Mittwoch den 14. Mai
(Siebener Anzergev.
Beilage zu Nr. in. - 1890.
Ferrillstsn.
A m pfingstmorgen
Novellette von M. Elsner.
(Nachdrkkck verboten.)
Vielleicht zum erstenmale seit seiner Lehrlingszeit war es Herrn Hans Bornemann geschehen, daß er einen an- gefangenen Geschäftsbrief zweimal zerreißen mußte, weil ihm irgend ein neckischer Kobold, der in seiner Bremer Börsenfeder zu sitzen schien, die Worte durcheinander warf und den Sinn der Sätze verdrehte. Wie er sich nun mit einem kleinen Stirnrunzeln den dritten Bogen zurecht legte, konnte er sich nicht enthalten, einen ingrimmigen Blick durch das Fenster zu werfen, neben welchem seit beiläufig zehn Jahren sein hocbbeiniges Stehpult stand. Die Kinderschaar, die sich so ausgelassen da unten auf dem Hofe tummelte, konnte ja mit ihrem Lärmen und Jauchzen allein die Schuld daran tragen, daß ihm etwas so ganz Ungewöhnliches passirte, und Herr Hans Bornemann fühlte sich sehr geneigt, den ganzen kraushaarigen und flachsköpfigen Hausen mit einem Donnerwetter auf die Straße hinauszuweisen. Aber das Donnerwort blieb ungesprochen, obgleich man sich da unten eben anschickte, Indianer und Büffelheerde zu spielen, eine Unterhaltung, bei welcher es naturgemäß nicht ganz geräuschlos hergehen konnte. Die runden Kindergesichter mit ihren leuchtenden Augen und ihren von der ungebundenen Ferienlust gerötheten Wangen hatten den Zorn des Herrn Bornemann entwaffnet und über sein eben noch so düster umwölktes Antlitz huschte es sogar wie ein wirkliches Lächeln, als jetzt die Büffelheerde mit einem wahrhaft Furcht erregenden Gebrüll vor den ansprengenden Indianern nach allen Winden auseinanderstob. Und nicht nur über die eigenthümlichen Sitten und Gebräuche der Rothhäute wurde Herr Bornemann bei dieser Gelegenheit unterrichtet, sondern er machte noch eine weitere Entdeckung, die ihn sehr merkwürdig bedünken mußte, da sie seine Aufmerksamkeit so lange fesselte. Und doch war es nichts anderes als die Wahrnehmung, daß der alte, breitwipflige Kastanien- baüm, der da über die Mauer des benachbarten Gartens schaute, Plötzlich mit einer Unzahl großer, saftig grüner Blätter bedeckt war, während der Beobachter sich doch ganz
deutlich erinnerte, vor wenig Tagen noch beinahe kahle Zweige gesehen zu haben.
„Sonderbar!" murmelte er. „Wie schnell das doch geht! Nun haben wir also wirklich wieder Frühling'/'
„Wie beliebt, Herr Prinzipal?" klang es fast erschrocken von der Wand herüber, an welcher der junge Buchhalter Steinitz seinen Arbeitsplatz hatte. „Ja, ich habe die Bestellung schon gestern abgehen lassen."
Verwundert sah sich Bornemann nach seinem Untergebenen um.
„Was fällt Ihnen ein, Steinitz? Ich habe von keiner Bestellung gesprochen. Und wie verträumt Sie aussehen! Ist Ihnen etwa nicht wohl?"
Der Buchhalter lächelte und strich sich mit einer verlegenen Geste das genial gelockte Haar aus der Stirn.
„O, sehr wohl, Herr Prinzipal! — Nur der Frühling liegt mir vielleicht ein wenig in den Gliedern und die Freude, daß ich morgen auf zwei Tage nach Hause reisen kann, um meine Braut wiederzusehen. Die Pfingstzeit ist doch nun mal die schönste im ganzen Jahre!"
