Ausland.
Neusatz, 4. Januar. In Folge einer Zeitungspolemik insultirte der Redacteur des Journals „Zastawa", Tornica, den ehemaligen Reichslagsabgevrdneten und Hauptmitarbeiter des „Branik", Dimitrievics, auf dem Neusatzer Bahnhose. Bei der Schlägerei, die sich deshalb zwischen Tomics und DimitrievicS erhob, erhielt Letzterer so schwere Verwundungen, daß er denselben alsbald erlag.
Brüssel, 4. Januar. Der König, welcher durch den Brand in Lacken aufs Tiefste erschüttert wurde, ist unwohl und hütet das Zimmer.
Rom, 4. Januar. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich besuchte heute mit den Prinzessinnen Töchtern die Museen des Capitols, wo Allerhöchst dieselbe durch den Adjuncten des erkrankten Bürgermeisters empfangen wurde. Die Kaiserin erhielt gegen Abend den Besuch der Königin und empfing sodann den Ministerpräsidenten Crispi.
Neueste ITad?rid?t<n.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 5. Januar.' Die Kaiserin-Wittwe Augusta hat in der vergangenen Nacht zwar wenig geschlafen, das Fieber ist jedoch geringer geworden. Als der Kaiser in dieser Nacht um 1 Uhr 30 Min. von Trachenberg zurück- kehrtc, begab er sich nach dem Palais seiner Großmutter und erkundigte sich nach dem Befinden derselben. Heute Mittag begleitet ihn seine Gemahlin ebendorthin. Das heute ausgegebene osficielle Bulletin lautet: „Die Kaiserin-Königin Augusta hatte zwar eine mehrfach gestörte Nacht, doch ist das Fieber zurückgegangen und der Verlaus der übrigen Krankheits-Erscheinungen bisher ein normaler.
Wien, 5. Januar. Die heutige zweite Sitzung der Aus- gleichs-Conserenz im Ministerrathspräsidium begann Nachmittags 2 Uhr und dauernde bis 41/2 Uhr. In derselben entwickelte Rieger im Namen der Altczechen die Stellung der böhmischen Vertreter zu den von Plener vorgebrachten Wünschen der Deutschen und knüpfte daran die Darlegung der Wünsche der böhmischen Vertreter. Daraus erfolgte eine Reihe von Anfragen und eine längere Debatte. Die nächste Sitzung ist auf morgen Nachmittag anberaumt. — Für morgen Nachmittag sind sämmtliche Mitglieder der Conserenz, sowie die an derselben theilnehmenden Minister zum Diner zum Kaiser geladen. Heute gab der Ministerpräsident Graf Taaffe ein Diner bei Sacher, an welchem sämmtliche Conferenzmitglieder sowie die betheiligten Minister theilnahmen.
Brüssel, 5. Januar. Wie verlautet, beabsichtigt die belgische Anti-Sclaverei-Gesellschaft, eine Expedition nach dem Tanganjika-See auszurüsten.
Charleroi, 5. Januar. In einer Besprechung des Gouverneurs mit den Delegirten der Arbeiter haben sich diese zur Wiederaufnahme der Arbeit verpflichtet, sobald die Grubenbesitzer in eine Verminderung der Arbeitszeit um eine Stunde willigen. In der Lohnfrage sind in Bezug auf eine Lohnerhöhung die Delegirten bereit, sich auf die Billigkeit der Besitzer zu verlassen.
focale» unö provinzielles.
Gießen, 6. Januar.
— Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Donnerstag den 9. Januar 1890, Nachmittags 4 Uhr:
1. Mittheilungen. 2. Gesuch des Jakob Ronstadt um Erlaubniß zum Bauen an der Grünbergerstraße. 3. Gesuch des August Noll I. um Bauerlaubniß. 4. Die Prüfung der Rechnung der Armenkasse pro 1888/89. 5. Desgleichen der Plockischen Stiftung. 6. Die Errichtung eines Denkmals für den verstorbenen Großherzoglichen Professor Dr. Karl Heyer von Gießen. 7. Verkaussoffert bezüglich der Schüler schen Besitzung.
