.
Gießen, am 13. März 1890.
Großherzozliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
vermischtes.
*△ Mainz, 13. März. Am 28. d. Mts. wird vor der Etraikammer hiesigen Landgerichts ein Monstrediebstahls- pv^cefe seinen Anfang nehmen, zu dem nicht weniger wie 50 Belastungszeugen gelabcn sind und dessen Voruntersuchung liier ein Jahr in Anspruch nahm. Als Beklagte erscheinen (in ehemaliger Bademeister der niederländischen Dampsschifs- jahl'tSgesellschast und dessen Tochter. Jahrelang hat der in Msi e( stationirte Angeschuldigre die Schiffe und Magazine |eiirv Gesellschaft geplündert und sich im Lauf der Zeit auf bicjr Art ein beträchtliches Vermögen verschafft. Der Dieb hat!»c in seiner Wohnung ein ganzes Lager aller möglichen *' Wahren aufgespeichert, deren Verkauf die Frau und Tochter ides Angeklagten ganz geschäftsmäßig betrieben. Die Frau [hjtn «uch in den Strafprozeß gezogen, doch hat sich dieselbe während der Voruntersuchung der irdischen Justiz durch Selbst- iiiWTüb entzogen.
— Nach dem „M. I." wurden im verflossenen Jahre fete dl. als Peterspfennig aus der hiesigen Diöeese an den - Poch't abgesührt.
— Die hiesige Metzgerzunft ist eine sehr lustige Gesell- jchai t. In einer gestern Abend stattgehabten Generalver- Mnlung drückte dieselbe ihre Freude über das jüngst er- jolgtic Eingehen der „landwirthschaftlichen Genossenschafts- ' Schlächterei" dadurch aus, daß sie dieselbe als eine „Verstörtem" feierte, zu deren Ehren man sich von den Sitzen erhob.
*= Frankfurt a. M., 14. März. Heute Vormittag müden die sterblichen Ueberreste des am Dienstag Abend aus dem Leben geschiedenen Oberstaatsanwalts Ich m i e d e n unter zahlreicher Betheiligung aus allen Kreisen der hiesigen Bürgerschaft zu Grabe getragen. Alle Gerichte toten um 10 Uhr geschlossen. Dem Sarge folgten der OberlandesgerichlSpräsident Albrecht, die Seuatspräsidenten unb Näthe des Oberlandesgerichts, der Präsident des Land- pichts nebst sämmtlichen Directoren und Räthen, die Mit
glieder der Bureaus, die Beamten, Offiziere re. Dem Leichen- 1 zuge voraus schritt die Kriegerkameradschaft mit Musik und i Fahne, deren Mitglied der Verblichene war. Von der Beliebtheit des Verstorbenen zeugte die gewaltige Menge von Kränzen und Palmen, die auf das Grab niedergelegt nnirben. — Der Vorstand für die im nächsten Jahre Hierselbst statt- findende internationale electrotechnische Ausstellung hielt am verflossenen Mittwoch eine Sitzung ab. In derselben konnte Herr Sonnemann mittheilen, daß die Zeichnungen für den Garantiefonds bereits die stattliche Summe von 300000 Mk. erreicht haben. Sodann wurde eine Statutenänderung vorgenommen, dahingehend, daß statt eines stellvertretenden Vorsitzenden deren zwei gewählt werden können. Als zweiten Stellvertreter des Vorsitzenden wählte die Versammlung alsdann Herrn Oscar von Miller in München, welcher bis vor Kurzem Director der Allgemeinen Electricitätsgesellschaft in Berlin war und von allen Seiten als ein Fachmann ersten Ranges angesehen wird. Herr von Miller soll die technische Leitung der Ausstellung übernehmen und wird zu diesem Zwecke 3 bis 4 Monate in Frankfurt Aufenthalt nehmen. Behufs persönlicher Verhandlung mit den Regierungen rc. wird Herr v. M. mehrere Monate Reisen in Deutschland, Frankreich, Belgien, England, Oesterreich-Ungarn, Schweiz unternehmen. Die vom Vorstand verlangten Summen für die Vorarbeiten wurden bewilligt und zum Schlüsse noch mehrere Herren in den Ausschuß cooptirt.
