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1890

Donnerstag den 6. Februar

Nr. 31

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger.

Aints- unb Anzeigeblatt für den Ttreis Gieren

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Burcaux deS In« und Auslandes nehm« Anzeigen für bettGießener Anzeiger" entgegen.

Die Gießener

W«arMe«SlLUer werden dem Anzeiger kvöchrntlich dreimal beigelegt.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Schntstr-tzeAr.H.

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Atntlichev Tbeil.

Bekanntmachung,

die Reichstagswahlen betreffend.

Die Wahlen zum Reichstage sind im ganzen Reiche aus Donnerstag den 20. Februar 1S90 festgesetzt.

Die Abstimmung wird um 10 Uhr Morgens beginnen und um 6 Uhr Abend- geschloffen werden.

Dieses wird nebst den weiter folgenden Anordnungen, welchen auch für etwaige Ersatzwahlen innerhalb des ersten Jahres nach den allgemeinen Wahlen Geltung beizulegen ist, hiermit zur öffentlichen Ker.ntniß gebracht.

Jede Bürgermeisterei des Kreises mit Ausnahme von Gießen bildet »inen Wahlbezirk.

Die Stadt Gießen zersällt in folgende Wahlbezirke:

Erster Wahlbezirk:

die Bewohner der Wallthorstraße, Lindengasse, Hundsgasse, Zozelsgaffe, FlügelSgaffe, des Asterwegs, der Schilter- straße, Nordanlage, Steinstraße, Schottstraße, Ederstraße, Weserstraße, Dammstraße, Marburgerstraße, am Rodberg und Wieseckerweg.

Zweiter Wahlbezirk:

die Bewohner des Kirchen- und Lindenplatzes, aus der Bach, der Wetzsteingaffe, Braugaffe, Brandgaffe, des Brand­platzes, der Ostanlage, Wiesenstraße, Schloßgaffe, des Canzleibergs, der Caplaneigasse, Schulstraße, Waagen- und Dreihäusergaffe, Neue Baue, Erlengaffe, Weidengafle und Sonnenstraße-

Dritter Wahlbezirk:

die Bewohner der Gartenstraße, des Ludwigsplatzes, der Grünbergerstraße, Wolfstraße, in den Eichgärten, der Licherstraße, am Nahrungsberg, des Schiffenbergerwegs, der Ludwigstraße, Löberstraße, Lonpstraße, Stephanstraße und der Gemarkung Schiffenberg.

Vierter Wahlbezirk:

die Bewohner des Marktplatzes, Neuenweges, der Südanlage, der Bismarckstraße, Göthestraße, Bleichstraße, des Selterswegs, der Maigaffe und Plockstraße.

Fünfter Wahlbezirk:

die Bewohner der Mäusburg, des Kreuzplatzes, der Caplans- gaffe, Katharinengaffe, des Burggrabens, der Markt- straße, Wettergasse, Sandgaffe, Rittergaffe, Neustadt, des Tiefenwegs, der Kornblumengaffe, der großen und kleinen Mühlgasse, der Lahnstraße, Rodheimerstraße, Hammstraße, Schützenstraße, Krosoorferstraße und des Wegs an der Hardt.

Sechster Wahlbezirk:

die Bewohner der Wolkengaffe, Läwengaffe, des Teufelslust­gärtchens, der Bahnhofstraße, der Westanlage, Frank­furterstraße, Alicestraße, Liebigstraße, des Riegelpfads, Leihgesternerwegs, der Wilhelmstraße und an den Bahn- Höfen.

Die selbstständigen Gemarkungen werden den Bürger­meistereien wie solgt zugethellt:

Heibertshaujen zu Daubringen, Arnsburg zu Eberstadt, Schiffenberg zu Gießen (dritter Wahlbezirk), Hof Albach, Colnhausen und Mühlsachsen zu Lich, Hof-Güll zu Muschenheim, Appenborn zu Odenhausen, Ringelshausen zu Rabertshausen, Hof-Graß zu Rodheim, Bollnbach, Leilsberg und Wirberg zu Saasen, Friedelhausen zu Staufenberg.

Zu Wahlvorstehern bezw. Stellvertretern werden ernannt: in Gießen:

für den I. Bezirk Herr Stadtverordneter Homberger, Vor­steher, Herr Stadtverordneter Löb er, Stellvertreter;

für den II- Bezirk Herr Stadtverordneter Profeffor Thaer, Vorsteher, Herr Stadtverordneter Hab en ich t, Stell­vertreter ;

für den III Bezirk Herr Bürgermeister Gnauth, Vorsteher, Herr Stadtverordneter Vogt, Stellvertreter;

für den IV. Bezirk Herr Stadtverordneter Jughard, Vor­steher, Herr Stadtverordneter Keller, Stellvertreter;

für den V. Bezirk Herr Stadtverordneter Grüneberg, Vorsteher, Herr Stadtverordneter Scheel, Stellvertreter;

für den VI. Bezirk Herr Stadtverordneter Hoch, Vorsteher, Herr Stadtverordneter Heyligenstädt, Stellvertreter;

in Allendorf a. d. Lda.: Großh. Beigeordneter Rein, Stell­vertreter Gemeinderathsmilglied Apotheker Welker;

in Birklar der zum Bürgermeister gewählte Großh. Beigeord­nete Müller, Stellvertreter Gemeinderathsmitglied Kaspar Knorr.

