Dienstag den 7. Januar
1890.
Nr. 5
Amts- und Anzeigeblatt ffir den ICwt» Gieren
chralisbeikage: Gießener Aamikienökätter
Nr. lUeichs^Gesetzblatts, ausgegeben den 2. d. M-, enthält:
Mr. 1879.) Verordnung, betreffend die Inkraftsetzung der SS 18 und 140 des Gesetzes, betreffend die Jnvaliditäts- und Altersversicherung, vom 22. Juni 1889. Vom 30. De- cember 1889.
(Nr 1880.) Verordnung, betreffend die Übertragung landesherrlicher Befugniffe auf den Statthalter in Elsaß- Lothringen. Vom 1L December 1889.
Gießen, den 4. Januar 1890. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags ür den folgenden Tag erscheinenden Nummer b,S Borm. 10 Uhr.
Vierteljähriger Avonnementspretsr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Aedactton, Expedition und Druckerei:
Zich,kstr«^eNr.,.
Fernsprecher 51.
Deutsches Reich.
Berlin, 4. Januar. Se. Majestät der Kaiser hat dem Afrikareisenden Lieutenant Giese den Kronenorden vierter Klasse verliehen. ,
Berlin, 4. Januar. Die verwittwete KaiserrnAugusta ist an einem Anfall von Influenza erkrankt, welcher mit Fieber und catarrhalischen Erscheinungen verbunden ist.
Halle a. S., 4. Januar. Die hiesige Polizeiverwaltung hat angeordnet, daß wegen der großen Ausbreitung der Influenza alle Schulen bis 13. d. M. geschlossen werden
Posen, 4. Januar. Infolge der anhaltenden Zunahme der Erkrankungen an Influenza bleiben sämmtliche Schulen vorläufig bis zum 13. Januar geschloßen..
Breslau, 4. Januar. Nach einem Telegramm der „Schief. Ztg." aus Kattowitz ist die Lage dort unverändert. Es besteht kein Grund zu Beunruhigungen, da man einen allgemeinen Ausstand ausgeschlossen sieht. Der Regierungspräsident aus Oppeln weilt augenblicklich in Kattowitz mit dem Vertreter des Oberbergamts zur Berathung mit den Landräthen von Kattowitz und Zabrze sowie mit dem Director der Gewerkschaft Giesches Erben.
München, 4. Januar. Dr. Döllinger hatte nach einer sehr schlechten Nacht im Lause des heutigen Tages anhaltendes Fieber, so daß sein Zustand sehr bedenklich ist.
Der ner Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontngS.
Die Gießener
M.mittt-lllLtlrr werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
verfügt zur Aufarbeitung dieses Pensums nur über eine ziemlich beschränkte Zeit, da sein Mandat am 21. Februar ab- läuft und stehen ihm demnach noch angestrengte Arbeitswochen bevor. Auch macht sich die leidige Concurrenz mit dem preußischen Landtage demnächst wieder fühlbar, denn derselbe ist bekanntlich auf den 15. Januar zu seiner WiMersession einberufeu worden und auch diesmal dürfte das Zusammen- tagen von Landtag und Reichsparlament einer glatten Abwickelung der Geschäfte des letzteren mehr oder weniger störend entgegentreten. rr
In Dänemark hat der fortdauernde Conflict zwischen der Regierung und der radicalen Mehrheit der Volksvertretung zur Auflösung des Folkethings geführt. Allerdings wird diese Maßregel regierungsseitig äußerlich dadurch begründet, daß eine Beendigung der Budgetberathungen bis zum Ablaufe der am 28. d. M. zu Ende gehenden Legislaturperiode unausführbar erscheint, aber der wahre Grund der Auslosung liegt doch darin, daß das Ministerium Estrup mit der widerspenstigen Kammermehrheit nicht mehr auszukommen vermag. Ob die auf den 21. Januar anberaumten Neuwahlen eine der Regierung günstigere Zusammensetzung des dänischen Parlaments ergeben werden, muß freilich noch dahingestellt bleiben.
Gießener Anzeiger chermat-Mzeiger.
Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießcner Anzeiger" entgegen.
Feuilleton.
Der Weihnachtsdichter.
