Nr. 7.
Donnerstag den 9. Januar
1890.
Der chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontogS.
Die Gießener IsnmirienvtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
ießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr. | ö v v-, \C
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
die Feldbereinigung in der Gemarkung Staufenberg betreffend.
Nachdem Großh. Kreisamt Gießen die Einleitung des Verfahrens der Feldbereinigung und der Anlage von Wegen in den Baumstücken in der Gemarkung Staufenberg beantragt hat, nachdem von der Großh Landescommission für Feldbereinigung das beantragte Verfahren als zulässig erachtet und der Unterzeichnete als Commeffar zur Leitung der Abstimmung bestellt worden ist, wird Tagfahrt zur Abstimmung über den gestellten Antrag auf
Mittwoch den 29. Januar 1890, Vormittags von 10 bis 12 Uhr itt das Gemeindehaus zu
Staufenberg
anberaumt und zu derselben die belheiligten Grundeigenthümer unter dem Rechtsnachtheil eingeladen, daß diejenigen, welche in dem Termin weder persönlich noch durch gehörig Bevollmächtigte abstimmen, als für den gestellten Antrag stimmend angesehen werden.
Gießen, am 7. Januar 1890.
Der zur Leitung der Abstimmung bestellte Commissär: Nebel, Amtmann-
Gießen, am 8. Januar 1890. Betr.: Statistik der Todesfälle.
Das
Großh. Kreis-Gesundheitsamt Gießen
an die Groüh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche die Todeszeugniffe und Sterbefallszählkarten noch nicht an uns eingeschickt haben, werden an die umgehende Einsendung derselben erinnert-
I- V-: Dr. Balser.
Das Gr. Steuer-Commisiariat Gießen
an die Gr, Ortsgerichts'Vorsteher des Bezirk L.
Wir ersuchen Sie um Rücksendung der bescheinigten Bau- und Cullur-Veränderungs-Verzeichnisse.
Gießen, den 7. Januar 1890.
Süffert.
Bekanntmachung,
die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig freimütigen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen betreffend.
Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig freiwilligen
Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch auf die nachfolgenden, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvollständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungs- Commission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogthum Hessen gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2) Die Berechtigung zum einjährig freiwilligen Dienst darf nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem der sich Meldende das 20. Lebensjahr vollendet.
Der Nachweis der Berechtigung zum einjährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahres zu erbringen-
3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein und ist hierzu ein Bogen in Actenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn die nähere Adresse angegeben wird.
4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a) Gebizrtszeugniß;
b) ein Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereitwilligkeit den Freiwilligen während einer einjährigen actioen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrig- keitli.ch zu bescheinigen;
c) ein Unbescholtenheitszeugniß, welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Realgymnasien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Realschulen , Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und den sonstigen militärberechtigten Lehranstalten) durch den Director dec Lehranstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit ooer ihre vorgesetzte Dienstbehörde auszustellen ist;
d) das Schulzeugniß.
Sodann wird noch besonders bemerkt:
Zu pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt fein muß.
Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugnisse für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach dem Schema 18 zur Wehr-Ordnung vom 22. November 1888 — Reg.-Bl. Nr. 5 von 1889 — ausgestellt sein müssen.
Im Uebrigen wird auf die Bestimmungen der §§ 88, 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen. Großh. PrüfungS - Commission für einjährig Freiwillige zu Darmstadt.
Der Vorsitzende: Dr. Zeller.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Corrcspondenz-Bureau.
Berlin 7. Januar. (Privatdepesche- gestern Abend per Extrablatt veröffentlicht.) Ihre Majestät die Kaiserin- Wittwe Augusta ist heute Nachmittag 4 Uhr 30 Min. verschieden.
