Donnerstag den 8. Mai. Gietzener Anzeiger. Beilage zu Nr. 106. - 1890.
Feuilleton.
D ie Wohnungsfrage.
Eine Spatzengeschichte.
(Fortsetzung.)
Die Spatzen, die sich im Winter in der geschützten Wohnung häuslich niedergelassen hatten, wollten jetzt natürlich den aus der Fremde Heimgekehrten nicht gutwillig Platz machen.
Also auch in der Vogelwelt gibt es eine Wohnungs- srage!
Während mir dieser Gedanke durch den Kops schoß, machte das Schwalbenmännchen plötzlich einen Angriff auf das Nest. Die Spatzenfrau empfing es mit wüthenden Bissen und da auch Lude seiner Frau zu Hilfe kam, so mußte es bald der Uebermacht weichen und sich unverrichteter Sache zurückziehen. Die übrigen Spatzen hatten sich an dem Kampfe durch ein wüstes Geschrei betheiligt, mit dem sie die Schwalben einzuschüchtern suchten.
Nach einigen Kreuz- und Querflügen ließ sich das Schwalbenmännchen wieder auf seinen alten Platz nieder und begann mit seiner Frau eine eifrige Unterhaltung, wobei es jedoch keinen Blick von dem Nest abwandte, in dem sich die Spätzin, ihres Sieges froh, möglichst breit machte.
Lude war wieder auf den Apfelbaum geflogen und wurde dort mit lautem Beisalljubel empfangen. Noch halb außer Athem, begann er wieder zu reden, konnte sich jedoch bei dem allgemeinen Geschrei nicht verständlich machen.
Da gebot der alte Philipp mit lauter Stimme Ruhe.
„Haltet doch endlich 'n Mal eure unjewasckenen Schnäbel, man kann ja vor lauter Radau keene Silbe verstehn." -t
Wie sonderbar, der Spatz sprach in unverfälschtem Berliner Dialect.
Es trat einige Ruhe ein und nun konnte Lude sein Spatzenherz erleichtern und seinem Grolle Luft machen.
„Ne, so was?" begann er, „Philipp, was sagst Du zu solcher Frechheit?" .
„Tschilp!" antwortete dieser bedächtig, — ich habe mich vergeblich bemüht, den Sinn dieses jedenfalls hochbedeutsamen Wortes zu ergründen.
Lude fuhr fort: „Meint etwa das hochnäsige Pack, weil es in seidenen Fracks und weißen Westen einherstolzirt, es könnte uns so ohne Weiteres aus dem Hause jagen? Denken denn die dummen Kerls, wir würden, nachdem wir den ganzen Winter über das Nest trocken gewohnt haben, ihnen mit einem „Gehorsamen Diener" Platz machen? Das wäre noch schöner! Ich habe mich im vorigen Herbste der herrenlosen Wohnung angenommen, wenn ich sie nicht ausgebessert hätte, wäre sie schon längst zerfallen, dadurch habe ich ein Recht an dem Nest erworben. Wenn die Leute früher darin gewohnt haben, wie sie behaupten, was geht das mich an- da könnte Jeder kommen und sagen, ich solle ausziehen. Soll denn der kleine Mann solch großspurigen Protzen gegen- | über niemals zu seinem Recht kommen? Wozu haben wir denn die Polizei? Die müßte doch —"
„Setze Dir man nich uf's hohe Pferd", unterbrach Philipp ihn, „Du sollst doch von alleene wissen, daß et mit Deinem sojenannten Recht man höchst fadenscheinig aussieht. Sprich um Alles in der Welt nich von die heilige Hermandad, denn wenn die Wind von die Jeschichte hätte, säßest Du schon längst draußen. Det Nest jehört nu mal den Mückenjägern da drüben. Die reiche Bande kann et sich schon erlooben, im Winter 'ne Badereise nach'n Süden zu machen und derweilen ihre Etage leer stehen zu lassen. Unser eener kann det nich, det is wieder die olle Jeschichte von die Unjerechtig- keit in die Vertheilung von die Jlücksjüter. Mit Reden richtest Du gegen die Sorte nischt aus, handeln mußte. Weeßte nich, was dat Recht des Stärkeren is? Du, so 'n kräftiger Kerl, wirst doch wohl gegen die dämlichen Langschwänze uf- kommen können. Noch sitzt ihr in 't Nest. Deine Olle hat ja noch eben jezeigt, daß se sich nich so mich nix Dich nix an die Luft setzen läßt. Vertheidige Dir und wenn Du alleene nicht fertig wirst, so sind wir ooch noch da. Mein Rechtsgrundsatz ist immer jewesen: Nimm so viel Du kriegen kannst und was Du mal hast, dat gib nich wieder 'raus. Damit bin ich immer jut wegjekommen; dem Dreisten gehört die Welt!"
