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Worms, 2. October. An die gestrige Delegirten-Ver- sammlungdeS HcssischenLandeslehrer-Vereins schloß sich heute die Hauptversammlung in würdigster Weise an. Wohl nahe an 800 hessische Lehrer hatten sich in dem Festhause, das, Vielen noch unbekannt, an und für sich schon den Meisten ein hohes Interesse einflößte, eingesundcn. PräciS 11 Uhr wurde die Versammlung durch den Obmann des Landeslehrer-Vereins, Herrn Lehrer Backes-Darmstadt, eröffnet. Nachdem durch einen herrlichen Orgelvortrag deS Herrn Lehrer Zimmermann und den vollendeten Vortrag der Motette: „Herr, Deine Güte reichet so weit" durch einen Knabenchor das Ganze in erhebendster Weise eingeleitet, erfolgten zunächst die verschiedenen Begrüßungen. Der Obmann führte die seinige mit der Erläuterung dessen aus: „Was wir sollen!" an der Hand des Motto: „Immer strebe zum Ganzen" und verstand es, die Ausgaben des Lehrerstandes und der Schule präcise zu kennzeichnen. Dem Redner wurde reicher Beifall zu Theil. Herr Geh. Oberschulrath G r c i m, mit lebhaftem Jubel begrüßt, brachte der Versammlung in herzlichen und zündenden Worten den Glückwunsch der Oberschnlbchörde dar und betonte, daß das schöne Band gegenseitigen Vertrauens zwischen der Behörde und dem Lehrerstand, so wie es jetzt bestehe, hoffentlich für alle Zeiten bestehen bleiben werde. Hieraus begrüßte Herr Oberbürgermeister Küchler die Anwesenden im Namen der Stadt Worms. Die Aussührnngen des Redners über die trefflich organisirten Schulverhältnisse der Stadt Worms erregten das Interesse wie den Beifall der Anwesenden. Dann sprachen noch die Herren Lehrer Heyd, ein Vertreter des Badischen Volksschullehrer-Vereins, und Lehrer S ch u mache r von hier Namens des hiesigen Bezirkslehrer-VercinS Worte der Begrüßung. Von Herrn Abg. Schröder-Darmstadt war ein Begrüßungsschreiben eingelausen, in welchem derselbe bedauert, verhindert' zu sein, der Versammlung beizuwohnen. Es folgten nun die geschäftlichen Arbeiten, die lediglich, soweit erforderlich, die Sanctionirung der gestern von der Dele- girtenversammlling gefaßten Beschlüsse, die Verlesung der Rechenschaftsberichte re. betrafen. — Nnn ergriff Herr Schul- inspector Scherer daS Wort zu seiner Festrede zur hundertjährigen Gedächtnißfeicr DiesterwegS. Der Redner entwarf in einstündigcr Rede ein fesselndes Lebensbild deS großen Pädagogen, dessen Andenken in unserer Stadt besonders lebhaft ist. Nach Schluß deS Vortrags schloß der Obmann.
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1890
Rr. 232. Erstes Blatt. Sonntag den 5. Oktober
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ericheint täglich, ntit Ausnahme deS Montagü.
Die Gießener gie*iru*irä(ft< vstrbtn dem Anzeiger «Schmtlich dreimal deigelegt.
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Aintlilcher ThoU.
Bekanntmachung.
Wegen Vornahme von Pflafterarbeiten bleibt die Strecke der Bahnhofstraße zwischen der Wi seckbrücke und der LiebigS- straße vom nächsten Montag bis auf Weiteres für Fuhrwerk, Reiter und Viehtrieb gesperrt.
Gießen, am 4. October 1890.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Gefunden: 1 Regenschirm, 1 Messer, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Vorstecknadel, 1 Wagenkette, 1 Stück Gurt, 1 Kinderkleidchen, 1 Laterne, 1 Peitsche, 1 vergoldetes Arm- Land, 1 Packet sgez. W. & R.) und 1 Hundemaulkorb.
