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1890
Nr. 64. Erstes Blatt Sonntag den 16. März
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Nreis Gieren
chratisbeilage: chießener Kamikienötätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den falgtnbcn Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.
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Die Gießener p**ine*6Hlter stirden dem Anzeiger a-chenllich dreimal beigelegt.
Der (Ncltner Anzeiger erscheint täglich, Mit Ausnahme des MontagS.
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Alle Annoncen-Burcaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger- entgegen.
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Amtlicher Theil.
Gefunden: 2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Schieb- fai ren, 1 Peitsche, 1 Kaputze, 1 Hundehalsband, 1 Taschen- meffer.
Gießen, am 15. März 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
neu.
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politische lleberficbt.
Gießen, 15. März.
Als Secretär der Berliner Arbeiterschutz-Conferenz soll augc'r dem Legationsrath Kayser im Auswärtigen Amte noch bei Oberbergrath Dr. Fürst, ans dem Ministerium der öffentlichen Arbeiten, berufen worden sein. Dr. Fürst hat bereits als Commissar an den Staatsrathssitzungen Theil genommen.
Das preußische Abgeordnetenhaus trat am Donnerstag in die zweite Berathung des Etats der Berg-, Hütten- und Sülinen-Verwaltnng ein und gestaltete sich die Debatte zu einer umfassenden Erörterung der gesammten Bergarbeiter- frage. Abg. Dr. Schultz brachte den Bergarbeiterstrike in Rheinland-Westfalen zur Sprache und hob auf Grund der vorliegenden Denkschrift über den Strike hervor, daß die Arbeiter nicht durch eine unwürdige Behandlung zum Ausstand veranlaßt worden. Gerade dort, wo die Strikebewegung jid) am heftigsten geltend gemacht habe, seien die höchsten Löhme gezahlt worden. Weiter rechtfertigte der nationalliberale
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Revner die wesrfälifchen Bergunterbeamten gegenüber den gegen sie gerichteten Angriffen, ihre Pflichttreue und ihren ^mechtigkeitSsinn betonend und schließlich wies er aus das immer deutlicher hervortretende Eingreifen der Socialdemo lltete in die Bergarbeiter-Bewegung hin. Der nächstfolgende
Redner, der Centrumsabgeordnete Dasbach, erblickte die Haupt- urivache des Ausstandes in dem Verhalten der Steiger gegen-
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;übetr den Bergarbeitern und sprach er sich im Weiteren gegen das. geübte Strafgeldersystem sowie gegen die unmäßige Aus- . debmung der Arbeitsschichten aus. Freiconservativerseits trat Abg. Vopelius den meisten Ausführungen des Vorredners, innrer scharfen persönlichen Ausfällen gegen denselben, entgegen und suchte nachzuweisen, daß die Ausstandsbewegung btt Bergleute aus künstliche Erregung zurückzuführen sei.
längerer Rede verbreitete sich alsdann der nationalliberale Abgeordnete Schmieding über die Fragen der Abkürzung der Arbeitszeit und der Lohnerhöhung vom Standpunkte des Ar- bcirgebers aus und berührte er weiter auch die Angelegenheit der Arbeiterausschüsse, wobei Abg. Schmieding den Wunsch äußerte, es möchte für die genannten Institutionen eine be- iveglichere Form als die des Gesetzes gewählt werden. Zum Schluß nahm noch der Centrumsabgeordnete Letocha, der bewährte Kenner der Bergarbeiter-Verhältnisse in Oberschlesien, ba$ Wort, um verschiedene Wünsche zu Gunsten der Berg- mb-eiter vorzubringen, worauf die Verhandlung mit einer persönlichen Bemerkung des Abg. Dasbach schloß.
