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Nr. 59.
Dienstag den 11. März
1890
Der
•Uftener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener W««rtte«ötLlter »erden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegt.
Kießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
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Amtlicher Tbeil.
Bekanntmachung, betreffend Verpflichtung der Taxatoren Stephan und Gör lach in Wildschadensangelegenheiten.
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Bürgermeister Stephan zu Großen-Buseck zum Amtstaxator im V. Wildschadensbezirk Lollar und Großh. Bürgermeister Görlach von Eberstadt zum Ersatzmann des Amtstaxators für den III. Wildschadensbezirk ernannt worden fird.
Gießen, am 28. Februar 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß bir nach § 6 des Neichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Februar für btiai Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen:
Hafer «X 18.70, Heu 7.90, Stroh v*t. 6.80.
Gießen, den 10. März 1890.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern
Gefunden: 1 Halstuch, 1 Messer, 1 Taschentuch, 1 yoentb, 1 Nachtjacke, 1 gold. Vorstecknadel, 1 Schirmsutteral, 1 Muff, 1 Cigarrenetui, 1 Regenschirm, 1 Sielscheid, 1 Wagen- kapisel, 1 geflochtene Unterlage, 1 Kinderunterjäckchen, mehrere Schlüssel und Hundeblechmarken.
Gießen, 8. März 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
politi^e Neberfieht.
Gießen, 10. März.
Am Sonntag, den 9. März, waren zwei Jahre vergangen, W; Kaiser Wilhelm I., der unvergeßliche erste Kaiser des , neuen deutschen Reiches, für immer entschlummerte und wohl in allen patriotischen Kreisen unseres Volkes hat man mit welhmuthsvoller Erinnerung dieses ernsten Tages gedacht. Am Berliner Hofe selbst beging man den Todestag Kaiser Wilhelms I. durch eine auf allerhöchsten Befehl angeordnete Gkdächtnißfeier im Mausoleum zu Charlottenburg.
Noch hält man allseitig die Nachlese zu der kaum beendigten Neichstagswahlcampagne und schon ergeht man sich mderseitig in allerhand Combinationen über die künftigen Nchrheitsverh'ältnisse im neugewählten Reichstage. Von der „Magdeb. Ztg." ist derselbe als „Reichstag ohne Mehrheit" cha-rakterisirt worden und diese Bezeichnung kann insofern Anspruch auf Rlchtigkeit machen, als allerdings keine so fest- geschlossene Majorität vorhanden ist, wie sie im bisherigen Reichstage durch die drei Cartellparteien repräsentirt wurde. Aber zweifellos kann im jetzigen Parlamente unter Umständen "jein-e sehr starke Mehrheit durch das Zusammengehen des Zentrums mit der freisinnig-demokratisch-socialistischen Linken ermöglicht werden und diese Coalition ist ja namentlich in der Legislaturperiode von 1884 bis 1887 häufig genug in Äe Erscheinung getreten. Anderseits kann in gewissen Fällen leuch eine conservativ-clericale Mehrheit hervortreten, wie sie sich in der Legislaturperiode von 1881 bis 1884 wiederholt gelltend machte- doch wäre der Beitritt der Polen und Welfen bie unerläßliche Voraussetzung für eine solche Parteicombi- mtion, denn erst die Stimmen dieser kleineren Fractionen virrden der conservativ - clericalen Vereinigung die absolute Stimmenmehrheit sichern. Zunächst bleibt indessen abzuwarten, mie sich die Fractionen tatsächlich bei den ersten Abstimmungen int neuen Reichstage gruppiren werden, erst dann wird ein kiwigermaßen zuverlässiger Schluß aus die etwaigen Mehr- Msbildungen im neuen Parlamente möglich sein. Daß die Steuerung nicht an eine Auflösung des soeben erst gewählten Reiichstages denkt, sobald sich nur irgendwie mit ihm auskommen läßt, wird durch Berliner Meldungen bestätigt unjD» hierbei versichert, daß die Regierung auch noch nicht der Krage der Bildung einer neuen Mehrheit näher getreten sei.
Unter den Entwürfen, welche dem Reichstage bald nach jeimem Zusammentritte unterbreitet werden sollen, befindet sch dem Vernehmen nach auch eine Militärvorlage, lieber 6m: Inhalt derselben lauten jedoch die Angaben noch ver- schiseden und scheint vorerst nur das Eine zutreffend zu sein,
daß man es mit einer nothwendigen Ergänzung deS vom vorigen Reichstage angenommenen Gesetzes, betr. die Bildung zweier neuen Armeecorps, zu thun hat.
Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Freitag in erster und zweiter Berathung den Gesetzentwurf, betr. die Veränderung der gesetzlichen Bestimmungen in den Ressorts des Handelsministeriums und des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten. Die Vorlage bezweckt die Abtrennung des Berg-, Hüten- und Salinen-Dcpartements vom letztgenannten Ministerium und Unterstellung unter das Handelsministerium und führte sie zu einer lebhaften Debatte, in welcher eine ganze Reihe gegenwärtig mehr oder weniger actueller Fragen der inneren deutschen und preußischen Politik gestreift wurden. Die Verhandlung endete damit, daß ein Antrag des Abg. Eugen Richter auf commissarische Vorberathung der Vorlage abgelehnt und dieselbe alsdann in zweiter Lesung gegen die Stimmen der Freisinnigen angenommen wurde. Im weiteren Verlaufe der Sitzung erledigte das Haus die restirenden Theile des Justizetats und genehmigte ohne bemerkenswerthe Debatte ferner den Etat der Staatsschuldenverwaltung, die Novelle über die Verbesserung der Oder und der Spree, sowie die Vorlagen, betr. die Abänderung des Beamtenpensionsgesetzes und des Lehrerpensionsgesetzes. Am Samstag setzte das Haus die Specialberathung des Staatshaushaltsetats fort.
Der ehemalige preußische Landwirthschaftsminister Dr. Friedenthal ist nach längerer Krankheit auf seiner schlesischen Besitzung Gießmannsdorf im Alter von 63 Jahren gestorben. Der Name Dr. Friedenthals ist mit der Entwickelung des deutschen Nationalstaates und unseres Parteiwesens eng verknüpft, denn Dr. Friedenthal war bei den Vorverhandlungen über die deutsche Neichsverfassung betheiligt und außerdem der Begründer der heutigen freiconservativen oder Reichspartei. Er schied am 14. Juli 1879 aus seinem Ministeramte, weil er die neue Zollpolitik des Fürsten Bismarck nicht billigte.
In Petersburg sieht man dem Besuche des montenegrinischen Fürstenpaares entgegen, der indessen keinerlei politischen Hintergrund haben soll, wie hie und da behauptet wird. Vielmehr versichert man in unterrichteten Petersburger Kreisen, die bevorstehende Reise der montenegrinischen Herrschaften nach Petersburg hänge mit der projectirten Verlobung der Prinzessin Helene von Montenegro mit dem Großfürsten-Thron- folger zusammen.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. März. Abgeordnetenhaus. Etat- berathungen. Der Minister v. Maybach erklärt auf Anfragen, er werde mit dem Project des Binnenland-Canals Vorgehen, sobald es finanziell und wirthschaftlich möglich. Die Vorlage, betreffend die Gehaltsaufbesserung der Beamten, werde dem Hause voraussichtlich noch in der gegenwärtigen Session zugehen. Nächste Sitzung Montag 12 Uhr. Fortsetzung des heutigen Etats.
München, 8. März. Die heutige Vormittagssitzung des Finanzausschusses wurde aus Anttag Dallers vertagt und zwar unter großer Erregung über die vor der Wohnung des Centrumsführers Orterer während der Nacht von mehreren Hundert Studirenden der Kunst-Akademie aus- gesührten tumultuösen Demonstrationen aus Entrüstung über die Ablehnung mehrerer Etatssorderungen für Kunstpflege durch die Centrumspartei. Minister Freiherr v. Crailsheim gab die Erklärung ab, die Regierung habe alles Nöthige angeordnet, um eine Wiederholung der ©eenen zu verhüten.
Barmen, 8. März. Die strikenden RiemendreHer- Ges elleu beschlossen in einer gestrigen Versammlung, von jeder Fabrik, in welcher die Arbeit eingestellt worden war, drei Mann als Delegirte zu wählen, welche mit den Fabrikherren unterhandeln sollen. Falls letztere die Sperre ein- treten lassen, wollen die Arbeiter ebenfalls ihrerseits die Zeit bestimmen, wie lange der Strike dauern soll. Eine Anzahl Meister, welche die Arbeit bereits ausgenommen hatten, haben dieselbe wieder eingestellt.
Barmen, 8. März. Durch den Beschluß der Fabrikanten betreffs der Sperrve rhängung ist etwa 1200 noch in Arbeit befindlichen Mädchen gekündigt worden. Die Zahl der übrigen Strikenden beträgt in 22 Betrieben 600. In der Frage, betreffend die Ueberstunden und die Nachtarbeit, zeigten sich die Fabrikanten entgegenkommend. Die Forderung der zehnstündigen Arbeitszeit wurde jedoch aus das Bestimmteste abgelehnt.
