Feuilleton
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Weiße Hasre.
Novelle von H. von Ziegler.
(Nachdruck verboten.)
Es war ein kalter, klarer Wintertag- leichter Schnee lag über der Landschaft und aus den nahen, bläulich duftenden Bergen, glitzernde Sonnenstrahlen funkelten darüber hin und I fein Zweig, kein Ast der weißbeschneiten Bäume ringsumher I bewegte sich in der Luft.
Durch den Waldweg klangen scharfe Hufschläge und so- I eben erschien eine noch junge Reiterin zwischen den Stämmen, I das Antlitz von der Kälte geröthet, die Augen leuchtend vor Freude über den köstlichen Anblick, den die winterlich friedliche Gegend darbot. I
Es war kein schönes Gesicht, welches der weiche runde Filzhut beschattete- die Züge machten einen schroffen, starren Eindruck, um den Mund prägte sich ein bitterer Zug und die ganze Kopfhaltung hatte etwas entschieden Hochmütiges, fast Unsympathisches. Nur die Augen vermochten zu versöhnen, denn es lag eine eigene Melancholie, ein halb unbewußtes Sehnen und Suchen in ihnen, welches bisher wohl dem jungen Mädchen selbst noch nicht zum Bewußtsein gelangt. Mit festem, kurzem Ruck hielt die Reiterin jetzt auf der Anhöhe ihr Thier an und blickte sinnend hin in die sich sanft senkende Schlucht, welche vor ihr lag.
„Da geht der Weg nach Schloß Nordeck," murmelte ste | halb scheu, „ich brauche nur wenige Minuten ihn zu verfolgen, so würde ich das Schloß sehest, welches ihm gehört. — Aber nein, ich will nicht, ich darf mich nicht einem Gefühl hingeben, welches Wahnsinn, Thorheit sein würde. Ich weiß ja gar nicht, ob er mich jemals lieben würde, ob er nicht, wie die meisten anderen Menschen, meine scharfe Zunge und meine Heftigkeit fürchtet. O Gott, und ihm gegenüber bin ich doch eine andere! Mein Herz pocht, das Wort stockt mir im Munde und nur mit aller Selbstbeherrschung vermag ich kühl und ruhig auszusehen, um nicht durch das Auge zu verrathen, wie es in meinem Innern aussieht. Wenn nur Lilli und Mama nichts davon merken."
Das feurige Pferd wieherte ungeduldig und plötzlich hob die junge Dame erschrocken den Kops- aus geringer Entfernung antwortete ein anderes Roß dem ihrigen mit lautem Wiehern und schon vernahm sie herannahende Hufschläge.
„Wenn er es wäre," murmelte sie unschlüssig, warf aber sodann kurz entschlossen ihr Pferd herum, den Weg, welchen sie gekommen, abermals einschlagend.
Ein stattlicher Reiter ward nun auch bald neben der Reiterin sichtbar und nur an ihrem tiefen Athemzuge und dem leisen Beben der Hand, welche den Zügel hielt, konnte man die Gemütsbewegung der Dame erkennen, von welcher sie erfaßt worden war, während ihr Antlitz farblos und ernst wie zuvor blieb.
| „Guten Morgen, gnädiges Fräulein!" ries der Besitzer । von Schloß Nordeck, denn dieser war der Reiter, nnd lüftete grüßend seinen Jägerhut mit der Spielhahnfeder, der dem männlich schönen, gebräunten Antlitz außerordentlich wohl stand- überhaupt war der Reiter eine stattliche Erscheinung, welcher das blitzende Auge und der dunkle kurze Vollbart sehr
Vortheilhast standen. ,
„Guten Morgen, Herr von Nordeck," klang die Antwort des jungen Mädchens zurück und freundlich grüßend senkte sie das Haupt und die leichte Gerte, „so hat es Sie auch herausgclockt bei dem köstlichen Wintermorgen? Wo kommen Sie her?"
