was damit gesagt sein soll,, sondern auch, soweit wir verstehen, völlig unwahr. Der Pastor Manders wird ganz im Gegentheil als ein durchaus ehrenwerther Mann von großer Energie und Strenge dargestellt. Nur hält der Dichter die Ideale, deren Dienst Manders seine kraftvolle Persönlichkeit weiht, nicht für die richtigen. Was der Herr Einsender sodann mit seinem Jammer über die angeblichen Pikanterien will, ist ganz unersichtlich. Dachte er an die Schlußscene des ersten Actes oder woran? Mit demselben Rechte, wie bei den Gespenstern könnte man auch bei Goethes „Faust" oder Schillers „Don Carlos" ein hochmoralisches Gruseln bekommen. Oder sollte der Verfasser am Ende gar zu jenen seltsamen Schwärmern gehören, die die „heidnischen" Werke Schillers und Goethes am liebsten verbrennen? Wir können ehrlich versichern, Ibsens Gespenster greifen zwar mit fester Hand in ein — gleichgültig ob wirkliches oder blos eingebildetes — Wespennest, aber eine Verletzung der Decenz, ein Ueber- schrciten noch erlaubter Grenzen findet nirgend statt. Jede Frau und jedes Mädchen kann unbedenklich das Stück genießen. Was darin solches Aufsehen erregte, war einzig die Thatsache, daß zum ersten Male ein Dichter freiere Lebens- aufiassungen von der Bühne herab verkündete. Längst ist das voreilige Verbot in Stettin wieder aufgehoben, in Berlin hat unseres Wissens ein solches nie bestanden. Man mag die Anschauungen Ibsens theilen oder befehden, gleichviel: zugestehen wird ihm jeder nicht Voreingenommene, daß er seinen Standpunkt mit genialer dichterischer Kraft gewahrt hat, und sein Drama aus jeden cmpfindungssähigen und denkenden Menschen einen ganz gewaltigen Eindruck nicht verfehlen kann.
k. Theater. Mit Rücksicht auf die Erwiderung in Sachen der „Gespenster" muß sich unsere Besprechung der Dienstagvorstellung auf das Nöthigste beschränken. Hervorheben wollen wir, daß die „Starken Mittel" von Rosen ein famoser Schwank sind, bei dem man aus dem Lachen nicht herauskommt und daß eine zweite Aufführung um so dankenswerther wäre, als die erste, entsetzlich schwach besucht, wieder eine Verlustvorstellung für die Direktion war. — Frau Anni Reiners stattete ihre Rolle wiederum mit der ihr eigenen unvergleichlichen Grazie, Anmuth und Innigkeit aus. Je schwerer es ist, neben einer solchen Partnerin zu bestehen, um so größer ist das Lob für Herrn von Gallas, wenn wir ihm das Zeugniß geben, daß er mit weltmännischer Laune und Gewandtheit seine Partie spielt und den Lustspielton ausgezeichnet traf. Herrn Director Reiners freuten wir uns wieder einmal als Pampers in einer seiner Eigenart am meisten entsprechenden Rolle zu sehen — als gemächlicher alter Herr — wo er schlechterdings, wie sich auch gestern wieder bewährte, keinen Rivalen zu scheuen braucht. Auch seine Braut, Frau Jaskowski, veranlaßte als schmachtende alte Jungfer große Heiterkeit und wohlverdienten Beifall. Als Franz hätte Herr Ullrich mehr aus sich herausgehen können, während das sonst anerkennenswerthe Spiel von Fräulein Neuschilling etwas unter einer Indisposition der Dame litt. Eine sehr achtbare und tüchtige Leistung war der Mohrmann des Herrn Jaskowski, indessen Fräulein Maas sich diesmal noch nicht recht mit der Rolle seiner Frau abfand. Sehr nett wurde die kleine Rolle der Karoline, und völlig befriedigend diejenige des Ballcommissärs (Herr Frank) gespielt.
— Werthsendungen an Vorschußvereine und sonstige Genossenschaften, bei denen die Adresse nichts vollständig ist, z. B. der in Folge des neuen Genossenschafts-Gesetzes vorgeschriebene Zusatz: „Mit unbeschränkter Haftpflicht" fehlt, sollen von jetzt ab von der Post als unbestellbar behandelt werden und ist deßhalb genaueste Aufschrift erforderlich.