Diese echte Gaunerrede wurde mit lautem Beifall ausgenommen, der bewies, wie mangelhaft das Rechtsgefühl bei den Spatzen entwickelt ist.
Die Schwalben aus dem Dache hatten sich inzwischen auf einen neuen Angriff vorbereitet. Aus ein Zeichen des
Männchens flogen beide aus das Nest zu, klammerten sich an demselben fest und bissen auf die Spatzenfrau ein, die Anfangs in große Bedrängniß kam.
Aber Lude eilte ihr zu Hilfe und außerdem fielen mehrere andere Spatzen die Angreifer im Rücken an; so entspann sich denn ein äußerst hitziger Kampf, bei dem die Federn nur so in der Lust umherflogen. Trotz der Uebermacht der Gegner schienen die Schwalben entschlossen zu sein, ihr Eigenthum um jeden Preis wieder zu erobern.
Mit Spannung verfolgte ich den Kampf. Zu meiner großen Genugthung neigte sich der Sieg auf die Seite der gerechten Sache. Die Spatzensrau war flügellahm gebissen und flatterte mit lautem Wehegeschrei aus dem Neste auf den nächsten Baum; auch Ludes Kräfte ließen nach. Es war also die beste Aussicht vorhanden, daß die Schwalben zu ihrem Recht gelangen würden.
Doch es sollte ganz anders kommen.
Während der Kampf noch im vollen Gange war, öffnete sich plötzlich die Thür des Nachbarhauses, und der Besitzer, ein alter Griesgram, in Schlafrock unb Filzpantoffeln, trat, gefolgt von seiner Frau, in den Garten. Er schalt über die theure und schlechte Bestellung der Beete und sonst noch über alles Mögliche; seine Frau hörte ihn geduldig an. Auf einmal schaute er, durch das Geschrei der streitenden Vögel aufmerksam gemacht, zu dem Neste empor.
„Widerliches Vogelgekreisch!" rief er, „na, warte, id) werde dem Streit bald ein Ende machen. Das Nest ist mir schon lange ein Dorn im Auge gewesen." Mit diesen Worten ging er in das Nebenhaus und holte eine lange Stange daraus hervor.
„Was willst Du thun?" fragte ihn seine Frau.
„Das Nest entfernen," brummte er.
„Das Schwalbennest? Nein, Mann, das darsst Du nicht," bat die Frau, „die kleinen Thierchen bringen dem Hause, an welchem sie nisten, Glück. Laß sie gewähren, ich bitte Dich!" ,
„Schwatz doch kein dummes Zeug von Glück bringen! Schmutz bringen sie. Meinst Du, ich hätte das Haus umsonst neu anstreichen lassen? Fort mit dem Dreckzeug!"
(Schluß folgt.)
Deutsches Reich.
Berlin, 5? Mai. Dem Abgeordnetenhause ging der Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Schulpflicht, zu. Nach demselben beginnt die Schulpflicht mit dem vollendeten sechsten und endet mit dem vollendeten vierzehnten Lebensjahre. Für unbegründete Schulversäumniß der Kinder ist den Eltern oder deren Stellvertreter eine Strafe von 10 Pf. bis 1 Mk., bezw. Haft von drei Stunden bis einen Tag — für jeden Tag angedroht. Arbeitgeber, welche schulpflichtige Kinder während der Unterrichtsstunden beschäftigen, werden mit Geldstrafe von 1 bis 150 Mk. oder Haft bis zu 14 Tagen bestraft.
Berlin, 6. Mai. Der Gesetzentwurf, betreffend die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres, lautet: _
8 1. Die Friedenspräsenzstärke des deutschen Heeres wird für die Zeit vom 1. October 1890 bis 31. März 1894 auf 486,983 Mann sestgestellt. (Das ist eine Vermehrung um 18,574 Mann). Die Einjährig-Freiwilligen kommen auf die Friedenspräsenzstärke nicht in Anrechnung.
§ 2. Vom 1. October 1890 ab werden die Infanterie in 538 Bataillone, die Eavallerie in 465 Eskadrons, die Feldartillerie in 434 Batterien, die Fußartillerie in 31 Bataillone, die Pioniere in 20 Bataillone, der Train in 21 21 Bataillone formtet.