Im englischen Unterhause sind endlich die langathmigen (Erörterungen über die Parnellaffaire glücklich zum Abschluß gebracht worden. Das Endergcbniß dieser ausgedehnten und langweiligen Debatten besteht darin, daß dem Regierungs- Mtrage gemäß der Bericht der Parnell-Commission mit einem sichten Danke für das unparteiische Verhalten der drei richterlichen Ausschußmitglieder in das Journal des Hauses einge- cagen wird, und hiermit in den Archiven verschwindet. Man arf nun wohl annehmen, daß das irische Thema, welches mit der Parnell-Affaire so merkwürdig verquickt war, jetzt iir einige Zeit von der Tagesordnung des Unterhauses wieder ab gesetzt worden ist, da selbst die Parnelliten den achttägigen ; Aedekampf über die Affaire Parnell contra „Times" zuletzt satt bekamen.
Neuerliche in London eingegangene Nachrichten aus Sud- airita lassen eine Verschärfung der Wirren in der Transvaal- Ae publik unschwer erkennen. Ihnen zufolge wurden in'Jo- lMnesburg drei bei den dortigen Unruhen beteiligte Personen miter der Anklage des Hochverrates verhaftet und zur Ab.urtheilung nach Prätoria, der politischen Hauptstadr der Tr-ansvaal-Republik, gebracht. Die in Johannesburg herrschende Erregung ist durch diesen Vorgang nur noch vermehrt worden ; unib wurden in einer öffentlichen Versammlung, in welcher man die Bildung eines politischen Reformvereins beschloß, die: Verhaftungen aufs Schärfste verurtheilt. Der Resorm- bcuein übernimmt die Verteidigung der Verhafteten. — Es üt nicht unwahrscheinlich, daß die Engländer diese Unruhen ;nmt Vorwand nehmen werden, sich ernstlich in die Angelegen- i innen der Transvaal-Republik einzumischen, obwohl ihnen i iierS unter Umständen schlecht bekommen kann.
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Aus Sofia meldet man, daß Fürst Ferdinand mittels I schmeichelhaften Handschreibens dem Ministerpräsidenten Stam- i buloff die goldene und dem Kriegsminister Mutkuroff die silberne Verdienstmedaille verliehen habe. Vermutlich hängt diese Auszeichnung mit der Panizza-Angelegenheit zusammen, in welcher Stambuloff und Mutkuroff große Umsicht und Energie behufs Entdeckung und Unschädlichmachung der Verschwörer entwickelt haben.
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Darmstadt, 12. März. Das am 7. März ausgegebeue Verordnungsblatt für die evangelische Kirche des Großherzogthums Hessen, Nr. 2, hat folgenden Inhalt: 1) Ausschreiben Nr. 3 vom 1. Februar 1890, betreffend die Zusammenstellung der Vorschriften über die Dienstführung der Kirchenvorstände. 2) Ausschreiben Nr. 4 vom 11. Februar 1890, betr. Baum, Kirchengeschichte für das evangelische Haus. 3) Dienstnachrichten. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben am 29. Januar dem Pfarrverwalter Johannes Biegler zu Dorn-Dürkheim die evangelische Pfarr- stelle zu Essenheim, am 20. Februar dem Pfarrer Georg Wehsarg zu Bosenheim die evangelische Pfarrstelle zu Egelsbach übertragen. Ernannt wurde Psarrvicar Otto Köhler zu Lang-Göns zum Psarrverwalter daselbst. Gestorben sind: am 26. Januar Pfarrer Hermann Scriba zu Alsbach, am 29. Januar Pfarrverwalter Dr. Rudolf Söder zu Schwickartshausen, am 14. Februar Pfarrer Kirchenrath Dr. Karl Strack zu Lang-Göns, am 26. Februar der Prälat i. P. Dr. Schmitt in Mainz. 4) Concurrenzeröffnung. Zur Wiederbesetzung wird ausgeschrieben die evangelische Pfarrstelle zu Alsbach.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Lureau.
Berlin, 14. März. Dem besten Vernehmen nach bestätigt es sich, daß die Eröffnungssitzung der Con- ferenz am Samstag Nachmittag um zwei Uhr im Con- greßsaale des Palais Bismarck unter Vorsitz des Handelsministers v. Berlepsch stattfindet, welcher die Delegirten Namens des Kaisers begrüßt und den Zweck der Conferenz darlegt. Die Delegirten sitzen in der alphabetischen Reihenfolge nach dem Namen der von ihnen vertretenen Staaten.