— Geschichtsverein. Bei der Aufzählung Derjenigen, die den Sammlungen des Vereins schätzenswerthe Beiträge lieferten (S. Nr. 303 d. Bl. vom vor. Jahre), wurde leider ein Name vergessen. Es ist dies Herr Landwirth Franz Hell, der dem Geschichtsverein eine Anzahl sehr schöner Siegelabdrücke zuwandte.
— „Die Influenza ist auch hier aufgetreten", oder „die Jufluenza fordert auch hier ihre Opfer", so ungefähr beginnen die Berichte der Zeitungen in allen Orten, in welchen ein großer Theil der Bewohner „nicht in der Reihe" ist. Auch in Gießen macht sich diese Krankheit oder doch starke Anläufe derselben in den letzten Tagen recht fühlbar, und ist wohl selten ein Haus zu verzeichnen, in dem nicht eine oder mehrere Personen kränkeln. Daß unter dem Eindrücke der Krankheit der Verkehr und das Geschästsleben stark beeinflußt werden, ist erklärlich, denn der im öffentlichen Leben wie im Geschäftsverkehr Thätige gerade ist der Gefahr ausgesetzt, von der Krankheit befallen zu werden. Die Signatur der Straße ist dem allgemeinen Eindruck, den die Krankheit hervorgerusen, entsprechend: sie äußert sich in einem gegen sonst erheblich gesteigerten Verkehr der Doctorchaisen und besonderen Inanspruchnahme der Apotheken. Natürlich dreht sich auch das Gespräch hauptsächlich um die Influenza- sie gibt Anlaß zu allerhand Bemerkungen, guten und schlechten Witzen, — deren Kosten natürlich die davon Befallenen zahlen müssen. Mit ihnen werden wohl Alle, die mehr oder minder indirect unter der Krankheit zu leiden haben, wünschen, daß mit dem Umschlag der Witterung auch die Krankheits-Erscheinungen der letzten Tage verschwinden. Wie aus einer Bekanntmachung Gr. Kreis-Schulcommission in vorliegender Nr. ersichtlich, sind durch Ausschreiben vom 4. Januar die Directionen der höheren Unterrichtsanstalten wie die Großh. Kreisschulcommissionen angewiesen worden, wegen der weiten Verbreitung der Influenza an allen Orten, wo dieselbe in erheblicher Weise austritt, die Schulen zu schließen, resp. die zur Zeit noch geschlossenen erst dann wieder zu
eröffnen, wenn dies nach dem Gutachten des betr. Kreis- gesundheitSamts unbedenklich erscheint. Auf Grund dieses Ausschreibens wurden die hiesigen Schulen, in denen der Wiederbeginn des Unterrichts aus heute Morgen angesetzt war, bis auf Weiteres geschlossen.
— Einen guten Rath, dessen Befolgung auch dem hiesigen Publikum zu empfehlen ist, ertheilt ein Freund des „Darmst. Tägl. Anz." den Lesern gen. Blattes: Grade in der jetzigen Zeit, wo die offenbar immer mehr überhand nehmende Jnfluenzaepidemie ganz besonders große Ansprüche an die Leistungsfähigkeit unserer Aerzte stellt, dürfte es angezeigt sein, das Publikum darauf aufmerksam zu machen, wie wesentlich es ist, daß dasselbe seine Bestellungen auf ärztlichen Besuch möglichst frühzeitig macht, d. h. Morgens, bevor der Arzt seine Krankenbesuche beginnt, also etwa spätestens um 8 Uhr. Jeder nachträglich geforderte Besuch kostet dem Arzt oft das Dreifache seiner ohnedies knapp zugemessenen Zeit, vorausgesetzt, daß es dem Arzt überhaupt möglich ist, denselben noch an dem betr. Vormittag abzustatten. Daß es natürlich Fälle gibt, in welchen dieser allgemeinen Regel nicht nachgekommen werden kann, ist selbstverständlich.
