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Rr. 34. Zweites Blatt. Sonntag den 9. Februar

1890

Gießener Anzeiger

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2lmtlid?cr Theil.

Bekanntmachung, die Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft zur @nb wäfferung der Fluren VI, VII und VIII der Gemarkung Dorf-Gill betreffend.

Nachdem zur Ausführung einer Entwässerung der Fluren VI, VII und VIII der Gemarkung Dorf-Glll An­trag auf Bildung einer Waffergenoffenschaft gestellt worden ist und die Großh. Obere landwirthschaftliche Behörde als fachliche Centralbehörde das beabsichtigte Unternehmen als zweckmäßig und zulässig erachtet und die Einleitung des Ver­fahrens zur Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft angeordnet hat, wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß ge­bracht, daß die Vorarbeiten hierzu vom 10. bis 24. L M. aus dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Dorf-Gill zur Einsicht sämmtlicher Grundeigenthümer, deren Grundstücke in die zu verbeffernde Fläche fallen, offen liegen-

Gleichzeitig werden diese Grundeigenthümer zur Verhand­lung und Beschlußfassung, sowie zur Wahl ihrer Vertreter für das weitere Verfahren aus

Mittwoch, 26. Februar l. I Bormittags 16 Uhr, in das Gemeindehaus zu Dorf GM

vorgeladen unter Androhung des Rechtsnachtheils, daß die Nichterscheinenden sowie die Nichtabstimmenden als dem bean­tragten Unternehmen beistimmerid, mit der Wahl der Vertreter einverstanden angesehen und mit ihren Einwendungen gegen die Art der Ausführung später nicht mehr gehört werden.

Diejenigen Grundeigenthümer und Waffernutzungsberech- tigten, die an dem Unternehmen nicht unmittelbar betheiligt erscheinen, werden hiermit aufgesordert, etwaige Einsprachen gegen das Unternehmen in der vorerwähnten Tagsahrt geltend zu machen, widrigenfalls die Einsprachen nach Ablauf der Frist nicht mehr berücksichtigt würden und nur noch privatrechtliche Entschädigungsansprüche gegenüber dem Unternehmen geltend gemacht werden könnten.

Gießen, am 7. Februar 1890.

Großherzo-liches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Die kaiserlicher- Erlasse ?ur Arbeiterfrage.

Schon wiederholt hat Kaiser Wilhelm in nachdrücklicher und werkthätiger Weise ztl erkennen gegeben, wie sehr er entschlossen ist, das unter seinem kaiserlichen Großvater be- gonnene große Werk der sveialpolitischen Reformen mit allem Ernste sortzuführen und möglichst auszubauen, und nun be­

weisen zwei hochbedeutsame Kundgebungen des jugendlichen I Monarchen abermals, wie sehr ihm die Lösung des großen ; socialen Problems unseres Jahrhunderts andauernd am Herzen liegt. DerReichsanzeiger" veröffentlicht zwei vom 4. Fe­bruar datirte Cabinetsordres des Kaisers an den Reichskanz­ler und resp. an den neuen preußischen Handelsminister und beide Erlasse, welche im engsten Zusammenhänge mit einander stehen, scheinen bestimmt zu sein, eine ganz neue Aera in den socialpolitischen Bestrebungen der Gegenwart zu eröffnen. Der an den Fürsten Bismarck gerichtete allerhöchste Erlaß bezieht sich auf die internationale Regelung der Arbeiterver­hältnisse, welche in den letzten Jahren bereits wiederholte Anläufe aufwies, und drückt die Entschlossenheit des Kaisers aus, die Lage der Arbeiter zu verbessern, soweit dies über­haupt in den Grenzen der Möglichkeit liege. Besonders hebt der Erlaß den Rückgang der heimischen Betriebe durch den Verlust des Absatzes im Auslande hervor, wodurch Unter­nehmer wie Arbeiter brotlos würden und betont, daß die einer Verbesserung der Lage unserer Arbeiter entgegenstehenden Schwierigkeiten nur auf dem Wege internationaler Verstän­digung beseitigt werden könnten. Der Reichskanzler wird daher beauftragt, die deutschen Vertreter in Frankreich, Eng­land, Belgien und der Schweiz zu einer amtlichen Anfrage an die betreffenden Negierungen zu veranlassen, ob dieselben geneigt seien, mit der deutschen Regierung in Verhandlungen einzutreten, inwieweit den bei den Ausständen der letzten Jahre und anderwärts hervorgetretenen Wünschen und Bedürfnissen der Arbeiter Rechnung getragen werden könne. Sobald von den Regierungen der genannten Länder im Princip eine Zu­stimmung erfolgt ist, soll der Reichskanzler die Cabinette aller an der Arbeiterfrage gleichen Antheil nehmenden Mächte zu einer Conferenz einladen, welcher die Berathung aller ein­schlägigen Fragen obliegen würde.

