Ausgabe 
12.10.1890 Erstes Blatt
 
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Rr. 238. Erstes Blatt. Sonntag den 12. October 1890

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Mnmittenvtälter «erden dem Anzeiger «üchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Amts- rind Anzeigeblatt für den Atreis Gieren.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgendm Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Amtlicher Th-U.

Bekanntmachung,

das Einhalten der Tauben zur Saatzeit betreffend.

Die Besitzer von Tauben werden aufgefordert, während 1>er Saatzeit vom 10. October bis 10. November ihre Tauben in den Schlägen einzuhalten. Uebertretungen dieser Vorschrift müssen nach Art. 79 des Feldstrafgesetzes zur Anzeige und Bestrafung gebracht werden.

Gießen, den 8. October 1890.

Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.

Gnauth-

Gefunden: 1 Sack Aepfel, 1 Milchkanne, 1 Fern­stecher, 1 Mufffutter, 1 Paar Handschuhe, 1 Cigarrenspitze, 1 Haarbürstchen, 1 Portemonnaie mit Inhalt und neunzig Pfennig.

Gießen, am 11. October 1890.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

politifd^e Uebersicht.

Gießen, 11. October.

Der dem Bundesrathe vorliegende Gesetzentwurf, betr. die Abänderung des Krankenkaffengesetzes, ist jetzt vomReichs­anzeiger" veröffentlicht worden. Nach den Bestimmungen der Novelle unterliegen fortan auch die Handlungsgehilfen und Lehrlinge dem direkten gesetzlichen Versicherungszwange.

DieHamb. Nachr." ergehen sich immer wieder in Be^ -richtigungen der bekannten Mittheilungen derKöln. Ztg." über die Vorgeschichte des Erlöschens des Socialistengesetzes. In einem neuerlichen längeren Artikel führt das Hamburger Blatt zunächst nochmals aus, daß auch Fürst Bismarck in Uebereinstimmung mit sämmtlichen Monarchen und Ministern empfohlen gehabt habe, die Socialistenvorlage einstweilen auch ohne die Ausweisungsbefugniß anzunehmen, sein Widerspruch habe sich lediglich gegen die Art des Vorgehens, nicht aber gegen das Gesetz selbst gerichtet. Fürst Bismarck erachtete es nicht nur in der Angelegenheit des Socialistengesetzes, sondern auch bezüglich jeder anderen Vorlage für nothwendig, daß die Regierungen von einer Abänderung von eigenen Vorlagen absähen, so lange nicht ein Plenarbeschluß des Reichstages die Undurchführbarkeit derselben dargethan habe. Seitens des Fürsten sei Jahrzehnte lang gegen die Neigung von Commissarien und Ministern angekämpft worden, aus Grund von bloßen Commissionsbeschlüssen des Parlaments oder infolge von Coulisseneinflüssen der Führer die eigene Vorlage abzuändern, oder abzuschwächen, er habe vielmehr daran festgehalten, daß der Bundesrath den Anlaß zu Aender- ungen seiner Vorlagen nur aus amtlichen Plenarbeschlüssen des Reichstages, und nach Bedürfniß, nehmen solle. Aus diesem Grunde habe sich Fürst Bismarck auch im Falle des Socialistengesetzes dagegen erklärt, daß die Regierung ihre Flagge, welche sie mit ihrer Vorlage aufgezogen hatte, in der letzten Sitzung vor dem Reichstagsschlusse, ohne den Ptenarbeschluß abzuwarten, wieder strich, Wohl aber sei er dafür gewesen, daß die Regierungen, wenn der Reichstag das Socialistengesetz ohne den Ausweisungsparagraphen an­genommen hätte, diesem Beschlüsse hätten zustimmen sollen. Weiter wendet sich der betreffende Artikel gegen die parla­mentarische Haltung der conservativen Partei, in der Frage des Socialistengesetzes und erklärt schließlich, es hätte re- . gierungssettig das vorläufig nicht zu erlangende, aber wünschens­werte Mehr aus Grund eintretenden Bedürfnisses später an- gestrebt werden können, so lange die Regierung nicht selbst b* unwahre Erklärung abgegeben hatte, daß sie mit dem verkürzten Gesetz auszukommen glaube. Unzweifelhaft sind auch diese neuerlichen Auslassungen des genannten Hamburger Blattes direct auf Informationen von Seiten des Fürsten Bismarck zurückzusühren und lassen sie im Uebrigen abermals durchblicken, daß damals, als es sich um Erneuerung oder Fallenlassen des Socialistengesetzes handelte, merkwürdige Dinge hinter den Coulissen vorgegangen sind.

Der schweizerische Ständerath hat nun, gleich dem National­rath, ebenfalls das Vorgehen des Bundesrathes im Canton Tessin gebilligt, allerdings aber nur mit einer Mehrheit von 5 Stimmen. Letzterer Umstand erklärt sich daraus, daß im Ständerath die conservativ-clericale Partei ziemlich stark ver­treten ist und diese ist von Hause aus gegen die bewaffnete Intervention der Bundesregierung im Tessin, durch welche angeblich die Rechte der gestürzten clericalen Regierung verletzt worden sind, gewesen.