§ Die am Samstag Abend im Cafe Schnell abgehaltene ordentliche Generalversammlung des hiesigen Turnvereins war schwach besucht, was wohl insbesondere der zur Zeit hier grassirenden Influenza-Epidemie zuzuschreiben sein dürfte. — Die durch Abreise des zweiten Turnwarts Schäfer noth- wendig gewordene Ersatzwahl ergab, daß der seitherige Turnälteste Fr. Köhler und an dessen Stelle F. E. Winter gewählt wurden. — Bezüglich der für den Verein so überaus wichtigen Frage über die Erwerbung einer eigenen Turnhalle wurde in Anbetracht der schwachen Betheiligung von einer Beschlußfassung abgesehen und nur in eine allgemeine Besprechung über diesen Gegenstand eingetreten. Eine weitere, am Mittwoch stattfindende außerordentliche Generalversammlung wird sich über diesen Gegenstand schlüssig zu machen haben. — Auch das vom Vorstand auf den 11. Januar bestimmte Winterfest leidet unter der oben erwähnten Epidemie, da die Mitwirkenden fast sämmtlich von derselben ergriffen oder aus dem Wege der Besserung sich befinden, somit von den zur würdigen Abhaltung eines solchen Festes notwendigen Vorarbeiten nicht die Rede sein konnte. Da ferner die Betheiligung der übrigen Vereinsmitglieder wegen der in den meisten Familien eingetretenen Krankheitsfälle voraussichtlich nicht stark werden dürfte, wurde in Anbetracht der erwähnten Zustände und der sich ferner nothwendig machenden Erwerbung einer eigenen Turnhalle für den Verein, beschlossen, das Winterfest für dieses Jahr aussallen zu lassen. Zum Ersatz für dieses wird sich im Laufe des Jahres mehrfach Gelegenheit bieten. — Die Abhaltung des alljährlich stattfindenden Balles wurde auf Samstag den 1. Februar in Steins Garten bestimmt und als Beitrag für die hieran theilnehmenden Mitglieder 1 Mk. festgesetzt. — Zum Schluffe wollen wir nochmals auf die nächsten Mittwoch stattfindende außerordentliche Generalversammlung wegen der in derselben zu verhandelnden wichtigen Frage des Ankaufs der städtischen Turnhalle oder Erbauung einer eigenen Halle aufmerksam machen (s. Inserat).
A Am nächsten Sonntag den 12. Januar wird der hiesige Concertverein sein drittes Concert geben und von Orchesterstücken die neue Festouvertüre von Lux (Sr. Königl. Hoheit unserm Großherzog gewidmet und beim letzten mittelrheinischen Musikfest mit großem Erfolg ausgeführt), sowie die achte Symphonie von Beethoven bringen. Von den mitwirkenden Solisten, Fräulein Agnes Schöler aus Weimar und Fräulein Elisabeth Rouge aus Berlin, wird erstere eine Arie aus der Oper „Mitrane" von Francesco Rossi (1686) und Lieder, letztere das Clavier- concert von Schumann und Solostücke von Liszt und Chopin vortragen.
— Heber den Verbleib eines seit Donnerstag vermißten Metzgerlehrlings ist bis zur Stunde noch nichts bekannt. .Die Annahme, daß der Lehrling, welcher von seinem Meister beauftragt worden ist, in Wismar ein Stück Vieh zu holen, in der Lahn den Tod gefunden, gewinnt an Wahrscheinlichkeit. In der Frühe nach Gießen gehende Arbeiter aus Wismar, Launsbach rc. haben den Lehrling in der Gegend der Wismarer Brücke gesehen- es ist anzunehmen, daß der Lehrling, der übrigens wegen der noch herrschenden Dunkelheit eine Laterne bei sich gehabt, vom Wege ab, auf das Eis des übergetretenen Lahnfluffes gerathen und eingebrochen ist. Durch eine frisch gefrorene Stelle in der Lahn gewinnt diese Ver- muthung an Wahrscheinlichkeit, obwohl auch an dieser Stelle angestellte Versuche, die Leiche zu finden, völlig resultatlos verliefen. Der Lehrling ist aus Nieder-Wöllstadt gebürtig.