In allen übrigen Gemeinden hat der Großh. Bürger­meister als Wahlvorsteher, der Großh. Beigeordnete als Stell­vertreter zu fungiren.

Die Wahl ist in den einzelnen Gemeinden in dem Gemeindehause bezw. in dessen Ermarrge- lung im Schulhause abzuhalten und wird durch die Großh. Bürgermeistereien das Nähere noch ortsüblich bekannt gemacht werden.

Gießen, den 3. Februar 1890.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, am 3. Februar 1890. Betr.: Wie vorhergehend.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Wir beauftragen Sie, unsere heutige Bekanntmachung obigen Betreffs, welcher Sie noch die Bereichnung deS WahlloealS zuzusetzen haben, sofort spätesten- am 11. Februar 1890 in Ihren Gemeinden, sowie in den Ihnen etwa zugetheilten besonderen Gemarkungen orts­üblich bekannt zu machen.

Ihrem Bericht über den Vollzug dieser Anordnung sehen wir unter Angabe deS Tage- der ortsüblich ersolgten Bekanntmachung zugleich mit der Nam­haftmachung deS WahlloealS unfehlbar bis zum 13. Februar entgegen.

v. Gagern.

Gießen, am 4. Februar 1890.

Betr.: Die Wahl der Einschätzungscommissionen für die Veranlagung der Einkommensteuer und der Capital- rentensteuer.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien deS Kreises, mit Ausnahme von Gießen.

Nach Art. 36 des Einkommensteuergesetzes und Art. 17 des Capitalrentensteuergefetzes, beide vom 8. Juli 1884, ist zur Einschätzung in die Steuerklassen der Einkommensteuer zweiter Abtheilung und zur Veranlagung der Capitalrenten- steuer für jede Gemeinde eine örtliche Commission von dem betr. Ortsvorstand aus drei Jahre zu wählen. Da die Dienst­zeit der im Jahr 1887 gewählten Commissionsmitglieder dem­nächst abläuft, so beauftragen wir Sie entsprechende Neuwahl vorzunehmen und das erwachsende Protocoll bis zum 1. März l. I. an uns einzusenden.

Hierzu bemerken wir, daß für sämmtliche Gemeinden des Kreises, mit Ausnahme von Gießen, drei Mitglieder und zwei Ersatzmänner zu wählen sind. Von den zu wählenden Mitgliedern dürsen nicht mehr als zwei Dritthelle dem Gemeindevorstand selbst angehören, wenigstens ein Mitglied muß aber demselben angehören. Bei dieser letzteren Bestim­mung bleibt der Bürgermeister, welcher als solcher ständiges Mitglied der Einschätzungscommission und Stellvertreter des Vorsitzenden ist, außer Betracht.

In den einzusendenden Wahlprotocollen wollen Sie an­geben, welche der Gewählten dem Ortsvorstand angehören.

v. Gagern.

Feuilleton.

Das Jahrhundert des Wasserstoffs.

(Ersatz für Steinkohle.)

Ein auch nur oberflächliches Vertrautsein mit der Ent­wickelungsgeschichte unserer modernen Industrie, sowie der Eisenbahnen, Dampfschiffe und in neuester Zeit der Eleetricität, wird erkennen lassen, einen wie bedeutenden Einfluß auf deren ganzes Wesen das Feuerungsmaterial resp. die Steinkohle seit zehn Jahren ausgeübt hat. Es ist deshalb erklärlich, daß der Volkswirthschaft der Gedanke aussteigt, womit kann geholfen werden, wenn die Steinkohlen verbraucht sein werden, was wird aus unserer gesummten Industrie, was aus allen Errungenschaften unseres Jahrhunderts, was aus der ganzen Menschheit selbst werden?

Es handelt sich deshalb für zukunstsbesorgte Keute vor Allem darum, für die scheinbar unentbehrliche Kohle Ersatz zu finden, sich von der gefährlichen Herrschaft derselben bei Zeiten unabhängig zu machen. Dieser Ersatz aber wäre leicht und mit hundertfältigem Vortheil gefunden, wenn es der Wissenschaft gelingen sollte, unser gewöhnliches Wasser aus einfache und billige Weise so in seine Bestandtheile, Sauerstoff und Wasserstoff, zu zerlegen, daß man die enorme Heizkraft des letzteren unseren Industrie-Unternehmungen dienstbar machen könnte.