Herr Bornemann räusperte sich und brummte etwas Unverständliches vor sich hin. Dann vertiefte er sich wieder in seinen Geschäftsbrief und diesmal brachte er ihn denn auch glücklich zu Stande, obgleich er doch um ein Haar den Lieferungstermin für die bestellte Waare statt aus den 1. Juli dss. Js. auf Pfingsten festgesetzt hätte. Aber die grünen Kastanienblätter, die sich über Nacht entsaltet hatten, wollten ihm bei all seiner emsigen Arbeit nicht aus dem Sinn, und die unsinnigen Worte seines Buchhalters, der da behaupten wollte, der Frühling läge ihm in den Gliedern und die Pfingstzeit sei die schönste im ganzen Jahre, klangen ihm so lange im Ohre nach, daß er endlich ganz und gar um seine gute Laune gekommen war, und nach Beendigung der Comptoirstunden den Hausdiener barsch anfuhr, der ihm behilflich sein wollte, in den Ueberrock zu schlüpfen.
„Glauben Sie denn, ich sei ein Greis, der sich nicht mehr ohne Hilfe anziehen kann? Mir liegt der Frühling nicht in den Gliedern — mir nicht!"
„Vergnügte Feiertage, Herr Prinzipal!" rief der Buchhalter, der schon mit strahlendem Antlitz ans der Scbwelle stand, und „Fröhliche Pfingsten, Herr Prinzipal!" fügte beinahe jauchzend der blonde Lehrling hinzu, der seit einer
Stunde auf seinem Drehsessel hin- und hergerutscht war wie auf einem Marterrost.
„Danke, — danke!" klang es ziemlich verdrossen zurück, und innerlich fügte Herr Hans Bornemann hinzu: „Wollte Gott, das langweilige Fest wäre erst wieder einmal vorüber!"
Er ging in das Restaurant, um am gewohnten Platze den gewohnten Abendimbiß zu nehmen- aber er hielt es heute nicht lange an seinem Stammtische aus, denn da war von nichts anderem die Rede, als von Feiertagen, von Pfingst- reisen und anderen für Herrn Hans Bornemann überaus uninteressanten Dingen. Als er den Heimweg nach seiner einsamen Junggesellenwohnuug einschlug, war er viel ernster und nachdenklicher gestimmt als sonst, die fröhliche Erwartung und die beinahe kindliche Freude, mit welcher alle Welt den kommenden Tagen entgegensah, hatten ihn nachgerade beinahe traurig gemacht. Warum nun vermochte gerade er diese Empfindungen nicht zu theilen? Mit seinen vierzig Jahren und bei seiner ausgezeichneten Gesundheit war er doch im Grunde weder so alt, noch so stumpf, um die Genußfähigkeit für die Freuden des Lebens verloren zu haben. Und seine Vermögensverhältnissc waren günstig genug, um ihm nach den Tagen der ernsten Arbeit auch Tage des Vergnügens und der frohen Erholung zu gestatten. Aber freilich — er hatte es im Laufe der Jahre verlernt, sich nach solcher Erholung zu sehnen, weil er eine lange, lange Zeit hindurch gezwungen gewesen war, sie sich zu versagen. In Armuth und Dürftigkeit aufgewachsen und fast noch als Knabe in den erbarmungslosen Kampf ums Dasein hinausgestoßen, hatte er sich in harter Schule die schwere Kunst zu eigen gemacht, neidlos zu sehen, wie Andere die Nächte durchschwärmten, die er durcharbeiten mußte, und gleichmüthig mit knurrendem Magen an reich besetzten Tischen vorüberzugehen. Weil er von dem kargen Lohn seiner Thätigkeit die verarmten und erwerbsunfähigen Eltern erhalten mußte, hatte er mit eiserner Willenskraft alle vermessenen Wünsche seines Herzens schon im Keime erstickt und sich selber jederzeit mit unerschütterlichem, erbarmungslosem Nein geantwortet, wenn seine warmblütige Jugend sich begehrlich regen wollte zu irgend einem bescheidenen Verlangen.
(Fortsetzung folgt.)
j vermischtes.