— Nachruf. Allen Freunden des Realgymnasiums und der Realschule, namentlich allen früheren Schülern, und unter diesen besonders den Theilnehmern an unserem Fest im März 1887 die betrübende Nachricht, daß ein hoffnungsvoller Zögling unserer Anstalt offenbar auch mit an den Folgen der Influenza dahingerafft wurde. Von den fernen warmen Usern des Mississippi nach den rauhen Ufern Deutschlands verpflanzt, wurde er von einem langsam schleichenden Heimweh befallen, das ihn für die civilisirende Thätigkeit seiner Umgebung immer unempfänglicher machte. Wir waren selbst genöthigt, ihn einer Heilanstalt zu übergeben, wo es endlich auch gelang, ihn nach monatelangem Fasten zur Aufnahme von Nahrung zu bewegen. Aber was hilft — Pferdefleisch gegen Heimweh'? — Und so starb unser Alligator und kam nur als Leiche wieder aus dem zoologischen Garten in Frankfurt an uns zurück. Möchte ihm befchieden fein, im Tode — ausgebalgt und als Scelet — für die Zwecke unserer Anstalt nützlicher zu werden, als ihm dies im Leben möglich war._________Ohne Auftrag: Dr. O. Buchner.
Vermischtes.
*△ Mainz, 5. Januar. In der U n t e r s ch l e i f s a f f a i r e bei dem hiesigen Artilleriedepot haben in der jüngsten Zeit
wieder zahlreiche Vernehmungen stattgefunden. Obwohl der Kreis der in die Untersuchung verwickelten Personen ein immer größerer wird, bieten die bis jetzt gemachten Ermittelungen doch erst Anhaltspunkte zur Ueberführung Einzelner der Betheiligten. Eine besondere Schwierigkeit bei der Untersuchung wird durch den Umstand herbeigeführt, daß die ermittelten Unterschleife theilweise bereits vor einer längeren Reihe von Jahren geschehen sind und daher viele der Verdächtigen, die nicht mehr dem Militärverband angehören, in der Lage sind, die Verjährungseinrede zu machen. Nach Allem, was man über die Sache hört, zu schließen, dürste die Verurtheilung des überführten Wagnermeisters und drei oder vier Militärs des hiesigen Zeugdepots das ganze Resultat der langwierigen Untersuchung geben.
* Frankfurt a. M., 4. Januar. Heute Vormittag stürzte der Dachdecker Friedrich Oesterreich aus Niederrad von dem Dache eines Neubaues an der Blücher- und Gutleutstraße und war sofort todt. Der Verunglückte hinterläßt eine Wittwe mit 8 Kindern.
— Die Frequenz des Volksbrausebades am Merianplatz ist, beeinflußt durch die Influenza, im letzten Quartal 1889 gegen das vorhergegangene Jahr etwas zurück- gegangen, erreichte aber doch die Zahl von 5897 Personen. Im October wurden 2310, im November 2007, im Dccember 1580 Bäder genommen.
* Feuerbestattung. In Gotha wurden im abge- lausenen Jahre 128, im Ganzen 719 Leichen mittelst Feuer bestattet.
* Berlin, 31. December. Merkwürdiger Fall. Zn einem Berliner Arzte kam kürzlich, der „Deutschen Medicinal-Zeitung" zufolge, ein 27jähriger Hausknecht in großer Eile mit vollständig erloschener, heiserer Stimme und gab an, daß ihm vor einer halben Stunde ein Fünspfennig- stück in den Hals gekommen wäre, als er im Scherz mehrere Geldstücke in den Mund genommen hatte, um sie einem Mitarbeiter zu verbergen. Er war dabei augenblicklich heiser geworden und fühlte bald heftige Athembeschwerden. Der Arzt bat ihn dringend, ruhig zu bleiben und leicht ein- und auszuctthmen. Nach einigen Versuchen war das Geldstück (ja sogar die Ziffer aus demselben) mit dem Kehlkopfspiegel sichtbar : es lag quer und flach auf den Stimmbändern am zugespitzten Theil der Oeffnung nach hinten zu. Der Arzt veranlaßte den Arbeiter, sich auf den Hntersuchungsstuhl zu legen, Kops und Rumps senkrecht nach unten zu richten und sich auf die Hände zu stützen. In dieser Lage mußte der Patient vorsichtig tief einathmen und dann heftig aushusten. Beim zweiten Male fiel das Geldstück auf den Boden. Die Stimme war wieder rein und klar.