Berlin, 14. März. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Finanzmini st ers vom 8. März, worin unter Bezugnahme auf Bekanntmachungen einzelner Landräthe, daß die Ortsbehörden als Norm für die Schätzung des Einkommens aus selbstbew.irthschaftetem Grundbesitz bei geringem Umfang ein bestimmtes höheres Vielfaches des Grundsteuereintrages anzuwenden pflegen, als bei größeren Besitzungen, die Regierungen angewiesen werden, in Veröffentlichungen zur Belehrung der Ortsbehörden die Ausstellung bestimmter, mit der Größe der Besitzung abnehmender Multiplicatoren zu vermeiden und auf die Unentbehrlichkeit sorgfältiger Berücksichtigung der obwaltenden besonderen Verhältnisse der zu veranlagenden Wirtschaft nachdrücklichst hinzuweisen.
Königsberg, 14. März. Nach fünfstündiger Fahrt ist der Eisbrecher heute hier eingetroffen und die Schifsfahrt damit eröffnet.
Barmen, 14. März. In den letzten Tagen nahmen die Arbeiter der größten Riemendrebereien ihre Beschäftigung bedingungslos wieder auf. v
Aachen, 14. März. Aus der Grube Nordstern bei Bardenberg ereignete sich vergangene Nacht eine Explosion schlagender Wetter. Ein Bergmann ist getödtet, zwei sind leicht verletzt.
o Braunschweig, 14. März. Auf den braunschweigischen Kohlenbergwerken ist ein Arbeiterstrike ausgebrochen,- es kam zu Thätlichkeiten, wobei drei Verhaftungen vorgenommen wurden. Die Strikenden sind meist Polen.
Pest, 14. März. Wie das k. k. Correspondenzbureau meldet, wird das neue Ministerium am Sonntag den Eid ablegen.
Pest, 14. März. In der gestrigen Conferenz der liberalen Partei hielt Tisza, auf das lebhafteste begrüßt, eine Rede. Er betonte, das Verdienst der liberalen Partei sei der con- solidirte parlamentarische Zustand Ungarns, woraus überall der Glaube an die Consolidirung der Verhältnisse Ungarns hervorgegangen sei; er beleuchtete die Vortheile, die sich daraus ergeben, wenn Regierung und Regierungspartei die gleiche Führung haben, bat, ihn als gemeinen Soldaten aufzunehmen; der ungarische Staat rind die Nation hätten nichts noth- | wendiger als eine Regierungspartei, welche der Tyrannei der I Minorität widerstehe. (Langanhaltende Eljen.) Maurus
Jokai wies auf das seltene Beispiel hin, daß ein Cabinets- ches, welcher die Majorität besitze, zurücktrete und hob Tisza- patriotische Charaeterstärke und staatsmännische Einsicht her vor, betonte dessen unerschüttertes Festhalten am wahren Liberalismus, die Vertheidignng des europäischen Friedens durch den Dreibund, erwartet die Fortsetzung einer gleichen Politik von der folgenden Regierung und das feste Zusammenhalten der Partei, und bringt ein Hoch aus Tisza aus. (Langanhaltende Eljen.) Das „Amtsblatt" veröffentlicht Samstag die Annahme der Demission Tiszas, Sonntag die Zusammensetzung des neuen Cabinets, welches sich am Montag dem Parlament vorstellt.
Paris, 14. März. Verschiedenen Morgenblättern zufolge beabsichtigen Tirard und Spuller in Folge des gestrigen Votums des Senats anläßlich der Interpellation über die französisch-türkischen Handelsbeziehungen zu demissioniren. Im heutigen Ministerrath würde die offizielle Entscheidung getroffen werden.