* Ein decorierter Ofensetzer. Dem Sultan wurde, so erzählt man, kürzlich ein russischer Kachelofen gerühmt, den sich der Dragoman des russischen Generalconsulats in Konstantinopel aus Odessa verschrieben, und der Beherrscher aller Gläubigen wünschte nun auch einen solchen angenehmen Wärmeapparat in seinem Palast zu haben. Dieser Wunsch des Padischah wurde natürlich sofort erfüllt,- der Ofen wurde aus Odessa durch den Generalconsul verschrieben und von einem russischen, aus Kastroma gebürtigen Bauern im Palaste des Sultans gesetzt. Der Sultan aber war mit demselben so zufrieden, daß er dem Generalconsul durch seinen Adjutanten danken, dem Ofensetzer aber außer 50 türkischen Pfund auch, wie die „Frkftr. Ztg." meldet, die „Medaille für Kunst" und den Medschiiorden 4. Klasse überreichen liefe.
Literatur und Nunst.
— Nr. 11, v. Band der Naturwissenschaftlichen Wochenschrift, Redacteur Dr. H. Potoniä, Verlag von Ferdinand Tümmlers Verlagsbuchhandlung in Berlin, hat folgenden Inhalt: P. Andries: Eine neue Methode des italienischen Physikers Govi, um den Ort, die Lage und Größe der Bilder von Linsen oder Linsensystemen zu conftruiren und zu berechnen. (Mit Abbildungen) — I. Lützen: Aus der Enzymologie. III. —
Massenvcngiftung durch Austern. — Heliotropismus der Thiere uhü lerne Uti)ritinUtmniun0 mit dem HeUotropwmus der Pflanzen. -- Die wclßuüchttge yetocibeere. — Enluucketung von Samen an abgischmltencn Biülyknzwelgen. — Fragen und Antworten. — Luetalur.
verkehr, Land« und votk»n>irthf«haft.
* Der Frühling naht und mit demselben beginnt auch wieder die Arbeit in Garten und Feld. Eben schon empfiehlt es sich de« Samen von Flüh-Gemüsen wie auch von Carotten, Früh-Erbsen, Salat rc. zu säen, damit bet constantem wärmeren Wetter die Plänzchen schon stark und kräftig zum Verpflanzen sind. Bei beginnender Kartoffelpflanzzeit möchten wir diejenigen unserer Leser, welche Feld- und Ackerbau treiben, sowie solche, die ihren Bedarf an Kartoffeln selbst ziehen, darauf aufmerksam machen, daß es sich empfehlen dürfte, mit dieser Frucht einmal zu wechseln. Es sind in neuerer Zeil wieder einige ganz vorzügliche Kartoffel-Neuheiten gezüchtet und auf den Markt gebracht werden, welche die vollste Aufmerksamkeit verdienen. Neben den guten und schon länger culti- vtrten Sorten Magnum bonum und Schneeflocke empfehlen wir die Sorten Dorfgrobfchmted, die Alabaster-Kartoffel, Early Sunrise, Harlekin, May Queen, Schoolmaster und zur Massenpflanzung die Elephantenkartoffel, welche ganz enorme Ernten erzielt. Zum Bezüge dieser vorzüglichen neuen und neuesten Sorten empfehlen wir die Firma E. Platz & Sohn in Erfurt, welche auch alle sonstigen erdenklichen Sämereien, wie auch Pflanzen, Obstbäume rc. rc. zu billigen Preisen in reeller Waare liefert. Preisliste wird genannte Firma auf Verlangen wohl gerne und gratis zusenden.