* Petersburg. Auch eine Cholera. Ein entsetzlicher Schrecken ergriff, wie der „St. Petersburgs^ Listok" mit- theilt, am vorigen Sonntag die Bewohner einiger Häuser an der Kasanskaja in St. Petersburg. Furchtbares Erbrechen, Magenkrämpfe und Durchfall befielen eine große Zahl dieser dem niederen Stande angehörigen Leute, und Alles dachte nicht anders, als daß die Cholera eingezogen sei. „Ew. Wohlgeboren", jammerte ein von der Krankheit befallener Hnterbeamter beim Polizeiarzt, „helfen Sie mir um Gottes- Willen- das ganze Innere ist mir drei Mal im Leibe um und umgegangen und ich kann unmöglich krank werden, denn der Dienst . . ." Der Arzt untersucht den Leidenden und findet ihn kerngesund. „Hast Du Dich heilen wollen von irgend einer Krankheit? Ich vermuthe, daß Du wenigstens für fünfzig Kopeken Castoröl eingenommen hast," erklärt der Arzt. — „Keine Spur, Ew. Wohlgeboren, warum sollte ich Castoröl eingenommen haben?" — „Hast Du nicht vielleicht dieser Tage etwas Besonderes gegessen?" — „Diese Dingerchen haben wir verputzt", sagte der Beamte und zieht aus der Tasche eine Nuß hervor, „aber davon kann man doch keine Cholera bekommen." Nun hellte sich alles auf: Am Samstag war durch die Kasanskaja ein Fuhrmann mit einigen Säcken Ricinusnüfsen gefahren. Der eine Sack hatte ein Loch und es waren einige der Nüsse aus die Straße gefallen. Einige der Vorübergehenden hoben sie auf, kosteten die seltsamen „Dingerchen", gaben sie zu Hause ihren Angehörigen zu essen, da sie ganz gut schmeckten, und die Cholera war fertig.
* Newyork, 28. December. Tod durch Electrici- tät. ' Die amtliche Statistik weist nach, daß in den Jahren 1880 bis 1887 72 Personen und 1888 bis 1889 44 Personen durch Berührung mit den Leitungen elektrischer Lampen getödtet worden sind, darunter 25 während der letzten zwei Jahre in Newyork allein. Da die Statistik nur die „agnos- cirten Leichen" gezählt hat, wird die Gesammtzahl der Verunglückten im ganzen Lande noch höher, etwa auf 200 Personen geschätzt.
* Die Weihnachtspost aus den Vereinigten Staaten. Die stärkste Post, welche jemals ein transatlantischer Dampfer nach Deutschland gebracht hat, kam mit der „Trave" vom Norddeutschen Lloyd an — es sind 720 Säcke. Der coloffale Zuwachs erklärt sich durch das Weihnachtsfest und die Neujahrsgratulationen. Siebenhundert und zwanzig Säcke Briefe, wer sie nicht beisammen gesehen hat, wird- sich kaum eine Vorstellung von dieser gewaltigen Menge machen können. Wenn der Dampfer seine Fracht an schriftlichen Herzensergüssen abliefert, wenn Sack auf Sack aus den Tiefen des Schiffes herausgewunden wird, um sich zu unübersehbaren Bergen aufzuthürmen, dann bekommt der Zuschauende einen Einblick in die Beziehungen, welche zwischen der alten Heimath und den Ausgewanderten doch bestehen. Der Postmeister von Newyork erzählte vor Jahren, daß der Löwenantheil der überseeischen Post um die Zeit der Jahreswende auf den deutschen Verkehr entfalle. Vor etwa 15 Jahren kannte man das Weihnachtsfest in den Vereinigten Staaten noch nicht, wie man es heute kennt. Wenn damals ein kerzenstrahlender Tannenbaum durch die Scheiben eines deutschen Heims sichtbar ward, erregte er das Staunen der Vorübergehenden. Aber nicht allein ihr Staunen, sondern auch ihre Freude. Es ist geradezu unbegreiflich, wie schnell die deutsche Weihnachtsfeier jenseits des Oceans sich eingebürgert, sich zu