(Kaiserin Augusta Marie Luise Katharine, ist geboren am 30. September 1811 zu Weimar als Tochter des Großherzogs Karl Friedrich von Sachsen-Weimar und dessen Gemahlin, ehem. Großfürstin Maria Paulawna von Rußland: sie vermählte sich am 11. Juni 1829 mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen, dem späteren König von Preußen und deutschen Kaiser Wilhelm I. Eine schon in der Jugend mit allen Gaben des Geistes und Vorzügen des Herzens ausgestattete Prinzessin, widmete sie sich während ihrer beinahe 60jährigen Ehe mit dem am 9. März 1888 aus dem Leben geschiedenen Kaiser Wilhelm einer segensreichen Thätigkeit für Zwecke der Wohlthätigkeit und der Pflege verwundeter und erkrankter Krieger. Ihr Lieblings-Aufenthalt war Koblenz, woselbst sic seit 1848 fast jeden Sommer residirte.)
Berlin, 7. Januar. In dem Zustande der Kaiserin Augusta war Mittags eine gewisse Ruhe eingetreten, weshalb die Mitglieder des Königshauses auf kurze Zeit das Palais verließen. Nachmittags waren das Kaiserpaar und sämmtliche Mitglieder des Königshauses wieder am Sterbebette versammelt. Die Kaiserin lag bereits von heute früh ab in Agonie und vermochte die ihr dargereichte Milch und kleine Eisstückchen nicht mehr bei sich zu behalten. Oberhofprediger Kögel befand sich bereits seit 3 Uhr Nachts am Krankenbett der Kaiserin. Mittags waren auch Moltke, Waldersee, Hausminister v. Wedell, Staatssecretär Bismarck und Herren aus der Umgebung des verstorbenen Kaisers Wilhelm im Palais erschienen.
Berlin, 7. Januar. Heute Abend 8 Uhr findet im Sterbezimmer der Kaiserin ein Tr au e r g o tt es d i en st statt, welchen Oberhosprediger Kögel abhalten wird. Das Kaiserpaar sowie sämmtliche Mitglieder des Königshauses werden demselben beiwohnen. Das Palais der Kaiserin war während des ganzen Tages, bis sich die Flagge auf Halbmast senkte, von einer theilnehmenden trauernden Volksmenge umstanden. Sämmtliche Theater haben geschlossen, die Stadt beginnt bereits Trauerschmuck anzulegen.
— Der „Reichsanzeiger" bringt anläßlich der Mittheilung vom Hinscheiden der Kaiserin Augusta, wodurch das kaiserliche und königliche Haus in die tiefste Trauer versetzt seien, einen Lebensabriß der Heimgegangenen. Der Nachruf schließt, indem der schweren Prüfungen gedacht wird, welche seit 1888 über sie verhängt waren: „Das Hinscheiden
Feuilleton.
Die rettende Schwitzcur.
Humoristische Erinnerung eines „alten Hauses".
(Fortsetzung.)
Das fiel uns aber natürlich nicht im Entferntesten ein und Schrulle, unser Senior — selbstverständlich war Schrulle nur der Corpsname unseres Hauptes — donnerte dem Kutscher zu:
„Mach, daß Du mit Deinem Kasten hier fortkommst, alte Nachteule, siehst Du nicht, daß Du deutschen Burschen den Weg versperrst?"
Aber Johann, oder wie der biedere Rosselenker sonst heißen mochte, schien diese freundliche Anrede gar nicht weiter zu beachten, daß er sie aber gehört, bekundete der ordentlich tückische Blick, den er unter seinen buschigen, grauen Augenbrauen hervor auf unseren würdigen Senior niedersandte, und Kater, unser zweiten Chargirter, der diesen Seitenblick bemerkt und seinem vollen Werthe nach würdigte, ries wüthend aus:
„Schrulle, zieh' doch dem Kerl mit der flachen Klinge ein paar über den Buckel, er scheint diese adhortatio sehr nöthig zu haben!"
„Nicht doch," wehrte ein Dritter der Commilitonen ab, „da weiß ich etwas Besseres. Will die Kutsche vor den Studenten nicht Platz machen, so nehmen diese ihren Weg einfach durch die Kutsche."
„Bravo, Max, bravo, der Einfall ist köstlich," jubelte der wilde Haufen dem Sprecher zu, „vorwärts, vorwärts, stürmt den Kutschenschlag!"
„Aber wer mag denn nur in diesem antediluvianischen
Bau stecken?" frug ein Vierter in ziemlich bedenklichem | Tone.