* Marburg, 12. Mai. Der Marburger Zweigverein des Hessischen Geschichtsvereins beabsichtigt zur Feier des 4 5 0. Geburtsjahres der Erfindung der Buchdruckerkunst eine Ausstellung zu veranstalten, welche die Entwickelung des Buchdruckes und der mit ihm verwandten Kunstzweige und Gewerbe — Buchausstattung, Buchillustration, Holzschneidekunst, Kupferstecherkunst, Bucheinband, Buchhandel — in Hessen von frühester Zeit bis zur Gegenwart zu umfassender Anschauung bringen soll. — Marburg ist zunächst in Hessen dazu berufen, mit einer solchen Feier vorzugehen, denn Marburg ist es, wo gleichzeitig mit der Gründung der Universität die Buchdruckerkunst zuerst eine Heimstätte in Hessen fand. Aus Marburg ging im Jahre 1527 der erste hessische Druck in die Welt hinaus, Jahrzehnte später erst folgten andere hessische Städte nach. — In dem schönen Rittersaale des Marburger Schlosses soll unsere Ausstellung am 24. Juni, als dem Namenstage Johann Gutenbergs, eröffnet werden und bis Ende Juli währen. — Als dauernde Erinnerung, die zugleich einen bleibenden wissenschaftlichen Gewinn darstellt, ist eine Festschrift in Aussicht genommen, in welcher die ersten Marburger (Hessischen) Drucke beschrieben werden sotten. Da es dem Zwecke einer allgemeinen wissenschaftlichen Veranstaltung widersprechen würde, den Besuch der Ausstellung auf die Mitglieder des Hessischen Geschichtsvereins zu beschränken oder ein Eintrittsgeld von den Besuchern zu erheben, so wendet sich der Marburger Geschichtsverein an erster Stelle vertrauensvoll an seine Mitbürger mit der Bitte um Zeichnung freiwilliger Beiträge zur Deckung der nicht unerheblichen Kosten. Sie ersuchen aber auch alle Bewohner des Hessenlandes, welche für die Geschichte des Buchdrucks, dieses wichtigen Culturträgers, Interesse haben, das Gelingen ihres Unternehmens durch Ucbersendung von Beiträgen zu fördern. — Gleichzeitig bitten sie das Erscheinen der Festschrift, deren Preis 3 Mk. nicht übersteigen wird, durch Subscription zu erleichtern. Schließlich wird an alle Diejenigen, welche etwa im Besitz älterer und seltener Hessischer Druckschriften, Kupferstiche, Holzschnitte u. a. sind, die Bitte gerichtet, solche rechtzeitig für die Dauer der Ausstellung zur Verfügung stellen zu wollen. Auswärtige wollen
Geldbeträge und Ausstellungsgegenstände an Herrn Archivrath Dr. Koennecke, Vorsteher des Hessischen Geschichtsvereins (Marburg, Schloß), einsenden und sich bei demselben zur Subscription auf die Festschrift anmelden.
Nniverfttäts. Nachrichten.
— An der Universität Straßburg betrug im letzten Halbjahre die Zahl der Hörer zum ersten Male mehr als 1000. Die Zahl der elsaß-lothringischen Studenten ist beständig im Wachsen begriffen. Dabei ist zu mindestens drei Viertel das Unter-Elsaß betheiligt; im Ober-Elsaß und Lothringen gehen die jungen Leute der höheren Stände meist noch nach Frankreich. Mit Stipendien ist die Straßburger Hochschule reich bedacht. Im letzten Jahre konnten nicht weniger als 35000 Mk. an bedürftige Studenten verliehen werden. Die Universitätsgebäude sind bis auf eins jetzt ferttggestellt. Im letzten Jahre wurde das mineralogische Institut vollendet, welches nunmehr in Benutzung genommen werden soll.
— Für Freiburg ist die Errichtung einer neuen, hauptsächlich zur wissenschaftlichen Erläuterung des ^deutschen bürgerlichen Gesetzbuches bestimmten Professur vorgesehen; als berufen hierzu wird das bisherige badifche Mitglied der Civtlgesetzbuchcommisston, Ministerial- rath Gebhard, bezeichnet. Außerdem ist die Errichtung einer neuen außerordentlichen Professur für Geographie im Gange.