* Lollar, 8. Januar. Von 560 auf der Buderus'schen Main-Weser-Hütte hier beschäftigten Arbeitern sind z. Zt. 140 an der Influenza erkrankt.
* Lauterbach, 6. Januar. An der Influenza liegen gegenwärtig sowohl in Lauterbach als auch in den umliegenden Dörfern eine große Anzahl Personen erkrankt darnieder. Mit Ausnahme einiger sehr schwerer Erkrankungen nimmt die Erscheinung einen gutartigen Verlauf, so daß die Patienten nach einigen Tagen wieder hergestellt sind. — In dem benachbarten Alsfeld ist die Influenza in bösartigerer Weise als in Lauterbach aufgetreten, zu einigen Erkrankungen gesellte sich noch die Lungenentzündung oder Rippenfellentzündung- es sollen bereits mehrere Todesfälle daselbst vorgekommen sein.
* Lauterbach, 6. Januar. Gestern Morgen schwebte der um 10 Vormittags von hier nach Alsfeld abgehende Zug in
Gefahr der Entgleisung. Es war in der Nähe von Altenburg bei Alsfeld eine Schiene gebrochen. Durch rechtzeitiges Warnen des Locomotivsührers von dem dort stationirten Bahnwärter konnte der Zug vor der gefährlichen Stelle zum Stehen gebracht werden. Langsam fuhr der Zug über die gefährliche Stelle und kam mit einigen Minuten Verspätung in Alsfeld an. Eine neue Schiene wurde am Nachmitttag wieder eingelegt. L. Anz.
vermischtes.
* Frankfurt a. M., 8. Januar. Zum Raubmord Elsner. An die alten Eltern des im Stadtwald ermordeten H. Elsner, der unverheirathet war, ist von der Unfall - Versicherungsgesellschaft „Zürich", obgleich die gerichtliche Untersuchung der Sache noch nicht beendigt ist, die Versicherungssumme von 10000 Mk. ausgezahlt worden. Als Elsner die Prämienquittung beim letzten Fälligkeitstermin vorgelegt wurde, weigerte er die Zahlung mit dem Bemerken, er habe die Versicherung nicht nöthig, da sein Beruf (Bureaubeamter) keine Gefahr einschließe. Die zuständige Generalagentur bestand jedoch ans Zahlung und wurde solche auch nach einigem Widerstreben geleistet.
* Berlin, 3. Januar. Die überseeische Auswanderung aus dem Deutschen Reich über deutsche Häfen, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam betrug im Monat November 1889 5622 und in der Zeit von Anfang Januar bis Ende November 1889: 87 395 Köpfe - von letzteren kamen aus der Provinz Posen 9989, Westpreußen 9716, Bayern rechts des Rheins 8198, Pommern 7423, Hannover 6602, Württemberg 5512, Schleswig-Holstein 4511, Brandenburg mit Berlin 3983, Rheinland 3740, Baden 3510, Hessen- Nassau 2890, Königreich Sachsen 2247, Pfalz 2158, Ostpreußen 1952, Großherzogthum Hessen 1929, Westfalen 1900, Schlesien 1858, Hamburg 1668, Provinz Sachsen 1352, Mecklenburg-Schwerin 1214, Großherzogthum Oldenburg 1192 u. s. w. Im gleichen Zeiträume der Vorjahre wanderten aus:
Monat November
Monate Januar-November
1888 6108
95 819
1887 6691
97 247
1886 6140
76981
1885 4889
104920
* Neubrandenburg, 31. December. Dem Apotheker des Städtchens W. bei Neubrandenburg ist eine überraschende Weihnachtsfreude bereitet worden. Derselbe pflegte seine Mußestunden mit Experimentiren und der Herstellung chemischer Präparate auszufüllen und hatte ein neues Rattengift erfunden. Um die Wirksamkeit seiner Erfindung an lebenden Thieren zu erproben, hatte er in dem Wochenblatt des Städtchens eine Bekanntmachung des Inhalts erlassen, daß er für lebende Ratten ä 10 Pf. bezahle. Am Weihnachtsheiligabend kommt nun der Knecht einer benachbarten Mahlmühle mit einem Sack aus dem Rücken nach der Apotheke und erklärt: „Se willen ja woll Ratten köpen, ick habe acht Stück schöne grote Woterratten hier." Entsetzt springt der Apotheker ob dieses Maffenangebots zurück und verweigert schreckensbleich die Abnahme der offerirten Wäare. Mit größter Seelenruhe nimmt unser Knecht den Sack mit der langgeschwänzten Waare von den Schultern und mir den Worten: „Na, denn sollen Sie sie umsünst hebben", schüttet er den Inhalt aus und verschwindet aus der Apotheke. Die geschwänzten Nager sausen in wahnwitzigen Sprüngen über Flaschen und Kruken dahin, eine entsetzliche Verwüstung unter denselben anrichtend.