Zugelaufen: 1 kleine Dogge.
Gießen, am 4. October 1890.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
politische Uebersicht.
Gießen, 4. October.
Der BundeSrath hielt am Donnerstag seine erste Plenarsitzung nach Ablauf der sommerlichen Ruhepause ab und war die Tagesordnung dieser ersten Sitzung eine sehr reichhaltige. Doch waren die zu erledigenden Gegenstände meist untergeordneter Natur und nur die Entwürfe, betr. die Verordnung über das Verfahren vor den auf Grund des Alters- und Jn- validitätsverstcherungsgesetzes errichteten Schiedsgerichten, und betr. das Gesetz wegen Abänderung des Gesetzes über die Krankenversicherung der Arbeiter, verdienen Erwähnung.
• Der von den preußischen Bischöfen auf ihrer diesjährigen Fuldaer Conserenz beschlossene Hirtenbrief über die sociale Frage ist nunmehr zu Veröffentlichung gelangt. Die bischöfliche Kundgebung besteht zu einem großen Theile aus religiösen Betrachtungen, denen sich Commentare des jüngsten, ebensalls der socialen Frage gewidmeten, päpstlichen Schreibens anschließen. Weiter erörtert der Hirtenbrief die Nothwendigkeit, durch den Einfluß der Kirche die Menschen zu bessern, in ausführlicher Weise und empfiehlt in materieller Beziehung die Pflege der katholischen Vereine.
Zur Vorgeschichte der Aufhebung des Socialistengesetzes hatte die „Köln. Ztg." die Mittheilung gebracht, daß die Fortdauer des Gesetzes vom Kaiser und sämmtlichen Vundes- fürsten, sowie von allen Ministern gewünscht worden sei und wären dieselben bereit gewesen, einem dauernden Specialgesetze in der nationalliberalerseits angebotenen Form, nämlich mit Weglassung der Ausweisungsbefugniß, zuzustimmen. Fürst Bismarck allerdings sei anderer Ansicht gewesen. Diese Meldung des rheinischen Blattes wird jetzt von der „Nordd. Allg. Ztg." als in der Hauptsache richtig bezeichnet, doch weist auch letzteres Blatt auf die sich von selbst ausdrängende Frage, warum denn aus dem vom Kaiser angeblich selbst gewünschten Specialgesetze nach dem Falle Bismarcks nichts geworden ist, keine Antwort zu finden und cs bleibt darum die Vorgeschichte des Erlöschens des Socialistengesetzes noch sehr der Ausklärung bedürftig.
Der Wiederbeginn der parlamentarischen Thätigkeit im ungarischen Abgeorduetenhause ist am Donnerstag vom Finanzminister mit dem üblichen Expose eingeleitet worden. Nach den Darlegungen des Herrn Weckerle gewährt das ungarische Budget sür das Jahr 1891 ein recht günstiges Bild, insofern, als die ordentliche Gebahrung einen Ueberschuß der Einnahmen über die Ausgaben von 20 919 148 Gulden aufweist, während die Bilanz mit einem Ueberschuß von 4040 Gulden schließt. Auch die Schlußrechnungen für das Etatsjahr 1889 haben einen höchst beträchtlichen Ueberschuß ergeben, welcher sich auf ll/2 Millionen Fl. beläuft, was um so bemerkenswerther erscheint, als der Finanzminister sür 1889 ein Deficit von 6 Millionen in Aussicht genommen hatte. Im Uebrigen constatirte der Minister die völlige Consolidirung der ungarischen Staatsfinanzen und versicherte, die Verhandlungen wegen Regelung der Valuta schritten günstig fort; die Regierung werde in der Valutafrage schon demnächst eine wichtige Erklärung abgeben.