£iteratur und Ktrnft
— Die Stummen des Serail. Eins der interessantesten Bilder der modernen französischen Malerei ist das „Die Stummen des Serail" betitelte Gemälde von Paul Bouchard, welches das Eindringen der ihrer Zungen beraubten, gefühllosen Henker des Sultan-Palastes in das Frauengemach desselben schildert. Das Bild, in welchem der Maler einen vollgültigen Beweis eines originellen Talents gegeben hat, ist in verschiedenen Otten Deutschlands dem Publikum durch eine Sonderausstellung bekannt geworden. Das neueste, achte Heft der bekannten illustrtrten Zeitschrift »Moderne Kunsts (Berlin W. 57. Verlag von Rich. Bong) bringt eine treffliche zweiseitige Reproduction dieses Bildes und sichert demselben so ein dauerndes Andenken. Wir erblicken auf der einen Seite des Gemaches die entsetzten Favoritinnen des verstorbenen Sultans, den Henkersknechten ausgeliefert, die der Nachfolger des Sultans gegen die wehrlosen Weiber aussendet, auf der anderen Sette die mit Stricken in den Händen erscheinenden Mordgesellen, in deren stumpfsinnigen Zügen keine Spur von Rührung über den Jammer der unglücklichen Frauen zu sehen ist. Das Werk dürfte eines nachhaltigen Erfolges bei dem Publikum sicher sein. Ein nicht minder interessantes Bild, gleichfalls vorzüglich reproducirt, ist das andere Doppelblatt der Lieferung: „Bon soir, messieurs“ von Arthur Kampf. Das Bild stellt die bekannte Scene aus dem Leben Friedrichs des
Großen dar. Ferner sind zu erwähnen zwei Thierbilder von Maffei, interessante Genrebilder von Otto Lingner, Max Michael, Nathanel Sichel, eine humoristische Scene von Adolf Oberländer, ein vorzügliches Portrait der Primaballerina Antoinetta del' Era. Textlich bringt das Heft einen illustrirten Artikel über die Schloßfreiheit zu Berlin von Paul Dobert, eine Erzählung von R. v. Seydlitz: „Die Paletteuse", eine Untersuchung über die Freilichtmalerei von Georg Buß, eine interessante, gleichfalls illustrirte Plauderei: „Paris im Frühling", ferner Ausstellungsberichte, Kunstnotizen, Literatur und Humoristisches. Der Preis des vortrefflich ausgestatteten Heftes beträgt 1 Mk.
verkehr, Land- und volkswirthschaft.
)( Nutzen der Fledermäuse. Mit wahrem Eifer verfolgt man fast überall die Fledermäuse, die durch ihre häßliche Gestalt und ihren Flug zwar nicht besonders ansprechen, doch aber zu dm nützlichsten Thieren gehören. Da jetzt die Zeit herankommt, in welcher dieselbe in den Dämmerstunden ihre Ausflüge macht und man häufig siebt, wie dieselbe von Jung und Alt belästigt wird, so soll an dieser Stelle auf die große Nützlichkeit hingewiesen werden. Die Fledermaus ist ein fleischfressendes Thier und nährt sich nur von Jnsecten, die in der Nacht ihr Wesen treiben. Nachtschmetterlinge, welche so viele schädliche Raupen erzeugen, Nachtflieger und Käser, namentlich Maikäfer, von denen eine einzige Fledermaus in einer Nacht mehrere Hundert fängt, sind beliebte Bissen der Fledermäuse. Erwägt man, daß im Ganzen die Zahl der Feinde der Landwirthschaft, der Gärtnerei, der Gemüse- und Obstbaumzucht u. s. w. sehr groß und sie meistens Zerstörer der Gewächse sind, aus denen unsere Nahrungs- und anderen Lebensbedürfnisse gewonnen werden und ihre Zahl bei Weitem größer ist, als die natürlichen Vertilger, ferner, daß der Mensch völlig ohnmächtig ist den Verheerungen jener Feinde gegenüber, wenn sie in Massen auftreten (z. B. Raupen, Maikäfer u. s. w.), so leuchtet der Nutzen unserer Freunde aus dem Thierreiche ein und es erschein: als Pflicht unserer Landwtrthe, Gärtner und Weinbauer, die in dieser Beziehung nützlichen Tbiere zu schonen und ihre Vermehrung zu fördern.
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4215 Der Vorstand.
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