Fräulein Renate, die einzige Tochter des reichen, ver- wittweten Majors M., galt in ihrem Kreise als ent bevorzugtes Geschöpf. Von zarter ätheriicher Gestalt, verstand sie sich auf alle diejenigen Dinge, welche direct oder indirect mit der Poesie zusammenhingen. Sie schwärmte mcht nur von den Classikern, sie wußte auch mit Lerständmß und aestützt auf die neuesten Quellenforschungen em Unheil zu fällen. Ja, sie ging noch weiter. Ihre jungfräuliche Stirn hatte einstmals in weihevoller Stunde der Genius geküßt und seitdem kamen Tage, wo sie einen begeisterten Kreis vertrauter Freundinnen mit eigener Poesie überraschre. Von dieser Zeit an besang Fräulein Renate alle Fannlienereigmsse, den Geburtstag des Papas, die Hochzeitsfeler der Cousine, den Heimgang der alten Tante. Und, der Wahrheit die Ehre, sie sang nicht schlecht. So kam es denn, daß ihr dichterischer Ruhm über die Grenzen des Vaterlandes hmaus- wuchs und auch auf fremdem Parket ihrer anziehenden Erscheinung ein interessantes Relief lieh. — 9tcn“tc
war einige Wochen vor Weihnachten glückliche Braut geworden. Der Sohn einer großen Berliner Banksirma, angezogen durch das geniale Wesen der jungen Dame, sowie durch das Gerücht, daß sie hunderttausend Mark Mitgift erhalten würde, hatte den Sieg davongetragen. Otto war ein practischer Jüngling, der zu seiner Verlobten, wenn sie über Poesie sprach, ebenso andächtig als verständnisvoll emporblickte. Acht Tage vor dem Feste ging er mit sich zu Ratye, womit er seiner Braut am heiligen Abend eine rechte Freude bereiten könnte. # Er zog eine ältere Verwandte Renates uw Geheimniß und diese erwiderte auf seine Frage, daß er mit
einem jelbstverfaßten Gedicht sicherlich die größten Chancen haben würde. Zuerst lächelte der junge Geschäftsmann bei dieser Zumuthung, dann aber befreundete er sich mit der Idee. Nachdenklich sitzt er Renate gegenüber, vielleicht um aus ihren Zügen ein "Stückchen Lyrik herauszulesen. Aber ihm kommt kein poetischer Gedanke. Da fallen seine Augen auf die Zeitung, die vor ihm auf dem Tische liegt. Er lieft. „Gelegenheitsgedichte, Toaste, Tasellieder werden prompt und sauber angefertigt . . ." Otto athmete erleichtert, diesen Fingerzeig wird er benutzen. Noch an demselben Tage begibt er sich zu dem liebenswürdigen Herrn, der die Poesie als „melkende Kuh" betrachtet und dessen Geschäft es ist, gegen Geld seine Autorrechte abzutreten. Otto ist von seinem Besuche sehr befriedigt. Noch befriedigter aber wird er, als er nach einigen Tagen ein Gedicht in Händen tjult, welches mit den schönen Versen beginnt: „Wie herrlich strahlt durch diesen Raum — Im Kerzenlicht der Weihnachts- bauin i" — Der heilige Abend bricht an. Bei Majors findet große Bescheerung statt. Otto hatte seiner Braut eine prachtvolle Broche geschenkt und damit große Bewunderung hervorgerufen. Aber das Beste sollte noch kommen. Als gerade eine Pause in dem Betrachten der Herrlichkeiten eingetreten war und der junge Bankier Renate gegenüber- stand, räusperte sich dieser und faßte langsam in die Brust- lasche. Da zog das Fräulein einen rosafarbenen Bogen hervor und überreichte ihn ihrem Bräutigam. „Hier , sagte sie, „nimm diesen poetischen Weihnachtsgruß, den ich für Dich gedichtet habe, freundlich auf!" — Otto ver- beugte sich dankend. „Und ich, liebe Renate, habe mir auch erlaubt, Dir ein kleines Gedicht zu widmen!" — Die Zwei tauschten die Verse aus und lasen. Mit einem Mal jedoch wird das Fräulein blaß. • Ihre Augen starren auf das Gedicht und dann fliegen sie angstvoll zu ihrem Ver-
* Berechtigt. Herr A.: . Als Bayer haben Sie
ja allerdings die Berechtigung, einen größeren Durst zu entwickeln!" — Herr: „Ja, sehen Sie, ich bin nicht nur in Bayern, sondern sogar in der Biermetropole München und zwar vis-ä-vis vom Hofbräuhaus, noch dazu in einem Wirtshaus und auch uoch auf der Sonnenseite geboren! Und da soll man keinen Durst haben!"
* Immer geschäftsmäßig. Eine Schtächtersfrau gratu- lirt ihrer Freundin zu der glücklichen Geburt eines Knaben. Wöchnerin: „Danke, es ist nur schade- das Kind ist etwas schwächlich, es wiegt nur 5 Pfund." — Schlächtersfrau: „Mit oder ohne Knochen?"
* Nach neueren Ermittelungen. Ausländer: „Betheiligen sich bei Ihnen auch die Beamten am Sport?" — Berliner: „Jawohl, die hohen Beamten reiten die Rennpferde und die niederen essen sie!"......
* Ein Herzensmensch. Herr: „9)iem Fräulein, ich bin kein Freund von langen Complimenten, aber ich spreche, wie's mir von Herzen kommt! Wie viel Mitgift haben Sie?!" ____
Politische Ueversicht.
Gießen, 6. Januar.