Hiermit ist endlich eine kräftige Anregung zur Anbahnung einer internationalen Regelung der Arbeiterfrage gegeben und wenn sich unser Kaiser zunächst an die Regierungen von Frank­reich, England, Belgien und der Schweiz wendet, so erklärt sich dies zur Genüge daraus, daß die genannten Lander neben Deutschland die bedeutendsten Industriestaaten Europas sind. Man darf wohl erwarten, daß sie der von Kaiser Wilhelm so hochherzig gegebenen Jnitiativerfolgen und im Verein mit den übrigen Staaten Europas die Hand zu einer gemeinsamen Regelung der Ärbeiterverhältnisse bieten werden, soweit eine solche auf internationalem Gebiete möglich ist. Daß aber Kaiser Wilhelm gewillt ist, daneben auch die innere Social- pvlitik immer weiter auszubauen, geht aus seinem an den preußischen Handelsminister v. Berlepsch gerichteten ferneren Erlasse hervor, welcher ein förmliches Programm für die weitere Gestaltung der Arbeiterfürsorge entwickelr. Der Erlaß spricht sich hauptsächlich für eine den Interessen der Arbeiter

Feuilleton.

Der Collega des Derrn Hradtmufikus.

Humoreske von Carl Cajsau.

(Fortsetzung.)

Frau Livia musterte den Fremden im Zwielicht des Flurs und fragte spitz: _

Doch nicht so ein hergelaufener Strolch wie der Badenser, he?"

Der Fremde zuckte die Achseln.

Weiß nicht, Madame!"

Aha, der Mensch hatte Sitten, er nannte sie Madame.

Was ist Er für ein Landsmann, he?"

Ein Norweger, Madame!"

Machte es nun der Titel oder die angeborene Gut- müthigkeit, Frau Livia schob den Fremden der Hinterstube zu und sagte:

Ach, du meine Güte, ein Norweger, die Brod, von Birkenrinde essen! Nun, da wunderts mich nicht, daß Er auf der Landstraße herumläust! Nun, so setze Er sich und esse Er sich satt!"

Um einen sauber gedeckten Tisch saßen bereits vier junge Leute, zwei Lehrlinge noch im halben Knabenalter, ein Ge­hilfe und der Sohn des Hauses, ein junger, hübscher Mensch von etwa 22 Jahren.

Der Fremde nahm wirklich Platz, mit gutem Appetit die Mehlsuppe und ein Butterbrod mit Ziegenkäse nebst frischen Radieschen, wozu ihm Frau Livia noch ein großes Glas kräftigen, braunen Bieres aufnöthigte.

Er sich nur satt," sagte sie gutmüthig,vor morgen früh bekommt Er nichts wieder!"

Jetzt waren alle satt. Man wünschte sich gesegnete Mahlzeit, die Jungen gingen, der Sohn und der Gehilfe griffen zur Pfeife, Herr Kilian aber brachte einen Zinnteller voll Tabak und Kalkpfeifen und sagte schmunzelnd:

Nun rauche Er sich eins, Herr Collega!"

Der Fremde griff zu und Alle gingen in den großen Garten, der bis an die Wiesen stieß.

Daß Du mir nicht nach der Minna drüben lugst, Lebrecht!" warnte dabei Herr Kilian feinen Sohn, und wieder wanderten alle Vier dampfend zwischen den Beeten aus und ab.

Was spielt Ihr denn, Herr Zingst?" fragte der Fremde.

Was ich spiele? Trompete natürlich! Muß ja alle Morgen 10 Uhr den Choral vom Thurm blasen und bei Hochzeiten extra. Habe aber auch Basso, Violoncello und Clarinetto in meiner Gewalt."

Und der junge Gehilfe dort?" srug der fremde Musikus.

Bläßt Tromba und spielt Viola!"

Hm! Und erste Geige?"

Spielt der Musje Sausewind hier!" Dabei zeigte er auf Lebrecht, seinen Sohn.Kann was Ordentliches, der Junge! Möchte gern, daß er nach dem Conserva Conservatorium ginge, aber 's Geld fehlt- auch guckt mir der Bengel schon zu viel nach des Cantors Minna drüben."

Ist sie brav?"

Und ob, Herr!" nahm hier Lebrecht das Wort.Ein braveres Mädchen gibts nicht weit und breit."

Nun, so laßt ihn doch um sie freien."