Beim Herannahen des Frühlings machen sich in der Familie wie bet dem Einzelnen die verschiedensten Bedürfnisse für die wärmere Jahreszeit gellend. Nun ist es gewiß für Jedermann ebenso vorthetl- hafr als angenehm, seinen Bedarf in einem einzigen bedeutenden und durchaus soliden Geschäfte zu decken. Als solches ist das Versand- Geschäft Mey & Edlich in Leip-ig-Plagwitz allgemein bekannt; es hat in der langen Reihe von Jahren seit seiner Begründung stets bewiesen, daß es immer an dem Grundsätze festhalt, nur wirklich gute Waaren zu möglichst niedrigen Preisen zu liefern. Wie wir bestimmt versichern können, verkauft das genannte Geschäft nur direct an das Prtoatpubltcum ohne jede Vermittlung von Reisenden, Agenten oder Vertretern. Augenblicklich gelangt von dem Versand- Geschäft Mey & Edlich in Leipzig-Plagwitz der sehr reichhaltig ausgestattete Frühjahrs-«atalogzur Ausgabe, der aus Verlangen Jedermann unberechnet und portofrei zugeschickt wird. Dieser Katalog enthält eine überraschende Auswahl von allen zur Damen-Confectton gehörigen Artikeln und bietet ebenso viel Neues und Vortheilhaftes in Herrengarderobe, Damen-, Herren- und Kinderwäsche, wie er auch Vielen durch die Vorführung geeigneter Gegenstände die Wahl eines passenden Ostergeschenkes erleichtern dürfte. Wir können daher Allen, welche in dem einen oder dem anderen Artikel Bedarf haben, nur empfehlen, sich diesen Frühjahrs-Katalog kommen zu lassen._________________1525
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Sine heitere Berliner Gerichtsscene.
„Ick verfluche ihm un denn hänge ick mir uff — Und Ävkiim et zehn Jahre kostet!" Mit diesen Worten betrat ber irezLu Körperverletzung angeklagtc Ofensetzer Johann Phil. Phller in Gemeinschaft mit seiner Ehefrau dieser Tage die ! 'Magebank der Ersten Strafkammer des Landgerichts Berlin I.' Der Mann hatte sich offenbar zu viel Muth ge- ;;tnin ken, denn er gestikulirte fortwährend mit den Händen, Mrjtt die fürchterlichsten Grimassen und klappte wiederholt uiie ein Taschenmesser zusammen. — Präs.: „Freundchen, Tarnen Sie sich hier etwas zusammen. Es handelt sich ja :M um einen ziemlich unbedeutenden Streit mit Ihrem chu-swirth", dem Maurermeister K. am Weidenweg." Og.ekt.: „Herr Jerichtshos! Ick bin een Kerl, der drei Plvzüge mitjemacht hat, ick habe die Franzosen verkloppt, ii habe bet Vaterland gerettet un soll nu meinen ehrlichen Samen int Verbrecheralbum einbringen lassen? Himmel- I^enend is ja so wat." — Präs.: „Ich sage Ihnen rchmals, dafe Sie sich beruhigen sollen." — Angekl.: „Cmd) noch beruhigen vor so 'nen Hauspascha, der mir exmisürt hat und denn ooch noch mit Jewalt mir janz nackt un bloß in boie kalte Witterung raussetzen will, wo Einern schon so
so de Eiszappen unter de Nese frieren? Ick habe de ZMzüge mitjemacht — aber immer ehrlich!" — Präs.: Mr scheint ja, als ob Herr K. in der That irrthümlicher- iniistc geglaubt hat, dafe er Sie wegen Gerichtskosten pfänden lajjetit könnte. Das gibt Ihnen aber kein Recht, ihm mit htr Faust ins Auge zu schlagen." — Angekl.: „Wenn ick S[o:t noch ins Loch soll, dann hänge ick mir un meine jeehrte -gamniüe vor alle sichtbaren Oogen uff. Ob bet nu zwee