Ueberaus friedenszuversichtlich und hoffnungsvoll nimmt sich die Stimmung aus, mit welcher säst die gesammte Tagespreise Europas den Eintritt des neuen Jahres 1890 begrutzt hat und diese beruhigende Auffassung der allgemein-politischen Verhältnisse deckt sich vollkommen mit den politischen Ansprachen, welche bei den officiellen Neujahrsempsängen ui Rom, Pest und Paris gehalten worden sind. König Humbert wie Ministerpräsident Tisza und Präsident Carnot haben in ihren Neujahrsansprachen der Zuversicht aus fernere Erhaltung des Weltfriedens rückhaltlos Ausdruck verliehen und gewiß darf man annehmen, daß dies von ihnen mit vollster Ueberzeugung geschehen ist. Weiter sind ja die zwischen Kaistr Wilhelm und dem italienischen Monarchen sowie zwischen ihren ersten Berathern ausgetauschten Glückwunschtelegramme anläßlich des Jahreswechsels ebenfalls nur geeignet, die Erwartung einer friedlichen Fortentwickelung der Weltlage im neubegonnenen Zeitabschnitte zu verstärken und ichließlich haben die Friedensbürgschaften, mit denen sich das ^ahr 18ÖUenv führte, auch durch den Neujahrserlaß Kaiser Wilhelms an den Fürsten Bismarck eine werthvolle Vermehrung erhalten.
Die parlamentarische Weihnachtspause erreicht an diesem Mittwoch ihr Ende, da an genanntem Tage der Reichstag zur Fortsetzung seiner Session wieder zusammentritt und diese zweite Sessionshälfte wird alsbald bedeutsame Entsche^ düngen und Abstimmungen bringen. Zunächst hudelt es sich um die Beschlußfassung über die wichtigsten Theile des Reichs- haushaltSetats, den Marine- und den Militäretat, an deren zweite Lesung das Reichstagsplenum jetzt herangeht und wird es hierbei an lebhaften Redekämpfen sicher nicht fehlen. Alsdann folgt die zweite Berathung der wichtigsten Vorlage der ganzen Session, des Socialistengesetzes, und. offenbar wird die Session in der Specialberathung dieses Gesetzes, dessen Schicksal noch durchaus ungewiß ist, ihren eigentlichen Höhepunkt erhalten. Daneben gilt es dann, den gestimmten Etat in dritter Lesung und ferner den Nachtragsetat, betreffend die Wißmann-Expedition, in zweiter und dritter Lesung zu berathen. Endlich hat das Haus noch eine Reihe von Initiativanträgen und schließlich die Dampfer-Vorlage wegen Ostafrikas zu erledigen, welch' letztere Materie auffallender Weise I sich noch immer im Bundesrathe befindet. Der Reichstag
lobten herüber. Der aber ist bei jedem Verse, den er las, erstaunter geworden, schließlich sieht er vergnügt auf. „Ein entzückendes Gedicht", sagt er, „das nur den einen Fehler hat, mit dem meinigen Wort für Wort übereinzusttmmen!
— In diesem Augenblicke präsenürte der Bediente Bowle. — „Stoßen wir an, liebste Renate," fährt der lustige Bräutigam fort, „stoßen wir an aus das Wohl unseres — Weihnachtsdichters!" — Und die von dem Piedestal ihres Ruhmes so jäh herabgestürzte Renate trinkt, dann sehen sich die Beiden lächelnd an. Sie haben einander verstanden. Und das ist bei Verlobten die Hauptsache.
Amtlicher Theil.
Gießen, am 6. Januar 1890. Betreffend: Maßregeln gegen die Weiterverbreitung der Influenza.
Die
Großh. Kreis-Schulcomnnsfion Gießen
an die Schulvorstände des Rreises.
Nachfolgende Verfügung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 4. ds. theilen wir Ihnen zur Kenntniß und Nachachtung unter dem Anfügen nnt, daß gleich- zeitig betr. Anzeigen nicht nur bei uns, sondern auch ver Grobherzoglichem Kreisgesundheitsamt Gießen zu machen sind.
v. Gagern.
Darmstadt, am 4. Januar 1890.
Betreffend: Wie oben.
Das
Großh. Ministerium des Innern und der Justiz
Abtheilung für Schulangelegenheiten
an die Großh. Direetionen der Gymnafien, Nealaymnasten, Nealschuken, höheren Mädchenschulen, Schullehrerseminarieu. AaubiAmmen-
Anstalten, sowie die Großh. Kreis Schul- Comwisfioneu.
Mit Rücksicht auf die große Verbreitung der rubri- cirten Krankheit halten wir es für zweckmäßig, daß an allen Orten, wo dieselbe in erheblicher Weise auftritt, die Schulen geschlossen werden. Wir ermächtigen Sie demnach, nöthigen- falls diese Schließung eintreten zu lassen.
In Vertretung:
Jaup. __________
Gießen, am 6. Januar 1890.
Bett. : Die Statistik der Bewegung der Bevölkerung.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an Großh. Polizeiamt Gießen und die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Wir sehen der alsbaldigen Einsendung der Register über die in 1889 vorgekommenen Zu- und Wegzüge entgegen.
v. Gagern.


