Ausgabe 
10.4.1890 Zweites Blatt
 
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Herr Wilhelm ^iekenlmeh.

der zur Zeit in Gießen für den Reichstag candidirt, geberdet sich sehr entrüstet Über die Aufdeckung seiner persöntichenWeziehungen in Berlin. Ohne ein Freund des persönlichen Kampfes zu sein, halte ich mich nun doch für verpflichtet, auch eine Thatsache zu erwähnen, welche geeignet ist. die Fähigkeiten des Herrn Pickenbach zur Bekämpfung des Wuchers in das gehörige Licht zu setzen-

Herr Pickenbach hat einem älteren Herrn, Dr. Z. in Berlin, vor einiger Zeit ein Darlehen auf Hypothek von einem Herrn G. vermittelt. Herr G. erhielt eine Hypothek auf 5000 Mk, dafür wurden aber nur 4000 Alk. baar gegeben, das Uebrige (1000 Mk.) wurde Herrn Dr. Z. alsVergütung für den Darleiher" abgezogen. Aber auch diese 4000 Mk. kamen nicht in die Hand des Herrn Dr. Z., sondern Herr Pickenbach bat sich hiervon 1500 Mk. leihweise für sich aus und gab Herrn Dr. Z. nur 2500 Mk. Für die 1500 Mk. stellte Herr Pickenbach Herrn Dr. Z. Wechsel aus, wovon er 650 Mk. später einlöste, die weiteren 850 Mk. aber überhaupt nicht bezahlte, sondern sie auf Anfordern des Herrn Dr. Z. in den letzten MonatenZmit dem Vorgeben zu zahlen ver­weigerte, daß er die «50 Mk. als Provision beanspruche,gtüeil er Herrn Dr. Z. mit dem Geldgeber G. bekannt gcmacht^habe.z

Das Bekenntniß dieses Sachverhaltes, wonach Herr Dr. Z. also für feine Hypothek von ->000 Mtk. nur 3150^Mk. erhalten hat, wobei noch zu beachten ist, daß Herr Dr. Z. sich in einer Nothlage befand, geht deutlich hervor aus folgendem mir im Originale vorliegenden Briefe des Herrn W. Pickenbach an Herrn Dr. Z..

Berlin, W., be<31. 10. 1889.

Geehrter Herrfl

Es ist mir überaus peinlich,'.daß Sie annehmen, ich sei Ihr Schuldner.

Wie Sie sich erinnern werden, gab Herr <5. damals gegen 3000 Mk. Hypothek aOOO Mk baar und erhielten Sie davon 2500 und ich 1300 Mk.

Von diesen 1500 Mk. zahlte ich zurück 650 Mk., so daß «och 850 Mk. bliebe«.

Nun ist es mir aber bekannt, daß Sic dauernd mit Herrn G. Geschäfte gemacht haben. Kür RachweiS des Geldgebers konnte ich aber eine Provision beanspruche«. Ich glaube wohl, daß Sie mir in meiner be­drängten Lage als Vergütung für de« Nachweis meine Schuld (von 850 Mk.» erlassen und mir den Wechsel, der noch in Ihren Händen, gütigst zurücksenden.

Sie werden sicher diesen meinen Wunsch erfüllen, wenn Sie bedenken, welche großen Nachtheile ich hatte durch öffentliches Ausbieten jener Wechsel. Wir hatten ausdrücklich ausgemacht, daß Sie diese Wechsel nicht ausgeben sollten. Wohl vo« der Roth gedrängt, hatten Sie dieselben aber fortgegeben, und wurde noch vor Fälligkeit in öffentlichen Verfammlungen damit nicht nur Mißbrauch getrieben, nein, auch ich wurde in der Presfe des Wuchers bezichtet. Mein Credit wuche völlig dadurch vernichtet, Abschlüsfe, die bevorstandcn und mir großen Gewinn gebracht hätten, unmöglich gemacht.

Mit vorzüglicher Hochachtung

Wilhelm Rickenbach,

Krausenstraße 52

Hof 2V2 Treppe.

Der Mann, der in diesem Briese selbst eingeftcht, daß er einem von Roth gc- dränaten Geldbedürstigen auf 5000 Mk. Hypothek 4000 Mk. verschafft und ihm hieran nochmals 850 Mk. abgezogen habe, empfiehlt fich nun dem Wahlkreise Gießen als Spezialist für die Bekämpfung des Wuchers.

Marburg, den 6. April 1890.

Dr. Edmund Stengel,

Professor.

Sntt« röTftof. Dr (Ebn:. St-ng-i m Marburg. - Druck d-r BrühNchcn Druckern ,Fr. Lhr. Pi-Vch) in «Sichen.