Der schweizerische Nationalrath brachte am Donnerstag die Debatten über die Vorgänge im Tessin nach viertägiger Dauer zum Abschuß. Wie zu erwarten stand, hat der Nationalrath in seinem Schlußvotum die vom Bundesrathe zur Wiederherstellung der Ordnung im Canton Tessin bislang getroffenen Maßregeln gebilligt und zwar mit 97 gegen 35 Stimmen, auch wurde der BundeSrath zur Ergreifung etwaiger weiterer Maßregeln ermächtigt.
Die Mac Kinley-Bill tritt am 6. October in Kraft, wie nunmehr eine Washingtoner Meldung bestätigt und von diesem Tage an wird also das Vereinigte Staaten-Gebiet durch eine hohe Zollmauer gegen Europa abgesperrt sein. Ob indessen die neue Bill der Union den von den Vätern der Zollerhöhungen erträumten großen wirthschastlichen und industriellen Aufschwung bringen wird, bleibt denn doch noch abzuwarten, denn jedes Uebermaß auch aus dem Gebiete der Zollerhöhungen pflegt sich früher oder später sür den betreffenden Staat zu rächen.
Neueste Nachrichten.
WoM telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.
Berlin, 3. October. Der '„Reichöcmzeiger" meldet: Nach einem Telegramm des Generalconsuls von Sansibar sind in W i t u g e t ö d t e t: Landwirth Küntzel (Eppenreuth), Kaufmann Staus (Siegen), Holzschläger Urban (Brunnthal), Zimmermann Jarwiccki (Sparley), Zimmermann Claus (Nymwegen), Bäcker Karl Horn und Schlosser Friedrich Horn (Neustadt i. d. Pfalz), Drottlef (Siebenbürgen).
Berlin, 3. October. Der Magistrat genehmigte die Vorschläge der gemischten Deputation, anläßlich der 90. Geburtstagsfeier Moltkes 50,000 Mk. zur Gründung einer Zweigstiftung der Kaiser-Wilhelm-Augusta-Altersversorgungs- Anstalt unter dem Namen „Moltkestiftung", ferner 10,000 Mk. für die Moltkestiftung in Parchim zu bewilligen, endlich am Geburtstage des Gefeierten eine Glückwunfch- adresfe zu überreichen. Der Magistrat beschloß, die Genehmigung der Stadtverordneten hierzu einzuholen.
München, 3. October. Der für Moltke bestimmte Ehrenbürgerbrief der Stadt München soll eine vorzügliche künstlerische Ausstattung erhalten.
Detmold, 3. October. Der Lippc'sche Landtag beendete soeben, Abends 8 Uhr, seine erste Sitzung. Die Regentschaftsvorlage hat in der gegebenen Form, mit der nur theilweisen und vorläufigen Festlegung der Thronfolge- Verhältnisse, keine Aussicht aus Annahme.
Wien, 3. October. Kaiser Wilhelm verlieh anläßlich seines Besuches zahlreiche Ordensauszeichnungen an österreichische Würdenträger, darunter den Feldzeugmeistern Gras Grünne und Baron Schönfeld das Großkreuz des Rothen Adlerordens, dem Statthalter Grafen Kielmannsegg den Rothen Adlerorden zweiter Klaffe mit Stern.
Pest, 3. October. Aus Szegcdin wird berichtet, daß es trotz des orkanartigen Sturmes gelungen ist, den Brand in Kistelek zu localisircn. Ganz eingeäfchert sind nur acht Häuser.
Paris, 3. October. Für die Herkünste aus Aden ist in den französischen und englischen Häfen Quarantäne angeordnet. — Aleppo meldet an der Cholera vom Mittwoch 40 Erkrankungen und 28 Todesfälle. Die Einwohner wandern aus.
Moutceau-les Mines, 3. October. In Folge einer Minen- Explosion sind drei Arbeiter, darunter zwei tödtlich, verwundet worden.
London, 3. October. Nach einem Telegramm aus Chatam erhielten 500 Mann Marineinfanterie und 200 Mann Linientruppen den Befehl, heute Morgen zum Abmarsch nach Woll- wich sich bereit zu halten, wo Ruhestörungen seitens der Arbeiter in den Gassabriken befürchtet werden; sie beabsichtigen, die Arbeit niederzulegen.