„Von Ihrer Frau Mutter, Fräulein von Wehlen," lächelte der stattliche Mann, der etwa dreißig Jahre alt sem mochte, „ich habe Ihrer Frau Mutter und Fräulein Schwester die Bitte vorgeschlagen, eine kleine Mittagsgesellschaft, welche ich nächsten Sonntag zu geben beabsichtige, mit Ihrer aller Gegenwart zu erfreuen. Ich war so glücklich, eine bejahende Antwort zu erhalten, und hoffe nun auch aus Ihre persönliche Zustimmung, Fräulein Julie?" ,
Unwillkürlich fühlte das junge Mädchen, wie unter feinem forschenden Blick eine tiefe Röthe ihr Antlitz überzog- war es denn nur eine Täuschung oder Wahrheit gewesen, daß während seiner Worte seine Augen aufleuchteten m vollem Glücksschimmer? Und er nannte sie bei ihrem Taufnamen wie noch nie zuvor! Ihr Athem flog, eine ihr sonst völlig fremde Verwirrung bemächtigte sich ihrer und mit einigen zustimmenden, hastigen Worten verabschiedete sie sich, dem Pferde die Gerte gebend, daß es wild dahinflog.
Frau v. Wehlen lebte seit dem Tode ihres Gatten mit ihren beiden Töchtern Julie und Lilli allein auf dem kleinen Gute, welches das Erbtheil der beiden Mädchen bildete- sie war eine tüchtige, energische Dame, die sich freilich mehr um die Wirtschaft als um das Gemüthsleben ihrer Kinder bekümmerte - bei Lilli schadete das nicht viel, diese besaß ein I weiches, warmes Mädchenherz, das mit den Fröhlichen lachte I und mit den Traurigen weinte und nie fertig wurde, die I schöne Gotteswelt zu bewundern und alle Menschen zu lieben, die ihr begegneten. Daß freilich seit einiger Zeit ihr kleines, I pochendes Herz einen gewissen Jemand begonnen hatte viel mehr zu lieben als die anderen, selbst Mutter und Schwester I nicht ausgenommen, das hatte Lilli nur dem lieben Gott em- I gestanden, wenn sie Abends im dunklen Zimmer am Fenster stand und mit gefalteten Händen zu dem Sternenhimmel aus- I blickte. Nein, sie hätte es Niemanden sagen können, vor allen Dingen sollte „er" es nicht ahnen, dessen Augen so innig aufleuchtend das ihre suchte, wenn sie zusammentrasen, und dessen Stimme, sobald er mit Lilli sprach, ganz anders klang, so liebevoll und vibrirend. Lilli wußte nun auch, wie er mit Vornamen hieß und heimlich, ganz heimlich, flüsterte I sie den lieben Sternen droben am Himmel zu: „Leopold!
Vor Schwester Julie besonders scheute sich Lilli, deren I süßes, reizendes Gesichtchen mit den blonden Haaren und
großen blauen Augen außerordentlich abstach gegen das weniger schöne, herbe Antlitz der ersteren.
Nur zu oft mußte Lilli von Julie eine spöttische Bemerkung hören, wenn sie in ächt mädchenhafter Begeisterung auswallte über ein Gedicht, ein Bild, eine Blume und, wenn sie auch die Schwester herzlich liebte, so empfand sie doch eine ganz gewaltige Scheu vor derselben.
Julie sprang, als sie, von ihrem Ausfluge heimkehrend, vor dem hübschen Wohnhause von Wehlenau anlangte, leicht und sicher aus dem Sattel, warf dem herbeieilenden Kutscher die Zügel zu und eilte auf ihr Zimmer, um sich umzuziehen,- als sie eine Viertelstunde später ins Wohnzimmer trat, war ihr Gesicht wieder blaß und ruhig wie immer.
„Ich hörte, daß wir eingeladen sind, Mama," sagte sie nach der ersten Begrüßung, „Herr von Nordeck begegnete mir!"
Ungeschickter Weise mußte gerade bei diesen Worten Lillis Garnknäuel zur Erde fallen. Als Lilli es aushob, war sie seuerroth geworden und Juliens Blick hastete groß und fragend auf dem Antlitz der Schwester.
„Ja, mein Kind, und es' freut mich für Lilli, die so sehr gern tanzt," antwortete Frau von Wehlen.
„Du gehst also gern nach Schloß Nordeck," wandte sich Julie jetzt mit einer wahren Forschermiene an Lilli, deren Herz unruhig zu pochen begann.
„Ach ja, — ich gehe — sehr gern in Gesellschaft. ,
„So! — Hm, da hat Dich Herr von Nordeck sicher aus Mitleid eingeladen, obschon er sich aus so jungen, achtzehnjährigen Mädchen eigentlich nichts macht."
Lilli wußte das eigentlich besser, aber sie wollte nicht der gestrengen Schwester widersprechen und war froh, als diese sich wieder zur Mutter wandle.
(Fortsetzung folgt.)
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