Die Bildung des neuen portugiesischen Cabinets ist auch dem General Souze nicht geglückt, an seiner Stelle wurde Luciano Castro vom König mit dieser sich immer schwieriger gestaltenden Aufgabe betraut. Die drohende staatliche Kata­strophe in Portugal erscheint jedenfalls noch nicht abgewendet.

Für die in Frankreich wieder stärker als je grassirende Spionenfurcht zeugt die Pariser Meldung, die Abgeordneten Milleroye und Gauthier würden beim Wiederzusammentritte der Deputirtenkammer eine Verschärfung der in Frankreich bestehenden Strafen für Spionage beantragen. Insbesondere soll für Spione französischer Nationalität, welche öffentliche Aemter bekleiden, oder ehemals Offiziere, resp. Unteroffiziere in der französischen Armee waren, die Todesstrafe bestimmt werden.

Neueste Nachrichten.

WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Paris, 10. October. Einer Meldung desTemps" aus Madrid zufolge erhob der dortige italienische Gesandte wegen der Angriffe carlistischer Redner gegen den König von Italien auf dem Katholikencongreß in Saragossa Vorstellungen bei der spanischen Regierung.

Paris, 10. October. DerTemps" meldet, der Minister des Aeußern werde demnächst einen Bericht über die Lage in Tunis vorlegen. Der Bericht, welcher durch Gesetz vom Jahre 1884 bedingt wird, wird jetzt zum ersten Male erstattet.

Die Forst Hüter des Bezirks Belfort, sowie die Grenzausseher sind mit Lebelgewehren ausgerüstet.

Saragossa, 10. October. Der hier versammelte Katho- liken-Congreß nahm mehrere Resolutionen an, worin gegen die Religionsfreiheit protestirt, die Aufhebung der nicht­katholischen Schulen verlangt und die Anerkennung des Rechtes der Kirche, unbegrenztes Eigenthum zu besitzen, gefordert wird. Gleichzeig wird die Errichtung katholischer Arbeitergesellschaften empfohlen.

Bonay, 10. October. Die von den Grubenarbeitern verlangte Lohnerhöhung ist von der Bergwerksgesellschaft zurückgewiesen worden. Die Arbeiter gedenken den angedrohten Strike aus einen günstigeren Zeitpunkt zu verschieben.

Pittsburg, 10. October. Der internationale Congreß der englischen und amerikanischen Eisen- und Stahl­industriellen wurde gestern unter Betheiligung der Dele- girten des deutschen metallurgischen Vereins eröffnet.

Belgrad, 10. October. Betreffs der letzten Verletzung der serbischen Grenze seitens der Albanesen schlug der hiesige türkische Gesandte die freundschaftliche Erledigung des Zwischenfalles auf kurzem Wege vor. Angesichts der Grenz­zustände beabsichtigt die serbische Regierung im Einvernehmen mit der Türkei einen Militärcordon zu errichten.

Petersburg, 10. October. Wie dieNowoje Wremja" hört, ist der Bau der sibirischen Eisenbahn nunmehr eine beschlossene Sache. Dieselbe soll durch den Fiscus selbst gebaut werden und man will dazu ohne Verzug schreiten. Das Blatt hebt die strategische und mercantile Bedeutung dieser Bahn hervor und fragt, ob sie nicht eine engere Ver­bindung Rußlands mit den nordamerikanischen Unionsstaaten herbeiführen werde?

Washington, 10. October. Das Schatzamt entschied, daß alle Waaren, welche während der Giltigkeitsdauer des früheren Tarifgesetzes aufs Lager (Zollverschluß) gebracht worden sind, von dem nach dem gegenwärtigen Tarisgesetz zu zahlenden Zoll befreit sein sollen und jetzt frei zurückgenommen werden können.

Cocote» « provinzielle».

s Gießen, 11. October.

Hosschauspieler A. Junkermann ist bedenklich erkrankt und dürfte vor Mitte November kaum im Stande sein, seine künstlerische Thätigkeit wieder aufzunehmen, weßhalb auch der für Sonntag den 12. ds. Mts. angekündigte Vortrag hier unterbleiben muß.

a-w. Theater. Wir freuen uns, einen wohlthuenden Gegensatz des gestern gegebenenLetzten Wortes" von Schönthan zu der neulich besprochenenBelials Tochter" von Kneisel constatiren zu dürfen. Auch Schönthan hat in seinem Stücke ernste Gedanken bekommen und will darin eine sitt­liche Tendenz verfolgen. Aber wie viel besser macht er seine Sache. Er muthet einem nicht langweilige Declamationen und sogenannte espritvolle Dialoge zu, sondern die spannende Handlung und das frische Leben im Stück zeigen, was er will, ohne daß wir, die Absicht bemerkend, verstimmt werden.