London, 3. October. Eine Deputation unionistischcr Gasarbeiter erklärte heute den Directoren der Gesellschaft: die den Woolwicher Gasarbeitern nachgesagten Absichten beständen nicht, sie wünschten die Arbeit nicht einzustellen.
Sofia, 3. October. Fürst Ferdinand spendete aus seiner Privatschatulle 20,000 Franken für die bei dem Brande in Salonichi und bei der Ueberschwemmung im Vilajet Adria- nopel Geschädigten. Für die letzteren Nothleidenden spendete auch die Prinzessin Clementine 5000 Franken.
Teheran, 3. October. Der englische Gesandte Sir Henry Drummond Wolfs ist schwer erkrankt und wird unverzüglich nach England abreisen.
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Gießen, 4. October.
— Ein hiesiges Dienstmädchen, welches den Namen ihrer Dienstherrschaft dadurch mißbrauchte, daß sie fälschlich Zettel anfertigte und daraus in hiesigen Geschäften Waaren erlangte, ist gestern wegen Urkundenfälschung, Betrugs und Diebstahls verhaftet worden.
+ Aus Oberheycn, 3. Octobcr. In letzer Zeit ist ein ühlbarer Mangel an Apothekerlehrlingen und Apotheker- gehilsen eingetreten. Bei dem kürzlich in Darmstadt abgehaltenen Examen beseitigten sich 9 junge Leute, von denen 8 bestanden. Vier erhielten die Note II und vier die Note III. ES lief von auswärts ein Schreiben ein, welches einem bestandenen jungen Manne, einerlei welcher, eine sehr annehmbare Offerte zum Eintritt in eine größere Apotheke unter günstigen Bedingungen machte. Die jungen Leute waren aber schon größtentheilö anderweit eugagirt. Zeitungsofferten haben, da Mangel herrscht, wenig Erfolg.
J. Altenstadt, 3. October. Binnen wenigen Tagen ist reges Leben in daS Obstgeschäft gekommen und mit der entstandenen Bewegung entstand eine energische Hausse. Während am 30. September zu Ortenberg pro Doppelcentner 6 Mk., zu Stockheim Mk. 6,75, zu Effolderbach 7 Mk., zu Düdelsheim 8 Mk. bezahlt wurden, verlangt und erhält man hier 9 Mk. sür das Schüttelobst. In Folge davon wollen die Leute nicht ausbrechen, weil ihnen die Arbeit zu viel ist und sie für das gebrochene nur wenig mehr erhalten. Andere wollen jetzt per Malter 10 und 11 Mk. haben, sie werden sich aber wahrscheinlich sehr irren. Mit dem Obstgeschäste geht es fast gerade so wie mit den Speculationspapieren an der Börse; heute stehen sie hoch, morgen liegen sie 10 pCt. drunten. Es gibt dieses Jahr massenhaftes Obst, exorbitante Preise sind nicht wahrscheinlich — ober „Patsche" kann eS hintennach geben. — Die Maul- und Klauenseuche hat jetzt unser ganzes Dors ergriffen; fast in jeder Straße hängen mehrere Tafeln mit der verhängnißvollen Aufschrift an den Häusern. Ein Glück ist, daß das Nebel nur sehr milde auftritt und keine Opfer fordert. Für Denjenigen, der seine Wintersaatbestellung mit Hornvieh bestellen muß, ist die Seuche sehr hinderlich, weil das Vieh nicht benutzbar ist und das trockene Wetter das Umbrechen der Aeckcr nicht erlaubte; es liegen also zwei Hinderungsgründe vor.
Lauterbach, 2. October. Laut Bekanntmachung Großh. Kreisamts fällt der auf den 13. dü. anberaumte Viehmarkt aus. Der Krämermarkt findet, wie angesetzt, an diesem Tage statt.