* Mannheim, 6. Januar. Sämmtljche Schulen wurden in Folge der Influenza geschloffen. Es sollen hier gegen 10,000 Personen an derselben erkrankt sei.
* Speyer, 2. Januar. Ein junger, erst seit kurzer Zeit hier wohnender Zuschneider stellte seiner Gemahlin und verschiedenen hiesigen Geschäftsleuten aus eine ergötzliche Art ein Prosit Neujahr zu. Bei Zurückkunft der Frau aus der Kirche sand sie in dem Kleiderschranke ihres Gemahls nur noch einen alten Rock, in dessen Tasche ein Briefchen folgenden Inhalts:
„Du warst meine erste Liebe, Und sollst meine letzte sein! Du hast mich fortgetrieben, Drum komm ich riebt mehr heim." Seinen Monatsgehalt hatte er kurz vorher erhoben und hinterläßt nur noch eine weinende Gattin, sowie eine zahlreiche Menge tiestrauernder Gläubiger.
* Newyork, 1. Januar. Mißlungene Löschprobe. Die Feuerwehr von Havana veranstaltete kürzlich eine Wohlthätigkcitsvorstellung. Es war ein hölzernes Gebäude gezimmert, welches ein brennendes Haus darstellen sollte. Das Holzwerk stand in vollen Flammen, die Feuerwehrleute hatten schon Leitern und Schläuche angesetzt, als plötzlich das Wasser ausblieb. Einige Feuerwehrleute erlitten schwere Verletzungen, andere mußten von der Höhe herabspringen und brachen Arme und Beine. Im Ganzen erlitten 23 Feuerwehrleute Brand- und andere Wunden und 3 sind seitdem gestorben.
Eingesandt.
„Mer hawe Schulde genung!" Je mehr Einsender sich über den Idealismus der jetzigen Besitzer des Schüler'schen Gartens gefreut hat, Gießen einen ähnlichen Tempel der Kunst, wie ihn Worms jetzt besitzt, zu verschaffen, um so betrübender ist es, daß dieser Idealismus, wie es scheint, noch so wenig Verständnttz findet. Einsender hat Gelegenheit gehabt, die Ansicht eines wohlsitutrten Bürgers zu hören, der sich so äußerle: „Mer hawe Schulde genung, die Vornehme und die Reiche ziehe aus der Stadt in die neue Straße, die Häuser in der Stadt bringe für uns und unsere Kinner weniger in, die Mtethe sinke und die Steuern steige, daaS gtht nett!" Wir wissen nicht, ob und wie viel solche Erwägungen bei den maßgebenden Instanzen sich geltend machen werden, geben aber darum die Hoffnung nicht auf, daß auch Gießen früher oder später dem Vorbilde von Darmstadt und Worms nachfolgen werde. In Darmstadt und noch mehr in Worms sind zur Realtsirung des schönen Gedankens von reichen Leuten große Opfer gebracht worden, in Worms soll ein reicher Kunstfreund dazu 100000 Mk. der Stadt geschenkt haben. Da nun unter den 30 jetzigen Besitzern des Schüler'schen Gartens sehr reiche Leute, man sagt Millionäre sind, so hoffen wir, da sie ja 15 Jahre das Verfügungsrecht sich Vorbehalten haben, daß sie, ehe sie die Realisirung ihres Planes scheitern lassen, der Stadt lieber den Platz schenken, ein Opfer, das von 30 gebracht, mit dem Idealismus in Darmstadt und Worms gar nicht zu vergleichen wäre, und jedenfalls — wenn die Stadt nicht schon für den Platz 60000 Mk. verwenden muß, die feste Grundlage für die Realisirung des schönen Gedankens herstellt. — Können die 30 Herren sich zu dem Idealismus nicht entschließen, dann dürfte aus dem schönen Project vorerst nichts werden, da auch imSchooße der Stavtoerordneien sich schwere Bedenken gegen Uebernahme der fragt. Besitzung geltend machen werden, zumal die Ansicht des frag!. Bürgers „Mer hawe Schulde genung", keine vereinzelte ist.