Wer jemals Gelegenheit gehabt hat, in einem Labora­torium die intensive Hitze des Wasserstoffs kennen zu lernen, wer gesehen hat, wie Metalle als Iridium, Platina re., die der größten Gluth eines Hochofens spotten, in die Wasser­stoffflamme eines Knallgasgebläses gebracht, wie Butter an der Sonne schmelzen, der wird erkennen müssen, von welch ungeheurem Vortheile es für alle Industriezweige wäre, wenn die unerschöpflichen Wasservorräthe unserer Erde durch -rin rationelles Verfahren in Wasserstoff, d. h. in Brenn­

material verwandelt werden könnten. Es hat deshalb von jeher genug intelligente Köpfe gegeben, welche sich die Auf­gabe stellten, dieses Problem zu lösen und es ist experimentell schon längst gelungen, sowohl durch Einwirkung von Säuren, überhitzter Luft, Eleetricität re. Wasser chemisch zu zersetzen und Wasserstoff herzustellen, aber der Versuch, dieses Verfahren ins Fabrikmäßige zu übertragen, scheiterte bisher stets an der Umständlichkeit und Gefährlichkeit, vor Allem aber an der Kostspieligkeit der bekannten Herstellungsarten. Umso­mehr Aufsehen und lebhaftes Interesse erregte darum die seinerzeit durch die englischen Zeitungen gegangene Nachricht, daß sich in England eine Aetiengesellschaft gebildet habe, um zum ersten Male Wasserstoff fabriksmäßig zu erzeugen.

Die Idee zu diesem Unternehmen und dessen später so erfreulichen Resultaten erstand sozusagen durch die Norhlage, in welche ein großartiges Industrie-Unternehmen, dieLeeds Forge-Company Works" in Leeds (England), durch eine technische Schwierigkeit gerathen waren. Dieses Industrie werk, welches sich vornehmlich mit der Herstellung sogenannter verminderter Dampfkesselschornsteine" und Anfertigung von geschmiedeten Stahl-Eisenbahn-Axen" besaßt, brauchte für seine hauptsächlich im Schweißverfahren hergestellten Metall­arbeiten eine so große Hitze-Erzeugung, daß infolge erhöhter Ansprüche die Temperatur der größten Steinkohlengluth, ja selbst die Hitze der Siemens'schen Gas-Generatoren nicht mehr ausreichend war. In dieser Calamität wandte der technische Director der Fabrik, Herr Samson Fox, seine Aufmerksam­keit der Heizkraft des Wasserstoffgases zu und gründete am 29. September in den Forge Works zu Leeds den ersten Generator zur Herstellung von Wasserstoffgas im Großen. Die Arbeiten dazu wurden am 29. März 1888 vollendet- von diesem Tage an erzeugt der Apparatstündlich" die colossale Menge von 40000 Cubikfuß Wasserstoff.

Es handelt sich bei der in Leeds angewandten Methode nicht etwa um eine neue Erfindung, sondern das Verfahren

besteht vielmehr aus einer sinnreichen Combination der ver­schiedenen Herstellungsarten, wie sie in den chemischen Labo­ratorien schon lange in Anwendung waren. Der Verlauf der Gas-Production ist ungefähr folgender:

Wasserstoff entsteht bekanntlich dadurch, daß man Wasser­dampf über höchlichst erhitzte Kohlen oder andere kohlenstoff­haltige Körper leitet. Diese Methode ist es nun auch, welche vornehmlich bei dem in den Forge Works zu Leeds auf­gestellten eisernen Generator Anwendung findet. Die in demselben erzeugte Hitze wird mit Hilfe eines Gebläses 10 Minuten hindurch bis zur intensiven Weißgluth gesteigert, worauf das Gebläse entfernt und die Ventile fest geschlossen werden. Nun wird in den aus diese Weise erhitzten Generator auf die Dauer von vier Minuten Wasserdampf hineingeleitet, welcher sich infolge der hohen Temperatur in seine ursprüng­lichen Bestandtheile, Sauerstoff und Wasserstoff zersetzt. Die ganze Menge des erzeugten Sauerstoffs verbindet sich auf chemische Weise mit den in dem Apparat befindlichen kohlen­stoffhaltigen Körpern, während der Wasserstoff als fertiges Product übrig bleibt. Derselbe wird nun theils sofort aus dem Regenerator als Heizmittel in die Feuerung des großen Lancashire-Dampskessels" geleitet, welcher sämmtliche Dampf­maschinen des Eisenwerkes mit Dampf versieht, theils wird er, nachdem er einen sogenanntenScrubber" passirt hat, wie gewöhnliches, in den Leuchtgasanstalten erzeugtes Kohlen­gas in einen Gasometer abgeleitet, von wo aus er zu Schmiede- und Schweißungszwecken Anwendung findet. Der Rest des Wafferstoffgases aber wird in besonders dafür ein­gerichtete Reinigungsapparate geführt, wo es mit Hilfe von Eisenoxyden von anhaftenden anderen Bestandtheilen gereinigt und dann zuBeleuchtungszwecken" verwendet wird.

Das ganze riesige Etablissement wird aus diese Weise mit Wasserstoffgas beleuchtet und es entspricht hierin allen an ihn gestellten Anforderungen aus das Glänzendste. Der oben beschriebene Gaserzeugungsprozeß wiederholt sich alle