Herr Kilian stand still und sah den Collegen groß an, dann sagte er wichtig:

Was denkt er doch, Herr Collega? Mit Verlaub! Der Junge ist noch zu jung zum Heirathen. Außerdem solls

entsprechende Regelung der Zeitdauer der Arbeit durch den Staat und für Einsetzung von Arbeiterausschüfsen aus, welche die Arbeiter in gemeinsamen Angelegenheiten gegenüber den Arbeitgebern zu vertreten hätten und zugleich zu Verhand- lungei? mit Organen der Regierung befähigt wären. Weiter drückt der Erlaß den Wunsch des Kaisers aus, die staatlichen Bergwerke zu Musteranstalten entwickelt und auch bei den Privatbergwerken Verbesserungen eingeführt zu sehen. Zur Vorberathnng aller dieser Fragen soll der preußische Staats­rath unter Hinzuziehung sachkundiger Personen zusammen­treten.

Auch diese kaiserliche Kundgebung eröffnet einen ganz neuen und wichtigen Abschnitt in unserer Socialpolitik und Herr v. Berlepsch, der nunmehrige Chef des preußischen Handelsministeriums, wird in erster Linie die ebenso schwie­rige wie ehrenvolle Aufgabe haben, die Wünsche seines kaiser­lichen Herrn in die Praxis umzusetzen. Sie zielen, wie auch die Ordre an den Reichskanzler, auf die Herstellung einer weitgehenden Arbeiterschutzgesetzgebung und mit dieser würde das socialpolitische Vermächtniß Kaiser Wilhelms I. in er­hebendster Weise zur vollkommenen Ausführung gelangen. Inwiefern die kaiserlichen Erlasse angesichts der bevorstehenden Wahlen auf die deutsche Arbeiterschaft einwirken werden, muß noch dahingestellt bleiben, jedenfalls werden sie aber früher oder später in ihrer Erfüllung das ihrige zur Er­haltung des socialen Friedens in unserem Vaterlande bei­tragen.

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Gießen, 8. Februar.

Sitzung der Stadtverordneten vom 6. Februar. (Schluß.) Zu dem zur Ergänzung der Schlachthausordnung vor einiger Zeit in der Stadtverordneten-Versammlung an­genommenen Reglement, betreffend das Schlachtwesen, sind von Großh. Kreisamt zwei Ausstellungen gemacht worden, deren eine sich auf präcifere Feststellung der beim Verwiegen von geschlachtetem Kleinvieh les kommt nach neuerer Fest­setzung ein Procent vom Gewicht in Abzug, wenn Vieh inner­halb der ersten fünf Stunden nach dem Tödten verwogen wird) in Betracht kommenden Gewichtsgrenze bezieht, die andere eine Entscheidung über die Zulässigkeit der Verwendung von Rinderblut zur Wurstfabrikation für geboten erscheinen läßt. Die Versammlung erklärt sich damit einverstanden, daß in der Verwendung von Rinderblut zur Wurstbereitnng eine Ein­schränkung nicht stattfinden soll, da nach maßgeblichen Aeuße- rungen durch die Verwendung von Rinderblut die Wurst weder schädlich noch minderwerthig wird. Weiter hat die Metzger­innung einige Abänderungen zur Schlachthausordnung selbst wie zu den Bestimmungen über das Schlachtwesen beantragt.

ihm" er guckte nach dem Hause, ob ihn Frau Livia auch nicht hörenicht so gehen wie mir. Zwar ist mein Livchen ein ganz charmantes Weibchen, aber kurz na, Er versteht mich schon! Also Er geigt auch?"

Ja, wie ich gesagt habe, was das tägliche Brod so fordert."

Da soll ja jetzt Einer überall hier herumreisen, der sich Ole Bull nennt; der solls Geigen trefflich verstehen! Der müßte meinen Lebrecht einmal hören und in die Lehre nehmen."

Der Fremde lachte und sagte:

Kennt Ihr denn Ole Bull nicht?"

Wie sollten wir? Hierher kommt er nicht, Giersberg ist ihm zu klein; er soll nämlich sehr genau mit den Groschen sein!"

So? Ei, ei! Aber wie wärs zwischen uns mit einem Quartetto? Ihr spielt Cello, Euer Gehilfe, wie heißt Ihr, Many?"

Tittl, Herr!"

Gut! .Tittl spielt Viola, ich zweite Geige und Herr Lebrecht erste Geige! Hier in der Laube ifts herrlich, da klingts gewiß gut."

Bravo! Das ist recht!" ließ sich hier Frau Livia ver­nehmen.Er ist keiner von den Faulen. Er hat Lust und Liebe zur Musika. Wie heißt Er denn?"

Ich? Ich heiße Bornemann!"

Hörst Du, Kilian ?" fuhr nun Fran Livia fort,Herr Bornemann wünscht ein Quartetto in der Laube! Dörk, dic Pulte; Zwengel, die Instrumente! In der That, hier ist schon manches schöne Quartetto abgelassen worden!"

Die beiden Lehrlinge Dörk und Zwengel brachten schon die Pulte, die Windlichter zum Anschrauben, die Noten und