Paris, 14. März. Tirard wies im heutigen Ministerrath auf die am 20. März in der Kammer bevorstehende Debatte über die Interpellation Tuerrel betreffs des französisch- türkischen Handelsvertrags hin und erklärte, man müsse diesfalls eines ähnlichen Votums Seitens der Kammer gewärtig sein wie das gestrige Senatsvotum. Mit Rücksicht hierauf und auf die Ereignisse der letzten Zeit beschloß das Cabinet seine Demission. Heute Nachmittag um 5 Uhr treten die Cabinetsmitglieder im Elysee zusammen.
Paris, 14. März. Im heutigen Ministerrathe demis- sionirte das Ministerium Tirard und begab sich in das Elysee, um dem Präsidenten Carnot seine Demission zu überreichen.
Paris, 14. März. In Parlamentskreisen wird es für wahrscheinlich gehalten, daß Freycinet mit der Bildung des neuen Cabinets beauftragt wird. Es verlautet, Constans und Ribot würden in dasselbe eintreten und Barbey, Faye und Falliöres ihre bisherigen Portefeuilles behalten.
Paris, 14. März. Die „Liberte" bestätigt das Gerücht, daß Freycinet mit der Bildung des Cabinets beauftragt und das Kriegsportefeuille abgeben, dafür das Aenßere übernehmen werde.
— Der „Temps" verurtheilt auf das Schärfste da- gestrige Votum des Senats, wodurch nicht nur die Minister, sondern auch die Würde und die Interessen Frankreichs betroffen würden. Der Senat habe ans blindem protectionistischem Interesse den Handel und die Stellung Frankreichs in der Levante geschädigt und eine Ministerkrisis Angesichts der bevorstehenden Anleihe heraufbeschworen.
— In parlamentarischen Kreisen verlautet, Freycinet werde ein Versöhnungsministerium bilden. Es geht das Gerücht, daß Constans das Aeußere oder das Justizministerium übernehme.
London, 14. März. Unterhaus. In der Debatte über das Kriegsbudget erklärt Lord Stanhope, die erste Ver- theidigungslinie würde hauptsächlich aus regulären Truppen bestehen und einigen Milizbataillonen, total hundertzehntausend Mann, m drei Armeecorps getheilt, die Freiwilligen mit dem Rest der Miliz bilden die zweite Vertheidigungslinie für Garnisondienst und locale Vertheidigung. Er bedauert die Abstimmung betreffend das Freiwilligencorps, welche ein Parteimanöver gewesen, hofft im Laufe des bevorstehenden Finanzjahres fast alle Truppen daheim und in Indien mit Magazingewehren zu bewaffnen; die Ergebnisse des rauchlosen Schießpulvers seien vorzüglich.
London, 14. März. Die definitive Liste der Vertreter Englands auf der Ar b eiter schütze onferenz in Berlin ist gutem Vernehmen nach folgende: Bevollmächtigte: Gorst, der englische Gesandte in Bern, Charles Scott, Houldsworth, Dale und Edward Malet; Delegirte: der Deputirte Burt als Vertreter der Grubeninteresseii, der Secretär des Weber- verbandes Birtwhistle, der Fabrikinspector Whymper. Malet würde vorzugsweise die politische, Gorst die rechtliche Seite der Fragen vertreten.
Manchester, 14. März. Eine gestern Nachmittag stattgehabte Conferenz der Grubenarbeiter beschloß, daß, wenn eine Erhöhung der Löhne um 5°/0 jetzt, und eine weitere Erhöhung um 5 °/0 im Juli bewilligt werde, die Lohnfrage für gelöst zu betrachten fei; anderenfalls werde am Samstag der Generalausstand eintreten.
Manchester, 14. März. Da die Grubenbesitzer keine Conferenz abgehalten haben, um über die letzten Forderungen der Arbeiter zu berathen, telegraphirte heute der Vollzugsausschuß der Arbeiter an die Ausschüsse der verschiedenen Gruben, daß der allgemeine Aus stand von. morgen ab zu beginnen habe.