„Na, das werden wir gleich sehen!" rief Kater, sich । vordräugend und den Kutschenschlag öffnend- er warf einen i Blick hinein in das Innere, schloß dann den Schlag wieder und meinte, mit unterdrückter Stimme sich zu uns wendend:
„Hm, es sitzen ein paar alte dicke Damen d'rin, aufgedonnert wie die Pfingstochsen — schade, daß keine junge dabei ist!"
„O, da haben die Damen gleich was zu erzählen, wenn sie wieder nach Hause kommen, wie sie hier mit der würdigen Studentenschaft von X. Bekanntschaft geschlossen haben. Vor- wärts, meine Herren, die Cour beginnt?" entschied jetzt Schrulle, öffnete den Kutschenschlag von Neuem und stieg, in seinen Kanonenstiefeln, in der Rechten den Schläger, in der linken die lauge Pfeife, von der sich Schrulle überhaupt nur selten trennte, in die Kutfche hinein, während Johann oben auf dem Bocke ein erzdummes Gesicht machte und offenbar nicht wußte, wie er sich bei dem seltsamen Vorgänge verhalten sollte.
„Gu'n Morjen, meine Damen, sehr schönes Wetter heute", erklang drinnen die tiefe Bierbaßstimme unseres Seniors und gleich daraus stiefelte er auf der anderen Seite ebenso pomadig aus der Arche heraus, wie er hineingestiegen war. Natürlich folgte ihm die ganze Carona schleunigst nach, jeder machte vor den beiden Damen, welche vor Schreck und Entsetzen ganz wortlos und starr dasaßen, seine Referenz, begleitet von dem „Morjen"-Gruß, und fügte irgend eine Bemerkung hinzu, wie: „Der Kasten stammt wohl direct von Noah her", oder: „Ja, meine Damen, das Dasein verlangt oft Ungewöhnliches" und was dergleichen höchst geist reiche Redensarten mehr waren. Selbst die Corpshunde
Plnto und Styx hielten es für ihre Pflicht, den Weg durch die Kutsche mitzumachen und als die beiden Köter drinnen auf tauchten, schienen die beiden Insassinnen erst wieder Leben zu bekommen, denn die eine Dame kreischte laut auf, wobei mir die Stimme merkwürdig bekannt vorkam. Doch ich hatte keine Zeit, hierüber groß nachzudenken, ich war zufälliger Weise der Letzte in der Reihe, stieg ein und begrüßte natürlich die beiden Damen auch mit einem möglichst tiefgebrummten „Gu'n Morjen" und wollte mich eben zur anderen Seite hinausschwingen, als mein Blick aus die beiden Damen fiel und — o heiliger Gambrinus, wer beschreibt meinen Schreck — die eine derselben war meine liebwerthe Mama selber, eine Verwechslung konnte es gar nicht geben! Auch Mama starrte mich an, als ob sie einen Geist gesehen, indessen, hier galt es für mich, um keinen Preis die Fassung zu verlieren und eine ungemein gleichgiltige Miene heuchelnd, stieg ich zum anderen Kutschenschlag vollends hinaus. Kaum war ich aber draußen, als ich meinen Freunden zuraunte:
„Donnerwetter, Commilitonen, das ist ja meine Alte, die in dem verwünschten Kasten mit sitzt — das ist ein netter Reinfall! Schnell, rathet mir, helft mir, denn das wird eine gräuliche Epistel abgeben!"
Damit hatte ich nur zu Recht, denn so gut auch meine Frau Mama sonst war, für solche Streiche besaß sie absolut kein Verständniß und wenn sie dahinter kam, daß ich zu jener Rotte Korah gehört hatte, die den beiden Damen eine so merkwürdige Cour abgestattet, so konnte ich mich heilig darauf verlassen, daß sie den Vater so lange bearbeitete, bis er mich von X. abberief — dann ade, Du schönes Burschenleben! Uebrigens ging es mit sehr natürlichen Dingen zu, daß Mama so frühe schon in X. erschienen war. Wie ick) nachher von ihr selber erfuhr, war sie, nachdem sie wirklich zu dem