Elberfeld, 8. März. Am hiesigen Schwurgericht sand gestern und heute die Verhandlung gegen drei im Socialisten-
proceß wegen Verdachts des Meineids verhaftete Zeugen aus Düsseldorf statt. Die ersteren, Krause und Riekmann, wurden in zwei Fällen schuldig besunden und zu l Vr Jahren Zuchthaus, der dritte, Gemmer, in einem Falle schuldig, zu einem Jahre Zuchthaus und särnrntlich außerdem zu 5 Jahren Ehrverlust verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte 3, resp. 2 Jahre Zuchthaus beantragt.
Königsberg. 8. März. Der socialistische Abgeordnete Schultze ist heute wegen Verbreitung einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Flugschrift zu einem Monat Gefängniß verurtheilt worden.
Ausland.
Paris, 8. März. Jrn heutigen Ministerrathe wurde die Wahl von Delegirten für die Berliner Conserenz besprochen, eine enbgiltige Entscheidung jedoch noch nicht getroffen.
— Präsident Garnot hat das Decret für die Ernennung Billots zum Botschafter in Rom unterzeichnet.
Nottingham, 8. März. Der deutsche Zahnarzt Arne- mann, welcher am 19. November v. Js. während einer öffentlichen Gerichtsverhandlung auf den Richter Bristowe geschossen und denselben lebensgefährlich verwundet hatte, ist heute zu 20 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden.
Konstantinopel, 8. März. Die „Agence de Constan- tinople" erfährt, die Pforte habe soeben ein Circular an die Mächte versandt, des Inhalts, daß die Zustände auf Kreta keinen Anlaß zu einer Beunruhigung gäben. Die Pforte sei bereit, um den Flüchtlingen die Heimkehr möglichst zu erleichtern, ihnen Dampser zur Verfügung zu stellen. Die Aufhebung des Belagerungszustandes sei zur Zeitun- thunlich, sie müsse vielmehr von der Haltung der zurückkehrenden Emigranten abhängig gemacht werden. Das bezügliche Verhalten des griechischen Cabinets werde den Maßstab geben, inwiefern es der griechischen Regierung mit der Versicherung ernst sei, daß sie nur von friedlichen Absichten geleitet werde.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Petersburg, 9. März. Der hiesige deutsche Gesangverein „Liedertafel" beging heute die Feier seines 50jährigen Bestehens. Die kaiserliche musikalische Gesellschaft und deutsche Gesangvereine von nah und fern, darunter der Kölner und der Lübecker, haben den Verein durch Deputationen, Adressen, Schreiben und Telegramme beglückwünscht und ihm ein Ehrengeschenk gewidmet. Der langjährige Dirigent des Liedertafel-Chors, Professor Czerny, ist von den Gesangvereinen Moskaus und der baltischen Städte zum Ehrenmitglied gewählt worden.
London, 9. März. Das „Reuter'sche Bureau" meldet aus Pretoria, die Regierung von Transvaal habe ein Telegramm des Gouverneurs von Natal erhalten, in welchem sich derselbe über die englischen Theilnehmer an den Unruhen in Johannesburg mißbilligend ausspricht und die Vernichtung der Transvaalflagge bedauert. Die Regierung von Transvaal nehme die Unruhen leicht und treffe keine strengen Maßregeln
Darmstadt, 10. März. Seine Königliche Hoheit der Großherzog, sowie die Prinzessinnen Irene und Alice sind heute Nachmittag 21/2 Uhr hier eingetroffen.
Locales und provinzielles.
Gießen, 10. März.
— Seit einigen Tagen sind aus der Bahnstrecke Frankfurt-Cassel die ersten Wagen IV. Klasse mit Sitzbänken eingestellt worden.
— Der Arresthaus - Verwalter a. D. Merlau aus Gießen ist zum Amtsgerichtsdiener in Fürth i. O. ernannt worden.
— Wir erhielten nachstehende Zuschrift: In Betreff des Selbstmordversuches in Frankfurt a. M., von dem Sie in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes berichteten, möchte ich Ihnen zur gefl. Veröffentlichung noch einige Notizen in Bezug auf die Richtig st ellung der Personalien des Herrn K. H. (Hentschke) geben: Fraglicher Herr studirte früher zu Königsberg und Berlin 6 Semester altclassische Philologie, kam im Anfänge dieses Wintersemesters nach Gießen und ließ sich als stud. med. vet. immatrikuliren. Da der Herr aber weder veterinärmedicinische Vorlesungen noch Curse besuchte resp. belegt hatte, wurde er aus der Liste