Jahre ober zehn Jahre kostet, is mich tut meine Jottlieb." — Präs.: „Weßhalb sind Sie eigentlich exmittirt worben?" — Angekl.: „Weil der Mann jemeent hat, bet bie Weiber, die bei mir in be Aftermiethe wohnten, for seine Jiftbude nid) sein jenung sind. Mit Fürstinnen un Jräfinuen habe ick ihm aber nid) uswarten können." — Präs.: „Das scheint bock) nicht ganz zu stimmen, wenigstens behauptet Herr K., baß er Sie exmittirt habe, weil Sie sich elf Hunde in Ihrer Wohnung hielten." — Angekl: „Zwee Stück hat er mir ja erlaubt, un bie Hündin hat jejungt. So wat passirt doch in be anständigsten Familjen." — Präs.: „Es sollen aber elf recht grofee Köter gewesen sein, die das ganze Haus mit Ungeziefer überschwemmten." — Angekl.: „Det is de pure Schikanirerei. Wat sone arme Thiere woll dafür kennen, wenn so'n Hauswirth 'ne Pieke uff ihnen hat. An ihm haben sich de Viechers doch noch nid) vergriffen, dazu is er ihnen bitte zu brocken!" — Präs.: „Sie können boch nicht bestreiten, dafe Sie bei der vorgenommenen Pfändung Herrn K. blutig geschlagen und Ihre Frau denselben noch „alter Schlumps" genannt hat." — Angekl.: „Herr Jerichtshos, so wat nimmt meine Jattin nich mal in be Hanb, noch bitte weniger in'n Munb. Unb denn: wat bild't sich) beim so Eener mit so'ue miserable Sechsdreier- Bude in? Wir haben ooch schon Häuser jehabt." — Präs.: „Jedenfalls scheinen Sie ein Freund bon Nord- häusern zu sein." — Angekl.: „Meine Häuser waren janz wat anders, wie so 'ne olle wacklige Bude. Aber mit meine Miether habe ick mir nie nich gezankt, habe ooch nie nich keenen Menschen exmistirt, un wenn se sich elf Elefanten jehalten hätten. So wat dhut blos so 'n Sechs- breier-Rentir." — Der Gerichtshof hielt durch die Beweisaufnahme die Körperberletzung und die Beleidigung für erwiesen und verurtheilte den Angeklagten, der immer wieder
bersicherte, dafe er die Feldzüge mitgemacht, zu 10 Mark Geldstrafe, seine Frau dagegen zu 5 Mk. Der Angeklagte, welcher während der Berathung des Gerichtshofs die wunderbarsten Monologe hielt, und nur durch das wiederholte energische Gebot: „Setze Dir man hin!" bon seiner Frau in Raison gehalten wurde, empfahl sich dem Gerichtshof mit tiefem Bückling unb meinte auf dem Corridor zu seiner Frau: „So wat passirt ins neie beitsche Reich, wat wir mit jeschasfeu haben! Wat sagste nanu?"
* Im Jahre 1681 befahl ber Grofee Kurfürst die Abschaffung aller Schweine in den Straßen von Berlin, weil sie bie Strafeen unb Plätze berunreinigten unb seine Gemahlin in Ungelegenheit gebracht hatten. Als Kurfürstin Dorothea nümlid) mit ber Gründung ber Dorotheenstabt beschäftigt war unb ihr Werk mit dem Bau einer Kirche begann, war die Gegend ringsum noch wüst und leer und an bieten Stellen morastig. Sie besuchte fast täglich den Bauplatz. Eines Tages war sie auch dorthin in einer großen, schwerfälligen Kutsche gefahren, als ein mächtiger Platzregen sie überraschte unb bie ganze nach ber Spree zu gelegene tiefe Gegenb in einen See berwanbelte. Da ersah sich auch ein Heer Schweine, welche ben Berliner Bürgern gehörten, die kurfürstliche Kutsche zu ihrem Obbach und blockirte dieselbe dermaßen, dafe sie nicht bon der Stelle zu bringen war. Es blieb also nichts übrig, als einen reitenden Boten nach dem Schlosse zu schicken und Hilfe zu holen. Dieser Vorfall berdroß ben Kurfürsten unb Tags daraus erschien ein Besehb „bon wegen ber Berliner Schweine".