Wahre und sympathische Charactere fordern unser Interesse heraus und ein frischer Humor und treffender Witz hält die Hörer stets bei guter Laune. In der Hauptrolle des Stückes (Geheimerath Mantius) füllte Herr Heinrich Winolt seinen Platz mit allen Ehren aus. Sein Spiel war sein durchdacht und ebenso ausdrucksvoll und wirksam wie vornehm. Besonders die Schlußscene des dritten Actes gelang ihm vorzüglich und machte tiefen Eindruck. Dasselbe möchten wir von der Darstellung des Herrn Jaskowski sagen, der so treue Seelen, wie den Bernhard Mantius, be­sonders gut und sympathisch zu verkörpern versteht. Als Johannes war Herr Fritzschler nicht ganz glücklich. Es ist ein altes, aber trotzdem wahres Wort, daß vom Erhabenen bis zum Komischen nur ein und zwar ein ganz kleiner Schritt ist. Der Herr schien uns die betreffende Grenze mehr als einmal zu übersehen und war nicht so tactvoll wie Herr Winolt, überall das rechte Maß zu finden. In seiner Liebes­erklärung im letzten Acte wurde er wiederholt nahezu un­heimlich stürmisch. Dagegen war Fräulein Elisabeth Bischoff als Vera von Bagoleff ganz auf der Höhe der Situation,- ihr temperamentvolles Spiel war von Anfang bis Ende ebenso wahr wie schön. Frau Anni Reiners, die gestern zum ersten Male wieder mitwirkte, stattete ihre leider nur geringe Partie (Elly) mit all den Zügen jener lieblichen Anmuth aus, mit der sie uns schon so ost entzückt hat. Ebenso erfreute Herr Director Reiners in seiner umfangreichen Rolle (Jordan) mit einer prächtigen Leistung,- er hatte mit seinem unverwüstlichen Humor die Lacher fortgesetzt auf seiner Seite. Weniger einverstanden waren wir mit Herrn G o ullons Spiel, dem offenbar noch der Theologe Weiland in den Gliedern lag, so daß er seinen feurigen Freigeist Boris Baroneff ein bischen gar zu volltönend wiedergab. In der Rolle der Gertrude Mantius gab sich Fräulein Emma Rellstab offenbar alle Mühe, sie vermochte jedoch nicht ganz zu befriedigen. Die Dame muß sich das temperamentvolle Spiel der Frau Anni Reiners oder des Frl. Bischoff zum Vorbilde nehmen. Bis jetzt besitzt sie auch in Momenten, wo alles drunter und drüber geht, eine Seelenruhe, die ja für jeden Feind unnöthiger Aufregungen hochersreulich sein muß, aber auf der Bühne oft nicht am Platze ist. Wir sind überzeugt, daß diese kurze Anmerkung genügen wird, um die Dame zu veranlassen, mit leichter Mühe dem Uebelstande ab­zuhelfen und in Zukunft eine etwas energischere Action an­zuwenden.

Theater. Sonntag gelangt das reizende Kinder­märchenPrinz Nachtigall" zur Aufführung. Wir ver­säumen nicht, alle Kindersreunde auf die günstige Gelegenheit aufmerksam zu machen, die sich ihnen bietet, den lieben Kleinen eine rechte Freude zu bereiten.

In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag wurde in einem an der Wallthorstraße belegenen Materialwaaren- geschäfte ein Secretär erbrochen und aus demselben 32 Mark an Geld entwendet. Der Verdacht fiel auf ein im Hause bedienstetes Mädchen, welches aber die That hartnäckig leugnete. Gestern wurde nun in einer Mullgrube das Geld, in einem dem Mädchen gehörigen Tuch eingewickelt, gefunden. An­gesichts dieses weiteren Beweismittels (die Einbrecherin hatte sich bei Begehung der That bereits durch Eindrücken einer Glasscheibe an der Hand verletzt) gestand das Mädchen die That ent; es wurde verhaftet.

Bad'Nauheim, 9. October. Infolge des prachtvollen Herbstwetters halten sich noch immer eine erkleckliche Anzahl Fremde zum Zwecke der Badekur hier auf; es sind sogar in den letzten Tagen noch Kursremde neu eingetroffen. Die Zahl der täglich verabfolgten Bäder beträgt noch über Hundert.

Lauterbach, 9. October. In einer am Dienstag Abend in Frischborn abgehaltenen Versammlung wurde unter Mitwirkung der Herren Landwirthschaftslehrer Leithiger und Verbandsrevisor Ihrig eine Spar- und Darlehnskasse ge­gründet. Jetzt befinden sich allein im Kreise Lauterbach 10 Orts- Spar- und Darlehnskassen, und nur ganz wenige kleine Gemeinden dieses Kreises entbehren noch einer Credit- genossenschaft. Diese Verbreitung des Genossenschaftswesens im hiesigen Kreise ist vornehmlich den eifrigen Bemühungen des früher hier wohnhaft gewesenen Herrn Amtmann Bichmann zu verdanken.

cT Rinderbügen, 10. October. Ein sehr bedauerlicher Unfall ereignete sich aus dem hiesigen Hofgute, indem an dem Bernerwägelchen des Herrn Pachters beim Nachhause- sahren plötzlich die beiden Nägel an den Federn brachen; der Wagen schlug um und die Insassen wurden herausgeschleudert, wobei der Wagenlenker im Gesicht verletzt wurde, während das Söhnchen des Herrn R. das Bein brach.