Vermischtes.
* Aus Rheinhessen, 2. Mai. Die Maikäfer treten dieses Jahr in unserer Gegend massenhaft auf und richten einen großen Schaden am jungen Grün, namentlich auch an
den Obstbäumen an. Noch größerer Schaden ist in folgenden Jahren durch die Engerlinge zu erwarten, wenn nicht bei Zeiten vorgebeugt wird. Die Kreisämter fordern deßhalb die ihnen unterstellten Bürgermeistereien auf, für das Einsammeln und Äbliefern der Käfer Geldpreise auszusetzen, indem sie zugleich darauf Hinweisen, daß die Käser als Düngmittel oder Hühnerfutter nutzbringende Verwendung finden können. Die Tödtung muß aber so geschehen, daß die Eier nicht lebensfähig bleiben.
— Aus ungewöhnliche Art hat in der Strafanstalt zu Gr au d en z ein wegen Brandstiftung zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilter Verbrecher seinem Leben ein Ende gemacht. Er verschluckte nach und nach mehr als 2 Pfund Löthzinn und starb an dieser unverdaulichen Speise.
* Wilna, 4. Mai. Ueber die Kindesmorde bringen die „Nowosti" folgende nähere Mittheilungen: Trotzdem im sogenannten Neuwelt - Stadttheile Wilnas ziemlich häufig Kinderleichen, die Spuren eines gewaltsamen Todes trugen, auf den Straßen und in Senkgruben aufgesunden worden waren, war es doch Niemanden in den Sinn gekommen, daß hier der Mord im Großen betrieben werde. Ein Zufall enthüllte, wie in Warschau, das Geheimniß. Im Hause Bankowskij, am Nowgorodschen Perenlok, wurde eine Reinigung der Retiraden vorgenommen. Die Arbeiter stießen auf den Leichnam eines Kindes, welcher auch sofort heraus- besördert wurde. An solche Funde gewöhnt, hätten sie auch diesmal der Sache keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt, wenn nicht der ersten Leiche bald eine zweite und dritte gefolgt wäre. Die weiteren Nachforschungen wurden schon in Gegenwart der Polizei ausgeführt. Nach einer halben Stunde wurden noch drei halb verweste Kinderleichen aufgesunden. Es wurde sofort eine Durchsuchung des ganzen
Hauses, vom Boden bis zum Keller, angestellt, jedoch nichts Verdächtiges gefunden. Die Leichen der Kinder wurden vom Stabsarzt Ogijewitsch geöffnet, welcher constatirte, daß alle lebend geboren worden. Zwei von ihnen sind durch Schläge auf den Kopf mit einem harten Gegenstand getödtet, die übrigen starben in der Senkgrube; letzeren war der Mund mit Lappen, Watte oder Papier verstopft. Von den auf- gefundenen Leichen waren zwei Knaben und vier Mädchen. Bei beiden Knaben war die rituelle Beschneidung vollzogen. Die Kinder müssen nach dem Leichenbefunde furchtbare Entbehrungen von dem Augenblicke ihrer Geburt an erduldet haben. Vier der Kinder waren nicht mehr als einen Monat, ein Mädchen drei Monate alt. Alle Leichname waren in Lappen gewickelt, die Hände ziemlich fest an den Leib gebunden. Ein Verhör des Dworniks des Hauses ergab, daß zu der im Hause wohnenden Rosa Miklaschanskaja ziemlich häufig Frauenzimmer, meist junge, kamen, welche irgend etwas in einem Tuche trugen; andere wieder kamen zur Miklaschanskaja mit Körben, die oben verdeckt waren. Auf die Frage des Dworniks gaben dieselben gewöhnlich an, daß sie Eier brächten. Die mit Körben Gekommenen gingen ohne solche fort. Der Dwornik giebt weiter an, daß die Miklaschanskaja Wöchnerinnen bei sich^aufnahm, welche dann ihre Kinder bei derselben ließen. In demselben Quartiere mit der Miklaschanskaja wohnte die 60jährige Jtka Becker, welche ihrer Hebammenrechte wegen verschiedener Mißbräuche verlustig gegangen war. Sie und eine im anderen Flügel wohnende gewisse Klubt waren augenscheinlich die Haupthelferinnen der Miklaschanskaja. Alle drei Verbrecherinnen wurden festgenommen. Verwickelt sind in diese Angelegenheit viele Personen, darunter einige Wilnaer Hebammen.
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