Citeratur r»nd Grinst.
— Als vor einigen Wochen die Notiz durch die Blätter ging, daß der bekannte engliche Romanschriststeller Wilkie Collins gestorben sei, wurde gleichzeitig bemerkt, daß der letzte, nahezu vollendete Roman desselben: „Blinde Liebe", durch andere Hand seinen Abschluß finden werde. Das Interesse der deutschen Leserwelt, welche viele Jahre hindurch den Schöpfungen des englischen Romanciers warmen AntheU entgegenbrachte, wird von Neuem wachgerufen werden durch die Mittheilung, daß der letzte Roman jetzt in einer deutschen Zeitschrift zum Abdruck kommt und später jedenfalls auch als Buch erscheint. Es ist nämlich der „Deutschen Verlags-Anstalt" in Stuttgart, die von jeher durch die Gediegenheit ihres belletristischen Verlags rühmlich bekannt ist, gelungen, das Uebersetzunasreckt für denselben zu erwerben. Der Roman wird zunächst in der ^Deutschen Romanbibliothek* (herausgegeben von Prof. Joseph Kürschner, redtglrt von Otto Baisch, Stuttgart, Deutsche Verlags Anstalt erscheinen, jener ebenso billigen als gediegenen Romanzeitung, die in der Fülle dessen, was sie bietet, bei dem unvergleichlich billigen Preis von nur 8 Mk. für den Jahrgang, von keiner anderen Zeitschrift übertroffen wird. — Was den Inhalt des Romans betrifft, so erhält er eine eigene characteriftische Färbung schon durch den Schauplatz, an dem er spielt: Irland mit seinen gährenden Elementen, die den ihren rebellischen Satzungen Widerstrebenden aus dem Hinterhalt mit meuchelmörderischer Kugel oder wohlgezieltem Dolchstoß bedrohen, ist ein Boden, auf dem die Dramatik gespannter Verhältnisse zu besonders erregendem Austrag gelangen muß. Gleich die ersten Kapitel des Romans versetzen uns mitten hinein in die geheimnißvoll drohenden Umtriebe, innerhalb deren wir die Persönlichkeiten, an die sich unser Interesse alsbald heftet, hin und her geworfen sehen. Insbesondere heftet es sich von Anfang an auch an den, dem die „blinde Liebe" der seltsam gearteten und eben durch ihre Seltsamkeit bestrickenden Heldin gilt, und der Umstand, daß er vielfach mehr noch hinter als vor den Coultssen agirt, macht ihn nur um so interessanter. Ohne Zweifel wird der Roman wie in England, so auch in Deutschland einer der gelsssensten des Jahres werden.
— Der Abschluß, welchen der Jahrgang 1889 der »Garten« laufre* mit den vorliegenden Nummern 51 und 52 erfährt, ist ein in jeder Beziehung würdiger und entspricht ganz dem wvhlthuenden Eindruck, den man das ganze Jahr über von diesem ältesten und verbreitetsten unserer deutschen Familienblätter gewann. Wie vieles in der „Gartenlaube" zusammenwirkt, diesen Eindruck hervorzurufen, ist bekannt, wir möchten heute nur auf die Erzählungen noch kurz Hinweisen. Daß die nachgelassene Novelle von Fanny Lewald „Eine Erscheinung" für die Leser eine angenehme Überraschung fein werde, das ließ sich bei der ausgedehnten Beliebtheit der Verfasserin wohl erwarten und es bleibt an dieser Stelle nur die Kunst des Fortsetzers zu loben, der es verstanden hat, sich in Stil und Plan der Verstorbenen so einzuleben, daß auch der aufmerksamste Leser sich vergeblich bemühen wird, die Fuge zu entdecken. — Aber auch die Blüthgen'sche Weihnachtserzählung „Ueberratdningen" ist eine erfreuliche Gabe, die wohl in manchem Hause das Ihrige dazu beigetragen i haben wird, die behagliche Stimmung der Weihnachtstage zu I erhöhen.
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